Fiktive Sachzwänge

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Ermöglichung der Pflege und Betreuung mittels fiktiver Sachzwänge ist der Inhalt des 30. Blogs. Verschiedene Vorgehensweisen werden anhand konkreter Beispiele angeführt.

Es wird vielleicht viele Gründe für die Pflegeunwilligkeit Demenzkranker geben. In den vorigen Blogelementen sind mehrere Strategien und Wege vorgestellt worden, um trotz verschiedener Widerstände und Probleme zu den erforderlichen und notwendigen Handlungen der Pflege gelangen zu können. Ritualisierung, biografische Orientierung, Ablenkung und Umwidmung sind gängige Praktiken im Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium, die einen relativ hohen Wirksamkeitsgrad aufweisen. In diesem Blogelement werden nun ergänzend Vorgehensweisen vorgestellt, die auch zum Spektrum Pflegeermöglichung gehören. Es handelt sich hierbei vor allem um Beeinflussungsformen im Rahmen der Demenzweltgestaltung, indem den Betroffenen fiktive Sachzwänge für ihre Mitwirkung bei der Pflege und auch bei Betreuungsangeboten suggeriert werden. Die folgenden Beeinflussungsformen sind bereits erfolgreich praktiziert worden:

„Mithilfe“ erbitten

Bei pflegeunwilligen Bewohnern hat sich u. a. bewährt, ihre Bereitschaft zur Hilfe als Einstieg in eine Pflegehandlung zu nutzen, wie folgendes Beispiel zeigt:

Beispiel 1: eine Pflegende täuscht Ungeschicklichkeit bei der eigenen Körperpflege vor und bittet die Demenzkranke um Hilfe. Diese ist tatkräftig dabei mitzuhelfen ohne zu bemerken, dass sie bei ihren Hilfsmaßnahmen selbst gepflegt wird (persönliche Mitteilung).

Durch diese Rollenverkehrung, die Pflegende wird zur Hilflosen und die Hilflose zur Pflegenden, wird nicht nur eine notwendige Pflegehandlung ermöglicht, sondern auch eine Steigerung des Wohlbefindens und des Selbstwertgefühl bei den Demenzkranken erzielt. Ähnliches wurde bereits von Svenja Sachweh beobachtet (Sachweh 2000: 130).

Neue Szenarien

Manchmal bedarf es einer Geschichte oder Inszenierung, um pflegeunwillige Bewohner für die Mitwirkung bei der Pflege zu gewinnen.

Beispiel 2: Einer Demenzkranken, die gern zum Friseur geht, wurde vorgeschlagen, sich vorab noch die Haare waschen zu lassen. Dabei stellte sich doch die Pflegende derart „ungeschickt“ an, dass letztlich die vollständige Pflege das Resultat dieser „Haarwäsche“ war (persönliche Mitteilung).

Dieses Beispiel erinnert an die Strategien „Perspektiven geben“ in Blog 29, jedoch mit dem gravierenden Unterschied, dass es sich hierbei um eine fiktive Perspektive handelt. Diese Perspektiven werden in der Regel von den Betroffenen bereits während des Pflegeprozesses wieder vergessen, da das massive Reizgefüge Pflege zu einer Löschung dieses Impulses führt.

In einem weiteren Beispiel wird spontan eine Geschichte erfunden, um die Pflegeunwilligkeit abzuwenden:

Beispiel 3: Eine Demenzkranke wollte sich nicht waschen lassen. Daraufhin teilte ihr die Pflegende mit, dass bald aus technischen Gründen das Wasser abgestellt werden müsste und es dann keine Möglichkeit zur morgendlichen Pflege mehr gäbe. Dieses Argument überzeugte die Bewohnerin (Lind 2007: 141).

Auch in diesem Beispiel handelt es sich um eine fiktive Perspektive, jedoch eine negative: der drohende Wasserverlust.

Fiktive Autoritäten

Pflegende erfahren oft im Umgang mit Demenzkranken, dass ihr Wort keinen allzu großen Stellenwert besitzt. Wenn sie z. B. etwas Notwendiges anordnen, wird ihnen oft nicht Folge geleistet, denn Demenzkranke im schweren Stadium verhalten sich oft wie trotzige und bockige Kleinkinder, die sich den Müttern widersetzen (Siegler et al. 2016: 410). In solchen Fällen greifen die Pflegenden dann auf fiktive Autoritäten zurück.

Beispiele 4: Demenzkranken wurde mittels fiktiver Rezepte die Einnahme der Mahlzeiten und die Teilnahme an den Beschäftigungsangeboten „verordnet“ (Camp 2015: 88f). Auch der Hinweis bei ungebührlichem Verhalten „Das sag ich Papa!“ zeigt bei den Betroffenen Wirkung (Sachweh 2008: 223).

