Realitätsverlust zwangsähnliches Desorientierungsverhalten

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Der Realitätsverlust „zwangsähnliches Desorientierungsverhalten“ (vorläufiger Arbeitsbegriff) bildet den Inhalt des zwölften Blogelements. Neben den neurowissenschaftlichen Erklärungsansätzen werden die verschiedenen therapeutischen Interventionsformen dargestellt.

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium zeigen Verhaltensweisen, die einerseits an beeinflussbare spontane Desorientierungsphänomene erinnern (siehe 8. Blog), andererseits auch Ähnlichkeiten mit stereotypen Verhaltensautomatismen besitzen. Hinzu kommt noch eine zwanghafte Komponente dergestalt, dass hier der Drang zum Vollzug eines bestimmten Handlungselements mit lebensgeschichtlichem Hintergrund besteht. Anhand der folgenden Beispiele werden verschiedene Verhaltensmuster dieser Krankheitssymptomatik einschließlich der stressentlastenden Beeinflussungsstrategien aufgezeigt.

Unterstützungsstrategien bei zwangsähnlichen Verhaltensmustern

Bekannt sind biografisch bedingte Verhaltensmuster verbunden mit einem zwanghaften Drangverhalten, das jedoch ohne Hilfestellung Dritter nicht stresslösend ausagiert werden kann. Diese Vorgehensweisen einer Hilfestellung oder Assistenz können auch als Ermöglichungsstrategien bezeichnet werden, denn ohne diese Interventionen wären die Betroffenen in einem Zustand der Dauerbelastung. Die folgenden Beispiele zeigen die Symptomatik einschließlich der kompensatorisch erforderlichen Lösungsstrategien.

Beispiel 1: Eine ehemalige Bäuerin hatte über 25 Jahre lang die Aufgabe, viermal am Tag die Pumpstation („Wasserhäusle“) des Dorfes zu kontrollieren. Dieser Kontrolltätigkeit wollte sie nun auch im Wohnbereich nachgehen. Für die Bewohnerin wurde nun das Stationsbad zum Wasserhäuschen deklariert, das eine Mitarbeiterin regelmäßig mit der Betroffenen zum Nachschauen aufsuchte. Zur Bestärkung hängt für diesen Zweck extra ein alter Schlüssel mit Schnur im Schwesternstützpunkt (Lind 2011: 119).

Beispiel 2: Eine Bewohnerin wurde immer nachts gegen 3:00 Uhr sehr unruhig und wanderte auf dem Wohnbereich umher. Vor ihrer Erkrankung hatte sie um diese Zeit mit dem Zeitungsaustragen begonnen. Man legte ihr daraufhin nachts einen Stapel Zeitungen vor Tür, den sie im Wohnbereich verteilte, um dann nach getaner Arbeit wieder schlafen zu gehen (Lind 2011: 120).

In diesen beiden Fällen wird den Betroffenen Gelegenheit zum Ausagieren ihres zwanghaften Handels gegeben. Der Wohnbereich wird entsprechend ihren Anliegen regelrecht umgestaltet: aus dem Stationsbad wird das „Wasserhäusle“ aus der Zeit vor der Erkrankung und ein Stapel alter Zeitungen reicht aus, das nächtliche Zeitungsaustragen initiieren zu können (siehe hierzu auch das Beispiel des „Bauern bei der Fütterung seiner Tiere“ im 5. Blog).

