Empfindungsstörung falsche und fehlende Körperwahrnehmung

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Die Empfindungsstörungen „falsche Körperwahrnehmung“ (vorläufiger Arbeitsbegriff) und „fehlende Körperwahrnehmung“ sind das Thema des siebten Blogs. Hierbei geht es vorrangig um die Vermeidung von Stürzen mittels verschiedener Strategien.

Bei Empfindungsstörungen handelt es sich um Wahrnehmungsstörungen der Innen- oder Binnenreize der Körperorgane, also um innerorganischer Prozesse (Interozeption – siehe 6. Blog). Die folgenden Beispiele verdeutlichen diese Krankheitssymptome:

Beispiel 1: Ein bereits immobiler Demenzkranker sitzt im Rollstuhl und versucht aufzustehen um zu gehen. Ohne unmittelbares Eingreifen wäre er sofort gestürzt. Ähnliche Verhaltensweisen wurden bei Versuchen, morgens aus dem Bett heraus aufstehen zu wollen, beobachtet.

Beispiel 2: Ein Demenzkranker wandert stundenlang auf dem Wohnbereich und hört auch nicht auf, als eine deutliche Gangunsicherheit und leichtes Schwanken zu beobachten sind. Auch hier droht in Kürze ein Sturz.

Bei dem Versuch einer neurowissenschaftlichen Erklärung dieser Verhaltensmuster kann von der Annahme ausgegangen werden, dass durch den neurodegenerativen Abbau bestimmte Hirnareale, die für die Abstimmung und Regulierung neuronaler Schaltkreise verschiedener Funktionsbereiche des Körpers zuständig sind, bereits nicht mehr funktionsfähig sind. Umgangssprachlich lässt sich das wie folgt ausdrücken: Hirn und Knie sind nicht mehr angemessen miteinander verschaltet mit der Folge einer „falschen Körperwahrnehmung“. Zusätzlich kann des Weiteren vermutet werden, dass die Erkrankten im Beispiel 1 aufgrund der Fähigkeit zur aufrechten Körperhaltung im Rollstuhl und auch im Bett sich noch das Empfinden erhalten haben, selbständig gehen bzw. aufstehen zu können. In Beispiel 2 kann vermutet werden, dass die physiologische Empfindungen eines zunehmenden Kräfteverlustes und einer beginnenden Gangunsicherheit nicht mehr wirksam mit den anderen Handlungsmustern des Körpers abgeglichen bzw. synchronisiert werden können. So kann das Krankheitssymptom „fehlende Körperwahrnehmung“ erklärt werden. Die Folge hiervon sind dann ein Verhaltensautomatismus, eine Enthemmung und auch ein Kontrollverlust (Disinhibition). Es fehlt konkret das schützende Regulativ, mit dem Wandern aufzuhören. Die Betroffenen sind in diesen Situationen hilflos und selbstgefährdet zugleich.

Konsequenzen für die Praxis

Es wird empfohlen, die nachfolgend angeführten Interventionen mit den zuständigen rechtlichen Institutionen (Amtsgericht u. a.) abzusprechen bzw. die hierfür erforderliche Erlaubnisse einzuholen. Des Weiteren sollte der Aspekt der zwei Dimensionen der Unversehrtheit ausreichend Berücksichtigung finden. Die körperliche Unversehrtheit wird durch Strategien des Vermeidens von Stürzen gewährleistet. Die seelische Unversehrtheit kann nur garantiert werden, wenn bei den Betroffenen bei diesen bewegungseinschränkenden Maßnahmen keine belastenden Empfindungen wie z. B. das Erleben der Begrenzung ihrer Selbstbestimmung im Handeln aufkommen.

Zu den beiden Fallbeispielen gilt anzuführen, dass hier die Vermeidung eines Sturzes im Vordergrund der Bemühungen steht, denn Stürze bei Gebrechlichen und Hochbetagten sind oft mit massiven Gesundheitseinbußen (u. a. Bein- und Beckenbruch) verbunden. Es gilt die Faustregel, dass bei dieser Personengruppe jeder zweite Sturz zu Verletzungen führt. Folgende Präventionsstrategien werden u. a. gegenwärtig zwecks Vermeidung eines Sturzes in Heim und Privathaushalt angewendet.

