Agnosie, Unterscheidungsunfähigkeit & fehlende Krankheitseinsicht

Geschätzte Lesedauer: 3 Minuten

Wahrnehmungsstörungen wie Agnosie, Unterscheidungsunfähigkeit (Übergeneralisierung) und fehlende Krankheitseinsicht sind für Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium ein gravierendes Problem in der Erfassung und Bewältigung ihrer Lebenswelt. Im ersten Blogelement werden diese Krankheitssymptome neurowissenschaftlich erklärt. Empfehlungen für den Umgang mit diesen Verhaltensweisen werden anschließend gegeben.

Ziel und Aufgabe des Blogs Demenzpflege

Der Blog Demenzpflege dient dem Zweck,  im Bereich der Pflege und Betreuung Demenzkranker weitere Erfahrungen und Wissensstände auf der Grundlage neurowissenschaftlicher Erkenntnisse zu ermitteln und zu strukturieren. Es ist beabsichtigt, durch den Blog einen  Austausch an praktischen Erfahrungen anzuregen. Die Publikation „Fortbildungsprogramm Demenzpflege“ (Verlag Hans Huber, Bern 2011) dient hierbei neben dem Stand der Forschung der einschlägigen Wissenschaften als ein Orientierungsrahmen.

Wahrnehmungsstörungen

Wahrnehmungsstörungen sind ein wesentlicher Faktor für das Zerbrechen der Person-Umwelt-Passung bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium, wie im Folgenden ausgeführt wird.

Beispiel: Eine demenzkranke Bewohnerin sitzt am gedeckten Esstisch. Sie greift nach der Gabel, schaut sie sich verwundert an und beginnt nach kurzem Zögern,  sich mit der Gabel über den Kopf zu streichen (Lind 2011: Seite 135).

Wie kann dieses Verhalten erklärt werden? Es liegen hier drei  neuropathologisch begründbare Wahrnehmungsstörungen vor, die dieses Fehlverhalten verursachen:

Zuerst liegt hier eine visuelle  Agnosie vor. Die Demenzkranke sieht zwar die Gabel, erkennt aber nicht mehr die Funktion dieses Gegenstandes. Es besteht somit eine Trennung von der Wahrnehmung und dem Wissen über den Gegenstand. Das Gesehene wird nicht mehr mit dem im Langzeitgedächtnis gespeicherten Wissen über diesen Gegenstand  automatisch verbunden. In den Neurowissenschaften wird dieses Krankheitsphänomen einer Entkoppelung bestimmter Schaltkreise im Hirn als Diskonnektion bezeichnet. Die Ursache hierfür liegt bei Demenzerkrankungen in neurodegenerativen Abbauprozessen in bestimmten Hirnarealen.

Das folgende Verhalten, mit der Gabel über den Kopf zu streichen, kann mit der Unterscheidungsunfähigkeit in der Wahrnehmung erklärt werden. Diese Wahrnehmungsstörung kann mit der Neurodegeneration gemäß der Retrogenese (krankhafte Rückentwicklung entgegen der Hirnreifung) erklärt werden. Demenzkranke sind somit im fortgeschrittenen Stadium  auf dem geistigen Erfassungsniveau eines Kleinkindes (Reisberg 1999). Sie neigen dann auch wie Kleinkinder zu Übergeneralisierungen gemäß dem Prinzip der Ähnlichkeit. Da die Gabel einem Kamm ähnelt, wird sie somit als Kamm wahrgenommen und entsprechend verwendet (Siegler 2016: 218).

Die dritte krankheitsbedingte Wahrnehmungsstörung in diesem Beispiel besteht aus der fehlenden Krankheitseinsicht (Anosognosie), einer Störung der Selbstwahrnehmung. Die Demenzkranke weiß nicht um ihre geistige Gebrechlichkeit mit den damit verbundenen Störungen, denn andernfalls hätte sie beim unsicheren Betrachten der Gabel z. B. eine Mitarbeiterin nach der  Bedeutung dieses Gegenstandes gefragt. Die fehlende Krankheitseinsicht ist ein Symptom  vieler neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen (Schröder 2006, Lind 2011: 171).   

