Die Demenzverkindlichung (9)

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Die Demenzverkindlichung (9) ist der Inhalt des 135. Blogs. Es werden u. a. die kleinkindähnlichen Verhaltensweisen Stabilisierungshalluzinationen und positive Umdeutungen erläutert.

Nachtrag zu Blog 134

In Blog 3 und in Blog 65 werden die Grundregel für die stationäre Pflege und Betreuung Demenzkranker erläutert, dass die Einrichtung auf dem Hintergrund der Verallgemeinerungsunfähigkeit die Milieustetigkeit zusätzlich zu der personalen Stetigkeit und der Handlungsstetigkeit (Tagesstrukturierung und Ritualisierung) bei allen Gegebenheiten als Leistungsangebot vorhält. Die Demenzkranken bestimmen aufgrund ihrer Befindlichkeiten (u. a. Tagesform, biografisch geprägte Verhaltensmuster und Gewohnheiten) die jeweiligen Abweichungen in der konkreten Lebensgestaltung.

Vorbemerkungen

Selbststabilisierende Wahrnehmungen und Verhaltensweisen bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium können als Schnittstellen von neurodegenerativen Abbauprozessen in Gestalt von Symptomen der Demenzverkindlichung und Persönlichkeitseigenschaften interpretiert werden (siehe Blog 72, Blog 73 und Blog 74). Die Demenzverkindlichung verweist auf die kindliche Naivität, also die Welt unbelastet, unbeschwert und damit freudig wahrzunehmen. Diese Naivität speist sich größtenteils aus der Emotionalisierung im Erleben der Umwelt.

In den folgenden Abschnitten werden diese Symptome einer Demenzverkindlichung anhand von Fallbeispielen deutlich aufgezeigt. Es gilt hier die Regel, dass wenn der Demenzkranke vergisst, dass er vergisst, dann hat er das schwere Abbaustadium erreicht. Und befindet sich damit zugleich im Stadium der Demenzverkindlichung. Dieses Stadium zeichnet sich im Gegensatz zu den vorhergehenden Stadien durch ein deutlich vermindertes Ausmaß an Depressivität aus (Lind 2007: 60).

Stabilisierungshalluzinationen

In Blog 5 und Blog 98 wird ausgeführt, dass Halluzinationen Wahrnehmungsstörungen sind, die bei Demenzkranken relativ häufig auftreten (Lind 2007: 51). Unterschieden werden können Halluzinationen dabei auch hinsichtlich ihres jeweiligen Belastungsgrades für die Betroffenen. Das Spektrum reicht hier von nicht störend bis hin zu einem starken Belastungsempfinden (Lind 2011: 208 ff). Nicht thematisiert hingegen wurde bisher in der Demenzpflege die Gegebenheit „positiver Halluzinationen“ („Stabilisierungshalluzinationen“). Hierbei halluzinieren Demenzkranke meist Haustiere angesichts der sie überfordernden Gegebenheiten der Umwelt (Lind 2011: 208). Auch hier besteht wieder die Parallele zum Verhalten von Kindern. Bei schätzungsweise ungefähr 10 Prozent der allein ohne Geschwister oder Freunde aufwachsenden Kindern in meist zusätzlich belastenden Familienkonstellationen wird beobachtet, dass sie unbewusst ohne ihr Zutun „imaginäre Spielkameraden“, also Halluzinationen, erfinden oder entwickeln, ohne dabei jedoch Anzeichen einer psychotischen Störung im Sinne einer Erkrankung zu zeigen (Siegler et al. 2016: 251, Kasten 2008: 54).

In Blog 10 sind konkrete Fallbeispiele von Stabilisierungshalluzinationen bei Demenzkranken aufgelistet:

Beispiel 1: Eine Demenzkranke fordert die Pflegende regelmäßig auf, der „Katze“ im Zimmer Milch zu geben. Das wird dann auch getan, indem eine Untertasse mit etwas Milch neben das Bett gestellt wird (Lind 2011: 208).

Beispiel 2: Eine Pflegende darf eine Bewohnerin morgens erst pflegen, wenn das „Huhn“ gefüttert ist. Dem Wunsch entsprechend verstreut die Mitarbeiterin vor dem Pflege immer etwas Hühnerfutter im Zimmer (Lind 2011: 208).

Beispiel 3: Bei der Betreuung muss eine Pflegende darauf achten, wo „Bobby“ sich gerade befindet. Keiner weiß so recht, ob „Bobby“ nun ein Mensch oder ein Tier ist, doch wenn die Pflegenden darauf hingewiesen werden „Da sitzt Bobby!“, dann wird der Stuhl nicht benutzt (Lind 2011: 208).

