Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 7)

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Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 7) sind der Inhalt des 104. Blogs. Es wird der Umgang mit spontanem Desorientierungsverhalten angeführt.

Vorbemerkung

In Blog 102 und Blog 103 ist aufgezeigt worden, wie zwangsähnliches Desorientierungsverhalten mittels Ermöglichungs-, Eigenwelt- und Verkleinerungsstrategien positiv beeinflusst werden kann. Des Weiteren sind bei diesen Fallbeispielen situationspassende Gegenstände therapeutisch eingesetzt worden, sodass hier auch Elemente des Verdinglichungskonzeptes zur Anwendung gelangten (siehe Blog 46 und Folgende und Blog 100). Hieraus lässt sich u. a. der Schluss ziehen, dass therapeutisch wirksame Interventionen zumindest bei einem Realitätsverlust wie dem zwangsähnlichen Desorientierungsverhalten oft mehrerer Beeinflussungsstrategien zugleich bedürfen.

In diesem Blogelement wird der therapeutische Umgang mit der Krankheitssymptomatik beeinflussbare spontane Desorientierung dargestellt (Blog 8). Auch bei diesem Realitätsverlust treten Unruhe und Furcht auf, so dass die Indikation für eine therapeutische Maßnahme vorliegt, um dieses Leiden möglichst umgehend zu beheben. In diesem Zusammenhang muss zum wiederholten Male darauf hingewiesen werden, dass für Vertreter des Kitwood-Ansatzes Stress, Unruhe und Furcht Alltagsphänomene darstellen, die keiner besonderen therapeutischen Behandlung bedürfen. Für Müller-Hergl gehört „Stress zum Leben“ und auch das Leiden während eines Desorientierungszustandes ist „zumutbar“, also letztlich nicht behandlungsbedürftig (Müller-Hergl 2009) (siehe Blog 45 und Blog 79).

Im Folgenden wird nochmals die Symptomatik beeinflussbare spontane Desorientierung dargestellt und im Anschluss das intuitive Verhalten, das oft die Grundlage für die verschiedenen Beeinflussungsmodalitäten bildet.

Beeinflussbare spontane Desorientierung

In Blog 8 wird gezeigt, dass das Auftreten beeinflussbarer spontaner Desorientierungsphänomene bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium recht häufig zu beobachten ist. Hierbei handelt es sich um eine Verzerrung des raumzeitlichen Gefüges auf der Grundlage episodischer Langzeitgedächtnisinhalte aus der Lebensphase vor Ausbruch der Erkrankung (Altbiografie, siehe Blog 91) wie in folgenden Beispielen gezeigt wird:

Beispiel 1: Eine Demenzkranke irrt auf dem Wohnbereich umher auf der Suche nach den Hühnern, die sie noch füttern müsse.

Beispiel 2: Eine Demenzkranke muss unbedingt nach Hause und damit den Wohnbereich verlassen, da sie für ihre Kinder das Mittagessen kochen müsse.

In beiden Fällen handelt es sich um bedeutsame Aufgaben aus dem Leben der Erkrankten mit einem Verpflichtungscharakter, die es daher unbedingt zu erledigen gilt, andernfalls droht Strafe bzw. es hungern die Kinder. Diese Realitätsverluste besitzen somit ein hohes Belastungs- oder Stresspotential für die Betroffenen.

Ebenfalls in Blog 8 wird die neurowissenschaftliche und zugleich auch neuropathologische Erklärung für diese Symptomatik aufgezeigt. Ursache für diesen Realitätsverlust ist der fehlende Realitätsfilter im Frontallappen der Großhirnrinde (Schnider 2012). Diesem Filter obliegt die Aufgabe, Impulse aus verschiedenen Hirnarealen, bevor sie ins Bewusstsein dringen, hinsichtlich ihrer Realitätsbezogenheit zu bewerten und zu klassifizieren (Erinnerung oder Realität). Bevor nun z. B. ein Impuls aus dem Langzeitgedächtnis ins Bewusstsein gelangt, wird er vom Realitätsfilter überprüft und entweder unterdrückt bzw. als bloße Erinnerung markiert. Geht nun diese Filterfunktion aufgrund des neurodegenerativen Abbauprozesses bei der Alzheimerdemenz verloren, so dringen Erinnerungen ungefiltert ins Bewusstsein und werden für die Realität gehalten. Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium befinden sich somit oft zugleich in zwei Zeitsphären, der Vergangenheit und der Gegenwart, die sie nicht mehr realitätsgerecht zu trennen vermögen. Interessant ist der Sachverhalt, dass auch bei anderen neurologischen Erkrankungen (z. B. Ruptur eines Aneurysmas der Aorta communicans) dieses Krankheitssymptoms einer spontanen zeitlichen Desorientierung beobachtet werden konnte (Schnider 2012: 570). Schnider bezeichnet dieses Symptom „spontane Verhaltenskonfabulation“.