Konsequenzen für die Praxis

Bezogen auf den konkreten Umgang mit Demenzkranken lassen sich u. a. folgende Empfehlungen hinsichtlich dieser Wahrnehmungsstörungen geben:

Im Falle einer visuellen Agnosie wird geraten, zwecks Vermeidung der vielleicht belastenden Wahrnehmungsstörung  das noch recht intakte Nachahmungsverhalten anzuregen.  So sucht z. B. eine der Demenzkranken gegenübersitzende Mitarbeiterin mit jener Augenkontakt herzustellen und fesselt somit ihre Aufmerksamkeit. Anschließend nimmt sie ihre eigene Gabel und vollführt die erforderlichen Handlungen zur Mahlzeiteneinnahme. Die Demenzkranke beobachtet das Verhalten und ahmt es nach.

Im Falle der Unterscheidungsunfähigkeit gelten folgende Maßnahmen sowohl für den Heimbereich als auch für den Privathaushalt: Milieusicherheit herstellen durch Beseitigung von möglichen Gefahrenquellen und Beaufsichtigung der Betroffenen. Vor allem sollte es dabei um die Beseitigung von giftigen, spitzen und scharfen Gegenständen gehen: Flaschen mit Lösungs- oder Reinigungsmitteln, giftige Zimmerpflanzen, Reinigungstabletten für den Zahnersatz etc. Denn neben der Fehlwahrnehmung aufgrund der Unterscheidungsunfähigkeit neigen Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium ähnlich Kleinkindern dazu, vermehrt Dinge in den Mund zu nehmen, um sie identifizieren zu können (Lind 2011: 97).

Im Falle der fehlenden Krankheitseinsicht sollte man die Demenzkranken in ihrem Glauben an ihre körperliche und seelische Gesundheit mit der damit verbundenen Selbstbestimmung ihres Handelns belassen, da man sie vom Gegenteil keineswegs überzeugen kann. Dieses Vorgehen wird als „fiktive oder Schein-Autonomie“ (Wojnar 2007: 153, Lind 2011: 261) bezeichnet und meist mit Umgangsformen und Strategien der Ablenkung und indirekten Beeinflussung in der Praxis umgesetzt.

Literatur

  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23.
  • Schröder, S. G. (2006) Psychopathologie der Demenz. Symptomatologie und Verlauf dementieller Erkrankungen. Stuttgart: Schattauer.
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.
  • Wojnar, J. (2007) Die Welt der Demenzkranken – Leben im Augenblick. Hannover: Vincentz Verlag.

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Kontaktformular). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

Ein Gedanke zu “Agnosie, Unterscheidungsunfähigkeit & fehlende Krankheitseinsicht”

  1. Hallo Herr Lind,
    zum Thema „Unterscheidungsunfähigkeit“ habe ich folgende Beispiele aus der Praxis:
    Ein Bewohner nahm aus einer Schublade der Wohnbereichsküche ein gezacktes Brotmesser und kämmte sich damit die Haare. Ein anderes Mal öffnete er eine der unteren Schubladen, in der die Saftkrüge standen und urinierte in einen Krug. Von da an wurde die Küche immer abgeschlossen, wenn dort niemand etwas zu tun hatte.
    Das Nichterkennen der Toilette ist im Umgang mit demenzkranken Menschen an der Tagesordnung. Die Bewohner sind auf der Suche nach der Toilette, erkennen sie aber nicht als solche und machen ihr Geschäft in Mülleimer, in den Korb des Rollators, in die Badewanne oder sogar in eine Kiste mit Mineralwasserflaschen. Bei plötzlicher Unruhe oder suchendem Laufen eines Bewohners sollte man immer als erste Maßnahme einen Toilettengang mit ihm machen. Oft wird das Problem damit behoben.

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