Die Demenzverkindlichung (11)

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Die Demenzverkindlichung (11) ist der Inhalt des 137. Blogs. Es werden u. a. Erschwernisse in der Erfassung des Abbauprozesses bei der Pflege und Betreuung erläutert.

Vorbemerkung

Demenzverkindlichung als Begriff für das Wahrnehmungen, Erleben und Verhalten Demenzkranker im schweren Stadium enthält viele Aspekte und Faktoren, die es bei der Pflege und Betreuung angemessen zu berücksichtigen gilt. Denn es können hierbei vielerlei Fehler gemacht werden, die den Umgang mit den Betroffenen erschweren und manchmal auch fast unmöglich machen. Zur Verdeutlichung werden im Folgenden einige Problemfelder im Rahmen der Demenzverkindlichung angeführt.

Die geistige Entkernungssymptomatik

In Blog 83 werden demenzspezifische Verhaltensweisen beschrieben, die auf den ersten Blick unauffällig und alltäglich erscheinen, bei genauerer Überprüfung hingegen eine krankhafte demenzspezifische Komponente enthalten. Diese Verhaltensweisen können als „geistige Entkernungssymptome“ bezeichnet werden.

Als geistig entkernte Verhaltensmuster werden Handlungsfolgen bezeichnet, die zwar noch vollständig und teilweise auch funktionsfähig sind, die aber von der handelnden Person in ihrer Sinnhaftigkeit und Funktionsfähigkeit nicht mehr geistig erfasst werden können. Hier gilt wahrlich der Bibelspruch „Denn sie wissen nicht, was sie tun“.

Zur Erläuterung kann hier die Unterteilung der Exekutivhandlungen in automatisiertes und in überlegt kontrolliertes Geschehen angeführt werden (Perry et al. 1999). So funktioniert z. B. im frühen Stadium der Demenzerkrankung das routinierte und damit überwiegend automatisierte Eindecken des Tisches noch vollständig, doch das Backen eines Kuchens wird bereits nicht mehr gelingen, denn hierbei sind u. a. Planung, Aufmerksamkeit und Kontrolle erforderlich, also klassische Exekutivfunktionen.

Ein weiteres Beispiel für automatisiertes Handeln ist das Singen eines Liedes mit mehreren Strophen und das Klavierspielen. Es kann noch fast fehlerlos gelingen, doch wenn die Akteure anschließend gefragt werden, was sie gerade gesungen oder gespielt haben, dann sind sie mit diesen Fragen überfordert und können entsprechend auch nicht antworten.

Auch beim Sprechen und Reden werden die geistigen Minderleistungen meist auf den ersten Blick nicht deutlich merkbar, denn auch das Reden lässt sich in automatisiertes und damit konditioniertes Reden und in das reflektierte Reden unterscheiden (Hodges 2006). Bei genauerem Zuhören fällt jedoch deutlich auf, dass neben einer Floskelhaftigkeit zum Beispiel die Inhalte meist ständig wiederholt werden.

Das Fassadierungsverhalten

Des Weiteren wird in Blog 83 auf das Fassadierungsverhalten Demenzkranker eingegangen. Dabei handelt es sich um das Bedürfnis, das Gesicht wahren zu wollen, die Fassade noch intakt zu halten. Das sind angeborene Verhaltensmuster des Menschen. Gilt es doch, als Gruppenmitglied noch weiterhin Anerkennung und Respekt der anderen zu erhalten, obwohl das körperliche und geistige Vermögen bereits krankhaft eingeschränkt ist. Und dieses Bedürfnis, noch als ein vollwertiges Mitglied der Familie, der Verwandtschaft und der Nachbarschaft zu gelten, macht es dem sozialen Umfeld äußerst schwer, die Betroffenen als Erkrankte wahrnehmen zu können.

Dieses Fassadierungsverhalten zeigt sich zum Beispiel, wenn es mit dem Kuchenbacken nicht mehr so recht klappen kann. Die Betroffene wird aller Wahrscheinlichkeit nicht eingestehen, dass sie aufgrund der fehlenden Exekutivfunktionen nicht mehr zum Backen in der Lage ist. Sie wird eher ihrer Tochter erklären, dass Kuchenstücke im Supermarkt jetzt so günstig zu kaufen sind, so dass sich das Backen einfach nicht mehr lohne. Oder wenn eine Demenzkranke nach vielen Jahrzehnten Stricken und Häkeln von heut auf morgen kundtut, dass sie nicht mehr stricken würde, da es doch nun im Kaufhaus ständig äußerst preiswerte Sonderangebote gäbe.

