Verhaltensweisen aufgrund innerer Reizgefüge

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Verhaltensweisen aufgrund innerer Reizgefüge sind die Inhalte des 64. Blogs. Es werden Verhaltensänderungen und Tagesschwankungen erläutert.

Nachtrag und Ergänzung

In Blog 62 und Blog 63 ist aufgezeigt worden, wie stark sich verschiedene Faktoren von Außenreizen auf das Empfinden und Verhalten Demenzkranker auswirken. Die krankheitsbedingte fehlende Umweltkompetenz, die Reizkonfigurationen der unmittelbaren Umwelt selbst zu beeinflussen, führt zu Stressreaktionen. Die Milieusensibilität ist vorhanden, doch es fehlt die Kompetenz zur Regulierung der Belastungsfaktoren. Das Stresserleben drückt sich demgemäß dann in Verhaltensmustern der Plus- bzw. Minussymptomatik aus. In diesem Zusammenhang gilt es, auf ein weiteres krankheitsbedingtes Verhaltensmuster hingewiesen: das stressbezogene Verhaltensdefizit („excess disabilities“, Brody et al. 1971). Konkret bedeutet dies, dass die Verhaltenskompetenz durch belastende Außenreize regelrecht blockiert wird. Es kann auch als eine moderate Schockstarre im Rahmen der Minussymptomatik klassifiziert werden. Ähnlich einem Blackout in einer stressigen Prüfungssituation. In einer Untersuchung des Verhaltens Demenzkranker bei den Mahlzeiten konnte dieses stressbezogene Verhaltensdefizit nachgewiesen werden, denn ca. die Hälfte der Verhaltensdefizite waren nicht dem neuropathologischen Abbau geschuldet, sondern den unangemessenen und damit belastenden Milieufaktoren (Slaughter et al. 2011).

Vorbemerkungen

In den letzten beiden Blogelementen wurde gezeigt, dass belastende Reizgefüge der Umwelt, also Außenreize, zu Stressphänomenen (Plus- und Minussymptomatik) führen. Der Ansatz des Vollständigkeitskonzeptes erfordert in diesem Zusammenhang auch auf die Verhaltensreaktionen hinzuweisen, die durch innere Reizempfindungen hervorgerufen werden. In diesem Blog werden die Reaktionen auf physiologische oder somatische Krankheitssymptome beschrieben.

Verhalten aufgrund innerer Reizempfindungen

Die Fähigkeit zur Wahrnehmung innerer Reizempfindungen ist bei Demenzkranken noch vorhanden, doch das Vermögen zur geistigen Erfassung und Verarbeitung dieser Impulse ist aufgrund des neurodegenerativen Abbauprozesses bereits verloren gegangen. So spüren sie z. B. physiologische Veränderungen des Körpers, sind aber nicht mehr in der Lage, hierauf angemessen zu reagieren. Anstelle einer geistigen Auseinandersetzung mit dieser Gegebenheit treten unbewusste physiologische oder köperbezogene Reaktionen, wie im Folgenden gezeigt wird.

Abweichungen vom Normalverhalten

Demenzkranke zeigen in der Regel ein recht beschränktes Spektrum an Verhaltensweisen und Reaktionen. Die Vorhersehbarkeit einer Reihe von Verhaltenselementen erleichtert die Pflege und den Umgang mit dieser Bewohnergruppe, denn Pflegende und Betreuende können sich somit recht leicht auf die zu erwartenden Handlungen und Reaktionen einstellen. Dieses Wissen um das durchschnittliche Verhaltensrepertoire eines Bewohners wiederum ist wichtig, um Abweichungen des Verhaltens, deren Ursachen meist in psychophysischen Belastungen (Akuterkrankung, Schmerz u. a.) liegen, überhaupt bemerken zu können. Wie bekannt ist, leiden Demenzkranke an der Unfähigkeit zur Verbalisierung ihrer Empfindungen, Eindrücke und Zustände. So können sie sich nicht über Schmerzen, Unwohlsein, Mattigkeit, Fieber, Angst und Hunger ausdrücken. Ihre körperliche und seelische Befindlichkeit drücken sie nun zunehmend nonverbal durch ihr Verhaltens aus: Unruhe, Aggressivität, Flucht, Wandern, Schreien, Klagen. Auch Willensäußerungen und Abneigungen können oft nicht mehr eindeutig verbalisiert werden. Sie werden dementsprechend nonverbal ausgedrückt. Die Verhaltensabweichungen vom durchschnittlichen Normalverhalten Demenzkranker lassen sich wie folgt unterteilen:

  • Plus-Verhalten: Vertraute Verhaltensweisen wie z. B. Wandern oder Klagen treten unvermittelt und unerklärlich verstärkt auf. Der Grad der Agitiertheit bzw. Unruhe nimmt stark zu. Oft sind dann Schmerzen aufgrund von Harnwegsinfekten die Ursache.
  • Minus-Verhalten: Vertraute Verhaltensweisen treten plötzlich und ohne äußeren Anlass vermindert oder gar nicht mehr auf (Z. B. Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Es wird von Bewohnern berichtet, die ohne erklärlichen Grund nicht mehr essen wollen. Gründe: u. a. Zahnschmerzen, Schwierigkeiten mit der Zahnprothese und Übelkeit). Apathie: Es wurde von plötzlichem Rückzugsverhalten und Mattigkeit bei Bewohnern berichtet, die sonst relativ umtriebig auf den Wohnbereichen erlebt wurden. Bei diesen Bewohnern wurden oft fiebrige Infekte als Ursache für diese Verhaltensminderung festgestellt.
  • Neu-Verhalten: Bisher nicht beobachtete Verhaltensweisen oder Äußerungen werden bei den Demenzkranken beobachtet (Ventilieren, Stöhnen u. a.). Des Weiteren auch die Abwehr von Berührungen: Demenzkranke wehren z. B. bisher vertraute Berührungen bei der Pflege ab. Es wurde ermittelt, dass Schmerzen in bestimmten Körperpartien die Ursache für dieses Abwehrverhalten darstellten.

