Realitätsverlust beeinflussbare spontane Desorientierung

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Die beeinflussbare spontane Desorientierung (vorläufiger Arbeitstitel) als ein Realitätsverlust bildet den Inhalt des achten Blogs. Es werden neurowissenschaftliche Erklärungsansätze und Strategien für den Umgang mit dieser Krankheitssymptomatik dargestellt.

Das Auftreten beeinflussbarer spontaner Desorientierungsphänomene bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium ist recht weit verbreitet. Hierbei handelt es sich um eine Verzerrung des raumzeitlichen Gefüges auf der Grundlage episodischer Langzeitgedächtnisinhalte wie in folgenden Beispielen gezeigt wird:

Beispiel 1: Eine Demenzkranke irrt auf dem Wohnbereich umher auf der Suche nach den Hühnern, die sie noch füttern müsse.

Beispiel 2: Eine Demenzkranke muss unbedingt nach Hause und damit den Wohnbereich verlassen, da sie für ihre Kinder das Mittagessen kochen müsse.

In beiden Fällen handelt es sich um bedeutsame Aufgaben aus dem Leben der Erkrankten mit einem Verpflichtungscharakter, die es daher unbedingt zu erledigen gilt, andernfalls droht Strafe bzw. es hungern die Kinder. Diese Desorientierungsphänomene besitzen somit ein hohes Belastungs- oder Stresspotential für die Betroffenen.

Neurowissenschaftlich und zugleich auch neuropathologisch lässt sich diese Symptomatik mit dem fehlenden Realitätsfilter im Frontallappen der Großhirnrinde erklären (Schnider 2012). Diesem Filter obliegt die Aufgabe, Impulse aus verschiedenen Hirnarealen, bevor sie ins Bewusstsein dringen, hinsichtlich ihrer Realitätsbezogenheit zu bewerten und zu klassifizieren (Erinnerung oder Realität). Bevor nun z. B. ein Impuls aus dem Langzeitgedächtnis ins Bewusstsein gelangt, wird er vom Realitätsfilter überprüft und entweder unterdrückt bzw. als bloße Erinnerung markiert. Geht nun diese Filterfunktion aufgrund des neurodegenerativen Abbauprozesses bei der Alzheimerdemenz verloren, so dringen Erinnerungen ungefiltert ins Bewusstsein und werden für die Realität gehalten. Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium befinden sich somit oft zugleich in zwei Zeitsphären, der Vergangenheit und der Gegenwart, die sie nicht mehr realitätsgerecht zu trennen vermögen. Interessant ist der Sachverhalt, dass auch bei anderen neurologischen Erkrankungen (z. B. Ruptur eines Aneurysmas der Aorta communicans) dieses Krankheitssymptoms einer spontanen zeitlichen Desorientierung beobachtet werden konnte (Schnider 2012: 570). Schnider bezeichnet dieses Symptom „spontane Verhaltenskonfabulation“.

Für das spontane Auftreten dieses Desorientierungsphänomens lassen sich zwei Annahmen als Ursachen anführen:

  1. Ein Blick aus dem Fenster auf eine Sandfläche im Außenbereich ruft z. B. bei der Demenzkranken in Beispiel 1 die Erinnerung an die Hühner hervor, deren Hühnerhof vor vielen Jahrzehnten sich ebenfalls auf einer Sandfläche befand. Hier kann somit ein visueller Außenreiz der Auslöser für den Realitätsverlust darstellen.
  2. Es kann aber auch vermutet werden, dass Binnen- oder Innenreize wie bloße Tagträumerei diesen Verwirrtheitszustand ausgelöst haben können. Demenzkranke sind nämlich aufgrund des fehlenden Realitätsfilters auch nicht mehr in der Lage, Trauminhalte von der Realität klar zu unterscheiden. Nachtwachen in Pflegeheimen sind oft mit den Gegebenheiten dieser Symptomatik und deren Konfliktlösung konfrontiert (Lind 2011: 210).

Es lässt sich somit feststellen, dass Demenzkranke im hohen Alter zusätzlich neben den hirnpathologischen Abbauprozessen auch noch aufgrund ihres langen Lebens mit einer Vielzahl an Erinnerungen ausgestattet sind, die im fortgeschrittenen Stadium dysfunktionale Wirkungen für die Betroffenen mit sich bringen können. Eine vorrangige Aufgabe der Pflege, Betreuung und Milieugestaltung wird u. a. darin bestehen, dieses Gefahrenpotential eigenweltlicher Wahrnehmungen zu begrenzen und zu vermindern.

Konsequenzen für die Praxis

Realitätsverluste mit deutlichem Belastungscharakter für die Betroffenen bilden ein weitgefächertes Aufgabenfeld für die Pflege und Betreuung. Wenn es gilt, die in der Zeit Verwirrten wieder in die Gegenwart zurückzuholen, dann sind verschiedene Regeln, Wirkmechanismen und auch Rahmenbedingungen wie folgt strikt zu beachten.

