Schlüsselreize in der Pflege und Betreuung

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Schlüsselreize in der Pflege und Betreuung sind die Themen des 13. Blogs, wobei die Biografieorientierung und die Konditionierung die entscheidenden Faktoren darstellen. Diese Sachverhalte werden neurowissenschaftlich erläutert.

Schlüsselreize in der Demenzpflege haben u. a. die Aufgabe, im prozeduralen Langzeitgedächtnis (Bewegungsgedächtnis) gespeicherte Handlungsmuster zu aktivieren, da die Demenzkranken hierzu oft aufgrund der Agnosie nicht mehr in der Lage sind (siehe hierzu 1. Blog). Der Begriff „Schlüsselreiz“ stammt ursprünglich aus der Verhaltensforschung der Tiere bezüglich der Auslösung instinktiver Handlungsabläufe (Konrad Lorenz u. a.).

Im Bereich der Demenzpflege werden verschiedene Arten von Schlüsselreizen angewendet. Durch diese Reizgefüge werden bei den Betroffenen unbewusst sowohl Handlungsmuster ausgelöst wie auch beendet, dadurch erhalten sie gewissermaßen die Funktion eines „Schalters“ zur Bewältigung der Person-Umwelt-Passung. Die folgenden Beispiele verdeutlichen das neuropathologisch verursachte Unvermögen der Koordinierung von Außenreizen mit den ergänzenden lebensgeschichtlich geprägten Handlungsmustern.

Lebensgeschichtlich bedingte Schlüsselreize in der Pflege und Betreuung

Bei lebensgeschichtlich bedingten Schlüsselreizen handelt es sich um Reizgefüge, die vor Ausbruch der Erkrankung von den Betroffenen als Auslöse- bzw. Abschlussreize abgespeichert und damit eingeprägt wurden. Ohne diese Impulse sind die Demenzkranken in der Bewältigung des Alltags gemäß ihrem Leistungsvermögen völlig hilflos, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Auslösereiz

Durch einen Auslösereiz wird ein latentes und damit selbst nicht aktivierbares Verhaltensmuster zur Handlung angeregt, denn aufgrund u. a. der Agnosie werden die Gegebenheiten der Umwelt nicht mehr ausreichend erfasst, wie das folgende Beispiel zeigt:

Beispiel 1: Eine Bewohnerin saß am Tisch und hatte ihren Teller Suppe vor sich stehen. Sie rührte jedoch den Löffel nicht an und machte keine Anstalten, mit dem Essen zu beginnen. Der Grund für diese Untätigkeit lag in dem fehlenden, doch der Bewohnerin vertrauten Mahlzeitengebet vor dem Essen. Erst als die Pflegende das Mahlzeitengebet sprach, erfasste die Betroffene die Situation und begann zu essen (Lind 2011: 125.

Beendigungsreiz

Ebenso wie die Fähigkeit zur Ingangsetzung eines Handlungsmusters verloren gehen kann, kann auch die Fähigkeit verloren gehen, einen Handlungsablauf situationsgerecht abzuschließen, wie das folgende Beispiel zeigt:

Beispiel 2: In einem Heim hatten die Pflegenden Schwierigkeiten bei der Abendpflege einer Demenzkranken. Sie ließ sich zwar auskleiden und auch ins Bett bringen, doch stand sie anschließend immer wieder auf. Erst als Angehörige die Pflegenden darauf hinwiesen, dass die Betroffene früher stets vor dem Zubettgehen betete, konnte das Pflegeproblem gelöst werden. Es wurde daraufhin abends mit ihr das Abendgebet gesprochen. Anschließend blieb die Bewohnerin im Bett (Lind 2011: 125).

Durch Lernprozesse herbeigeführte Schlüsselreize

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium sind noch zum unbewussten Gewohnheitslernen mittels Darbietung unveränderter Reizgefüge in Gestalt ständiger Wiederholungen fähig (siehe 3. Blog). Dieser Prozess des gezielten Aufbaus von neuen Langzeitgedächtnisinhalten wird Konditionierung genannt und in der Demenzpflege zur Verbesserung des Umgangs mit den Mitarbeitern und den Umweltbedingung praktiziert, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Beispiel 3: Damit die Demenzkranken sich den Beginn der morgendlichen Pflege leichter vergegenwärtigen können, haben Pflege Rituale bzw. Schlüsselreize entwickelt: u. a. demonstratives Händeschütteln bei der Begrüßung vor der Pflege, eine Tasse Kaffee anbieten oder gemeinsam ein Lied anstimmen (Lind 2011: 126f).

Beispiel 4: Einer Demenzkranken, die sich vehement mit Gewalt dem Toilettengang widersetzte, wurde daraufhin stets eine zweite Puppe in die Hand gedrückt, damit sie nicht schlagen konnte. Mit der Zeit verinnerlichte die Betroffene diesen Zusammenhang und wusste, dass mit der zweiten Puppe der bevorstehende Toilettengang anstand (Camp 2015: 87).

