Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 13)

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Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 13) sind der Inhalt des 110. Blogs. Es werden Umgangsformen der Eigenweltgestaltung im Rahmen der Pflegeverweigerung angeführt.

Vorbemerkung

Wie in Blog 108 und Blog 109 ausgeführt bestehen die zwei wesentlichen Dimensionen der Demenzwelt und der Demenzweltgestaltung aus Elementen der Alt- und der Neubiografie. Diesen Lebensrahmen für die Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium gilt es um weitere Dimensionen zu erweitern, die dem neurodegenerativen Abbauprozess Rechnung tragen.

Eine Dimension und damit zugleich Wirkfaktor bilden temporäre Eigenwelten, die aus unterschiedlichen Gründen von den Pflegenden und auch den Betreuenden gestaltet werden, um eine für die Demenzkranken optimale Person-Umwelt-Passung zu gewährleisten. Eigenwelten werden z. B. gebildet, wenn eine wahnhafte Halluzination vorliegt, aus der es die Betroffenen möglichst umgehend und wirksam herauszuführen gilt. So wird in Blog 9 gezeigt, wie mittels Strategien des Mitgehens und Mitmachens eine zu Tode erschreckte Bewohnerin von den sie bedrohenden „Murmeltieren“ (wahnhafte Halluzination) befreit wurde. Ähnlich einer Theateraufführung werden die Tiere mithilfe eines Besens und viel Gestik und Worten zur Erleichterung der Demenzkranken vertrieben. So entsteht für eine recht kurze Zeit eine Eigenwelt, die eine therapeutische Wirkung erzielt.

In Blog 12 wird gezeigt, dass ebenfalls mittels Strategien des Mitgehens und Mitmachens eine temporäre Eigenwelt geschaffen wird, die einer Demenzkranken nachts ermöglicht, ihre „Zeitungen auszutragen“. Hier wird die Eigenwelt gezielt aufgebaut, damit die Betroffene ihr zwangsähnliches Desorientierungsverhalten angemessen ausagieren kann, denn nur so kann sie ihr psychosoziales Gleichgewicht wieder erlangen.

In diesem Blogelement stehen nun Eigenweltgestaltungen im Mittelpunkt, die dazu dienen, Pflege und Betreuung überhaupt zu ermöglichen oder deutlich zu erleichtern.

Pflegeverweigerung

In Blog 33 wird gezeigt, dass die Pflegeverweigerung oder die Ablehnung der Pflege in der Demenzpflege bedauerlicherweise ein recht häufiges Phänomen darstellt (Lind 2007: 119ff,Lind 20011: 169ff, Sachweh 2008: 210ff, siehe Blog 26). Bedauerlicherweise deshalb, weil hierbei alle Betroffenen hierunter zu leiden haben. Die Demenzkranken, weil sie die für sie notwendigen Pflegeleistungen nicht erhalten können. Mit der Konsequenz, dass sich ihr schon extrem beeinträchtigter Allgemeinzustand hierdurch noch weiter verschlechtern kann. Man denke hierbei u. a. nur an die Hautpflege, die Dekubitusprophylaxe und die lebenserhaltende Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr. Bedauerlicherweise aber auch für die Pflegenden, die die konkrete Pflegeverweigerung als einen persönlichen Misserfolg empfinden. Sie werden nach mehrmaligem Erleben des Ablehnungsverhaltens möglicherweise derart verunsichert, dass sie an ihrer beruflichen Kompetenz zu zweifeln beginnen. Verzagtheit, Vermeidungs- und Rückzugsverhalten im Umgang mit Demenzkranken sind dann oft die Folge, wie Studien belegen (Zeller et al. 2013). Erschwerend kommt hinzu, dass das Ablehnungsverhalten oft mit verbaler und tätlicher Aggression seitens der Demenzkranken verbunden ist (siehe Blog 19).

Eigenweltgestaltung

Bei der Pflege Demenzkranker spüren die Pflegenden oft, dass die Betroffenen mit dem Handlungsspektrum unmittelbare Körperpflege überfordert sind. Die immense Menge an Reizimpulsen im unmittelbaren Miteinander im Nahbereich bei diesen Handlungen lassen sich nicht mehr angemessen verarbeiten, so dass meist Unruhe und Stress drohen. Um diese Belastungsgegebenheiten etwas zu entzerren, entwickeln die Pflegenden manchmal kleine temporäre Eigenwelten, die teils von der Pflege ablenken bzw. dem Ganzen eine positive Note geben, wie die folgenden Beispiele zeigen.

