Nachahmung in der Pflege

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Die Anregung zur Nachahmung bei der Pflege ist der Inhalt des 18. Blogs. Diese Pflegestrategie ermöglicht den Demenzkranken die Mitwirkung bei den Pflegehandlungen. Die neurowissenschaftlichen Zusammenhänge werden erläutert.

Nachahmung und damit auch Imitation gehören zum angeborenen Verhaltensspektrum des Menschen. Dieses Verhalten ist uns somit als eine Disposition innewohnend, die wir mit anderen Tierarten teilen. Nachahmen vollzieht sich in der Regel unbewusst. Wir merken also kaum, wenn wir die anderen Personen in unmittelbarer Umgebung bezüglich des Gesichtsausdrucks, der Körperhaltung, der Gesten und im sprachlichen Verhalten imitieren (Dijksterhuis 2010: 187f).

In der Demenzpflege hingegen wird das Anregen zum Nachahmen als eine Verhaltensmodifikationsstrategie verwendet, gilt es doch die geistigen Minderleistungen der Demenzkranken im verbalen Austausch auszugleichen. An mehreren Beispielen aus der Praxis der Pflege in den Heimen sollen diese Vorgehensweisen verdeutlicht werden.

Mitwirkung bei der Pflege anregen

Pflegende wissen um die Wirkung des Nachahmungseffektes bei Pflegehandlungen, die verbal aufgrund des kognitiven Abbauprozesses nicht mehr zu vermitteln sind. Anstelle einer mündlichen Aufforderung erfolgen Handlungen des Vormachens einer bestimmten Tätigkeit, um die Demenzkranken zum Nachmachen anzuregen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Beispiele 1:

  • Das Hinhocken beim Toilettengang: Eine demenzkranke Bewohnerin konnte auf der Toilette nicht die Aufforderung zum Hinsetzen verstehen. Sie blieb ratlos stehen. Daraufhin stellte die Pflegende sich neben die Bewohnerin und ging in die Hocke. Die Bewohnerin machte es ihr nach und platzierte sich so auf den WC-Deckel.
  • Das angeleitete Mitessen: In einigen Heimen mit demenzspezifischem Mahlzeitenmilieu ist man dazu übergegangen, mittags bei der Mahlzeiteneinnahme am großen Esstisch eine nichtdemenzkranke Person (Mitarbeiter, Angehörige, Ehrenamtliche u. a.) zum angeleiteten Mitessen einzusetzen. Die Person hat nichts weiter zu tun, als am Tisch zu sitzen und für die beisitzenden Bewohner deutlich sichtbar das Essen einzunehmen. Es wird berichtet, dass durch das so genannte „Voressen“ nicht nur die Fähigkeit zum selbständigen Essen stabilisiert werden konnte, sondern dass darüber hinaus auch mehr Ruhe einkehrt und eine längere Verweildauer am Tisch erzielt wird (Lind 2011: 145f, siehe auch Sachweh 2008: 227).

Beispiele 2:

  • Zum Trinken anregen: Eine Bewohnerin trinkt sehr wenig und vergisst dies auch immer wieder, selbst wenn ein gefülltes Glas vor ihr steht. Spricht man sie darauf an, gibt sie sich immer sehr bescheiden und sagt, sie hätte bereits getrunken. Stößt man jedoch mit ihr an bzw. prostet ihr zu „Zum Wohl, Frau Maier!“, dann geht sie auf diese gesellschaftliche Geste ein und trinkt mit.
  • Zum Essen anregen: Eine Bewohnerin ist nicht zum Essen bereit, sie verweigert die Hilfe zur Nahrungsaufnahme. Die Pflegende isst hierauf in Gegenwart der Bewohnerin. Dies regt die Bewohnerin an, sie scheint Appetit zu bekommen und lässt sich beim Essen helfen.
  • Mund öffnen: Eine Bewohnerin hat Schwierigkeiten, die Aufforderung der Pflegekraft, den Mund zu öffnen, zu verstehen. Die Pflegende macht daraufhin ihren Mund weit auf, worauf die Bewohnerin es ihr nachmacht und auch ihren Mund öffnet. Die Pflegende kann darauf hin mit der Hilfe zur Nahrungsaufnahme beginnen (Lind 2007: 144).

