Verunsicherung durch widersprüchliche Pflegekonzepte

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Pflegeerschwernis aufgrund der Verunsicherung durch widersprüchliche Pflegekonzepte ist der Inhalt des 45. Blogs. Anhand der Problematik „Umgang mit dem Stressverhalten“ werden unterschiedliche Sichtweisen veranschaulicht.

Vorbemerkung

In Blog 44 wurde aufgezeigt, dass durch das Gebot der „personenzentrierten Pflege“ Pflegende u. a. angehalten werden, Demenzkranke strikt gemäß ihrem Willen auf der Grundlage des Autonomiegebots bzw. des Rechts auf Selbstbestimmung zu behandeln. Diese Richtschnur schließt ein, das Gebot der Gewährleistung der Unversehrtheit zugunsten des Rechts auf Selbstbestimmung und damit zugleich Freizügigkeit nachgeordnet einzuschätzen. Diese Position wird in Fachkreisen jedoch kontrovers betrachtet, wenn diesbezüglich die Überdehnung des Autonomiebegriffes bei Kindern und Demenzkranken als ethisch nicht tragbar eingeschätzt wird (Jox 2013). Des Weiteren wird bei dieser Vorstellung einer Autonomie für Demenzkranke das Grundrecht auf Unversehrtheit (GG) negiert, so dass der Vorwurf einer verfassungswidrigen Sichtweise erhoben werden kann. Als zusätzliches Faktum lässt sich in diesem Zusammenhang der Tatbestand anführen, dass bei dieser Autonomiekonzeption keinerlei Bezug auf die bestehenden Sicherungs- und Schutzregelungen (Bürgerliches Gesetzbuch, Betreuungsrecht u. a.) für die hilfe- und schutzbedürftigen Personen genommen wird.

Verunsicherungspotentiale

Wie kann nun erklärt werden, wie derart widersprüchliche Sichtweisen zum Alltagsleben Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium entstehen können. Zwei Erklärungsansätze können u. a. für diese realitätsferne Bewertung eines Selbstbestimmungsrechtes angeführt werden:

  • Ethikpositionen jenseits der Neurowissenschaften
  • Demenzfremde Pflegekonzepte („personenzentrierte Pflege“ u. a.)

Anhand des Problembereiches „Umgang mit dem Stresserleben Demenzkranker“ wird anschließend praxisnah das Ausmaß dieser Grundeinstellung auf die Lebensumstände der hilflosen Personengruppe veranschaulicht.

Ethikpositionen jenseits der Neurowissenschaften

Anhand der Ausführungen über die „Grundlagen einer Ethik der Demenz“ (Wetzstein 2005) wird exemplarisch dargestellt, unter welchen Gesichtspunkten der Gegenstandsbereich Demenz in geisteswissenschaftlichen Arbeitsfeldern aufgearbeitet und bewertet wird. Die folgenden Faktoren treten hierbei besonders in den Vordergrund:

  • Der wissenschaftliche Stand der Forschung wird relativiert, indem u. a. die „Pathologisierung“ der Demenz kritisch hinterfragt wird (Wetzstein 2005: 96f).
  • Der neurodegenerative Rückentwicklungsprozess wird als eine „reduktionistische Personkonzeption“ einschließlich der damit verbundenen „Infantilisierung“ eingeschätzt (Wetzstein 2005: 162f).

Entsprechend dieser Sichtweise wird für Wetzstein aus der Krankheit Demenz das „Phänomen“ Demenz, das gegenwärtig zu Stigmatisierungsprozessen und damit zu einer „Entpersonalisierung dementen Menschen“ führt (Wetzstein 2005: 213f). Es wird diesbezüglich teils bezugnehmend auf das Konzept der „praktischen Ethik“ von Peter Singer (ein Euthanasieansatz) befürchtet, dass bei fortschreitender Demenz die Betroffenen immer weiter aus dem „Schutzkonzept der Menschenwürde“ herausfallen (Wetzstein 2005: 136f und 180).

