Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 12)

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Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 12) sind der Inhalt des 109. Blogs. Es wird das Konzept der Altbiografie angeführt.

Vorbemerkung

In Blog 26 wird gezeigt, dass der Handlungs- und auch Orientierungsrahmen der Demenzpflege von zwei Dimensionen oder Scharnieren gehalten wird: der Stetigkeit der Gegenwart (Neubiografie oder Konditionierung und Ritualisierung) und bedeutsamen Erinnerungen aus der Zeit vor Ausbruch der Erkrankung (Altbiografie oder episodische und prozedural-episodische Langzeitgedächtnisinhalte). Diese zwei Faktoren sind die wesentlichen Kernelemente der Demenzwelt und damit zugleich auch der Demenzlebensweltgestaltung. Ohne Alt- und Neubiografie droht ständige Unruhe und Furcht, sie sollten somit für jede stationäre Pflegeeinrichtung, die Demenzkranke zu ihrer Bewohnerschaft zählt, Pflicht und Standard zugleich sein.

Altbiografie im Rahmen der Demenzpflege ist eine Wortschöpfung des Bloggers (Sven Lind) mit dem vorrangigen Ansinnen, die Bedeutung und zugleich Wirkmächtigkeit von Erinnerungen aus der Zeit vor der Erkrankung hervorzuheben. Denn bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium sind Erinnerungen oder genauer episodische und prozedural-episodische Langzeitgedächtnisinhalte eben keine bloßen Erinnerungen mehr, sie sind aufgrund des fehlenden Realitätsfilters zugleich auch Wirklichkeit, Realität und damit unmittelbare Gegenwart. Der neurodegenerative Abbauprozess bei der Alzheimerdemenz reißt die Schranke oder Grenze zwischen Erinnerung und Realität, also zwischen Vergangenheit und Gegenwart ein, eine Symptomatik, die auch bei anderer neurologischen Erkrankungen festzustellen ist (Schnider 2017).

Realitätsfilter

Wie in Blog 8 gezeigt, lässt sich die Symptomatik einer Verschmelzung von Erinnerungen mit den Realbezügen neuropathologisch mit dem fehlenden Realitätsfilter im Frontallappen der Großhirnrinde erklären (Schnider 2012). Diesem Filter obliegt die Aufgabe, Impulse aus verschiedenen Hirnarealen, bevor sie ins Bewusstsein dringen, hinsichtlich ihrer Realitätsbezogenheit zu bewerten und zu klassifizieren (Erinnerung oder Realität). Bevor nun z. B. ein Impuls aus dem Langzeitgedächtnis ins Bewusstsein gelangt, wird er vom Realitätsfilter überprüft und entweder unterdrückt bzw. als bloße Erinnerung markiert. Geht nun diese Filterfunktion aufgrund des neurodegenerativen Abbauprozesses bei der Alzheimerdemenz verloren, so dringen Erinnerungen ungefiltert ins Bewusstsein und werden für die Realität gehalten. Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium befinden sich somit oft zugleich in zwei Zeitsphären, der Vergangenheit und der Gegenwart, die sie nicht mehr realitätsgerecht zu trennen vermögen. Interessant ist der Sachverhalt, dass auch bei anderen neurologischen Erkrankungen (z. B. Ruptur eines Aneurysmas der Aorta communicans) dieses Krankheitssymptoms einer spontanen zeitlichen Desorientierung beobachtet werden konnte (Schnider 2012: 570). Schnider bezeichnet dieses Symptom „spontane Verhaltenskonfabulation“.

Altbiografie

In Blog 91 wird erläutert, dass die Lebensgeschichte in Gestalt der epischen und episch-prozeduralen Langzeitgedächtnisinhalte für die Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium bedeutsame Wirkkraft besitzt. Die Lebensgeschichte ist nämlich aufgrund des fehlenden Realitätsfilters im Frontallappen der Großhirnrinde sowohl Vergangenheit als zugleich auch Gegenwart (Schnider 2012, siehe Blog 8). Diesem Umstand entsprechend ist im Rahmen des Blogs Demenzpflege auf die Biografieorientierung als ein Kernelement der Demenzpflege bereits ausführlich eingegangen worden, wie im Folgenden gezeigt wird.

Realitätsverluste

Realitätsverluste bei Demenzkranken entstehen durch das Eindringen von episodischen und episodisch-prozeduralen Langzeitgedächtnisinhalten aus der Zeit vor der Erkrankung (Altbiografie) in das Bewusstsein, die krankheitsbedingt durch den bereits abgebauten Realitätsfilter nicht mehr angemessen bearbeitet bzw. reguliert werden können. Folgende Krankheitssymptome mitsamt den wirksamen therapeutischen Interventionen sind bereits angeführt worden:

  • Blog 8 – beeinflussbare spontane Desorientierungsphänomene
  • Blog 11 – belastende Erinnerungen
  • Blog 12 – zwangsähnliches Desorientierungsverhalten

Die Grundlage für die Wirksamkeit der therapeutischen Einwirkungsmodalitäten bestand aus dem Wissen über die biografischen Zusammenhänge der Demenzkranken.

