Verstärkungsstrategien bei der Kontaktaufnahme vor der Pflege

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Verstärkungsstrategien bei der Kontaktaufnahme vor der Pflege sind die Inhalte des 17. Blogs. Diese Vorgehensweisen erleichtern die Zusammenarbeit bei der Grund- oder Körperpflege und vermindern hierbei das Belastungserleben bei den Demenzkranken. Hierbei handelt es sich um Konditionierungsmaßnahmen.

Verstärkungsstrategien sind Zusatzimpulse – der Grund hierfür liegt in einer kognitiven Unbestimmtheit aufgrund der Demenzerkrankung, die Schwankungen in der Tagesform und damit auch in der Aufmerksamkeit und der geistigen Erfassung beinhaltet. Die Aktivierung der Langzeitgedächtnisinhalte benötigt oft einen zusätzlichen Impuls ergänzend zur Ritualisierung des Handlungsprozesses. Diese Verstärkungsimpulse können somit als Schalter oder Auslösereize verstanden werden, die den Prozess des Erkennens oder der Vergegenwärtigung der Situation des beginnenden Pflegeprozesses erst initiieren.

Verstärkungsimpulse haben zusätzlich die Funktion einer emotionalen Stabilisierung. Die Pflege kann mittels dieser Interventionen für die Betroffenen einen positiven Charakter erhalten, vielleicht sogar ein freudiges Ereignis werden. Hierdurch kann eventuell von dem Tatbestand des Erlebens der eigenen Gebrechlichkeit und der damit verbundenen Abhängigkeit von Pflegenden abgelenkt werden. Wie bereits in Blog 14 erläutert wurde, sind Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr zur geteilten Aufmerksamkeit fähig, somit können Verstärkungsimpulse die negativen Aspekte der Pflegehandlungen teils ausblenden. Verstärkungsimpulse sind somit zugleich Hinführungsimpulse zur Pflege und gleichzeitig auch Ablenkungsimpulse von der Pflege als ein Abhängigkeitsverhältnis aufgrund der Pflegebedürftigkeit.

Begrüßungsrituale

Zusätzliche Begrüßungsrituale bilden Verstärkungselemente in der Wahrnehmung des situativen Zusammenhanges. Diese Reizgefüge leiten ähnlich einem Schlüsselreiz auf die bevorstehende Pflegehandlung hin. Es handelt sich somit um eine klassische Konditionierungsmaßnahme, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Beispiele 1: Demonstrativ bei der Begrüßung die Hand schütteln oder ein bestimmtes Streicheln der Wange oder des Kopfes – einen bestimmten Spruch aufsagen (z. B. „Morgenstund hat Gold im Mund“) – deutliche Gesten wie in die Hände klatschen – eine Tasse Kaffee vor der Pflege anbieten (Lind, 2007: 145).

Musik, Gerüche und vertraute Gegenstände

Mehrere Sinnesorgane mit zusätzlichen Reizen anzuregen, verstärkt und aktiviert das Erkennen der anstehenden Interaktion „Pflegeprozess“. Das Hören, Riechen und Sehen vertrauter Auslösereize erleichtert das Zuordnen der Situation.

Beispiele 2: Eine besondere „Pflegebegrüßungsmusik“, die jeden Morgen bei der Kontaktaufnahme gespielt wird (Kassette oder CD) – bestimmte Gerüche, die eine Verbindung zur Körperpflege besitzen wie z. B. Parfüm, Seife, Deos oder Cremes – das demonstrative Zeigen eines Waschutensils (der „rote Waschlappen“ oder der „braune Kamm“ etc.) (Lind 2011: 182, siehe auch Wojnar 2007: 133).

Belohnungsanreize

Ein gewichtiges Element besteht aus dem Einsatz von Anreizen oder Belohnungen für die Mitarbeit oder Pflegebereitschaft. Dabei kann es sich um ganz reale Belohnungen handeln, die für die Bewohner einen hohen Wohlfühlfaktor besitzen.

