Der neurodegenerative Abbauprozess

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Der neurodegenerative Abbauprozess ist der Inhalt des 75. Blogs. Es wird der Abbau anhand der Konzeption Retrogenese beschrieben.

Nachtrag zu Blog 74

In Blog 74 wurden mehrere Fallbeispiele bezüglich der Symptomatik verdecktes kleinkindähnliches Verhalten (vorläufiger Arbeitsbegriff) anhand des Schreiens angeführt. Als Ergänzung wird hier auf das pflegerische Problemverhalten Wecken im Rahmen der Demenzpflege hingewiesen.

In Blog 40 wird ausdrücklich darauf hingewiesen, wie negativ sich das Wecken auf das Verhalten Demenzkranker auswirkt. Anhand von Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass das nächtliche Wecken für den Toilettengang bzw. für das Wechseln der Inkontinenzunterlagen zu Überforderungsverhalten führt. Die Folge ist, dass demenzkranken Bewohner hierdurch am folgenden Tag erhöhte Unruhe zeigen, die sich u. a. in tätlicher Aggression und ständigem Wandern äußert (Cohen-Mansfield et al. 1990). Auch das morgendliche Wecken ruft ähnliche Effekte bei den Betroffenen hervor. So wurde beobachtet, dass besonders beim Wecken Demenzkranke zu schreien beginnen und aggressiv werden(Cariaga et al. 1991, Lind 2000: 28, Lind 2007: 71, Sachweh 2008: 210f).

Der neurodegenerative Abbauprozess

Der Abbau der Nervenzellen führt zu einem Verlust verschiedener Fähigkeiten des menschlichen Lebens. So geht u. a. das Leistungsvermögen in folgenden Bereichen verloren: im kognitiven Bereich z. B. das Kurzzeitgedächtnis, die Orientierung, die Aufmerksamkeit und später schrittweise das Sprachvermögen (Aphasie), im motorischen Bereich die Mobilität (Immobilität) und das Handlungsvermögen (Apraxie), im körperlich physiologischen Bereich die Beherrschung der Schließmuskel (Inkontinenz) und später das Verdauen (Kachexie), das Schmerzempfinden und das Schlucken. Erklärt wird dieser Verlust mit dem kontinuierlich fortschreitenden Abbau der entsprechenden Hirnareale nach einem bestimmten Programm, das der Hirnreifung entgegengesetzt ist (Retrogenese). Schritt für Schritt sterben Nervenzellenbereiche und jedes Mal wird dabei der entsprechende körperliche Funktionsbereich regelrecht abgeschaltet (Kausalzusammenhang von Hirn und Verhalten). Im Folgenden wird diese Rückentwicklung anhand der Konzeption der Retrogenese eingehender erläutert.

Das Konzept der Retrogenese

Der Neurologe und Psychiater Barry Reisberg hat bei der Alzheimer-Demenz die Resultate verschiedener krankhafter Veränderungsprozesse aus den folgenden Bereichen zu einem Konzept der Systematik des Abbauprozesses zusammengefügt:

  • geistiges Vermögen und Sprache
  • Alltagsfertigkeiten (ADL)
  • Physiologie und Neurologie (EEG, Hirnstoffwechsel, Reflexe)
  • Neuropathologie und Neuroanatomie (u. a. Braak-Stadien: Braak et al. 1991).

Dieses Modell bezeichnet er als „Retrogenese“ (Rückentwicklung), denn das entscheidende Element dieses Ansatzes besteht in dem Faktum, dass der krankhafte Abbauprozess einer Rückentwicklung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Menschen entspricht (Reisberg et al. 1999, Rogers et al. 2006). David Shenk bezeichnet die Retrogenese „zurück zur Geburt“ (Shenk 2005: 138).

Neuroanatomisch und neuropathologisch kann diese „rückläufige Entwicklung“ so erklärt werden, dass die Nervenzellen, die in der Humanentwicklung zuletzt funktionsfähig und damit ausgereift sind (Bildung einer Isolationsschicht bei den Nervenfasern – Myelinisierung), als Erstes von dem krankhaften Zellsterben in Mitleidenschaft gezogen werden. Dieser Rückentwicklungsprozess der Alzheimer-Demenz wurde von Reisberg in sieben Phasen untergliedert. Die so genannten Reisberg-Skalen (die „Global Deterioration Scale“ (GDS) und die „Functional Assessment Staging“ (FAST)) bilden diese Entwicklung „zurück zur Geburt“ in einzelnen Schritten genau ab (Ivemeyer et al. 2006: 145). Während die GDS die geistigen Leistungseinbußen beschreiben, werden im FAST die alltagspraktischen Kompetenzverluste (so genannte ADL) ebenfalls siebenphasig Schritt für Schritt aufgeführt. Die Phasen 6 und 7 für das schwere und das schwerste Stadium des Abbauprozesses sind jeweils nochmals in 5 bzw. 6 Teilphasen gegliedert (siehe weiter unten) (Lind 2011: 38f).