Demenzsensible Fixierung

Als demenzsensible Fixierungen können Fixierungsformen verstanden werden, bei der die Demenzkranken die körperlichen Bewegungseinschränkungen in der Regel nicht bewusst wahrnehmen. Diese Interventionen lassen sich auch als „versteckte Fixierungen“ bezeichnen. Mithilfe dieser Maßnahmen werden psychophysische Überforderungsreaktionen seitens der Demenzkranken vermieden, die massive gesundheitliche Einbußen zur Folge haben können. Formen der demenzsensiblen bzw. versteckten Fixierung sind z. B. niedrige Sessel, Rollstuhl an den Tisch schieben und anschließend festschalten oder ein Geristuhl. Eine demenzsensible Fixierung ist immer auch mit einem von der Fixierung ablenkenden Reizgefüge verbunden (z. B. ein Getränk, Dinge zum Kramen oder Sortieren, aber auch vertraute Kuscheltiere oder Puppen). Gemäß der Unfähigkeit zu einer geteilten Aufmerksamkeit im fortgeschrittenen Stadium der Demenz wird die Aufmerksamkeit in dieser Situation auf den Ablenkungsreiz gelenkt, so dass der Zustand der Fixierungsgegebenheit nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Sollten diese Gegenstände allein nicht ausreichen, so werden weitere ergänzende Interventionen wie folgt empfohlen:

  • Platzierung der Fixierten an zentralen Stellen des Wohnbereiches, wodurch ständig Mitbewohner und Mitarbeiter im Blickfeld der Betroffenen sind und somit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen
  • Fesselung der Aufmerksamkeit durch visuelle Impulse wie demenzspezifische Videos oder ein Aquarium

Sollten auch diese Interventionen keine Wirkung zeigen, wäre eine pharmakologische Behandlung durch den Facharzt in Erwägung zu ziehen.

Niedrigbetten

Mittels eines Niedrigbettes lassen sich nächtliche und morgendliche Stürze beim Aufstehen vermeiden. Zusätzlich wird empfohlen, vor dem Bett eine Alarmtrittmatte nebst Sturzmatte zu legen, damit den Betroffenen zeitnah beim hilflosen Liegen auf dem Boden geholfen werden kann.

Bewegungsflächen

Ein Kernelement der Demenzarchitektur besteht aus barrierefreien und gut einsehbaren Bewegungsflächen möglichst als Rundwanderwege und damit ohne Sackgassen (Lind 2011: 302f). Erfahrungen aus dem Heimbereich haben gezeigt, dass Sackgassen im Flurbereich die Bewohner dergestalt überfordern, dass sie sich in die angrenzenden Zimmer verirren und in den dortigen Nasszellen stürzen (Dunkelheit und glatter Boden) (Lind et al. 1990). Im fortgeschrittenen Stadium ist das Wandern oft noch die einzige Tätigkeit, die Demenzkranke selbständig beherrschen. Und für diese Aktivität sollten auch aufgrund der positiven Wirkung auf den Allgemeinzustand die erforderlichen Flächen zur Verfügung stehen.

Beobachtung

Neben den erforderlichen Hilfsmitteln und der demenzspezifischen Raumstruktur bedarf es auch der ständigen Beobachtung der Betroffenen. Besonders beim oft stundenlangen Wandern gilt es auf beginnendes Schwanken der Demenzkranken zu achten. Eine veränderte Gang- und Körperhaltung können auf einen baldigen Sturz hinweisen. Hier sollte möglichst umgehend eingegriffen werden, indem der Betroffene z. B. zum Sitzen in einem tiefen Sessel mit einem ablenkenden Getränk eingeladen wird. Durch diese Maßnahme wird dem Bewegungsautomatismus „Dauerwandern“ Einhalt geboten und es besteht die Möglichkeit zur körperlichen Regeneration.

Literatur

  • Lind, S. et al. (1990) Modelle kompensatorisch-therapeutischer Raum- und Milieugestaltung für eine psychogeriatrische Abteilung . Deutsche Krankenpflege-Zeitschrift, 43 (1): 24 – 28
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Kontaktformular). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.