Lösungsstrategien zur Beendigung des zwangsähnlichen Drangverhaltens

Bekannt hingegen sind auch zwangsähnliche Verhaltensmuster, von denen man mittels Umgestaltung des räumlichen Milieus und unmittelbarer Einwirkung auf die Betroffenen den dranghaften Impuls zum Abschluss bringen kann, wie folgende Beispiele zeigen:

Beispiel 3: Ein Demenzkranker musste jeden Tag zur Arbeit, bereitete morgens seine Pausenbrote vor, die er in der Frühstücksbox packte. Anschließend ging er zur „Bushaltestelle“ auf dem Wohnbereich und wartet auf seinen Bus. Dort blieb er sitzen, bis eine Pflegende anhand des angebrachten Fahrplanes feststellte, dass der Bus heute ausfallen würde. Der Demenzkranke akzeptierte diesen Sachverhalt und beendet so seinen „Arbeitstag“. Dieser Vorgang wiederholte sich täglich (Persönliche Mitteilung).

Beispiel 4: Auch hier wollte ein Bewohner jeden Tag zur Arbeit. Um dies zu verhindern, wurde ihm rechtzeitig ein Urlaubsschein ausgestellt, der akzeptiert wurde (Persönliche Mitteilung).

Beispiel 5: Eine Bewohnerin zeigte immer vormittags das Verlangen, in der Sparkasse eine Überweisung tätigen zu müssen. Für sie wurde die verschlossene Tür des Fäkalienraums mit dem vertrauten Logo der Sparkasse versehen. Wenn dann die Demenzkranke an der „Sparkasse“ ankam, stand dort bereits eine Mitarbeiterin, die ihr mitteilte, dass heute aus betrieblichen Gründen die Sparkasse geschlossen sei, aber morgen wieder öffnen würde. Diese Erklärung wurde angenommen (Persönliche Mitteilung).

In diesen Fällen konnten mittels einer Milieugestaltung und zeitlich geplanten Kontaktaufnahme Lösungen für das zwanghafte Drängen zu einem biografisch bedingten Verhaltensmuster entwickelt werden. Ähnlich wie bei den beeinflussbaren spontanen Desorientierungsphänomenen und den wahnhaften Halluzinationen wird die Umwelt gemäß den Bedarfen der Betroffenen suggestiv umfunktioniert. Konkret wird ein innerer belastender Handlungsimpuls durch einen äußeren Entlastungsimpuls regelrecht gelöscht (Extinktion). Die Strategien des Mitgehens und Mitmachens sind hier um den Faktor Milieu erweitert, der als biografisch orientierte Demenzweltgestaltung bezeichnet werden kann. Falls es erforderlich werden sollte, können für Demenzkranke entsprechend ihrer Bedrängnis eigene Lebenswelten inszeniert werden. Voraussetzung hierfür ist jedoch das Wissen über die biografischen Gegebenheiten, die den Ursprung für das Zwangsverhalten bilden.

Neurowissenschaftliche Erklärungsansätze

In diesen angeführten Fällen wird nicht nur die Erinnerung an ein Geschehensmuster der Lebensgeschichte aktiviert, das dem episodischen Langzeitgedächtnis zugeordnet werden kann. Zusätzlich zeigt sich hier ein weiterer Bereich des Langzeitgedächtnisses, das Handlungsgedächtnis bzw. das prozedurale Gedächtnis. Da das prozedurale Gedächtnis in einer tieferen Region des Gehirns, dem Kleinhirn, lokalisiert ist (Markowitsch et al. 2006: 142f), ist es im fortgeschrittenen Stadium der Demenz noch recht gut erhalten und somit noch nicht vom Abbau betroffen. Funktionsunfähig hingegen sind bereits die Areale im Frontallappen der Großhirnrinde, die diese Handlungs- und zugleich Bewegungsmuster regulieren bzw. unterdrücken. Auch hier fehlt wie bei den beeinflussbaren spontanen Desorientierungsphänomenen der Realitätsfilter, der das biografisch geprägte Verhaltensmuster mit den Realbezügen abgleicht und entsprechend bearbeitet. Die Folgen dieser Realitätsverzerrung sind neben den hier angeführten Fällen oft auch Handlungsbruchstücke oder Fragmente, die als stereotype Verhaltensmuster bezeichnet werden (Shomaker 1987). Hierzu zwei Beispiele:

Beispiel 6: Ein demenzkranker Bewohner, der früher als Tischler tätig war, steht im Türrahmen und vollführte mit der Hand gleichmäßig Bewegungen, die an das Hobeln erinnern (Lind 2011: 124).