Wie werden Pflegende und Betreuende auf derartige Mutmaßungen wohl reagieren, wenn man sie mit der Annahme konfrontiert, dass in den Heimen bei fortschreitender Demenz der Bewohner nicht mehr mit der Gewährleistung der Menschenwürde gerechnet werden darf. Auf alle Fälle wird ihre Verhaltenssicherheit und auch Arbeitsfreude durch derartige Unterstellungen nicht gestärkt werden.

„Personenzentrierte Pflege“

Die Einstellung, dass es sich bei den Demenzen vorrangig nicht um Krankheiten, sondern eher um abweichende Alterserscheinungen handelt, wird auch von Vertretern der „personenzentrierten Pflege“ geteilt. Hierbei nehmen vor allem die Veröffentlichungen von Tom Kitwood eine zentrale Position bei der Fundierung dieser Konzeption ein (Kitwood 2000). Grundlage und Bezugsrahmen der „personenzentrierten Pflege“ sind die Konzepte der „humanistischen Psychologie“, einer Weltanschauung und damit Ideologie, die nicht wissenschaftlich und damit empirisch im Sinne der Erkenntnisgewinnung ausgerichtet ist. Im Mittelpunkt dieser Denkrichtung stehen „Wachstum“ und „Selbstverwirklichung“ als zentrale Begriffe und Orientierungswerte, wobei vorrangig die geistige Weiterentwicklung („mental growth“) gemeint ist (Lind 2007: 23). Damit ist dieser Ansatz normativ, fordert er doch das ständige „Wachsen“ als Lebensperspektive ein. Mit dieser ideologisch-normativen Weltanschauung ergeben sich immense Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung neurodegenerativer Erkrankungen. Einschlägige Studien von Vertretern dieser Richtung zeigen das Unvermögen, negative Abbauprozesse als positive Entwicklungen darzustellen (Clarke et al. 2019).

In Blog 44 wurden die Auswirkungen der Autonomievorstellung der „personenzentrierten Pflege“ auf die Einschätzungen eines Risikos bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium beschrieben. Im Folgenden wird auf die unterschiedliche Bewertung von Stress- und Belastungserleben bei Demenkranken eingegangen.

Stress als Alltagsphänomen oder als Krankheitssymptom

Belastungs- und Stresserleben ist bei Demenzkranken ein recht häufig anzutreffender psychischer Zustand. Er ist Ausdruck der krankheitsbedingten gestörten Person-Umwelt-Passung, wenn innere und äußere Reizgefüge nicht mehr angemessen verarbeitet werden können. Das kann z. B. ein lautes Geräusch wie das Telefonklingeln sein, das Unruhe und Furcht verursacht (siehe Blog 2). Es kann auch ein biografisch bedingtes Desorientierungsphänomen sein („Ich muss jetzt für die Kinder das Essen kochen!“) (siehe Blog 8). Oder es kann sich um eine wahnhafte Halluzination handeln („Murmeltiere unter dem Bett!“) (siehe Blog 9). Jedes Mal geraten die Betroffenen in einen Stressmodus, der zu panikartigem Verhalten führen kann, wenn nicht zeitnah und effektiv mittels Strategien des Ablenkens, Beruhigens, Mitgehens und Mitmachens eingegriffen wird. Neuropathologisch lässt sich dieses krankhafte Stresserleben dadurch erklären, dass innere und äußere Reize die Furchtregion im limbischen System (Amygdala) aktivieren, die jedoch im schweren Stadium nicht mehr angemessen im Frontallappen der Großhirnrinde regulierend verarbeitet werden können. Dieses Hirnareal ist bereits zu stark abgebaut und besitzt dadurch nicht mehr seine Schutz-, Puffer- und damit auch Beruhigungsfunktion. Konkret heißt das, dass die Betroffenen die Fähigkeit zur Selbstberuhigung verloren haben. Dadurch geraten die Betroffenen in einen Panikzustand (siehe Blog 2).

Für die Vertreter der „personenzentrierten Pflege“ stellt sich dieser Sachverhalt völlig anders dar, ist doch Demenz keine Erkrankung und demnach sind dann eben auch Stresserfahrungen gemäß dem Normalitätsansatzes Alltagsphänomene, die keiner besonderen Behandlung bedürfen („Stress gehört zum Leben!“). Auf dieser Basis wird dann auch wie folgt argumentiert: „Leiden begründet keine Ethik. Die Frage also: Ist das Leiden bezüglich der nicht gegenwärtigen Mutter nicht zumutbar – für den Klienten und für den Pflegenden?“ Und weiter: „Stress rechtfertigt keine Lügen.“ (Müller-Hergl 2009).

