Realitätsverlust demenzspezifische Eingebung (Traum)

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Realitätsverluste – demenzspezifische Eingebung (Traum) und belastende Erinnerungen“ ist der Inhalt des elften Blogs. Neben neurowissenschaftlichen Erklärungsansätzen werden Umgangsformen und Entlastungsstrategien erläutert.

Als eine demenzspezifische Eingebung wird eine Handlungsabsicht auf der Grundlage eines vorhergehenden Schlafzustandes verbunden mit einem Traumerleben bezeichnet. Ähnlich wie bei der beeinflussbaren spontanen Desorientierung wird hier das Traumerleben als Realität aufgefasst. Das heißt, dass die Demenzkranken nach dem Erwachen das Traumerleben nicht als bloßen Traum auffassen, sondern als die reale Gegenwart. Neurowissenschaftlich lässt sich dieser Realitätsverlust wie bei den Desorientierungsphänomenen mit dem fehlenden Realitätsfilter erklären (Schnider 2012). Während bei den Desorientierungsphänomenen Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr zu trennen sind, können bei demenzspezifischen Eingebungen Trauminhalt und Realbezug nicht mehr unterschieden werden (siehe 8. Blog). Auch hier besteht wieder eine Parallele zur Entwicklung der Hirnreifung dergestalt, dass Kinder erst im Alter von ca. sechs Jahren Trauminhalte deutlich von Realbezügen unterscheiden können (Shomaker 1987).

Das Erwachen mit dem Trauminhalt im Bewusstsein verursacht die demenzspezifische Eingebung als Fortsetzung des Traumgeschehens in der Realwelt, die oft mit einem hohen Belastungserleben verbunden ist. Für die Pflegenden meist in der Nachtwache bedeutet dies, möglichst umgehend die realen Gegebenheiten an die Trauminhalte anzupassen, damit die Demenzkranken sich wieder beruhigen können. Intuitiv konstruieren die Pflegenden gemäß den Regeln des „Mitgehens und Mitmachens“ situationsbezogene Szenarien zur Einbindung der Betroffenen, indem sie den Eingebungen folgend die Trauminhalte regelrecht fortsetzen. Die folgenden Beispiele zeigen das Spektrum an entsprechenden Handlungsstrategien:

Beispiel 1: Eine Bewohnerin möchte nachts unbedingt in die Kirche. Die Nachtschwester setzt sich daraufhin gemeinsam mit ihr auf die Bettkante und simuliert eine „Busfahrt“, indem sie leicht wippt und der Bewohnerin von der Busfahrt berichtet. Am Schluss ahmt sie das Kirchenglockengeläut nach und teilt ihr mit, dass sie die Kirche erreicht hätten. Die Bewohnerin akzeptiert dies und schläft daraufhin bald wieder ein (Lind 2007: 193).

Beispiel 2: Eine Bewohnerin verlangte nachts aufgeregt nach dem Kommissar, sie müsse ein Verbrechen melden. Die Nachtwache zog daraufhin Mantel und Hut an und kam mit einem Notizblock ins Zimmer der Bewohnerin und notierte sich alles. Die Bewohnerin war dadurch beruhigt (Lind 2007: 193).

Beispiel 3: Eine Bewohnerin behauptet, nachts ein Kind geboren zu haben. Morgens vermisst sie ihr Baby. Die Pflegekraft beruhigt sie mit dem Hinweis, die Großmutter hätte es geholt und würde es nun gerade betreuen. Die Bewohnerin akzeptiert diese Erklärung und beruhigt sich (Lind 2007: 107). In einem ähnlichen Fall wird der aufgeregten Demenzkranken, die nach ihrem gerade geborenen Kind verlangt, eine Puppe in den Arm gelegt. Auch diese Vorgehensweise führt zur Beruhigung der Betroffenen.

Den Beispielen ist deutlich zu entnehmen, dass hier hohe Belastungs- und Stresszustände der Demenzkranken aufgrund der Eingebungen durch ebenso hohe und intensive Entlastungs- oder Löschungsimpulse teils mit theatralischen Elementen positiv reguliert werden konnten. Es ist immer verblüffend, mit welcher Kreativität und Passgenauigkeit hinsichtlich der Wirkung Pflegende in diesen Fällen spontan und damit intuitiv die richtigen Lösungen entwickeln können.

