Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 3)

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 3) ist der Inhalt des 79. Blogs. Es werden die Gefahren dieses Ansatzes für die Demenzpflege aufgezeigt.

Vorbemerkung

In Blog 77 und Blog 78 konnte der Nachweis geführt werden, dass das Demenzmodell von Kitwood nicht den wissenschaftlichen Standards einer empirisch-analytischen Erfassung realer Gegebenheiten entspricht. Somit kann dann auch nicht von einer Theorie im Rahmen des wissenschaftlichen Handelns gesprochen werden, sondern von einem selbstkonstruierten Ideengebilde, das sich einer erfahrungsbezogenen Überprüfung entzieht und damit den Charakter eines dogmatischen Ansatzes besitzt.

Erklärt werden kann dieser Sachverhalt, wie in Blog 45 angeführt, mit den Konzepten der so genannten „humanistischen Psychologie“. Auf dieser Weltanschauung, die nicht wissenschaftlich und damit empirisch im Sinne der Erkenntnisgewinnung ausgerichtet ist, basiert der Kitwood-Ansatz. Im Mittelpunkt dieser Denkrichtung stehen „Wachstum“ und „Selbstverwirklichung“ als zentrale Begriffe und Orientierungswerte, wobei vorrangig die geistige Weiterentwicklung („mental growth“) gemeint ist (Lind 2007: 23). Damit ist dieser Ansatz normativ und ideologisch zugleich, fordert er doch das ständige „Wachsen“ als Lebensperspektive ein. Mit diesem Dogma ergeben sich immense Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung neurodegenerativer Erkrankungen. Einschlägige Studien von Vertretern dieser Richtung zeigen das Unvermögen, demenzielle Krankheitssymptome angemessen zu erfassen (Clarke et al. 2019).

Die Gefahren des Kitwood-Ansatzes

Da nichtwissenschaftliches und damit zugleich ideologisches und dogmatisches Denken nur die eigenen Grundsätze als Bezugsrahmen zulässt, bedarf es zur Fundierung und Stabilisierung der eigenen Positionen eines Gegensatzes oder Gegenmodells, von dem es sich strikt abzugrenzen gilt. Im Kitwood-Ansatz handelt es sich hierbei um die „maligne bösartige Sozialpsychologie“, die durch die „neue Kultur“ in der Demenzpflege ganz im Sinne einer Schwarzweißmalerei ersetzt und damit zugleich überwunden wird (Kitwood 2000: 193ff). Diese „neue Kultur“ ist für Kitwood ausschließlich der alleinige Maßstab zur Bewertung aller Pflege- und Betreuungsleistungen im Bereich der Demenzpflege. Dieser normativen Denkweise folgend wird dann jede abweichende Handlungsweise als Fehler gewertet und dementsprechend mit einem Verbot belegt. Im Folgenden werden Auswirkungen dieses Ansatzes auf die gegenwärtige Demenzpflege angeführt.

Einschränkung des Leistungsspektrums

Als eine bedeutsame Gefahr für die Demenzpflege in Pflegeheimen kann die Einschränkung des Leistungsspektrums betrachtet werden. Da in manchen Einrichtungen der Kitwood-Ansatz bereits Deutungs- und Disziplinierungsmacht u. a. in Gestalt von Pflegeleitbildern besitzt, werden viele Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien gar nicht mehr oder nur noch heimlich praktiziert. Wiederholt wird aus den Heimen berichtet, dass die therapeutische Beeinflussung wahnhafter Realitätsverluste mittels Strategien des „Mitgehens und Mitmachens“ (z. B. „fremde Männer“ vertreiben) mit Abmahnungen und Ähnlichem geahndet werden (Lind 2011a).

Abstumpfung bzw. Desensibilisierung

Wiederholt berichten Pflegende, die an Fortbildungen des Kitwood-Ansatzes teilgenommen haben, dass sie nun bei wahnhaften Realitätsverlusten Demenzkranker nicht mehr „lügen“ würden. Eigene Umgangsformen hätten sie zwar auch nicht, doch jetzt könnten sie den Stress der Demenzkranken besser ertragen (Lind 2011a).

Diesbezüglich kann auf das fiktive Beispiel in Blog 45 verwiesen werden, das hier noch einmal angeführt wird: „Eine Pflegende kommt ins Zimmer und erlebt eine völlig aufgeregte Demenzkranke in ihrem Bett, die furchterschreckt auf die Wand zeigt und dabei ruft „Da, der Mann!“ Die erfahrene Mitarbeiterin weiß, dass es sich hierbei um eine extrem belastende wahnhafte Halluzination handelt. Sie weiß auch, dass durch ein sofortiges und massives Eingreifen in Gestalt des Mitgehens und Mitmachens (demonstrative Vertreibung des „Mannes“) dieser Belastungsimpuls beseitigt werden kann (Löschungsimpuls). Doch sie entscheidet sich auf der Grundlage ihrer neuen Sichtweise im Sinne des Kitwood-Ansatzes für eine Verbalisierungsstrategie: „Frau Meyer, Sie sehen einen Mann. Frau Meyer, ich sehe wiederum keinen Mann. Frau Meyer, wollen wir darüber reden?“ Der Betroffenen kann mit diesen Worten nicht geholfen werden. Kurz darauf dekompensiert die Bewohnerin psychophysisch.