Ablenken und Beruhigen

Wenn ein spontanes Desorientierungsphänomen, wie z. B. in den obigen Beispielen angeführt, beobachtet wird, besteht die Aufgabe darin, diesen Realitätsverlust möglichst umgehend wieder aufzulösen. Das heißt konkret, den Betroffenen aus dieser belastenden Realitätsverzerrung wieder heraus zu geleiten. Der Wirkmechanismus hierbei ist die „Löschung“ (Begrifflichkeit aus der Verhaltenstherapie bzw. Lernpsychologie). Löschung bedeutet hier konkret, einen negativen Impuls wie das Verlangen, Hühner füttern zu müssen, andernfalls drohe Strafe, durch einen positiven Impuls zu ersetzen und somit zugleich zu löschen. In diesem Beispiel wäre der positive Löschungsimpuls die Aussage einer Pflegenden oder Betreuenden: „Frau Mayer, ich habe die Hühner doch schon gefüttert!“

Bei den Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien gilt es jedoch zu beachten, dass die Intensität der Unruhe oder Aufgeregtheit des Desorientierten die Grundlage für die Form des Eingreifens darstellt. Wenn z. B. die Verwirrte sich erst wenige Minuten auf der Suche nach den imaginären Hühnern befindet und somit noch relativ unaufgeregt ist, dann reicht in der Regel eine verbale Lösung wie eben angeführt. Ist sie hingegen vielleicht schon fast eine halbe Stunde auf der Suche und bereits voller Furcht vor der drohenden Strafe des Vaters, dann bedarf es intensiverer Löschungsimpulse, um sie aus dieser verzweifelten Lage zu befreien. Bloße Worte reichen hier nicht mehr. Löschungsimpulse wären z. B. eine Ortsveränderung (in die Küche führen), einen Gegenstand in die Hand drücken (nasse Tasse) und die Betroffene zu bitten, diese Tasse abzutrocknen (Lind 2011: 116). Diese drei neuen Reizgefüge würden in der Regel ausreichen, den negativen Reiz „Furcht vor der drohenden Strafe“ zu verdrängen. Untersuchungen haben ergeben, dass diese intuitiven und spontanen Ablenkungsformen von fast allen Pflegenden und Betreuenden in der Demenzpflege praktiziert werden (James 2011: 187).

Aufmerksamkeit „fesseln“

Das Krankheitssymptom beeinflussbare spontane Desorientierung tritt nach Erfahrungen aus der stationären Altenhilfe häufiger auf, wenn die Demenzkranken allein sind. Sind sie eingebunden in das soziale Gefüge eines Gemeinschaftserlebens, dann wird diese Zeitverwirrung seltener beobachtet. Erklären lässt sich dieser Sachverhalt mit der Bindung oder auch „Fesselung“ der Aufmerksamkeit der Betroffenen. Für Demenzkranke ebenso wie für Kleinkinder gilt die neuropsychologische Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit und Bewusstsein quasi identisch sind (Lind 2011: 79f). Die Wirksamkeit der oben angeführten Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien belegen diesen neurowissenschaftlichen Sachverhalt.

Für die Sozial- und Milieugestaltung im Heimbereich bedeutet dies, ein Milieu mit stark wirksamen Reizgefügen zu gestalten. Und die stärksten Reizgebilde hierbei bestehen aus den Mitmenschen, den Mitbewohnern und den Pflegenden und Betreuenden. Gruppenangebote ebenso wie das bloße Miteinander absorbieren oder binden fast automatisch die Aufmerksamkeit und vermindern so das Abgleiten in die Sphäre spontaner Desorientierungsphänomene. Für Pflegende und Betreuende gilt zusätzlich noch die Regelung des „Präsenzmilieus“: „bewohnerferne Tätigkeiten bewohnernah ausführen“ (Lind 2011: 143). Denn mehr noch als die Mitbewohner stabilisieren die Pflegenden und Betreuenden als vertraute Bezugspersonen das psychosoziale Gleichgewicht der Demenzkranken (Kihlgren et al. 1994).

Beobachten

Neben diesen Formen einer sozialen Verdichtung des Milieus zur Einbindung der Demenzkranken zwecks Fesselung der Aufmerksamkeit besteht eine weitere Aufgabe der Mitarbeiter in der ständigen Beobachtung der Bewohner. Denn es gilt bei sich anbahnenden spontanen Desorientierungsphänomenen möglichst frühzeitig mittels eines Ablenkungsimpulses zu intervenieren, denn nur so lassen sich die Belastungsempfindungen vermeiden. Hierzu ein Beispiel:

Bei einer Bewohnerin verändert sich am Tisch auf einmal deutlich die Mimik. Die anwesende Pflegende weiß aus Erfahrung, dass bei diesem Gesichtsausdruck die Demenzkranke stets nach Hause muss. Um dies zu verhindern, besorgt sie sich schnell zwei nasse Gabeln und ein Geschirrtuch, die sie der Demenzkranken mit der Bitte in die Hand drückt, sie abzutrocknen. Die Angesprochene kommt dieser Aufforderung freundlich lächelnd nach und vergisst dabei das Ansinnen, nach Hause gehen zu wollen. (Lind 2011: 117)

Wie bereits im 2. Blog angeführt, bedarf es beim Überforderungs- und Stresserleben Demenzkranker des unmittelbaren Eingreifens u. a. in Form der Ablenkung und Beruhigung , denn die Betroffenen sind zur Selbstberuhigung nicht mehr fähig und geraten somit leicht in Panikreaktionen.

Literatur

  • James, I. A. (2011) Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz, Bern: Verlag Hans Huber
  • Kihlgren, M. et al. (1994) Auswirkungen der Schulung in integrationsfördernder Pflege auf die zwischenmenschlichen Beziehungsabläufe auf einer Langzeitabteilung. Pflege, 7 (3): 228–236.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Schnider, A. (2012) Konfabulationen und Realitätsfilter. In: Karnath, H.-O. und Thier, P. (Hrsg.) Kognitive Neurowissenschaften, Berlin: Springer (567 – 572)

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