Infantilisierung

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Pflegeverweigerung beim Trotzverhalten ist der Inhalt des 35. Blogs. Es werden praktikable Umgangsformen aufgezeigt.

Der neurodegenerative Abbau bei verschiedenen Demenzarten ist mit einem krankhaften Rückentwicklungsprozess des Hirngewebes verbunden. Es bedarf an dieser Stelle des Hinweises, dass das Hirn des Menschen durchschnittlich ca. 20 – 22 Jahre benötigt, bis es voll entwickelt ist. Diese neurophysiologische Entwicklung kann man sich als einen Verfettungs- und Onlineschaltungsprozess vorstellen. So sind bei der Geburt bereits fast alle Nervenzellen vorhanden, doch es sind nur die primären sensorischen und motorischen Hirnareale funktionsfähig, da sie bereits im pränatalen Zustand ausgereift sind. Hirnreifung bedeutet, dass die Nervenfasern nun Schritt für Schritt mit einer Fettschicht (Myelin) als Isolationsschicht ummantelt werden, die eine schnelle Weiterleitung der Aktionspotentiale im zentralen Nervensystem im Sinne einer Onlineschaltung erlaubt (Spitzer 2010: 103ff).

Im schweren Stadium der Demenz (Reisbergskalen Stadium 6) sind die Erkrankten pflegebedürftig, da sie körperlich und geistig krankhaft auf das Entwicklungsstadium eines 2 bis 4jährigen Kindes rückentwickelt sind (Reisberg et al. 1999). Auch in der geistigen und emotionalen Erfassung und Verarbeitung der Reizgefüge sind sie nun verkindlicht oder infantilisiert. Deutlich zeigt sich ihre Verkindlichung in ihrem Verhalten: wenn Demenzkranke z. B. die Zunge herausstrecken, jemand ungeniert anstarren, mit ihrem Kot spielen, Essen auf den Boden werfen, die Puppen hegen und pflegen und vieles mehr (Camp 2015: 78ff, Sachweh 2008: 97, Stoffers 2016: 208).

In diesem Stadium der Erkrankung ist es oft nicht leicht, mit den Betroffenen einvernehmlich und kooperativ umzugehen. Besonders belastend hierbei ist u. a. der Sachverhalt, dass die Demenzkranken nun nicht mehr in der Lage sind, sich geistig in die Position ihres Gegenübers hinein zu versetzen. Ähnlich wie Kleinkinder neigen sie zu einer egozentrischen Welterfassung. Das bedeutet, sie können alles Geschehen ihrer unmittelbaren Umwelt nur noch aus ihrer eigenen Sicht wahrnehmen und bewerten. Wut und Sturheit im Verhalten und Umgang sind dann die Auswirkungen. Im Folgenden wird nun dieser Egozentrismus anhand des Trotzverhaltens Demenzkranker im Zusammenhang mit der Pflege als ein Problemfeld der Pflegeverweigerung bzw. Pflegeerschwernis einschließlich der praktikablen Umgangsformen eingehend beschrieben.

Trotzverhalten

Im Alter von ungefähr zwei Jahren entwickeln Kinder allmählich ein Selbstbewusstsein, das sich u. a. auch in einem Trotzverhalten äußert. Sie haben nun ihren eigenen Willen und wollen oft in einer Auseinandersetzung mit ihren Eltern erproben, wie weit sie gehen können (Siegler et al. 2016: 410). Es sind oft echte Machtspiele, die dann ausgeführt werden. Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium verhalten sich oft ähnlich, wie folgende Beispiele zeigen:

Beispiel 1: Eine Bewohnerin verweigerte die Pflege und wurde dabei unverschämt „Wer sind denn Sie schon“ – Die Antwort der Pflegenden „Ich war Tierärztin und habe besonders Zicken behandelt.“ Die Reaktion zeigte dergestalt Wirkung, dass die Bewohnerin sich seitdem brav und folgsam verhielt und keine unflätigen Bemerkungen mehr machte (persönliche Mitteilung).

Beispiel 2: Auch hier wurde die Pflege mit herabwürdigenden Bemerkungen über den Status der Pflegenden brüsk im Stil einer Gutsherrin verweigert. Die Pflegende veränderte daraufhin ihr Äußeres, indem sie am folgenden Tag mit einer Kopfbedeckung ähnlich einem Turban ans Bett der Bewohnerin herantrat. Die Demenzkranke war von dem neuen Kopfschmuck dermaßen beeindruckt, dass sie keine frechen Widerworte mehr gab und sich bereitwillig pflegen ließ (persönliche Mitteilung).