Beispiel 7: Ein Bewohner steigt auf den Tisch oder Stuhl und fuchtelt mit den Händen über den Kopf. Der Bewohner war früher Anstreicher und hat auf diese Weise die Decken geweißt (Lind 2011: 124).

Erfahrungen aus der stationären Altenpflege haben ergeben, dass es bei diesen automatisch ablaufenden Bewegungsabläufen angezeigt ist, diese Handlungen nicht zu unterbrechen, sondern erst nach dem Handlungsablauf Kontakt mit den Betroffenen aufzunehmen.

Neurowissenschaftlich von Bedeutung ist auch der Sachverhalt, dass bei zwangsähnlichen Verhaltensmustern Demenzkranker wieder die Parallele zur Hirnreifung in der Kindheit festgestellt werden konnte. So zeigen Kinder in jungen Jahren manchmal auch zwangsähnliche stereotype Verhaltensmuster (Kordon 2006: 565f). Aus der Kinderliteratur bekannt ist diesbezüglich der „Zappelphilipp“ aus dem Buch „Struwwelpeter“.

Konsequenzen für die Praxis

Die hier angeführten Inszenierungen einer problemlösenden Demenzweltgestaltung auf der Grundlage der Strategien des Mitgehens und Mitmachens können als demenzsensible therapeutische Interventionen klassifiziert werden, die bisher in der Fachliteratur und den Fort- und Weiterbildungsangeboten noch nicht angemessen berücksichtigt wurden. Diese Formen der Demenzweltgestaltung sind jedoch u. a. aufgrund ihrer Wirksamkeit Kernelemente einer demenzspezifischen Pflege und Betreuung, für die es gegenwärtig keine Alternativen gibt.

Damit diese Interventionsformen wirksam praktiziert werden können, bedarf es u. a. zweierlei Elemente dieser Entlastungs- und Beruhigungsstrategien: das ausreichende Wissen über die Lebensgeschichte der Demenzkranken und die ständige Beobachtung.

Bei den Beobachtungen des Verhaltens der Demenzkranken sind vor allem die emotional belastenden Verhaltensmuster verbunden mit Symptomen der Unruhe und Furcht hinsichtlich einer eventuellen therapeutischen Beeinflussbarkeit zu analysieren. Allein das Wanderverhalten lässt sich in neun Typologien unterteilen. So wurde z. B. im Heimbereich am häufigsten das „Weglaufen“, das „zielloses Wandern“ und das „Wandern mit unangemessenen Ziel“ beobachtet (Hope et al. 1990, Hope et al. 1994, Lind 2000: 18ff).

Literatur

  • Hope, R. A. et al. (1990) The nature of wandering in dementia. International Journal of Geriatric Psychiatry, 5, 4, 239 – 245.
  • Hope, T. et al. (1994) The structure of wandering in dementia. International Journal of Geriatric Psychiatry, 9, 149 – 155.
  • Kordon, A. et al.(2006) Zwangsstörungen. In: Förstl, H.; Hautzinger, M.; Roth, G. (Hrsg.) Neurobiologie psychischer Störungen (545-575). Heidelberg: Springer Medizin Verlag.
  • Lind, S. (2000) Umgang mit Demenz. Wissenschaftliche Grundlagen und praktische Methoden. Stuttgart: Paul-Lempp-Stiftung. https://www.svenlind.de/wp-content/uploads/2019/01/Wissen24LemppA.pdf
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Markowitsch, H. J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage).
  • Shomaker, D. (1987) Problematic behavior and the Alzheimer’s patient: Retrospection as a method of understanding and counseling. The Gerontologist, 27, 3, 370 – 375.

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