Die Demenzverkindlichung (12)

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Die Demenzverkindlichung (12) ist der Inhalt des 138. Blogs. Es wird die Demenzpflege als zentrales Element der demenzspezifischen Verkindlichung angeführt.

Vorbemerkung

Wie in Blog 137 angeführt, fällt es vielen Angehörigen und oft auch Pflegenden und Betreuenden ohne Berufserfahrung in der Demenzpflege schwer, angesichts von Entkernungssymptomen und dem Fassadierungsverhalten das Kindliche im Erleben und Verhalten der Demenzkranken angemessen wahrnehmen zu können. Leichter fällt ihnen der Umgang, wenn die Betroffenen die für das schwere Stadium typische Verhaltensmuster zeigen: unsicheres und suchendes Verhalten verbunden mit einem ängstlich naiven Gesichtsausdruck.

Im Folgenden werden noch einmal die wesentlichen Aspekte der Demenzverkindlichung im Rahmen der Pflege bzw. genauer der Körperpflege zusammenfassend erläutert, denn ein Charakteristikum des schweren Stadiums (Reisbergskalen Stadium 6) ist neben den vielen Realitätsverlusten und Realitätsverzerrungen der Verlust der geistigen Erfassung und Verarbeitung der inneren und äußeren Reizgefüge. Hirnphysiologisch und damit zugleich auch hirnpathologisch lässt sich diese krankhafte Rückentwicklung so erklären: die Amygdala als zentrales Hirnareal für die Gefühle ersetzt zunehmend Stück für Stück den präfrontalen Bereich der Großhirnrinde als Region für die geistigen Verarbeitungsprozesse.

Ergänzend hierzu vermindert sich auch das Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis (u. a. Bereich des Hippocampus), so dass eine weitere Parallele mit der Kindheitsentwicklung eklatant wird: die Hilfe- und Pflegebedürftigkeit. Die Demenzverkindlichung äußert sich somit u. a. auch in den Handlungskomponenten Waschen, Anziehen, Füttern und den Einschränkungen bei den Ausscheidungsprozessen (u. a. Harn- und Stuhlinkontinenz).

Demenzspezifische Pflegebedürftigkeit

In Blog 75 wird angeführt, dass im schweren Stadium der Demenz die Pflegebedürftigkeit stark ansteigt, wie folgend anhand der Reisbergskala FAST (Functional Assessment Staging) gezeigt wird (Reisberg et al. 1999):

Stadium 6 (schweres Stadium): Benötigt bei manchen alltäglichen Dingen Hilfe.

  • 6a: Probleme, die Kleider richtig anzuziehen (4 – 5 Jahre)
  • 6b: Kann sich nicht baden; entwickelt Angst davor. (ebenso)
  • 6c: Beherrscht den Toilettengang nicht mehr. (4 Jahre)
  • 6d: Harninkontinenz. (3 – 4,5 Jahre)
  • 6e: Stuhlinkontinenz. (2 – 3 Jahre)

Neben der vorrangig körperlichen Pflegebedürftigkeit treten u. a. die folgenden demenzspezifischen Krankheitssymptome im schweren Stadium der Demenz auf, die teils weitreichende Auswirkungen auf die Pflege und Betreuung haben (Boetsch et al. 2003: 84):

  • Verfolgungsgedanken und Wahnstörungen treten auf
  • Zwangssymptome können sich einstellen, Putzen immer auf derselben Stelle
  • Angstsymptome, Unruhe und bisher nicht bekanntes aggressives Verhalten können auftreten
  • Antrieb und Wille sind eingeschränkt

Demenzspezifische Pflegebedürftigkeit besteht somit aus der Komponente körperliche Gebrechlichkeit bzw. dem Unvermögen, sich selbst angemessen versorgen zu können, so dass ständige Pflegeleistungen erforderlich sind. Demenzspezifische Pflegebedürftigkeit besteht zusätzlich aus der weiteren Komponente neuropsychiatrisches Verhalten, die einerseits die ständige Betreuung erforderlich macht und die sich zusätzlich auch auf die Pflegehandlungen selbst auswirkt.

Die dritte und damit ergänzende Komponente in diesem Spektrum einer demenzspezifischen Pflegebedürftigkeit besteht aus den Verkindlichungselementen der Pflegehandlungen, die Ausdruck des stadienbezogenen Umgangs bei der Pflege und Betreuung sind. Im folgenden Abschnitt werden einige Faktoren der demenzverkindlichten Pflege dargestellt.

Elemente der Demenzverkindlichung bei der Pflege

Durch Elemente der Demenzverkindlichung bei der Körperpflege Demenzkranker im schweren Stadium unterscheidet sich die Pflege recht deutlich von der Pflege Nichtdemenzkranker. Diese Handlungsmuster werden zwar nicht bei nichtdemenzkranken erwachsenen Pflegebedürftigen praktiziert, sie sind jedoch altvertraute Teile der Kleinkindpflege (Siegler et al. 2016). Demenzpflege und Kleinkindpflege besitzen somit viele Gemeinsamkeiten. Pflegende berichten, dass sie durch die Pflege ihrer eigenen Kinder einen erweiterten und sensibilisierten Zugang zu den Demenzkranken bei der Pflege entwickeln konnten. Die folgenden Elemente dieser Demenzverkindlichung sind bereits in verschiedenen Blogelementen angeführt worden:

Diese vielen Umgangsformen und Beeinflussungsstrategien verdeutlichen den Sachverhalt, dass eine angemessene Körperpflege bei Demenzkranken im schweren Stadium in der Regel erst durch den Einsatz dieser Demenzverkindlichungselemente möglich oder zumindest merkbar erleichtert wird. Hieraus darf gefolgert werden, dass sich Pflegeverweigerung und auch Pflegeerschwernis mittels dieser Umgangsformen gravierend vermeiden oder vermindern lassen, denn Stress und Überforderungssymptome treten in diesen zwischenmenschlichen Interaktionen relativ selten auf.

Literatur

  • Boetsch, T. et al. (2003) Klinisches Bild, Verlauf und Prognose (mit Fallbeispielen). In: Hampel. H.; Padberg, F. & Möller, H.-J. (Hrsg.): Alzheimer-Demenz (73-98). Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer

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