Beispiel 5: Damit Demenzkranke sich auf die Mittagsmahlzeit einstellen können, wurde immer fünf Minuten vor Beginn der Mahlzeit ein bestimmtes Lied gespielt. In anderen Einrichtungen wurde bei den Mahlzeiten Musik dargeboten, die so gleichzeitig den Beginn und das Ende der Mahlzeit signalisierte (Camp 2015: 98, Ragneskog et al. 1997).

Neurowissenschaftliche Erklärungen

Neurowissenschaftlich sind hier mehrere unterschiedlich beeinträchtigte Hirnareale zur Erklärung dieser Verhaltensmuster anzuführen. Wie bereits weiter oben ausgeführt wurde, sind die Bewegungsimpulse des Langzeitgedächtnisses, das prozedurale Gedächtnis, noch recht robust, da sie überwiegend in noch recht intakten Bereichen des Kleinhirns verankert sind. Stärker vom neurodegenerativen Abbauprozess sind hingegen die Hirnbereiche betroffen, die mit diesen Bewegungsabläufen geistig verschaltet sind wie die Fähigkeiten Wahrnehmen, Erkennen, Überprüfen und Entscheiden (Exekutivfunktionen). Diese Kompetenzen sind eng mit dem Arbeitsgedächtnis als Element des Kurzzeitgedächtnisses im Hypocampusareal verknüpft, das bereits früh vom Abbau betroffen ist. Das folgende Beispiel zeigt das dysfunktionale Zusammenwirken eines intakten Handlungsmusters mit einer nicht mehr situationsgerechten geistigen Erfassung des Sachverhalts in Gestalt des fehlenden Beendigungsimpulses:

Beispiel 6: Eine Demenzkranke löffelt noch ständig im Joghurtbecher, obwohl er bereits längst leer ist (Röse 2017: 229).

Schlüsselreize haben in diesen nicht mehr intakten und angemessen verschalteten Hirnarealen die Aufgabe, diese kognitiven Defizite und Minderleistungen durch äußere Reizgefüge und Impulse zu ersetzen bzw. zu ergänzen. Der Einsatz von Schlüsselreize ist eine externe Kompensationsleistung, ein wichtiges Element im Spektrum der Demenzpflege. Schlüsselreize werden somit gezielt als verhaltenslenkende Impulse zur Bewältigung des Alltags eingesetzt.

Konsequenzen für die Praxis

Die angeführten Fälle verdeutlichen, dass im fortgeschrittenen Stadium Demenzkranke nicht mehr selbständig die Anforderungen der Umwelt bewältigen können. Es bedarf hierbei einer Reihe von Schaltern oder Schlüsselreizen zur Regulierung eines situationsgerechten Handlungsgefüges wie der Mahlzeiteneinnahme oder der Abendpflege. Diese Schlüsselreize wiederum sind Bestandteile der lebensgeschichtlich geprägten Handlungsmuster. Die Kenntnis der Gewohnheiten in der Alltagsbewältigung vor der Erkrankung ist ein entscheidendes Kernelement für die Unterstützung und Hilfestellung.

Parallel zur Reaktivierung lebensgeschichtlicher Verhaltensweisen gilt es, den Alltag in Gestalt der Pflege, Betreuung und Tagesstrukturierung durch strikte Ritualisierung oder Verstetigung mittels ständiger Wiederholungen zu strukturieren, wie bereits weiter oben angeführt wurde. Durch dieses Konditionieren aller Reizimpulse wird die Gegebenheit der unmittelbaren Umwelt vereinfacht. Eine durch die Demenz krankhaft vereinfachte Hirnstruktur benötigt zur Alltagsbewältigung ebenso vereinfachte Reizgefüge der Umwelt.

Auch hier besteht wieder die Parallele zur Lebenswelt von Kleinkindern, die ebenfalls diese Beständigkeit der Reizgefüge der Umwelt aufgrund der unausgereiften Hirnfunktionen benötigen. Der entscheidende Faktor sowohl für Demenzkranke als auch für Kleinkinder bezüglich des Empfindens von Sicherheit und Geborgenheit besteht aus der Vorhersehbarkeit allen Geschehens.

Anhand der Beispiele erkennt man die immense Bedeutung des Nachahmungsverhaltens in der Pflege und Betreuung Demenzkranker. Pflegende wie auch Mütter wissen intuitiv um die Wirksamkeit dieses Verhaltens im Umgang mit Demenzkranken und Kleinkindern (Siegler et al. 2016: 182). Wie bedeutsam die Kinderpflege für die Demenzpflege ist, zeigt die Erkenntnis einer Altenpflegerin, die berichtete, dass sie erst durch die Pflege ihrer eigenen Kinder sicher im Umgang mit Demenzkranken geworden sei (persönliche Mitteilung).

Literatur

  • Camp, C. J. (2015)Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Ragneskog, H. et al. (1997) Music and other strategies to improve the care of agitated patients with dementia. Interviews with experienced staff. Scandinavian Journal of Caring Science, 11(3):176-82.
  • Röse, K. M. (2017 Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.

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