Realitätsverlust „belastende Erinnerungen“

Erinnerungen im Sinne eines Lebensrückblickes sind im Alter ein bedeutsames Erklärungsmoment für das Wohlbefinden (Perrig-Chiello 1997). Und die schönen Erinnerungen werden von den Hochbetagten teils mithilfe von Erinnerungsstücken oft aktiviert (Oswald 1996). Bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium hingegen bedarf es keiner Souvenirs, um in Erinnerungen zu schwelgen. Hier dringen ungefiltert und unkontrolliert Langzeitgedächtnisinhalte ins Bewusstsein und werden krankheitsbedingt als reale Gegebenheiten erlebt. Denn es fehlt bei ihnen der Realitätsfilter, der unbewusst die Unterscheidung zwischen Erinnerung und Gegenwart vollzieht (siehe 8. Blog). Wenn nun extrem belastende Erinnerungen ins Bewusstsein dringen, dann wird gleichzeitig auch der damit verbundene starke Leidensprozess reaktiviert. Hier helfen keine beruhigenden Worte und auch keine Ablenkungsversuche, denn Angst und Furcht sind bei diesem Erleben bereits zu stark.

Eine nachweislich wirksame nicht-pharmakologische Intervention bei diesem Leidensprozess besteht aus der Veränderung der Erinnerung seitens der Pflegenden und Betreuenden mithilfe von entsprechenden Utensilien, wie das folgende Beispiel zeigt:

Beispiel: Ein Demenzkranker fragte immer wieder nach seinem Einberufungsbefehl zur Wehrmacht (2. Weltkrieg), den er voller Furcht erwartete. Erklärungen und beruhigende Worte erreichten ihn nicht, denn seine ganze Aufmerksamkeit war auf diese drohende Einberufung konzentriert. Um ihn von dieser tief greifenden Sorge zu befreien, setzten die Pflegenden ein Schreiben auf, das eine Freistellung von der Wehrpflicht durch die zuständige Militärbehörde zum Inhalt hatte. Durch diesen „Bescheid“ fühlte sich der Betroffene von seiner Belastung befreit. Jedem zeigte er freudig dieses Schreiben (Lind 2011: 215).

Ähnliche Fälle einer gezielten Vergangenheitsveränderung wurden bei Sachverhalten wie ein als ungerecht empfundenes Testament oder belastenden Schuldscheinen berichtet. Auch hier wurden „Testamente“ und „Schuldscheine“ zum Wohle der Betroffenen regelrecht „gefälscht“. Gleichzeitig wurden mittels dieser „Dokumente“ die Erinnerungen verändert. Ein Stück Lebensgeschichte wurde somit geschönt, indem die negativen Aspekte durch neue und zugleich positive Fakten ersetzt wurden. Diese Vergangenheitsmanipulationen mittels Erzeugung neuer „Erinnerungen“ teils mit der Zuhilfenahme entsprechender Hilfsmittel (verändertes Fotoalbum) konnte in psychologischen Experimenten auch bei Erwachsenen und Kindern nachgewiesen werden (Markowitsch 2013: 26).

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Markowitsch, H.-J. (2013) „ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel wäre gar nicht so schlecht!“ In: Eckoldt, M. Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? Gespräche über Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis (23 – 46), Heidelberg: Carl Auer Verlag
  • Oswald, F. (1996) Hier bin ich zu Hause. Zur Bedeutung des Wohnens. Regensburg: S. Roderer Verlag Perrig-Chiello, P. (1997) Wohlbefinden im Alter. Körperliche, psychische und soziale Determinanten und Ressourcen. Weinheim: Juventa Verlag
  • Schnider, A. (2012) Konfabulationen und Realitätsfilter. In: Karnath, H.-O. und Thier, P. (Hrsg.) Kognitive Neurowissenschaften, Berlin: Springer (567 – 572)
  • Shomaker, D. (1987) Problematic behavior and the Alzheimer’s patient: Retrospection as a method of understanding and counseling. The Gerontologist, 27, 3, 370 – 375.

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