Die Demenzverkindlichung (7)

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Die Demenzverkindlichung (7) ist der Inhalt des 133. Blogs. Es werden Betreuungsstrategien im Rahmen kleinkindähnlicher Verhaltensweisen erläutert.

Nachtrag zu Blog 132

In Blog 132 sind unter dem Aspekt der Gewährleistung der körperlichen Unversehrtheit die Faktoren Milieusicherheit und die Handlungsverpflichtung ständige Beobachtung angeführt worden. Nur so lässt sich die Aufsichts- und Fürsorgepflicht angemessen gewährleisten. Hier zeigt sich deutlich die Krankheitssymptomatik Demenzverkindlichung, denn auch kleine Kinder werden aufgrund des hohen Selbstgefährdungsgrades ständig behütet.

Die Selbstgefährdung Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium zeigt sich u. a. auch in Unfähigkeit zur Regulierung der physikalischen Außenreize (u. a. Temperatur, Lichtbedingungen und akustische Überstimulierung durch Medien). Die Demenzverkindlichung drückt sich bei diesen Gegebenheiten in einer auf Außenimpulse bezogene Reizregulierungsunfähigkeit aus. Demenzkranke können zum Beispiel nicht mehr im Winter bei Außentemperaturen unter dem Gefriergrad das offene Fenster schließen. Hier würde eine massive Unterkühlung drohen. Oder sie sind nicht in der Lage, in einem dunklen Raum den Lichtschalter zu betätigen, was wiederum die Stolper- oder Sturzgefahr erhöhen würde. Und sie wären unfähig, bei zu lauter Tonbeschallung durch Radio oder Fernsehen die Geräte auszuschalten. Diese Beispiele zeigen, dass in diesen Fällen eine Schutzbedürftigkeit vorliegt, die die Anwesenheit von Mitarbeitern im Nahbereich erforderlich macht (Lind 2011: 134).

Vormerkung

In Blog 132 wird gezeigt, wie gefährlich die Umwelt für Demenzkranke sein kann. Um Gefahren für Leib und Leben zu vermeiden, gilt es verschiedene Faktoren einzuführen, um ein Mindestmaß an Milieusicherheit zu gewährleisten. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass im schweren Stadium Demenzkranke die Umweltgegebenheiten wie kleine Kinder wahrnehmen und verarbeiten. Sie sind also schnell unruhig und verängstigt und zeigen entsprechende Stress- und Überforderungssymptome. Diese emotionalen Empfindungen beziehen sich auf das psychosoziale Gleichgewicht und beeinträchtigen damit die seelische Unversehrtheit, denn Stress und Furcht kann von den Betroffenen aufgrund des hirnorganischen Abbauprozesses nicht selbst reguliert und vermindert werden (siehe Blog 8). In diesem Blog werden nun einige Faktoren angeführt, die der Stärkung des seelischen Gleichgewichts dienen.

Schutz- und zugleich Betreuungsbedürftigkeit (seelische Unversehrtheit)

Die Demenzverkindlichung zeigt sich u. a. im Wahrnehmen und im Verhalten auf äußere Reizimpulse, die oft nicht situationsangemessen sind und daher einen ständigen Betreuungsbedarf erforderlich machen. Zur Verdeutlichung soll an dieser Stelle nochmals das Spektrum an kleinkindähnlichem Verhalten aufgezeigt werden (siehe Blog 35, Blog 60 und Blog 72).

Verhaltensweisen der Demenzverkindlichung

Dass Demenzkranke im schweren Stadium (Reisbergskalen Stadium 6) sich auf das Entwicklungsstadium eines 2 bis 4jährigen Kindes befinden (Reisberg et al. 1999) zeigen die folgenden Verhaltensweisen:

  • Tätlichkeiten wie Schlagen oder Schubsen, teils ohne Anlass (Camp 2015: 66, Rühl 2012: 23)
  • Schimpfen und Bedrohungen (Rühl 2012)
  • Mitbewohnern Gegenstände wegnehmen (Röse 2017: 287)
  • Gegenstände teils in Wut auf den Boden werfen oder vom Tisch fegen (Camp 2015: 78ff, Stoffers 2016: 208)
  • Gewaltausbrüche ohne Anlass (Stoffers 2016: 207)
  • Reflexartiges Nachahmungsverhalten (u. a. Aufstehen, Wandern und Schreien)
  • Revierkonflikte um Sitzplätze und Bewohnerzimmer mit Schimpfereien und Handgreiflichkeiten (persönliche Mitteilungen)
  • Mitbewohner anzuherrschen, sich hinzusetzen und ruhig zu sein (Baker 2016)
  • Puppen und Kuscheltiere hegen und pflegen
  • Trotzverhalten wie Zunge herausstrecken und ähnliches

In Blog 72 wird gezeigt, dass Demenzkranken neben den hier angeführten Verhaltensweisen der Verkindlichung oft auch prosoziales Verhalten zeigen. Sie helfen sich z. B. beim Brötchen schmieren, die Jacke oder Schuhe anziehen; sie weisen sich Plätze zu und schenken sich bei Tisch ein; sie machen auch vieles gemeinsam wie Herumwandern oder am Tisch sitzen. Sie trösten sich und sprechen sich gegenseitig Mut zu (Röse 2017: 271ff). Und sie führen ihre „Demenzgespräche“ (Lind 2007: 172f, Röse 2017: 253).

