Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 11)

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Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 11) sind der Inhalt des 108. Blogs. Es wird das Konzept der Neubiografie angeführt.

Vorbemerkung

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium sind oft verunsichert und beunruhigt, fehlen ihnen doch die Fähigkeiten zu einer geistigen und damit zugleich auch emotionalen Erfassung innerer und äußerer Reizgefüge (siehe Blog 91 und folgende). Diese Personengruppe hat somit ein verstärktes Bedürfnis nach Vertrautheit, Sicherheit, Geborgenheit und Schutz. Entscheidende Wirkmechanismen in diesem Zusammenhang sind im Heimalltag die Neubiografie und das Empfinden der Vorhersehbarkeit. Aufgrund dieser Faktoren lässt sich eine größtmögliche Person-Umwelt-Passung gestalten.

Neubiografie

In Blog 91 wird auf die Begrifflichkeit Neubiografie eingegangen. Neubiografie steht im engen Zusammenhang mit den bisher verwendeten Kategorien Stetigkeit, Konditionierung und Ritualisierung allen Geschehens. Während bei der Altbiografie die Langzeitgedächtnisinhalte die Richtung vorgeben, an die es bei der Pflege und Betreuung anzuknüpfen gilt, geht es bei der Neubiografie darum, durch ständige Konditionierung und Ritualisierung erst Langzeitgedächtnisinhalte im Sinne einer Biografie der Gegenwart aufzubauen. Die Gestaltung und damit der Aufbau einer Neubiografie ist somit ähnlich wie der Bezug auf die Biografie vor der Erkrankung (Altbiografie) ein Kernelement der Demenzpflege und Demenzbetreuung. Wie in Blog 90 bereits angeführt, gilt es bei der Neubiografie, die vielschichtige Umwelt bei den Demenzkranken zu verinnerlichen. Die Außenwelt in Gestalt aller Reizgefüge gilt es Schritt für Schritt zu Elementen der Innen- oder Binnenwelt zu konfigurieren. Neurophysiologisch geschieht dies durch Abspeicherung und Konsolidierung dieser Gedächtnisspuren (Engramme) in den entsprechenden Hirnarealen. Wenn es gelungen ist, alle wesentlichen Impulse und damit Reizgefüge zu Langzeitgedächtnisinhalten werden zu lassen, dann sind Außenwelt und Innenwelt miteinander verknüpft. In diesem Fall ist dann auch der Zustand der Vorhersehbarkeit des wesentlichen Geschehens im unmittelbaren Umfeld erreicht worden. Und mit dieser Gegebenheit der Vertrautheit mit den Reizgefügen der Außenwelt ist der wesentliche Versorgungsauftrag bezogen auf die Vermeidung von Furcht und Unruhe erfüllt. In Blog 3 und Blog 26 sind die Kernelemente des Vorgehens zwecks Erstellung einer Neubiografie angeführt:

  • Personale Stetigkeit: Vertrautheit mit den Mitarbeitern (Bezugs- oder Gruppenpflege) und mit deren Unveränderlichkeit ihres Äußeren (u. a. Frisur, Kleidung).
  • Handlungsstetigkeit bei der Pflege und Betreuung und Stetigkeit in der Tagesstruktur: Ritualisierung allen Geschehens.
  • Milieustetigkeit: Unveränderlichkeit der räumlichen Umwelt.

Die Gestaltung der Neubiografie mittels Konditionierung und Ritualisierung bedeutet somit zugleich Eingewöhnung in den Heimalltag, vertraut werden mit den sozialen und räumlichen Gegebenheiten, die für Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium lebensnotwendig sind. Andernfalls droht frühzeitiger Tod durch permanenten Überstress (Fremdheitssyndrom: u. a. „exceeded disabilities“ und Schockstarre).

Schlüsselreize in der Pflege und Betreuung

In Blog 96 wird aufgezeigt, dass im fortgeschrittenen Stadium der Demenz neurodegenerative Abbauprozesse im präfrontalen Bereich des Großhirns die Ursache dafür sind, dass vertraute Handlungsmuster ohne externe Impulse wie Schlüsselreize (Initiierungs– und Abschlussreize u. a.) nicht vollzogen werden können. Dies gilt für Langzeitgedächtnisimpulse der Neu- und Altbiografie, wie die folgenden Fallbeispiele zeigen.

Neubiografie

In Blog 36 werden zwei Fallbeispiele angeführt, bei denen konditionierte Handlungsmuster der Neubiografie abgebrochen und damit nicht vollständig vollzogen werden.

