Selbststabilisierungsphänomene als Elemente des Vollständigkeitskonzepts

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Selbststabilisierungsphänomene als Elemente des Vollständigkeitskonzepts ist der Inhalt des 58. Blogs. Es werden verschiedene Formen des Verhaltens anhand von Beispielen aufgezeigt.

Vorbemerkungen

Das Vollständigkeitskonzept enthält verschiedene Regulationsstrategien zur Herstellung eines psychosozialen Gleichgewichts zwischen inneren Impulsen in Gestalt von Langzeitgedächtnisinhalten und den Realitätsbezügen. Nur so lässt sich der Leidensdruck der Demenzkranken vermeiden bzw. deutlich vermindern. In den letzten vier Blogs wurde anhand von Fallbeispielen aufgezeigt, mit welchen Umgangs- und Beeinflussungsformen das Verzerrungsverhältnis zwischen Vergangenheitsimpulsen und den Realitätsbezügen u. a. in der Gestaltung von Eigenwelten aufgelöst werden kann. Das typische Handlungsgefüge besteht bei dieser Eigenweltgestaltung aus den Teilelementen Krankheitssymptom und anschließender Regulierung mittels der wirksamen Interventionsstrategien, wie in den Blogs 54, 55, 56, 57 aufgezeigt wurde.

In diesem Blog wird nun eine weitere Dimension des Vollständigkeitskonzepts beschrieben: das Selbststabilisierungsvermögen der Demenzkranken. Hierbei handelt es sich um demenzspezifische Wahrnehmungsformen und Verhaltensweisen, die unbewusst auf die Herstellung der Person-Umwelt-Passung abzielen. Selbststabilisierung kann als das Bedürfnis aufgefasst werden, mit den realen Bezügen des Umfeldes in Einklang zu kommen.

Selbststabilisierungsphänomene

Selbststabilisierungsphänomene zwecks Herstellung eines Empfindens der Vertrautheit mit den Gegebenheiten der äußeren Umwelt vollziehen sich bei Demenzkranken oft selbständig, das heißt ohne äußere Hilfe. Doch viele Verhaltensmuster zur eigenen psychischen Stärkung bedürfen der Begleitung und auch der Unterstützung, wie im Folgenden gezeigt wird.

Stabilisierungshalluzinationen

In Blog 5 und Blog 10 sind Fallbeispiele von Stabilisierungshalluzinationen angeführt worden (Lind 2007: 176, Lind 2011: 208). Der Begriff „Stabilisierungshalluzination“ bzw. „positive Halluzination“ ist vom Blogger (Sven Lind) gebildet worden, um diese Form der Halluzination deutlich von Halluzinationen mit leichtem oder starkem Belastungscharakter zu unterscheiden (siehe Blog 10). In den Beispielen werden z. B. vertraute Haustiere halluziniert, die den Betroffenen das Alleinsein erleichtern. Diese Trugbilder können somit als unbewusste Vollständigkeitsimpulse interpretiert werden, sie machen die Isolierung tagein tagaus allein im Zimmer erträglich. Es kann hier von unbewussten Anpassungsleistungen des Hirns aufgrund der massiven sensorischen und sozialen Deprivation (Reizentzug) ausgegangen werden. Diese Phänomene sind auch bei Einzelkindern beobachtet worden. Hierbei fantasieren sich Kinder meist Spielkameraden zum Reden und Spielen herbei(Kasten 2008: 54, Siegler 2016: 251).

In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass neben den Stabilisierungshalluzinationen auch lebenserhaltende Halluzinationen, regelrechte Überlebenshalluzinationen bei Erwachsenen ohne kognitive Einschränkungen festgestellt wurden (Kasten 2008: 146, Sacks 2013: 79ff).