All diese Beispiele zeigen, dass Verhaltensabweichungen somit auch durch organisch-physiologische Ursachen bedingt sein können. So wie bei der Diagnose hinsichtlich einer primären Demenz erst das Vorliegen einer sekundären Demenz ausgeschlossen werden muss, gilt es bei unerklärlich abweichendem Verhalten abzuklären, ob nicht eine organisch-physiologische Beeinträchtigung (Schmerzen, Infekt, Akuterkrankung u. a.) die Ursache dieses Verhaltens darstellen könnte (Lind 2007: 94ff).

Tagesschwankungen

Die Tagesform hinsichtlich der Fähigkeiten der Wahrnehmung und damit auch der Alltagsbewältigung schwankt bei Demenzkranken stark. Eine neurophysiologische Erklärung für diese Symptomatik liegt gegenwärtig noch nicht vor. Es wird jedoch angenommen, dass vorrangig Störungen und Defizite des biologischen Rhythmus diese deutlichen Abweichungen im Verhalten verursachen (Benca et al. 2009). So wurde z. B. in einer schwedischen Studie bei Demenzkranken in einem Altenpflegeheim Tagesschwankungen im Bereich der Selbstpflege am Morgen mit einer Bandbreite von 30–100 Prozent ermittelt (Sandman et al. 1986). Pflegende berichten des Weiteren, dass die Tagesform auch unterschiedlich bei den Bewohnern beobachtet werden kann. Folgende Verläufe wurden hierbei registriert: Tagesformen, die konstant den ganzen Tag über anhalten und Tagesformen, die im Laufe des Tages wechseln, wobei hierbei auch Unterschiede in der Häufigkeit des Wechsels der Tagesform wahrgenommen werden.

Folgende Verhaltensweisen und Reaktionen bilden Hinweise bezüglich der jeweiligen Tagesform bei der morgendlichen Pflege:

  • Die Reaktion des Bewohners auf den Morgengruß der Pflegekraft: Das Reagieren des Demenzkranken auf diesen Gruß ist für viele Pflegende der eindeutigste Hinweis auf die Tagesverfassung.
  • Die Körperhaltung: in welcher Position (liegend, aufrecht sitzend) und in welcher Verfassung (schlaff, gespannt, gelöst).
  • Atmung des Bewohners: ruhig, unregelmäßig, ventilierend.
  • Gesichtsausdruck: erkennend, verwirrt, geistesabwesend (Lind 2007: 92ff, Lind 2011: 167f).

Empfehlungen für die Praxis

Demenzkranke sind beträchtlichen Schwankungen ihrer Tagesform hinsichtlich der Bewältigung alltagsbezogener Tätigkeiten ausgesetzt. Für die tägliche Pflege bedeutet dies, die Pflegehandlungen immer an das augenblickliche Leistungsvermögen der Bewohner anzupassen. Die richtige Einschätzung der Tagesform vor der Pflege besitzt somit einen bedeutsamen Stellenwert. Sie entscheidet darüber, ob der zu Pflegende angemessen oder fehlerhaft im Sinne der Überforderung gepflegt wird.

Verhaltensveränderungen bei Demenzkranken im Bereich des noch vorhandenen Leistungsvermögens können bis zu drei verschiedene Ursachen besitzen:

  • Abbauprozess
  • Tagesform
  • Körperliche und seelische Beeinträchtigung (Akuterkrankung u. a.)

Somit gilt es bei der Beobachtung der Bewohner stets auf die Komponenten „stetiger Abbau“ als konstanten Faktor, „Tagesform“ als flexiblen Faktor und „körperliche und/oder seelische Beeinträchtigung“ als weiteren Faktor zu achten (Lind 2007: 101).

Der Abbauprozess und die Tagesschwankungen sind als demenzspezifische Gegebenheiten hinzunehmen, auf die Pflegende und Betreuende keinen Einfluss haben. Diesen Sachverhalt zu akzeptieren, ist eine Grundvoraussetzung für einen ruhigen und gelassenen Umgang mit den Demenzkranken.

Literatur

  • Benca, R. et al. (2009) Biological rhythms, higher brain function, and behavior: Gaps, opportunities, and challenges. Brain Research Reviews, 62 (1): 57-70
  • Brody, E. et al. (1971) Excess disabilities of mentally impaired aged: Impact of individualized treatment. Gerontologist, 25: 124-133
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Sandman, P. O. et al. (1986) Morning care of patients with Alzheimer-type dementia. Journal of Advanced Nursing, 11 (4): 369–378
  • Slaughter, S. E. et al. (2011) Incidence and predictors of eating disability among nursing home residents with middle-stage dementia. Clinical Nutrition, 30 (2): 172-177

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