Diese Beispiele verdeutlichen, dass Pflegende mit Trotz und Bockigkeit recht gut umzugehen wissen. Wichtig ist vor allen, dass sie ruhig und gelassen auf dieses Verhalten reagieren. Folgende Umgangsformen haben sich u. a. bei der Pflegeverweigerung (Lind 2011: 173) bewährt:

  • Rückzug in der Form, dass man den Demenzkranken mitteilt, dass ihr Wunsch respektiert wird und man später noch einmal vorbei käme (Lind 2007: 142).
  • Ein sicheres und keinen Widerspruch duldendes Auftreten im Sinne eines Dominanzverhaltens zeigt den Betroffenen deutlich ihre Grenzen. Durch einen freundlichen, aber zugleich bestimmenden Tonfall wird Entschlossenheit und Respekt signalisiert (Sachweh 2008: 173).
  • Auch Genussmittel wie Schokolade, Kekse oder Kaffee als Belohnung werden hierbei als Lockmittel verwendet, um die Betroffenen umzustimmen.
  • Komplimente und freundliches Überreden wirken oft auch, sich zur Pflege bereit zu erklären.
  • Bewusstes Nachahmen des trotzigen Verhaltens durch die Pflegenden: Pflegende blaffen dann im selben Stil zurück und erreichen bei den Demenzkranken ein Innehalten, das ihnen die Unangemessenheit ihres Verhaltens vor Augen führt.
  • Verweis auf eine nicht anwesende Respektsperson: Wenn Demenzkranke sich den Aufforderungen trotzig widersetzen, dann hilft oft ein Verweis auf eine nicht anwesende Respektsperson. Aussagen wie „Das sag ich Papa!“ (Sachweh 2008: 223) oder „Ich ruf den Arzt an!“ (Bowlby Sifton 2007: 256) sind Belege hierfür (siehe Blog 30).

Konsequenzen für die Praxis

Die hier angeführten Umgangsformen bei der Problemlösung einer Pflegeverweigerung angesichts eines Trotzverhaltens sind im Wesentlichen Ablenkungs-, Beruhigungs- und Bestärkungsstrategien, die auch bei Kleinkindern angewendet werden. Probleme mit einem krankhaften Infantilisierungsverhalten werden also sehr wirksam mittels eines stadienbezogenen Anpassungsverhaltens in Gestalt von Beeinflussungs- und Lenkungsformen gelöst. Dies geschieht meist spontan und intuitiv gemäß den entsprechenden Verhaltensdispositionen (siehe Blog 20).

Der Sachverhalt, dem Infantilisierungsverhalten der Demenzkranken mit stadienbezogenen Umgangsformen zu begegnen, wird in Fachkreisen gegenwärtig noch teils kritisch und auch ablehnend eingeschätzt. Einerseits werden die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse über den Krankheitsverlauf in Gestalt eines krankhaften Rückentwicklungsprozesses („Retrogenese“) überwiegend akzeptiert, andererseits wird aber zugleich festgestellt, dass Demenzkranke trotz der neurophysiologischen bzw. neuropathologischen Parallelität keine kleinen Kinder sind. Und dementsprechend dürfen sie auch nicht wie kleine Kinder behandelt werden. Aufgrund dieser Sichtweise werden dann auch tröstende Umarmungen und Kuscheln, die Ammensprache (so genannter „Babytalk“) einschließlich Duzen, die Verwendung von Puppen und vieles mehr strikt abgelehnt.

Bezüglich der Verwendung von stadienbezogenen und damit zugleich auch mütterlichen Umgangsformen bedarf es des Hinweises, dass sie in der Regel nur gezielt zur Minderung der Belastung, Furcht und Unruhe sowohl bei der Pflege als auch in der Betreuung praktiziert werden. Dieser Umstand konnte in Verhaltensbeobachtungen belegt werden (Röse 2000: 306ff, Sachweh 2000). Diese Zuwendungsformen werden also nur angewendet, wenn ein Bedarf nach Schutz, Geborgenheit und Nähe bei den Demenzkranken im Verhalten, in der Mimik und in den Worten gespürt wird.

Wie bereits in Blog 20 angeführt, handelt es sich bei den stadienbezogenen Umgangsformen um psychosoziale Kompensationsformen entsprechend der Bedürfnisstruktur Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium. Wer hilflosen und unterstützungsbedürftigen Menschen diese Zuwendung aus letztlich normativ-ideologischen Gründen bewusst verweigert, verstößt damit gegen ein Grundprinzip der Pflege, das Leiden zu lindern.

Literatur

  • Bowlby Sifton, C. (2007) Das Demenz-Buch. Bern: Verlag Hans Huber
  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23.
  • Röse, K. M. (2017 Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe
  • Sachweh, S. (2000) «Schätzle hinsitze!». Kommunikation in der Altenpflege (2., durchgesehene Auflage), Frankfurt am Main: Peter Lang.
  • Sachweh, S. (2008) Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Bern: Verlag Hans Huber.
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.
  • Spitzer, M. (2010) Medizin für die Bildung. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag
  • Stoffers, T. (2016) Demenz erleben: Innen- und Außensichten einer vielschichtigen Erkrankung. Wiesbaden: Verlag Springer

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