Realitätsverlust Halluzinationen und Fehlwahrnehmungen

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Realitätsverluste – Halluzinationen und Fehlwahrnehmungen“ ist der Themenschwerpunkt des zehnten Blogs. Es wird eine Klassifikation der Halluzinationen bei Demenz nebst den entsprechenden Umgangsformen vorgestellt.

Bei Halluzinationen handelt es sich um Eigenproduktionen des Gehirns ohne Mitwirkung von Außenreizen, die von den Sinnesorganen erfasst werden. Halluzinationen treten u. a. bei psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen (u. a. Schizophrenie und Epilepsie), Delir, sensorische Deprivation und Schlafentzug auf. Bei der Alzheimerdemenz werden sie im fortgeschrittenen Stadium verstärkt beobachtet.

Für die Pflege und Betreuung Demenzkranker ist das Ausmaß der Belastung durch Halluzinationen bezüglich eventueller Interventionen von immenser Bedeutung, um Leidenszustände zu beheben bzw. zu vermeiden. Folgende Unterscheidungen lassen sich wie folgt treffen.

Halluzinationen ohne Belastung

Halluzinationen ohne Belastungscharakter erkennt man am Tonfall, wie sie von den Demenzkranken beschrieben werden. Ein Beispiel:

Beispiel: Eine Bewohnerin schaut aus dem Fenster und stellt fest: Es regnet Giraffen (Lind 2011: 208).

Da die Demenzkranke dies im ruhigen und eher beiläufigen Ton erwähnte, reagierte die anwesende Mitarbeiterin entsprechend mit der bloßen Bemerkung „ja, so ist es halt.“ Und damit war das Thema für beide erledigt. Eine weitere Erörterung oder Intervention war hier nicht erforderlich.

Halluzinationen mit leichtem Belastungscharakter

Pflegende und Betreuende berichten von Halluzinationen, die von den Demenzkranken als Beeinträchtigung oder auch schon als leichte Belastung empfunden werden. In diesen Fällen gilt es, die Strategien des „Mitgehens und Mitmachens“ im Sinne der Beseitigung eines negativen Impulses anzuwenden. Die folgenden Beispiele zeigen die Halluzinationen mitsamt den Löschungsstrategien:

Beispiel 1: Eine im Bett liegende Demenzkranke zeigte einer ins Zimmer kommenden Hauswirtschaftsmitarbeiterin die vielen Käfer, die an dem Vorhang entlang krabbeln. Die Mitarbeiterin griff spontan ihren Staubsauger und saugte die „Käfer“ weg (Lind, 2007: 183).

Beispiel 2: Eine Bewohnerin berichtete der Pflegenden, dass kleine fliegende Nonnen über ihrem Bett flögen. Die Mitarbeiterin verscheucht diese Wesen mit Gesten und Aufforderungen, sofort zu verschwinden. Diese Handlung beruhigt die Demenzkranke (Lind 2011: 209).

Ein unmittelbares Eingreifen zwecks Beseitigung der Halluzinationsinhalte ist in diesen Fällen auch aus präventiven Aspekten angezeigt, denn es gilt zu verhindern, dass die Betroffenen sich u. a. auch aufgrund ihrer misslichen Lage, immobil im Bett verharren zu müssen, in ihrem Furchterleben weiter steigern. Es muss darauf verwiesen werden, dass bei allen Gegebenheiten eines beginnenden Unruhe- und Furchtzustandes fast automatisch mit einer weiteren Zuspitzung der Erregung gerechnet werden muss, denn die Betroffenen sind im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr zur Selbstberuhigung in der Lage (siehe 2. Blog).

Stabilisierungshalluzinationen

Pflegende und Betreuende berichten häufig über so genannte positive Halluzinationen oder „Stabilisierungshalluzinationen“ (Arbeitsbegriff) bei Demenzkranken. Wie bereits im 5. Blog angeführt, dienen diese Trugbilder letztlich zur psychischen Stabilisierung der Betroffenen. Die folgenden Beispiele mitsamt den damit verbundenen Interventionen der Pflegenden zeigen diese Symptomatik:

Beispiel 1: Eine Demenzkranke fordert die Pflegende regelmäßig auf, der „Katze“ im Zimmer Milch zu geben. Das wird dann auch getan, indem eine Untertasse mit etwas Milch neben das Bett gestellt wird (Lind 2011: 208).

Beispiel 2: Eine Pflegende darf eine Bewohnerin morgens erst pflegen, wenn das „Huhn“ gefüttert ist. Dem Wunsch entsprechend verstreut die Mitarbeiterin vor dem Pflege immer etwas Hühnerfutter im Zimmer (Lind 2011: 208).

Beispiel 3: Bei der Betreuung muss eine Pflegende darauf achten, wo „Bobby“ sich gerade befindet. Keiner weiß so recht, ob „Bobby“ nun ein Mensch oder ein Tier ist, doch wenn die Pflegenden darauf hingewiesen werden „Da sitzt Bobby!“, dann wird der Stuhl nicht benutzt (Lind 2011: 208).

In diesen Fällen haben sich Demenzkranke ähnlich wie extrem isolierte Kinder unbewusst vertraute Wesen imaginiert, die ihnen das Ertragen des Zustands der Isolierung und auch Vereinsamung allein im Zimmer wohl deutlich erleichtern (Siegler et al. 2016: 251). Diese psychisch stabilisierenden Trugbilder gilt es anzuerkennen, wie es die Pflegenden in den Beispielen durch ihre Handlungen zeigen. Auch hier kommen wieder Strategien des „Mitgehens und Mitmachens“ zum Einsatz. Doch in diesen Fällen wird nicht „gelöscht“ (Beseitigung eines belastenden Reizgefüges), im Gegenteil, hier werden Trugbilder auf Wunsch mit Milch und Hühnerfutter versorgt. Es ist in diesen Beispielen deutlich zu spüren, dass Demenzwelten ihre eigenen Regeln besitzen.

Realitätsverlust Fehlwahrnehmung

Bei Fehlwahrnehmungen mit Belastungscharakter handelt es sich um illusionäre Verkennungen eines Außenreizes, wie folgende Beispiele zeigen:

Beispiel 1: Eine Bewohnerin hielt die Kohlroulade auf dem Teller ihrer Mittagsmahlzeit für den Kopf eines toten Kindes und war entsprechend entsetzt hierüber (Lind 2011: 211).

Beispiel 2: Ein Garderobenständer im Flur wurde für eine fremde und bedrohliche Person gehalten und verunsicherte eine Bewohnerin (Lind 2011: 212).

In beiden Fällen war die sofortige Entfernung der Belastungsimpulse aus dem Gesichtsfeld gemäß der Erkenntnis „aus den Augen, aus dem Sinn“ das wirksame Entlastungsmoment. Erklärt werden können die Fehlwahrnehmungen mit der neurodegenerativ verursachten Unterscheidungsunfähigkeit (siehe 1. Blog).

Es bedarf des Hinweises, dass auch Fehlwahrnehmungen ohne Belastungscharakter beobachtet werden. So wurde z. B. von einer Demenzkranken berichtet, die sich ganz entspannt mit ihrem Waschlappen unterhielt. Da keine Belastungssymptomatik vorlag, wurde hier nicht interveniert.

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

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