Nachahmung mittels Hilfsmittel

Oft werden Handlungen des Vormachens auch angewendet, wenn Demenzkranke diese Prozeduren aus irgendeinem Impuls verweigern oder ablehnen. Hierbei werden dann Hilfsmittel wie vertraute Puppen oder Kuscheltiere verwendet.

Beispiel 3: Indem man eine bestimmte Pflegehandlung wie z. B. das Kämmen bei der Puppe praktiziert, vermindert sich meist die ablehnende Einstellung bezüglich dieser Prozedur bei den Demenzkranken (Lind 2011: 144 und 219, siehe auch Stuhlmann 2004: 96ff).

Nachahmung der Demenzkranken

Pflegende im Bereich der Demenzpflege wissen auch um den Tatbestand des Zusammenhanges von Verhaltensähnlichkeit und Sympathie und Vertrautheit. Je stärker sich Personen einander unbewusst anpassen, indem sie sich gegenseitig im Verhalten intuitiv imitieren, umso vertrauter gestaltet sich der Umgang (Dijksterhuis 2010: 192). Pflegende praktizieren dieses Verhalten der Anpassung und damit auch der Nachahmung bewusst, um ein Vertrauensverhältnis zu den Demenzkranken herstellen zu können, indem sie bestimmte Verhaltensmuster der Demenzkranken gezielt und deutlich imitieren, wie das folgende Beispiel zeigt:

Beispiel 4: Eine Demenzkranke lehnte die Körperpflege ab. Sie zeigte eine Verhaltensauffälligkeit, indem sie oft mit den Händen klatschte. Die Pflegende imitierte dieses Verhalten dergestalt, dass sie neben dem Bett stehend ebenfalls im Takt der Demenzkranken klatschte. Die Bewohnerin registrierte freudig dieses Verhalten und war daraufhin bereit zur Mitwirkung bei der Pflege (persönliche Mitteilung).

Neurowissenschaftliche Erklärung

Eine bereits aus der Kindererziehung vertraute Vereinfachungsform ist die Anregung des Nachahmungsimpulses in der Demenzpflege. Wenn dem Demenzkranken eine Handlung vorgemacht wird wie z. B. das Öffnen des Mundes, um bei der Mahlzeitenaufnahme helfen zu können, dann wird diese Handlung automatisch nachgemacht. Denn das Nachahmungsvermögen ist im fortgeschrittenen Stadium noch völlig intakt. Bei Säuglingen konnte das Nachahmen bereits im Alter von sechs Monaten beobachtet werden (Siegler et al. 2016: 182).

Bei der Nachahmung wird ein unbewusstes Handlungsschema aktiviert, das besonders bei Demenzkranken und Kleinkindern aufgrund der eingeschränkten geistigen Leistungsfähigkeit äußerst effektiv ist. Denn der Handlungsimpuls dringt ungehindert oder ungehemmt in die Areale der Großhirnrinde (Scheitellappen), die für die Auslösung der Bewegungen zuständig sind. Die Hemmfunktionen in Gestalt des Überlegens und Abwägens des Stirnhirnareals entfallen, es handelt sich hierbei somit um eine reflexartige Nachahmung. Das heißt ohne Überlegung und damit ohne einen willentlichen Impuls im Sinne eines Entscheidungsprozesses (Lind 2011: 219, Dijksterhuis 2010: 192).

Dass Demenzkranke sich im Umgang dergestalt reflexartig ohne Sinnzusammenhang verhalten, konnte auch bei Verhaltensbeobachtungen in Pflegeheimen nachgewiesen werden. Wenn z. B. eine Demenzkranke vorbei wandert, stehen andere Mitbewohner fast automatisch auf und folgen ihr. Oder wenn eine Bewohnerin zu schreien anfängt, fangen auch die Mitbewohner an zu schreien (Röse 2017: 232).

Literatur

  • Dijksterhuis, A. (2010) Das kluge Unbewusste. Denken mit Gefühl und Intuition. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Röse, K. M. (2017 Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe
  • Sachweh, S. (2008) Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Bern: Verlag Hans Huber
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer
  • Stuhlmann, W. (2004): Demenz – wie man Bindung und Biografie einsetzt. München: Reinhardt

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