Betreuungsbedarf

Die Demenzverkindlichung zeigt sich u. a. auch in der mangelnden Selbstorganisation. Das heißt konkret, dass die Demenzkranken ihren Tagesablauf nicht mehr selbst planen, organisieren und angemessen gestalten können, denn die dazu erforderlichen kognitiven Kompetenzen (u. a. Exekutivfunktionen) sind bedingt durch den Abbauprozess nicht mehr im ausreichenden Umfang vorhanden. Somit wird dann die Tagesstrukturierung neben der Körperpflege eine Notwendigkeit, um seelisches Leid zu mindern. Es bedarf diesbezüglich des Hinweises, dass ein recht begrenzter Anteil der Demenzkranken im schweren Stadium noch die Fähigkeit zur Eigenbeschäftigung besitzt.

Auf die Bedeutung und auch die Notwendigkeit der Tagesstrukturierung wird im nächsten Blog eingegangen werden. Im Folgenden wird auf Beeinflussungs- und Regulierungsvorgehensweisen eingegangen, die oft praktiziert werden, wenn das soziale Milieu regelrecht aus den Fugen gerät.

Spontan- und Beruhigungsgruppen

In Blog 60 wird gezeigt, dass in den Heimen oft Spontan- und damit zugleich Beruhigungsgruppen gebildet werden. Bei diesen ungeplanten Stimulierungen handelt es sich meist um Reaktionen der Pflegenden und Betreuenden auf kollektive Unruhezustände der demenzkranken Bewohner, die meist in den Zeiten ohne strukturierte Betreuungsangebote, also oft in Phasen zwischen Pflegehandlungen und Mahlzeiten, entstehen. Pflegende und auch Betreuende reagieren spontan und intuitiv auf dieses Stressverhalten, indem sie mit den Betroffenen beruhigende und gemeinschaftsbildende Maßnahmen durchführen (Lind 2011: 50):

Singen

Pflegende berichten, dass sie bei zunehmender Unruhe mehrerer Bewohner gemeinsam ein Lied anstimmen. Durch die vertrauten Stimmen der Pflegenden und das bekannte Lied mit einem biografischen Hintergrund (Volkslied) kehrt Ruhe bei den Bewohnern ein. Sie werden ruhiger und lauschten dem Gesang.

Stuhlkreis

Auf eine sich steigernde Unruhe einiger Bewohner reagieren die anwesenden Mitarbeiter spontan mit der Bildung eines Stuhlkreises. Den unruhigen Bewohnern wird hierbei etwas vorgelesen (Märchen oder ähnliches) oder etwas Vertrautes erzählt. Oder es wird dabei auch gemeinsam gesungen (Lind 2011: 148).

Kaffeerunde

Ähnlich wie bei dem Stuhlkreis werden bei beginnender Unruhe oder entstehenden Streitereien die Demenzkranken gebeten, sich gemeinsam an den Tisch zu setzen, um Kaffee zu trinken (Röse 2017: 308).

Ablenkungsimpuls

Manchmal bedarf es auch keiner Gruppenbildung der unruhigen Bewohner. Es reicht dann ein Reizelement wie z. B. Geld, das auch bei Demenzkranken noch einen Stellenwert besitzt. So wirft zum Beispiel bei Konflikten unter den Bewohnern ein Mitarbeiter deutlich sichtbar einige Münzen auf den Boden, die er immer in der Hosentasche bei sich trägt. Sofort ist Streit und Zank vergessen, indem die Demenzkranken die Aufmerksamkeit ganz auf die Geldstücke am Boden lenken (persönliche Mitteilung) (siehe Blog 106).

Die hier angeführten Fallbeispiele zeigen, wie durch recht einfache Gruppenprozesse das soziale Milieu zugleich reguliert und stabilisiert werden kann. Zum Abschluss nochmals der Hinweis, dass Ablenken und Beruhigen in Gestalt von Spontan- und Beruhigungsgruppen angeborene und damit intuitive Verhaltensmuster sind, die nicht nur bei Demenzkranken sondern ebenso häufig auch bei Kleinkindern angewendet werden (Siegler et al. 2016: 366). So besteht auch hier wiederum die Parallele zum Umgang mit kleinen Kindern auf der Grundlage einer Demenzverkindlichung.

Literatur

  • Baker, C. (2016) Exzellente Pflege von Menschen mit Demenz entwickeln. Bern: Hogrefe
  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23
  • Röse, K. M. (2017) Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe
  • Rühl, M. (2012) Ich muss in die Schule! Geschichten aus der Welt der Demenz. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer
  • Stoffers, T. (2016) Demenz erleben: Innen- und Außensichten einer vielschichtigen Erkrankung. Wiesbaden: Verlag Springer

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