Gespräche mit Gegenständen

In Blog 58 werden u.a. unter der Rubrik Selbstbeschäftigung demenzspezifische Verhaltensweisen angeführt, die als Selbststabilisierungsphänomene klassifiziert werden können: das Flirten mit einem Waschlappen (Stoffers 2016), das Gespräch mit einer Plastikrose (Röse 2017: 259) oder mit dem Spiegelbild. Auch wurde beobachtet, dass mit einem am Haken hängenden Morgenmantel gesprochen wurde (Becker 1995). Bei diesen Verhaltens- und Wahrnehmungssymptomen besteht wieder die Parallele zur Entwicklungspsychologie dahingehend, dass Kleinkinder im Alter von ca. 18 Monaten ähnliche Verhaltensweisen zeigen, die als „Als-ob-Spiel“ und als „Objektsubstitution“ bezeichnet werden (Siegler et al. 2016: 249).

Positive Umdeutungen

In Blog 58 wird gezeigt, dass unbewusste positive Umdeutungen des räumlichen und sozialen Umfeldes u. a. dazu dienen, eine Vertrautheit mit den Gegebenheiten im Sinne einer unbewussten Selbststabilisierung herzustellen. Der Alltag im Heim mit den Routinen und Personen wird positiv gedeutet, umgangssprachlich kann hier von der „rosa Brille“ gesprochen werden, durch die man das Geschehen betrachtet. Folgende Beispiele belegen diese positive Weltsicht.

Mitbewohner und Mitarbeiter

Zur psychosozialen Stabilisierung der Demenzkranken trägt bei, wenn sie Mitarbeiter in den Heimen zu verwandten oder vertrauten Personen umwidmen – z. B. „Sohn“ oder „Cousine“. Die zu Besuch kommende Tochter wird dann auch zur „Mutti“ erklärt und aus den Mitbewohnern werden jahrzehntelang vertraute Freunde (Röse 2017: 217f). Diese Umdeutungen verweisen auf das starke Bedürfnis und Verlangen der Erkrankten nach Sicherheit und Geborgenheit. Unbewusst produziert im fortgeschrittenen Stadium das Hirn noch die hierfür erforderlichen Wahrnehmungsimpulse, so wird dann der doch relativ anonyme Heimbetrieb in einen erweiterten Familienverbund nebst Nachbarschaft umgedeutet bzw. fantasiert (Blog 58).

Der Vollständigkeit halber muss in diesem Zusammenhang darauf verwiesen werden, dass Demenzkranke auch die Wahrnehmungsstörung einer so genannten „negativen Verwechselung“ zeigen. Bei einer „negativen Verwechselung“ werden Mitarbeiter und auch Mitbewohner meist aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit für eine Person aus der Lebensgeschichte der Demenzkranken verbunden mit negativen Erinnerungen gehalten, z. B. eine zänkische Nachbarin, eine unliebsame Kollegin oder eine Geliebte des Ehemanns. Diese Fehlidentifikation verursacht einen massiven emotionalen Stress bei den Betroffenen (Blog 39).

Örtlichkeiten

Ebenfalls wird in Blog 58 gezeigt, dass des Weiteren eine Wohlfühlatmosphäre bei den Demenzkranken entsteht, wenn die räumlichen und sozialen Gegebenheiten, das Milieu, in ihren Wahrnehmungen positiv besetzt werden. So kann dann z. B. das Heimgeschehen als das Treiben auf einem Kreuzfahrtschiff gedeutet werden (Camp 2015: 41). Oder die Bewohner identifizieren das Stationszimmer als ein Café, indem sie Kaffee bestellen und von den Keksen auf dem Tisch naschen (Czerwinski 2005: 22). Oft wird das Heim auch für ein Hotel oder eine Urlaubspension gehalten. Das wird dann immer recht deutlich, wenn die Demenzkranken klagen, dass sie Logis und Verpflegung nicht mehr bezahlen könnten (Röse 2017: 212f). Manchmal stehen sie dann mit gepacktem Koffer im Foyer und möchten „abreisen“.

Literatur

  • Becker, J. (1995) Die Wegwerf-Windel auf der Wäscheleine. Die Handlungslogik dementer alter Menschen verstehen lernen. Darmstadt: afw – Arbeitszentrum Fort- und Fortbildung im Elisabethenstift Darmstadt
  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Czerwinski, A. (Hrsg.) (2005) Demenz. Kissing: Weka Media
  • Kasten, E. (2008)Die irreale Welt in unserem Kopf, München: Ernst Reinhardt Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Röse, K. M. (2017 Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer
  • Stoffers, T. (2016) Demenz erleben: Innen- und Außensichten einer vielschichtigen Erkrankung. Wiesbaden: Verlag Springer

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