Wahnhafte Halluzinationen

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Realitätsverlust – wahnhafte Halluzinationen“ ist der Themenschwerpunkt des neunten Blogs. Neben neurowissenschaftlichen Erklärungsansätzen werden vor allem therapeutische Interventionen erläutert.

Visuelle Realitätsverluste wie Fehlwahrnehmungen oder Halluzinationen sind im fortgeschrittenen Stadium der Demenz recht weit verbreitet (Lind 2007: 51). Diese Symptome unterscheiden sich teils recht stark hinsichtlich ihres Belastungsgrades für die Betroffenen. Bei einer wahnhaften Halluzination ist das Trugbild meist mit den Aspekten Bedrohung und Furcht verknüpft, die zu psychophysischem Stresserleben führt, wie das folgende Beispiel zeigt:

Beispiel: Eine Demenzkranke sitzt vor Angst erstarrt in ihrem Bett und flüstert völlig verängstigt der hereinkommenden Pflegenden zu, dass Murmeltiere unter ihrem Bett wären, die sie fressen wollten. Die Pflegende öffnet daraufhin die Balkontür, greift sich einen Besen und scheucht die «Murmeltiere» auf den Balkon und schließt anschließend demonstrativ die Balkontür. Die Bewohnerin ist sichtlich erleichtert. (Lind 2011: 212)

Auf dem ersten Blick wird man annehmen, dass hier ein einfaches Ursache-Wirkung-Verhältnis dergestalt vorliegt, dass die Betroffene eine Heidenangst entwickelt, weil sie die „Murmeltiere“ unter dem Bett gesehen bzw. gespürt hat. Es kann aber auch der Umkehrschluss dergestalt gezogen werden, dass die Demenzkranke die „Murmeltiere“ sieht, weil eine fürchterliche Angst sie ergriffen hat. Belegen lässt sich diese Annahme wieder mit einer Parallele zu kleinkindlichen Verhaltensweisen. Es wird nämlich oft beobachtet, dass Kleinkinder beim Einschlafen allein im Dunkeln ebenfalls Halluzinationen (Gespenster, Monster etc.) entwickeln. Die eintretenden Mütter, denen diese Trugbilder geschildert werden, verhalten sich dann spontan wie die Pflegende im obigen Beispiel: sie öffnen das Fenster und scheuchen die Monster hinaus. Im Winter hingegen wird oft eine Schranktür geöffnet, um das Gespenst einzuschließen.

Die Ähnlichkeit in der Symptomatik und auch in der Behebung dieses Belastungselementes lässt die Verallgemeinerung zu, dass sowohl Kleinkinder wie auch Demenzkranke teilweise ihre Furcht in Gestalt von Halluzinationen regelrecht visualisieren. Furcht und Angst wird demnach aufgrund der noch unausgereiften Hirnstrukturen bei Kleinkindern bzw. des hirnpathologischen Abbaus bei Demenzkranken in Gestalt von Trugbildern veräußerlicht.

Als eine weitere Ursachenkonstellation für die wahnhaften Halluzinationen könnte zu den hier bereits angeführten Faktoren die massive Reizarmut eventuell ergänzend hinzukommen. Man stelle sich nur vor, den ganzen Tag allein im Zimmer im Bett zu liegen und nur weiße Wände und die weiße Zimmerdecke zu sehen. Das führt zumeist zu einer sensorischen Deprivation, die ebenfalls Halluzinationen zur Folge hat (Sacks 2013).

Konsequenzen für die Praxis

Ähnlich wie bei den beeinflussbaren spontanen Desorientierungssymptomen (siehe 8. Blog) gilt es, umgehend die Betroffenen aus dieser extrem belastenden Situation zu befreien, denn es droht andernfalls eine lebensbedrohliche psychophysische Dekompensation. Folgende Vorgehensweisen haben sich in der Praxis bewährt.

Ortswechsel

Es bedarf manchmal gar nicht allzu großer Bemühungen, um Demenzkranke aus einer wahnhaften Halluzination heraus zu helfen, wie folgendes Beispiel zeigt:

Eine mobile Demenzkranke stand in der Stationsküche, starrte entsetzt die weiße Wand an und presste dabei aufgeregt hervor: „es brennt, es brennt!“ Die gerade in der Nähe stehende Pflegende nahm sie sacht am Arm und führt sie aus dem Raum mit der Bemerkung „Frau Mayer, Sie helfen mir doch beim Wäschesortieren?“

Der bloße Ortswechsel reichte hier aus, die visuelle Halluzination mit dem Gefahrenpotential „Feuer“ unverzüglich zu beseitigen. Auch hier liegt der neuropsychologische Tatbestand einer „Löschung“ (Extinktion) vor, indem ein negativer belastender Reiz durch eine Ortsveränderung getilgt wurde.

Mitgehen und Mitmachen

Bei den Strategien des „Mitgehens und Mitmachens“ handelt es sich überwiegend um intensive Einwirkungs- und damit zugleich auch Beeinflussungsmodalitäten, die manchmal an Inszenierungen im Theater erinnern (Lind 2011: 216). Wie im ersten Beispiel gezeigt, kam ein „Demenzbesen“ zum Einsatz, der mit Vehemenz, verbaler Verstärkung und starker Gestik verwendet wurde. Man mag sich nun verwundert fragen, ob dieses Getue überhaupt notwendig gewesen wäre. Dass dieses Verhalten wohl angemessen gewesen ist, zeigt folgendes Negativbeispiel:

Eine bettlägerige Bewohnerin wies die im Raum befindliche Pflegende darauf hin, dass gefährliche Tiere unter ihrem Bett versteckt seien. Die Pflegende ging halb in die Hocke, machte eine ausholende Armbewegung und sagte dabei: „Husch, husch, weg mit euch!“ Als sie sich aufrichtete, rief die Demenzkranke aufgeregt: „Die sind ja immer noch da!“

In diesem Beispiel war der Löschungsimpuls eindeutig zu gering. Die Pflegende hat nicht das Ausmaß an Furcht und Verzweiflung der Bewohnerin richtig eingeschätzt, andernfalls wäre sie eindrucksvoller und damit überzeugender vorgegangen. Es gilt hier also die Regel: ein massives Problem erfordert einen massiven Lösungseinsatz (siehe 8. Blog).

Grenzen der Pflege und Betreuung

Es gilt in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass es auch wahnhafte und anderweitig belastende Halluzinationen bei demenziellen Erkrankungen gibt, die gegenüber den hier angeführten verschiedenen Formen der Beeinflussung resistent sind. Hier reichen dann die Außenreize als Löschungsimpulse aus unterschiedlichen Gründen nicht aus. In diesen Fällen sind dann pharmakologische Interventionen zur Leidensminderung angezeigt.

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Sacks, O. (2013) Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen, Reinbek: Rowohlt Verlag

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