Beispiel 1: Die Pflegende eines ambulanten Pflegedienstes musste aufgrund eines Anrufs (Notfalleinsatz bei einer anderen Patientin) die Körperpflege dergestalt abkürzen, dass sie das Abschlussritual (Umarmung, Wangenkuss und Abschiedsworte) ausfallen ließ. Die zwei Stunden später eintreffende Tochter berichtete, dass ihre Mutter völlig aufgelöst und verwirrt gewesen wäre (persönliche Mitteilung).

Beispiel 2: Eine demenzkranke Heimbewohnerin wurde vormals im häuslichen Bereich von ihrem Ehemann gepflegt. Der Abschluss der Pflegeprozedur abends bestand aus dem Einreiben der Unterarme mit Franzbranntwein. Dieses Ritual wurde später auch im Heim praktiziert. Aus irgendeinem Anlass wurde einmal dieser Beendigungs- oder Abschlussreiz nicht ausgeführt. Die Folge war, dass die Betroffene stundenlang fast regungslos in ihrem Zimmer stand und auf die Abschlusshandlung wartete. Erst der Nachtwache fiel diese Gegebenheit auf (persönliche Mitteilung).

Es sind oft nicht nur konditionierte Handlungsmuster, die bei unvollständiger Durchführung u. a. Furcht und Verunsicherung bei den Demenzkranken auslösen, es können ebenso Milieufaktoren sein, die bereits aufgrund wiederholter Darbietung verinnerlicht worden sind, die aber aus unterschiedlichen Gründen nicht praktiziert werden. So wird in Blog 24 gezeigt, was geschehen kann, wenn ein ständig angebotenes Aktivierungsangebot wie z. B. ein täglich stattfindender Singkreis aus irgendeinem Grund ausfällt. Die folgenden Verhaltensweisen sind u. a. beim Ausfall von regelmäßig stattfindenden Betreuungsangeboten beobachtet worden:

  • verstärkte Unruhe, Verunsicherung und an Apathie grenzendes Rückzugsverhalten
  • rastloses Wandern, Verlassen des Wohnbereiches und der Einrichtung
  • Rufen, Klopfen, Sammeltrieb, Stühle schieben u. a.
  • Konflikte unter den Bewohnern
  • negative Auswirkungen auf das Ess- und Trinkverhalten.

Doch nicht nur das Fehlen eines Milieuelementes wie ein Betreuungsangebot führt zu Überforderung und Stress. Manchmal reicht auch schon die unzureichende Ausgestaltung des Milieuelementes Raumstruktur aus, um Empfindungen von Fremdheit und Belastung hervorzurufen. Studien über das Essverhalten in Bezug auf die Vertrautheit der Räumlichkeiten können hier als Beleg angeführt werden (Elmstahl et al. 1987, Minde et al. 1990).

Vorhersehbarkeit

In Blog 90 wird gezeigt, dass die Optimierung der Einbindung Demenzkranker in das soziale Geschehen des näheren Umfeldes wie z. B. in den Wohnbereich im Heim sich durch Anpassungs- und Vereinfachungsstrategien vollzieht. Dies geschieht in Gestalt von Verstetigung oder Ritualisierung allen interaktiven Geschehens. Durch immer wiederkehrende Handlungen vertrauter Personen lernen die Demenzkranken Schritt für Schritt die Handlungsabläufe und damit den Alltag. Diese Vorgehensweise wird als Konditionierung bezeichnet: die Verinnerlichung äußerer Reizgefüge durch ständige Wiederholungen. Wenn nun das Äußere verinnerlicht ist – die Personen, die Handlungsschritte und die Örtlichkeiten – dann kann von dem Sachverhalt der Vorhersehbarkeit allen Geschehens ausgegangen werden. Die Betroffenen wissen nun um die auf sie zukommenden Handlungen, sie haben damit zugleich ein Empfinden von Zukunft, das zugleich ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Für die Pflege und Betreuung ist dies von großer Bedeutung, denn hierdurch wird das Zusammenwirken von Mitarbeitern und Demenzkranken bei der Pflege und Betreuung oft erst ermöglicht oder zumindest erleichtert. Auf diese Weise wird somit zugleich eine Neubiografie gebildet. Die Vorhersehbarkeit ist somit das Kernsymptom einer Neubiografie.

Literatur

  • Elmstahl, S. et al. (1987) Hospital nutrition in geriatric long-term care medicine. 1. Effects of a changed meal environment. Comprehensive Gerontology, 1: 28–33
  • Minde, R. et al. (1990) The ward milieu and its effects on the behaviors of psychogeriatric patient. Canadian Journal of Psychiatry, 35: 133–138

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

Ein Gedanke zu “Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 11)”

  1. Das war durch das dreimonatige Besuchsverbot alles nicht mehr möglich, der komplette Rhythmus den sie gebraucht hat, um in der schweren Demenz, zurechtzukommen, war weg. Das hatte zur Folge das sich ihr Zustand so verschlechtere das sie sechs Monate starb.

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