Risikozubilligung anstelle der Unversehrtheit

In Blog 44 wird auf den Sachverhalt eingegangen, dass von Vertretern des Kitwood-Ansatzes Demenzkranken uneingeschränkt das Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung zugestanden wird. Erklären lässt sich diese Einstellung mit der Annahme, dass es sich bei der Demenz letztlich nicht um eine Erkrankung, sondern um eine besondere Form der Hirnalterung handelt. Dementsprechend gilt für diese Personengruppe somit auch vorrangig das Normalitätsprinzip für die alltägliche Lebensgestaltung. Bezogen auf eventuelle Risiken wird dann wie folgt argumentiert: „Doch das Leben ist nun einmal ein riskantes Unterfangen. Deshalb vertritt der Autor die Ansicht, dass es unethisch ist, im tagtäglichen Leben jemanden davon abzuhalten, für sich selbst akzeptable Risiken einzugehen, wenn wir die Demenz dieser Person als Rechtfertigung hierfür heranziehen.“(Chalfont 2010: 71). Auch Loveday vertritt diese Position: „Risiken gehören zum Leben, auch zum Leben von Menschen mit Demenz. (…) Wenn sie daran gehindert werden, etwas zu tun, was sie tun möchten, wird sich ihre Lebensqualität vermutlich verschlechtern.“ (Loveday 2015: 137). Welche Konsequenzen diese Denkweise u. a. haben kann, wird an anderer Stelle thematisiert: „Wäre es nicht auch für uns Jüngere ein tröstlicher Gedanke, Freiheit im Alter leben zu dürfen, auch wenn das im schlimmsten Fall bedeutet, daß die verbleibende Lebenszeit beispielsweise durch einen Unfall verkürzt wird?“(Wasner 2000: 65).

Missbilligung stadienbezogener Umgangsformen

In Blog 20 wird darauf verwiesen, dass Umgangsformen des „stadienbezogenen Anpassungsverhaltens“ in der Demenzpflege seitens des Kitwood-Ansatzes abgelehnt werden. Ammensprache, Puppen und Umarmungen u. a. werden als Gegebenheiten einer persönlichkeitsherabmindernden Infantilisierung betrachtet, die aus ethischen Gründen nicht zu billigen seien. So lehnt Kitwood diese Verhaltensweisen als Elemente der „malignen bösartigen Sozialpsychologie“ strikt ab (Kitwood 2000: 75).

Ablehnung von Pflegeermöglichungsstrategien

In Blog 30 werden Umgangsformen zur Pflegeermöglichung mittels fiktiver Sachzwänge beschrieben. Diese Vorgehensweisen der Pflegeermöglichung werden weltweit in der Demenzpflege praktiziert. Es handelt sich somit um universelle angeborene Verhaltensmuster ähnlich dem Umgang mit Kleinkindern. Trotz ihrer Wirksamkeit werden diese Umgangsformen von Vertretern des Kitwood-Ansatzes als Elemente einer „malignen, bösartigen Sozialpsychologie“ als „Betrug“ und „Tricks“ diskreditiert (Kitwood 2000: 75ff).

Die Normalität des Stresses

In Blog 45 wird aufgezeigt, dass gemäß dem Kitwood-Ansatz Stresserfahrungen Demenzkranker genau wie auch die oben beschriebenen Risiken dem Normalitätsprinzip folgend bloße Alltagsphänomene sind, die keiner besonderer Behandlung bedürfen („Stress gehört zum Leben!“). Auf dieser Basis wird dann bezüglich der Anwendung bewährter Ablenkungsstrategien, die als „Lügen“ diffamiert werden, wie folgt argumentiert: „Leiden begründet keine Ethik. Die Frage also: Ist das Leiden bezüglich der nicht gegenwärtigen Mutter nicht zumutbar – für den Klienten und für den Pflegenden?“ Und weiter: „Stress rechtfertigt keine Lügen.“ (Müller-Hergl 2009) (siehe auch Kitwood 2000: 73ff).

Literatur

  • Chalfont, G. (2014) Naturgestützte Therapie. Bern: Verlag Hans Huber
  • Clarke, C. et al. (Hrsg.) (2019) Positive Demenzpflege. Fähigkeitenorientierte Ansätze Positiver Psychologie für Menschen mit Demenz. Bern: Hogrefe Verlag
  • Kitwood, T. (2000) Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011a) Das Missverständnis. Pflegezeitschrift, 64, 3, 134-136
  • Loveday, B. (2015) Demenzteams führen und leiten. Bern: Verlag Hans Huber
  • Müller-Hergl, C. (2009) Stress rechtfertigt keine Lügen. Pflegen: Demenz 4 (11) 30-32
  • Wasner, E. (2000) „Mensch, werde wesentlich.“ Zeichen im Sand der Gedanken. In: Gutensohn, S. Endstation Alzheimer?: Ein überzeugendes Konzept zur stationären Betreuung. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag (55 – 67)

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

Ein Gedanke zu “Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 3)”

  1. Ich verfolge die letzten Artikel mit ausgesprochenem Interesse.
    Ich bin 61 Jahre, seit 30 Jahren in der Pflege tätig und habe immer Diskussionen über das Antworten von irrealen, wenn auch für die Betroffenen absolut real, Äußerungen. Das Rufen nach der Mama ist in der Endphase, vor allem bei Frauen, sehr ausgeprägt. Nach Kitwood müsste ich nun antworten, deine Mama ist schon 20 Jahre tot, du kannst gar keine Mama mehr haben, da du selber schon 85 Jahre alt bist. So habe ich auch schon geantwortet, da nichts geholfen hatte. Doch was habe ich erreicht? Eine völlig verstörte Frau, die das nicht einordnen kann. Nachts ergeben sich sehr häufig solche Situationen, Inzwischen reagiere ich ausschließlich nach meiner Intuition. Das wichtigste ist doch, dem Gegenüber sein Gesicht zu wahren zu unterstützen, so wie ich es für mich auch wünsche. Der Demente spürt, ob ich es ehrlich meine, im Sinne, dass er oder sie sich bei mir sicher und geborgen fühlt.

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