Selbstbeschäftigung

In den Heimen wird oft beobachtet, dass sich Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium auch ohne Anleitung oder Anregung Dritter selbst beschäftigen. Sie sortieren z. B. ihre Wäschestücke im Zimmer oder schauen aus dem Fenster und beobachten das Geschehen auf der Straße. Oder sie sitzen nur sinnierend in ihrem Sessel. Es werden wiederholt auch Bewohner beobachtet, die nur wandern, jedoch ohne Hektik und Stresssymptome. Hier bestehen teils Parallelen zum Verhalten Hochbetagter ohne demenzielle Erkrankung, die auch ihren Tag überwiegend sitzend und in Gedanken versunken verbringen (Oswald 1996). Es bedarf jedoch des Hinweises, dass diese selbstorganisierten Verhaltensweisen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz krankheitsbedingt relativ selten festzustellen sind. Ergänzend darf hier auch auf den Tatbestand demenzspezifischer Verhaltensweisen mit Selbststabilisierungs- und Vollständigkeitsaspekten verwiesen werden: das Flirten mit einem Waschlappen (Stoffers 2016), das Gespräch mit einer Plastikrose (Röse 2017: 259) oder mit dem Spiegelbild. Auch wurde beobachtet, dass mit einem am Haken hängenden Morgenmantel gesprochen wurde (Becker 1995).

Positive Umdeutungen

Ein weiteres unbewusstes Selbststabilisierungsphänomen Demenzkranker zwecks Herstellung einer Vertrautheit mit dem räumlichen und sozialen Umfeld besteht aus positiven Umdeutungen oder gedanklichen Umwidmungen. Der Alltag im Heim mit den Routinen und Personen wird positiv gedeutet, umgangssprachlich kann hier von der „rosa Brille“ gesprochen werden, durch die man das Geschehen betrachtet. Folgende Beispiele belegen diese positive Weltsicht.

Mitbewohner und Mitarbeiter

Zur psychosozialen Stabilisierung der Demenzkranken trägt dazu bei, wenn sie Mitarbeiter in den Heimen zu verwandten oder vertrauten Personen umwidmen – z. B. „Sohn“ oder „Cousine“. Die zu Besuch kommende Tochter wird dann auch zur „Mutti“ erklärt und aus den Mitbewohnern werden jahrzehntelang vertraute Freunde (Röse 2017: 217f). Diese Umdeutungen verweisen auf das starke Bedürfnis und Verlangen der Erkrankten nach Sicherheit und Geborgenheit. Unbewusst produziert im fortgeschrittenen Stadium das Hirn noch die hierfür erforderlichen Wahrnehmungsimpulse, so wird dann der doch relativ anonyme Heimbetrieb in einen erweiterten Familienverbund nebst Nachbarschaft umgedeutet bzw. fantasiert.

Örtlichkeiten

Eine Wohlfühlatmosphäre entsteht des Weiteren bei den Demenzkranken auch, wenn die räumlichen und sozialen Gegebenheiten, das Milieu, in ihren Wahrnehmungen positiv besetzt werden. So kann dann z. B. das Heimgeschehen als das Treiben auf einem Kreuzfahrtschiff gedeutet werden (Camp 2015: 41). Oder die Bewohner identifizieren das Stationszimmer als ein Café, indem sie Kaffee bestellen und von den Keksen auf dem Tisch naschen (Czerwinski 2005: 22). Oft wird das Heim auch für ein Hotel oder eine Urlaubspension gehalten. Das wird dann immer recht deutlich, wenn die Demenzkranken klagen, dass sie Logis und Verpflegung nicht mehr bezahlen könnten (Röse 2017: 212f). Manchmal stehen sie dann mit gepacktem Koffer im Foyer und möchten „abreisen“.

Literatur

  • Becker, J. (1995) Die Wegwerf-Windel auf der Wäscheleine. Die Handlungslogik dementer alter Menschen verstehen lernen. Darmstadt: afw – Arbeitszentrum Fort- und Fortbildung im Elisabethenstift Darmstadt.
  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Czerwinski, A. (Hrsg.) (2005) Demenz. Kissing: Weka Media.
  • Kasten, E. (2008)Die irreale Welt in unserem Kopf, München: Ernst Reinhardt Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Oswald, F. (1996) Hier bin ich zu Hause. Zur Bedeutung des Wohnens. Regensburg: S. Roderer Verlag
  • Röse, K. M. (2017 Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe
  • Sacks, O. (2013) Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen, Reinbek: Rowohlt Verlag
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.
  • Stoffers, T. (2016) Demenz erleben: Innen- und Außensichten einer vielschichtigen Erkrankung. Wiesbaden: Verlag Springer

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