Schwankungen der Tagesform

In Blog 64 wird beschrieben, dass die Tagesform hinsichtlich der Fähigkeiten der Wahrnehmung und damit auch der Alltagsbewältigung bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium stark schwankt. Eine neurophysiologische Erklärung für diese Symptomatik liegt gegenwärtig noch nicht vor. Es wird jedoch angenommen, dass vorrangig Störungen und Defizite des biologischen Rhythmus diese deutlichen Abweichungen im Verhalten verursachen (Benca et al. 2009). So wurde z. B. in einer schwedischen Studie bei Demenzkranken in einem Altenpflegeheim Tagesschwankungen im Bereich der Selbstpflege am Morgen mit einer Bandbreite von 30–100 Prozent ermittelt (Sandman et al. 1986). Pflegende berichten des Weiteren, dass die Tagesform auch unterschiedlich bei den Bewohnern beobachtet werden kann. Folgende Verläufe wurden hierbei registriert: Tagesformen, die konstant den ganzen Tag über anhalten und Tagesformen, die im Laufe des Tages wechseln, wobei hierbei auch Unterschiede in der Häufigkeit des Wechsels der Tagesform wahrgenommen werden.

Folgende Verhaltensweisen und Reaktionen bilden Hinweisen bezüglich der jeweiligen Tagesform bei der morgendlichen Pflege:

  • Die Reaktion des Bewohners auf den Morgengruß der Pflegekraft: Das Reagieren des Demenzkranken auf diesen Gruß ist für viele Pflegende der eindeutigste Hinweis auf die Tagesverfassung.
  • Die Körperhaltung: in welcher Position (liegend, aufrecht sitzend) und in welcher Verfassung (schlaff, gespannt, gelöst).
  • Atmung des Bewohners: ruhig, unregelmäßig, ventilierend.
  • Gesichtsausdruck: erkennend, verwirrt, geistesabwesend (Lind 2007: 92ff, Lind 2011: 167f).

Berührungen zulassen

Die unmittelbare Körperpflege ist für die Demenzkranken eine äußerst belastende Gegebenheit. Demenzkranke neigen in der Pflege dazu, die Pflegenden auf unterschiedliche Art zu berühren:

  • sie streicheln z. B. die Arme der Pflegenden mit begleitenden Kommentaren („eine schöne Haut“)
  • sie kraulen in den Haaren und bei männlichen Pflegenden auch manchmal in den Bärten
  • sie liebkosen ihre Pflegenden bei den Pflegehandlungen und küssen sie manchmal.

Diese Formen aktiver Beteiligung der Demenzkranken an den Interaktionen bei der Pflege zeigen, dass auch die Pflegenden in diesen Situationen bereit sind, Berührungen an ihrem Körper zuzulassen. Gemäß dem Prinzip des „Gebens und Nehmens“ wird der Pflegeprozess als eine zwischenmenschliche Begegnung verstanden, die den Rahmen fester Rollenzuweisungen wie „Pflegende“ und „Pflegling“ übersteigt. Pflegende schildern, dass es ihnen manchmal nicht leicht fällt, Berührungen ihres Körpers zu dulden. Ursache hierfür sind nicht nur hygienische Aspekte, sondern auch persönlichkeitsspezifisches Distanzverhalten (Lind 2011: 83f).

Literatur

  • Benca, R. et al. (2009) Biological rhythms, higher brain function, and behavior: Gaps, opportunities, and challenges. Brain Research Reviews, 62 (1): 57-70
  • Hodges, J.R. (2006)Alzheimer’s centennial legacy: origins, landmarks and the current status
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Perry, R. J. et al. (1999) Attention and executive deficits in Alzheimer’s disease. A critic review. Brain, 122: 383-404
  • Sandman, P. et al. (1986) Morning care of patients with Alzheimer-type dementia. Journal of Advanced Nursing, 11, 4, 369 – 378

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