Durch diese Denkweise kann die körperliche und seelische Unversehrtheit der Demenzkranken massiv verletzt werden, wie anhand des folgenden fiktiven Beispiels veranschaulicht wird.

Fiktives Beispiel: Eine Pflegende kommt ins Zimmer und erlebt eine völlig aufgeregte Demenzkranke in ihrem Bett, die furchterschreckt auf die Wand zeigt und dabei ruft „Da, der Mann!“ Die erfahrene Mitarbeiterin weiß, dass es sich hierbei um eine extrem belastende wahnhafte Halluzination handelt. Sie weiß auch, dass durch ein sofortiges und massives Eingreifen in Gestalt des Mitgehens und Mitmachens (demonstrative Vertreibung des „Mannes“) dieser Belastungsimpuls beseitigt werden kann (Löschungsimpuls). Doch sie entscheidet sich auf der Grundlage ihrer neuen Sichtweise im Sinne einer „personenzentrierten Pflege“ für eine Verbalisierungsstrategie: „Frau Meyer, Sie sehen einen Mann. Frau Meyer, ich sehe wiederum keinen Mann. Frau Meyer, wollen wir darüber reden?“ Der Betroffenen kann mit diesen Worten nicht geholfen werden. Kurz darauf dekompensiert die Bewohnerin psychophysisch.

Dieser Sachverhalt ist aus der Sicht des Bloggers eine unterlassenen Hilfeleistung, also ein Straftatbestand (§ 323c StGB), wird doch einer hilflosen Person eine effektive Intervention bewusst vorenthalten (Lind 2010, Lind 2011a).

Wie bereits in Blog 30 angeführt wurde, werden diese normativ-ideologischen Denkweisen der „personenzentrierten Pflege“ gegenwärtig vorrangig von Pflegetheoretikern und leitenden Mitarbeitern in den Heimen vertreten. Es handelt sich hierbei wiederum um ein Überbauproblem und kein Problem der praktischen Demenzpflege. Doch Pflegende können durch diese Denkweisen in ihrem Handeln verunsichert werden, wird doch dieses Denken teilweise von ihren Vorgesetzten und Fort- und Weiterbildnern als Leitlinie propagiert. Daher muss an dieser Stelle nochmals darauf verwiesen werden, dass derartige Einstellungen dem Prinzip des Internationalen Ethikkodexes der Pflege „das Leiden lindern“ widersprechen.

Literatur

  • Clarke, C. et al. (Hrsg.) (2019) Positive Demenzpflege. Fähigkeitenorientierte Ansätze Positiver Psychologie für Menschen mit Demenz. Bern: Hogrefe Verlag.
  • Jox, R. (2013) Der „natürliche Wille“ bei Kindern und Demenzkranken: Kritik an einer Aufdehnung des Autonomiebegriffs. In: Wiesemann, C. et al. (Hrsg.) Patientenautonomie: theoretische Grundlagen – praktische Anwendungen. Münster: Mentis (329 – 339).
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2010) Strategien einer biografisch orientierten Scheinweltgestaltung: Stress und Überforderung vermeiden. Pflegezeitschrift, 63, 11, 668 – 671.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011a) Das Missverständnis. Pflegezeitschrift, 64, 3, 134-136.
  • Müller-Hergl, C. (2009) Stress rechtfertigt keine Lügen. Pflegen: Demenz 4 (11) 30-32.
  • Wetzstein, V. (2005) Diagnose Alzheimer. Grundlagen einer Ethik der Demenz. Frankfurt: Campus Verlag

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Ein Gedanke zu “Verunsicherung durch widersprüchliche Pflegekonzepte”

  1. Dieser Blog entspricht voll und ganz meinen Erfahrungen und meinem ethischen Verständnis im Umgang mit Personen, die von degenerativen Prozessen, die ihre Steuerungsfähigkeit massiv beeinträchtigen, betroffen sind. Informativ – danke

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