Beispiele 3: Das Zeigen von Schokolade oder Keksen mit dem Hinweis, dass nach der Morgenpflege genascht werden darf oder das Zeigen einer Zigarette, die nach der Morgenpflege geraucht werden darf (Lind 2007: 141, siehe auch Camp 2015: 108).

Es besteht bei diesen Vorgehensweisen ein enger Zusammenhang zu dem in Blog 14 angeführten Vorgehen „Perspektive geben“. Bei beiden Umgangsformen werden positive und begehrliche Impulse oder Reize offeriert, die für die Demenzkranken ein Aktivierungspotential bilden.

Die Einbeziehung von Puppen und Kuscheltieren

Ein weiteres Vorgehen bei der Kontaktaufnahme vor der Morgenpflege besteht aus dem Einsatz vertrauter Puppen und Kuscheltiere der Demenzkranken.

Beispiele 4: Bewohnern, die recht zögerlich und leicht verunsichert bei der Kommunikation wirken, entspannen sich leichter, wenn die Pflegenden die ihnen vertrauten Puppen oder Kuscheltiere ebenfalls mit Namen begrüßen und in den weiteren Handlungsverlauf mit einbeziehen. Des Weiteren werden Puppen oder Kuscheltiere auch bei einer Pflegeverweigerung dergestalt eingesetzt, indem die anstehenden Pflegehandlungen anhand der Puppen vorgemacht werden (Lind 2011: 144, siehe auch Stuhlmann 2004: 96ff).

Mehrfachstimulierung

Grundsätzlich sollten bei der Kontaktaufnahme immer zugleich auch Elemente der Beruhigung und personalen Stärkung eingesetzt werden, um bei den Demenzkranken die Furcht vor den bevorstehenden Pflegehandlungen zu mindern bzw. sie ihnen zu nehmen.

Beispiele 5: Lächeln und Augenkontakt herstellen (visueller Reiz) – sanftes Streicheln (taktiler Reiz) -beruhigendes Reden (auditiver Reiz) (Lind 2011: 154).

Ergänzend gilt es in diesem Zusammenhang anzuführen, dass der Abstand zwischen Pflegendem und Demenzkrankem nicht größer als ca. 40 cm sein sollte. Der Grund hierfür besteht in dem neuropathologisch visuellen Wahrnehmungsdefizit Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium (Stuhlmann 2004: 83). Hier besteht wieder die Parallele mit der Hirnreifung der Kinder bezüglich der visuellen Wahrnehmungskapazität (Siegler et al. 2016: 158).

Konsequenzen für die Praxis

Die Pflege und Betreuung Demenzkranker basiert auf zwei Pfeilern: der biografischen Orientierung (siehe Blog 16) und der Ritualisierung oder Konditionierung. Beide Zugangswege erlauben dem Demenzkranken die Möglichkeit zur Erfassung der konkreten Umwelt. Mittels dieser Kernfunktionen der Demenzpflege kann ein Mindestmaß der Person-Umwelt-Passung hergestellt werden, die die Grundlage für Sicherheit, Vertrautheit und damit auch für das Wohlbefinden der Erkrankten bildet.

Biografische Orientierung und Ritualisierung oder Stetigkeit auf der Grundlage von Konditionierungsmaßnahmen stehen hierbei in einem komplementären, sich ergänzendem Verhältnis, wie bereits in Blog 3 ausgeführt wurde: „Für die stationäre Pflege und Betreuung Demenzkranker gilt die Grundregel, dass die Einrichtung die Stetigkeit bei allen Gegebenheiten als Leistungsangebot vorhält. Die Demenzkranken bestimmen aufgrund ihrer Befindlichkeiten (u. a. Tagesform, biografisch geprägte Verhaltensmuster und Gewohnheiten) die jeweiligen Abweichungen in der konkreten Lebensgestaltung.“

Literatur

  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer
  • Stuhlmann, W. (2004): Demenz – wie man Bindung und Biografie einsetzt. München: Reinhardt
  • Wojnar, J. (2007) Die Welt der Demenzkranken – Leben im Augenblick. Hannover: Vincentz Verlag

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