Biografische Verwechselung als Fehlwahrnehmung

In Blog 39 wird gezeigt, dass Erinnerungen aus der Zeit vor der Erkrankung zu Fehlwahrnehmungen bezüglich der Identifizierung von Personen führen können. Konkret werden Mitarbeiter und auch Mitbewohner von Demenzkranken fehlgedeutet, wie folgende Beispiele zeigen.

„Negative Verwechselung“

Bei einer „negativen Verwechselung“ wird die Pflegende meist aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit für eine Person aus der Lebensgeschichte der Demenzkranken verbunden mit negativen Erinnerungen gehalten, z. B. eine zänkische Nachbarin, eine unliebsame Kollegin oder eine Geliebte des Ehemanns. Diese Fehlidentifikation verursacht massiven emotionalen Stress, der sich u. a. dann auch in Ablehnung der Pflegenden einschließlich mit der damit verbundenen Pflegeverweigerung äußert.

Die Praxis zeigt, dass Korrekturbemühungen seitens der Pflegenden kaum eine Änderung in der Wahrnehmung bewirken. Die Betroffenen bleiben in der Regel bei ihrer Überzeugung, eine äußerst unangenehme Person in ihrem Nahbereich erleben zu müssen. Da bleibt als einzige Lösung nur ein Personalwechsel.

„Positive Verwechselung“

Bei einer „positiven Verwechslung“ hingegen werden die Pflegenden aufgrund irgendeines Sachverhaltes (eventuell Ähnlichkeit im Äußeren, Stimmlage oder Gestik) für eine Familienangehörige oder nähere Verwandte gehalten. Dabei kann es vorkommen, dass die Pflegende entweder für eine Nichte oder Enkelin gehalten wird (Stuhlmann 2004: 82), oder der Pflegende als Sohn oder Cousin fehlwahrgenommen wird (Röse 2017: 216).

Altbiografie als Anpassungsstrategien

Für den Umgang mit den Demenzkranken bei der Pflege und Betreuung ist der Rückgriff auf den biografischen Werdegang der Betroffenen und damit auf die Altbiografie die Ausgangslage für die jeweiligen Interventionen. Konkret bedeutet dies, dass nur Reizgefüge und Anregungen verwendet werden dürfen, die im Langzeitgedächtnis bereits abgespeichert sind. Bildlich kann man sich das eine „Schlüssel-Schloss-Beziehung“ vorstellen. Das „Schloss“ besteht hierbei aus den im Langzeitgedächtnis abgespeicherten Reizgefügen, während der „Schlüssel“ aus den hieran angepassten Reizmustern (verbale Kommunikation und Handlungen u. a.) besteht, wie in den folgenden Blogelementen dargestellt wird.

  • Blog 13 – Schlüsselreize
  • Blog 16 – Umgang (u. a. Jargon und „Demenz-Du“)
  • Blog 31 – Prägungen, Gewohnheiten
  • Blog 26 – Pflegeprinzipien: biografische Stetigkeit
  • Blog 36 – biografische Aspekte bei der Pflegeverweigerung
  • Blog 56 – Vertraute Handlungsmuster
  • Blog 63 – Milieusensibilität: biografische Vertrautheit

In Blog 14 und Blog 105 wird ergänzend ein Fallbeispiel angeführt, bei dem es um die bewusste Rückführung einer Demenzkranken in die Vergangenheit geht, um sie vom Belastungserleben der Körperpflege abzulenken:

Eine Pflegende wusste um den früheren beruflichen Kontext einer demenzkranken Bewohnerin (Hutmacherin mit eigenem Geschäft), die aus Furcht vor der Pflege immer in den Zustand einer Schockstarre geriet. Bevor die Pflegende mit der Pflege begann, wurde die Betroffene regelrecht in ihre Vergangenheit zurückgeleitet, indem ihr fast schon ritualisiert immer dieselben Fragen über ihre Tätigkeit und ihr Geschäft (Hutmoden, Kunden, Umsatz etc.) gestellt wurden. Während die Bewohnerin nun enthusiastisch über ihr Leben berichtete, wurde sie gleichzeitig ausgezogen, gewaschen und wieder angezogen, ohne dass sie sich dagegen sträubte (Lind 2007: 147, Lind 2011: 127).

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Röse, K. M. (2017 Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe
  • Schnider, A. (2012) Konfabulationen und Realitätsfilter. In: Karnath, H.-O. und Thier, P. (Hrsg.) Kognitive Neurowissenschaften, Berlin: Springer (567 – 572)
  • Schnider, A. (2017)The Confabulating Mind: How Brain Creates Reality. Oxford: Oxford University Press (2. Auflage)
  • Stuhlmann, W. (2004): Demenz – wie man Bindung und Biografie einsetzt. München: Reinhardt

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

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