Konditionierungen als Bestandteile des Vollständigkeitskonzepts

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Konditionierungen als Bestandteile des Vollständigkeitskonzepts ist der Inhalt des 57. Blogs. Anhand von Beispielen werden u. a. die neurowissenschaftliche Zusammenhänge erläutert.

Vorbemerkungen

Die Optimierung der Einbindung Demenzkranker in das soziale Geschehen des näheren Umfeldes wie z. B. in den Wohnbereich im Heim vollzieht sich durch Anpassungs- und Vereinfachungsstrategien in Gestalt von Verstetigung oder Ritualisierung allen interaktiven Geschehens. Durch immer wiederkehrende Handlungen vertrauter Personen lernen die Demenzkranken Schritt für Schritt die Handlungsabläufe und damit den Alltag. Diese Vorgehensweise wird als Konditionierung bezeichnet: die Verinnerlichung äußerer Reizgefüge durch ständige Wiederholungen. Es entsteht somit eine weitere Form von Verhaltensmustern. Sind in Blog 56 die verinnerlichten Verhaltensmuster aus der Zeit vor Ausbruch der Erkrankung beschrieben worden, so stehen nun die Verhaltensmuster aus der Phase der Erkrankung im Zentrum.

Dass diese Konditionierungen eine Notwendigkeit sind, andernfalls droht oft das vorzeitige Ableben aufgrund eines überfordernden Dauerstresses, wie Pflegende immer wieder berichten, wurde bereits in Blog 26 aufgezeigt. Das Ideal eines optimierten Demenzmilieus ist erreicht, wenn in allen Interaktionen bei der Pflege und Betreuung das Prinzip der Vorhersehbarkeit für die Demenzkranken gilt. Wenn also die Betroffenen genau wissen, was als nächstes geschehen wird (siehe Blog 28).

Die Schaffung und Aufrechterhaltung von Verhaltensmustern während der Krankheit fundiert auf zwei neurowissenschaftlichen Wirkmechanismen:

  • Das Leistungsvermögen zum unbewussten Gewohnheitslernen im Rahmen von ständig wiederkehrenden Reizgefügen
  • Die Krankheitssymptomatik Verallgemeinerungsunfähigkeit (Untergeneralisierung) mit der Handlungsleitlinie Verstetigung bzw. Ritualisierung allen Geschehens (Lind 2011: 95f)

Im Zusammenhang mit dem Vollständigkeitskonzept bilden diese geistigen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmodalitäten das Wirkungsfeld und bestimmen die Handlungen und Interaktionen, wie in den folgenden Abschnitten gezeigt wird (Lind 2007: 144ff, Lind 2011: 100ff).

Verhaltensmuster aus der Krankheitsphase

In Blog 26 wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Verallgemeinerungsunfähigkeit als ein Wahrnehmungs- und Verarbeitungsdefizit die Konditionierung aller Reizgefüge nach den Regeln des Gewohnheitslernens erforderlich macht. Es werden hierbei konkrete Handlungsabfolgen nach dem Schema «Wenn – Dann» abgespeichert. Nur so lässt sich ein Empfinden von Vorhersehbarkeit herstellen. Anhand der folgenden Beispiele wird dieser Sachverhalt veranschaulicht.

Auslöseimpulse

In Blog 28 wird aufgezeigt, dass durch unterschiedliche Ritualisierungsformen die Demenzkranken auf die folgenden Pflegehandlungen gedanklich vorbereitet und damit eingestimmt werden. Diese Einleitungsformen erleichtern und ermöglichen oft auch erst den folgenden Pflegeprozess.

Folgende Ritualisierungsformen haben sich als Strategien der Ermöglichung einer Vorhersehbarkeit des Geschehens in der Praxis bewährt:

  • Strikte Ritualisierung der Handlungsschritte vor Beginn des Pflegeprozesses
  • Ritualisierung der verbalen Begrüßung (teils singend oder mit Gesten wie z. B. ein Händedruck)
  • Zusatzrituale wie das Angebot einer Tasse Kaffee vor der Pflege
  • Verwendung vertrauter Gegenstände bei den Pflegehandlungen zur psychischen Stabilisierung (Puppen, vertraute Utensilien u. a.)