Da die bisherigen Blogelemente überwiegend auf die Demenzkranken im schweren Stadium ausgerichtet sind (Stadium 6 der Reisberg-Skalen) wird hier eine kurze Zusammenfassung bezüglich des Entwicklungs- bzw. Rückentwicklungsstadium angeführt: „Ein Patient im Stadium 6 entspräche demnach einem Kind im Alter zwischen 2 und 5 Jahren. In dieser Zeit erwirbt ein Kind die Fähigkeit, seine Ausscheidungen zu kontrollieren, und selbständig die Toilette zu benutzen, sich zu waschen und anzuziehen. Ein Kind in diesem Alter kann nicht selbständig leben, es braucht den Schutz und die Unterstützung der Erwachsenen.“ (Boetsch et al. 2003: 78).

Stadien der Retrogenese (FAST-Skala)

Zur Verdeutlichung wird im Folgenden das Konzept der Stadien des Abbaus gemäß der Retrogenese angeführt. Die Altersangaben in Klammern ab dem Stadium 4 entsprechen dem Entwicklungsalter in der Kindheit.

Stadium 1: Weder subjektiv noch objektiv Schwierigkeiten.

Stadium 2: Beklagt zu vergessen, wohin er/sie bestimmte Gegenstände gelegt hat.

Stadium 3: Schwierigkeiten, sich an fremden Orten zurechtzufinden.

Stadium 4: (8 – 12 Jahre): Verminderte Fähigkeit, komplexe Aufgaben durchzuführen (z. B. mit Geld, Einkaufen usw.)

Stadium 5: (5 – 7 Jahre): Benötigt Hilfe bei der Auswahl situationsgerechter Kleidung.

Stadium 6 (schweres Stadium): Benötigt bei manchen alltäglichen Dingen Hilfe.

  • 6a: Probleme, die Kleider richtig anzuziehen (4 – 5 Jahre)
  • 6b: Kann sich nicht baden; entwickelt Angst davor. (ebenso)
  • 6c: Beherrscht den Toilettengang nicht mehr. (4 Jahre)
  • 6d: Harninkontinenz. (3 – 4,5 Jahre)
  • 6e: Stuhlinkontinenz. (2 – 3 Jahre)

Stadium 7 (schwerstes Stadium): Benötigt ständig bei allen alltäglichen Dingen Hilfe.

  • 7a: Sprechfähigkeit: 1 bis 5 Worte pro Tag. (15 Monate)
  • 7b: Verlust der verständlichen Sprache. (ca. 1 Jahr)
  • 7c: Bettlägerig, (ca. 1 Jahr)
  • 7d: Kann nicht selbständig sitzen. (6 – 10 Monate)
  • 7e: Kann nicht länger lächeln (1 – 4 Monate)
  • 7f: Kann den Kopf nicht aufrecht halten. (1 – 3 Monate)

(Reisberg et al. 1999)

GDS-Skala

Als Ergänzung zur FAST-Skala wird hier das Stadium 6 der GDS-Skala angeführt, um das Ausmaß an Realitätsverlusten und an das Belastungserleben im schweren Stadium zu verdeutlichen.

Stadium 6: schwere kognitive Leistungseinbußen

  • Der Name des Ehepartners wird vergessen, keine Erinnerung an kurz zurück liegende Ereignisse und Erfahrungen
  • Jahreszeiten oder zeitliche Veränderungen werden nicht mehr wahrgenommen
  • von 10 kann nicht mehr flüssig rückwärts gezählt werden
  • Tag-/ Nachtrhythmus ist gestört

Persönlichkeitsveränderungen und Gefühlsstörungen treten in den Vordergrund:

  • Verfolgungsgedanken und Wahnstörungen treten auf
  • Zwangssymptome können sich einstellen, Putzen immer auf derselben Stelle
  • Angstsymptome, Unruhe und bisher nicht bekanntes aggressives Verhalten können auftreten
  • Antrieb und Wille sind eingeschränkt

(Boetsch et al. 2003: 84)

Literatur

  • Boetsch, T. et al. (2003) Klinisches Bild, Verlauf und Prognose (mit Fallbeispielen). In: Hampel. H.; Padberg, F. & Möller, H.-J. (Hrsg.): Alzheimer-Demenz (73-98). Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
  • Braak, H. et al. (1991) Neuropathological staging of Alzheimer-related changes. Acta Neuropathologica, 82: 239-259.
  • Cariaga, J. et al. (1991) A controlled study of disruptive vacalzations among geriatric residents in nursing homes. Journal of the American Geriatrics Society, 39: 501–507.
  • Cohen-Mansfield, J. et al. (1990) Screaming in nursing home residents. Journal of the American Geriatrics Society, 38: 785 -792.
  • Ivemeyer, D. et al. (2006) Demenztests in der Praxis. Ein Wegweiser. München: Urban & Fischer.
  • Lind, S. (2000) Umgang mit Demenz. Wissenschaftliche Grundlagen und praktische Methoden. Stuttgart: Paul-Lempp-Stiftung. https://www.svenlind.de/wp-content/uploads/2019/01/Wissen24LemppA.pdf
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23.
  • Rogers, H. et al. (2006) Retrogenesis theory in Alzheimer’s disease: evidence and clinical implications. Anales Psychologica, 22 (2): 260-266.
  • Sachweh, S. (2008) Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Bern: Verlag Hans Huber.
  • Shenk, D. (2005) Das Vergessen. Alzheimer: Porträt einer Epidemie. Leipzig: Europa Verlag.

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