Autoritäten nicht nur für Demenzkranke sind meist Ärzte, Pfarrer, ehemalige Vorgesetzte und vor allem auch der Vater. Vor denen hat man Respekt und deren Wort hat somit Geltung. Verstärken kann man das Konzept der fiktiven Autorität noch durch die zusätzliche Verwendung entsprechender fiktiver schriftlicher Anordnungen („Rezepte“, „Arztbriefe“ etc.). Hier gilt das Verdinglichungskonzept der Demenzpflege, das besagt, dass im fortgeschrittenen Stadium Botschaften auf bloßer verbaler Ebene eine äußerst geringe Wirkung zeigen. Sie werden aufgrund der massiven Kurzzeitgedächtnisstörungen schnell wieder vergessen. Bildlich kann man sich das Kurzzeitgedächtnis dann als ein Fass ohne Boden vorstellen. Werden hingegen Botschaften zusätzlich mit dinglichen Elementen (Schriftstücke wie ein „Rezept“ etc.) versehen, dann bleiben sie länger im Bewusstsein haften. Diese Reizgefüge bleiben als Sinneseindrücke länger präsent, denn man kann sie ständig sehen, anfassen, mitsichtragen etc. (siehe hierzu auch Blog 11 mit Beispielen wie „Testamente“, „Schuldscheine“ etc.).

„Stuhlkontrolle und Zimmerinspektion“

Häufig wird von Pflegenden und auch Betreuenden berichtet, dass Demenzkranke manchmal auch aus Bequemlichkeit Aufforderungen nicht nachkommen. Wenn z. B. eine Bewohnerin in ihrem Zimmer zu einem Gruppenangebot im Gemeinschaftsbereich eingeladen wird, zu dem man sie auch hinbegleiten würde, wird sie sich vielleicht oft bedanken und versprechen bald zu kommen. Doch das Aufstehen aus dem Stuhl ist für sie derart beschwerlich, dass sie das Vorhaben schnell wieder vergisst. Auf der anderen Seite wäre es für die Betroffene besser, nicht allein in ihrem Zimmer zu bleiben, da sie dort leicht in ihre Eigenwelten mit negativen psychischen Auswirkungen gerät (u. a. drohende Realitätsverluste – siehe Blog 8). Die zentrale Aufgabe besteht nun darin, die Bewohnerin zum sofortigen Aufstehen zu bewegen. Um dies zu erreichen, haben Mitarbeiter sich diesbezüglich u. a. fiktive Sachzwänge ausgedacht:

Beispiele 5: Die Demenzkranke wird gebeten aufzustehen, da der Hausmeister heute eine Überprüfung der Stühle im Wohnbereich vorzunehmen hat und den Stuhl gleich abholen wird. Die Bewohnerin könnte derweil an einem Singekreis teilnehmen. Oder: Die Bewohnerin müsse kurze Zeit ihr Zimmer verlassen, da eine Inspektion anstünde. Man würde sie in der Zwischenzeit zu einem geselligen Kreis begleiten (persönliche Mitteilungen).

Alternativ zu dieser Strategie fiktiver Sachzwänge haben sich auch andere Vorgehensweisen bei der Anregung zum Aufstehen bewährt. Zum Beispiel, indem man gemeinsam nach dem Lieblingskleid im Kleiderschrank schauen möchte, ob es eventuell schon aus der Reinigung zurück ist. Weitere Impulse: Kitzeln, die Hand reichen, gemeinsam singen oder schunkeln, etwas verführerisch ins Ohr flüstern oder mit einem Naschzeug locken. All dieses kann eventuell die Bewohnerin dazu anregen aufzustehen. Siehe auch für diesen Fall der Überwindung der Bequemlichkeit Blog 29 („Jensi kommt“).

Probleme für die Praxis

Diese Vorgehensweisen der Pflegeermöglichung werden weltweit in der Demenzpflege praktiziert. Es handelt sich somit um universelle angeborene Verhaltensmuster ähnlich dem Umgang mit Kleinkindern. Trotz ihrer Wirksamkeit werden diese Umgangsformen von Vertretern einer „personenzentrierten Pflege“ u. a. als Elemente einer so genannten „malignen, bösartigen Sozialpsychologie“ strikt als „Betrug“ abgelehnt (Kitwood 2000: 75). Bei den Konzepten der „personenzentrierten Pflege“ (u. a. das Kitwood-Konzept, Validation und Mäeutik) handelt es sich überwiegend um Modellvorstellungen aus dem Umfeld der so genannten „humanistischen Psychologie“ (u. a. Rogers und Erikson), die sich weder mit den Erfahrungen der Demenzpflege noch mit dem Stand der neurowissenschaftlichen Forschung in Einklang bringen lassen.

Es muss leider konstatiert werden, dass diese normativ-ideologische Denkweise gegenwärtig besonders bei leitenden Mitarbeitern in den Heimen teils noch Richtschnur ihres Denkens und Handelns bildet. Derartige Einstellungen widersprechen jedoch dem Prinzip des Internationalen Ethikkodexes der Pflege „das Leiden lindern“ und zugleich auch dem ehernen Prinzip des Gesundheitswesens „Wer heilt hat Recht“ (Hippokrates).

Literatur

  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Kitwood, T. (2000) Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Sachweh, S. (2000) «Schätzle hinsitze!». Kommunikation in der Altenpflege (2., durchgesehene Auflage), Frankfurt am Main: Peter Lang.
  • Sachweh, S. (2008) Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Bern: Verlag Hans Huber.
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.

Schlagworte:  Pflege, Pflegeermöglichung, fiktive Sachzwänge

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