„Fiktive Selbstpflege“

Blog 14 beinhaltet den Sachverhalt, dass Demenzkranke oft mit einem Pflegeprozess dergestalt überfordert sind, dass sie bereits nach wenigen Minuten unruhig werden und Anzeichen von Unwillen und beginnendem Stress zeigen. Um sie nun von der belastenden Pflegeprozedur abzulenken, wird ihnen die „fiktive Selbstpflege“ eingeredet bzw. weisgemacht. Es handelt sich hierbei um eine suggestive Beeinflussung wie folgendes Beispiel zeigt:

Beispiel: Einer Bewohnerin wurde am Waschbecken ein nasser Waschlappen mit der Aufforderung, sich das Gesicht zu waschen, in die Hand gedrückt. Die Pflegende teilte ihr dabei mit, dass sie ihr bei der Pflege etwas helfen würde. Während nun die Demenzkranke mit ständiger verbaler positiver Unterstützung der Pflegenden („Das machen Sie aber prima, weiter so!“) mit dem Waschlappen im Gesicht zugange war, wurde parallel die restliche Körperpflege vollzogen, ohne dass die Demenzkranke dies bemerkte (persönliche Mitteilung).

„Fiktive Mahlzeiteneinnahme“

In Blog 27 wird beschrieben, dass Demenzkranke bei Pflegehandlungen oft überfordert oder nicht so recht bei der Sache sind, so dass die Pflege sich schwierig gestaltet. Diesbezüglich wurde ihnen dann zur Ablenkung eigenes Handeln nahegelegt (Konzept „fiktive Selbstpflege“). Dass dieses Vorgehen auch bei der Mahlzeiteneinnahme wirksam praktiziert werden kann, zeigt das folgende Beispiel:

Beispiel: Eine Bewohnerin zeigte sich bei der Mahlzeiteneinnahme immer unwillig und abgelenkt, so dass sich die Prozedur für beide Beteiligten meist recht belastend gestaltete. Um dieses Geschehen zu verbessern, brachte die Pflegende daraufhin einen zweiten Löffel mit, den sie der Demenzkranken mit der Aufforderung in die Hand drückte, dass sie nun selbst essen könne. Während nun die Betroffene mit dem Löffel herummantschte, wurde sie gleichzeitig recht zügig, jedoch ohne Hast von der Pflegenden gefüttert (persönliche Mitteilung).

Interessant an diesem Beispiel ist der Sachverhalt, dass hier die Pflegende einen zweiten Löffel zusätzlich in den Pflegeprozess einführte, damit die Demenzkranke ihre motorische Unruhe kanalisieren konnte und zugleich von der Mahlzeiteneinnahme abgelenkt war.

Umwidmung der Gegebenheiten

In Blog 29 wird gezeigt, dass bei pflegeresistenten und damit pflegeunwilligen Bewohnern sich auch Strategien der gedanklichen Umgestaltung des alltäglichen Geschehens in etwas Besonderes und Angenehmes bewährt haben, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Beispiel: Einer Demenzkranken, die Schwierigkeiten beim Ankleiden machte, wurde die Vorstellung vermittelt, sie wäre bei einer Kleideranprobe bei C&A und dürfte sich Kleider aussuchen (Persönliche Mitteilung).

Beispiel: Demenzkranke, die sich unwillig bezüglich des Wechsels der Windeln in der Nasszelle zeigen, werden mit dem Angebot dorthin gelockt, dass man dort gemeinsam neue Lippenstifte ausprobieren möchte. Die Nasszelle wird dann z. B. diesbezüglich als „Spiegelkabinett“ deklariert (Camp 205: 88, persönliche Mitteilung).

Bekannt ist bei diesen letzten beiden Beispielen leider nicht der Sachverhalt, ob es sich um gelegentlichen Unwillen bei der Pflege handelt, auf die spontan reagiert wurde, oder ob es sich bereits um ritualisierte alltäglich auftretende Interaktionsformen handelt. Die Leserschaft wird gebeten, diesbezüglich ihre Erfahrungen mitzuteilen. Ein weiteres Beispiel zu dieser Thematik „Umwidmung“:

Beispiel: Bei einigen Demenzkranken gab es Schwierigkeiten beim Einsetzen des Zahnersatzes. Hier wurde dann angekündigt, dass bald ein Foto der Bewohner gemacht werden würde. Ein Fotoapparat wurde diesbezüglich gezeigt. Dies überzeugte die Betroffenen. Sie ließen sich daraufhin ohne Gegenwehr den Zahnersatz einsetzen (Lind 2007: 141).

Literatur

  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Sachweh, S. (2008) Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Bern: Verlag Hans Huber
  • Zeller, A. et al. (2013) Erfahrungen und Umgang der Pflegenden mit aggressivem Verhalten von Bewohner(inne)n: eine deskriptive Querschnittstudie in Schweizer Pflegeheimen. Pflege: 26 (5): 321 – 335

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

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