Das intuitive Verhalten im Rahmen der Demenzpflege

In Blog 67 wird auf das intuitive Verhalten der Pflegenden und Betreuenden im Umgang mit Demenzkranken eingegangen. Dass das intuitive Verhalten in der Demenzpflege eine zentrale Bedeutung besitzt, zeigt sich u. a. in folgenden Beispielen verschiedener Umgangs- und Beeinflussungsmodalitäten:

  • Beruhigungsstrategien (Blog 2 und Blog 8)
  • Ablenkungsstrategien des „Mitmachens und Mitgehens“ (Blog 11 und Blog 14)
  • Stadienbezogene Umgangsformen (Blog 16 und Blog 20)
  • Kleinkindähnliche Beruhigungs- und Ablenkungsformen (Blog 18)
  • Löschungsstrategien bei beeinflussbaren Desorientierungsphänomenen (Blog 8)
  • Löschungsstrategien bei wahnhaften Halluzinationen (Blog 9)
  • Strategien zur Pflegeermöglichung (Blog 13)
  • Konzepte zur Vermeidung der Pflegeverweigerung (Blog 35)

Bei diesen Strategien und Umgangsformen vorwiegend der Beruhigung und Ablenkung handelt es sich um universelle Vorgehensweisen, die auch im alltäglichen Leben außerhalb der Demenzpflege überwiegend spontan praktiziert werden. Es sind Kommunikationsformen, die meist der zwischenmenschlichen Stabilisierung und Harmonisierung dienen. Durch diese meist unbewusst eingesetzten Umgangsformen werden die Kontakte und Beziehungen in allen Lebenssituationen vereinfacht und erleichtert. Da diese angeborenen Verhaltensweisen in allen Kulturen und Gesellschaftsformen anzutreffen sind, werden sie als universell bezeichnet.

Folgende universellen Verhaltensmuster des zwischenmenschlichen Umganges kommen bei der Pflege und Betreuung Demenzkranker u. a. zur Anwendung: beruhigen, ablenken, bestärken und bestätigen, Perspektiven geben und Komplimente machen.

Ablenkungs- und Löschungsstrategien

In den bisherigen Blogelementen sind mehr als hundertmal Ablenkung und Beruhigung als Beeinflussungsmodalitäten bei verschiedenen Gegebenheiten (u. a. Krankheitssymptomen und Pflegehandlungen) angeführt worden. Das kann als ein Hinweis interpretiert werden, dass das psychosoziale Gleichgewicht der Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium äußerst zerbrechlich gestaltet ist, gilt es doch, die häufig auftretende Unruhe und Furcht aufzulösen (siehe Blog 91).

In Blog 8 wird aufgezeigt, dass wenn ein spontanes Desorientierungsphänomen, wie z. B. in den obigen Beispielen angeführt, beobachtet wird, die Aufgabe darin besteht, diesen Realitätsverlust möglichst umgehend wieder aufzulösen. Das heißt konkret, den Betroffenen aus dieser belastenden Realitätsverzerrung wieder heraus zu geleiten. Der Wirkmechanismus hierbei ist die „Löschung“ (Begrifflichkeit aus der Verhaltenstherapie bzw. Lernpsychologie). Löschung bedeutet hier konkret, einen negativen Impuls wie das Verlangen, Hühner füttern zu müssen, andernfalls drohe Strafe, durch einen positiven Impuls zu ersetzen und somit zugleich zu löschen. In diesem Beispiel wäre der positive Löschungsimpuls die Aussage einer Pflegenden oder Betreuenden: „Frau Mayer, ich habe die Hühner doch schon gefüttert!“

Bei den Ablenkungs– und zugleich auch Beruhigungsstrategien gilt es jedoch zu beachten, dass die Intensität der Unruhe oder Aufgeregtheit des Desorientierten die Grundlage für die Form des Eingreifens darstellt. Wenn z. B. die Verwirrte sich erst wenige Minuten auf der Suche nach den imaginären Hühnern befindet und somit noch relativ unaufgeregt ist, dann reicht in der Regel eine verbale Lösung wie eben angeführt. Ist sie hingegen vielleicht schon fast eine halbe Stunde auf der Suche und bereits voller Furcht vor der drohenden Strafe des Vaters, dann bedarf es intensiverer Löschungsimpulse, um sie aus dieser verzweifelten Lage zu befreien. Bloße Worte reichen hier nicht mehr. Löschungsimpulse wären z. B. eine Ortsveränderung (in die Küche führen), einen Gegenstand in die Hand drücken (nasse Tasse) und die Betroffene zu bitten, diese Tasse abzutrocknen (Lind 2011: 116). Diese drei neuen Reizgefüge würden in der Regel ausreichen, den negativen Reiz „Furcht vor der drohenden Strafe“ zu verdrängen. Untersuchungen haben ergeben, dass diese intuitiven und spontanen Ablenkungsformen von fast allen Pflegenden und Betreuenden in der Demenzpflege praktiziert werden (James 2011: 187, Lind 2011: 81).

Literatur

  • James, I. A. (2011) Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Müller-Hergl, C. (2009) Stress rechtfertigt keine Lügen. Pflegen: Demenz 4 (11) 30-32
  • Schnider, A. (2012) Konfabulationen und Realitätsfilter. In: Karnath, H.-O. und Thier, P. (Hrsg.) Kognitive Neurowissenschaften, Berlin: Springer (567 – 572)

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

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