Diese Vorgehensweisen bewirken bei den Betroffenen ein Aha-Erlebnis im Sinne der Vorhersehbarkeit, denn sie wissen in der Regel nun, was im Einzelnen folgen wird.

Abschlussimpulse

Den Stellenwert dieses Abschlussritual für die Demenzkranken wird Pflegenden oft erst bewusst, wenn dieser Beendigungsimpuls aus irgendeinem Grund einmal nicht praktiziert wird. In Blog 36 sind Fallbeispiele angeführt, die den Sachverhalt belegen, dass bei dem Ausbleiben dieses Impulses die Demenzkranken völlig aufgelöst und verwirrt sind, denn nun sind ihnen Orientierung und Eingebundenheit in einen Handlungsverlauf verloren gegangen. Diese neue Situation kann von ihnen nicht mehr angemessen bewältigt werden, so dass sie massive Stressphänomene zeigen.

In der Pflege werden in der Regel neben Auslösereize hinsichtlich des Beginns des Pflegeprozesses ebenso auch ritualartig Beendigungs- oder Abschlussreize verwendet, die dem Demenzkranken deutlich das Ende des Geschehens signalisiert. Dies kann z. B. eine Umarmung, ein Kuss oder auch die Überreichung einer begehrten Leckerei wie z. B. ein Stück Schokolade sein. Durch ständige Wiederholungen im Laufe der Zeit wird diese Abschlusshandlung von den Betroffenen verinnerlicht.

Zeitpunkte und Örtlichkeiten

Demenzkranke lernen mit der Zeit nicht nur Beginn und Ende eines Pflegeprozesses, sondern auch den Zeitrahmen und die Örtlichkeiten, in dem dieser Handlungsverlauf stattfindet, zu erkennen. Wenn z. B. ein morgendliches Beschäftigungsangebot stets vormittags um 9:30 Uhr im Gemeinschaftsraum beginnt, dann kann beobachtet werden, dass die noch mobilen Demenzkranken bereits vor Beginn diese Räumlichkeit aufsuchen.

Deutliche Abweichungen von Raum und Zeit bei bestimmten Interaktionen können von den Betroffenen nicht mehr angemessen verarbeitet werden. Dies kann zu einer völligen Verwirrung führen, wenn z. B. wie in Blog 36 angeführt eine Pflegehandlung wie die morgendliche Rasur aufgrund einer Personalminderbesetzung auf den Nachmittag verschoben wird. Der Demenzkranke war desorientiert und damit zeitverwirrt, dass er annahm, es wäre Vormittag. Dementsprechend verlangte er nun ständig sein Frühstück.

Betreuungsangebote

Demenzkranke verinnerlichen nach einer gewissen Zeit auch die Tagesstruktur mit allen dazu gehörenden Reizgefügen (Ort, Zeit, Betreuungsangebote u. a.). Sie sind konditioniert, diese Reizgefüge zu erleben, sie bilden quasi ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Wenn nun ein wesentliches Element dieser Tagesstruktur nicht mehr vorhanden ist, dann sind sie mit dieser Gegebenheit psychophysisch völlig überfordert. Wenn nun aus irgendeinem Grund ein vertrautes Betreuungsanbot ausfällt, ohne dass ein Ersatzangebot offeriert wird, dann zeigen die Demenzkranken u. a. folgende Verhaltensweisen (siehe Blog 24):

  • verstärkte Unruhe, Verunsicherung und an Apathie grenzendes Rückzugsverhalten
  • rastloses Wandern und Verlassen des Wohnbereiches und der Einrichtung
  • Rufen, Klopfen, Sammeltrieb, Stühle schieben u. a.
  • Konflikte unter den Bewohnern
  • negative Auswirkungen auf das Ess- und Trinkverhalten.

Dieses extreme Stressverhalten ist Ausdruck eines massiven Verlustes an vertrauten Strukturen und Impulsen. Die Betroffenen spüren das Fehlen eines verinnerlichten Reizgefüges. Es ist ihnen etwas genommen worden, doch sie können sich den Sachverhalt nicht mehr selbst erklären. Sie können hierbei nur mit belastendem Überstress reagieren.

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber

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