Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 19)

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Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 19) sind der Inhalt des 116. Blogs. Es werden Beispiele für das Bewegungskonzept als eine stadienbezogene Anpassungsstrategie angeführt.

Vorbemerkung

In Blog 115 sind erste Ausführungen zu dem Bewegungskonzept als Element der stadienbezogenen Anpassungsstrategien gemacht worden. Stadienbezogenheit bezieht sich hierbei auf das schwere Stadium (Stadium 6 der Reisbergskalen, siehe Blog 75). In dieser Phase des Abbauprozesses sind die Kompetenzen bezüglich der verschiedenen Bewegungsarten noch recht gut erhalten. Einschränkungen treten in diesem Stadium eher bei komplexen Handlungsmustern wie Stricken, Häkeln, Schreiben und Zeichnen auf. Das sind deutliche Hinweise einer zunehmenden Apraxie.

Sich bewegen im Sinne von gehen ist in diesem Stadium ein klassisches Verhaltenssymptom der Demenz, das oft in diesem Zusammenhang als Wandern bezeichnet wird (siehe Blog 12). Das Wandern ist zugleich auch ein Ausdruck von Unruhe und Furcht, ein Plus-Verhalten oder Belastungssymptom (siehe Blog 64). Des Weiteren ist Wandern oder Gehen zugleich auch die einzige Fähigkeit der Erkrankten in diesem Stadium, die noch selbständig beherrscht werden kann.

Doch bei dem Bewegungskonzept geht es nicht nur um das Gehen oder Wandern, es geht auch um Tätigkeiten wie z. B. Aufräumen, Abwaschen und Bügeln. Diese Handlungsmuster sind durch jahrzehntelange Praxis in der Zeit vor Ausbruch der Erkrankung (Altbiografie) geprägt worden. Der Unterschied in den Handlungen vor und nach der Erkrankung besteht nun darin, dass in der Phase vor der Erkrankung die Betroffenen genau wissen, warum sie diese Handlungen durchführen. Dieses Wissen um die Bedeutung und Sinn des Handelns und Tuns ist nun im schweren Stadium verloren gegangen. Das bloße Handeln ohne die geistige Erfassung des Geschehens kann bei Demenzkranken als geistige Entkernungssymptomatik gemäß dem Bibelspruch „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ klassifiziert werden (Blog 83).

Fallbeispiele

In Blog 115 ist aufgezeigt, dass gezielte Interventionen mittels Bewegungen und Handlungsmustern, die durch die Altbiografie geprägt sind, therapeutische Impulse im Sinne der Wiederherstellung der Person-Umwelt-Passung herbeiführen. Im Folgenden werden einige Beispiele aufgeführt, um das Spektrum Bewegungen im Rahmen einer Theorie der Demenzpflege in Ansätzen aufzuzeigen.

Spontane beeinflussbare Desorientierungsphänomene

In Blog 8 wird gezeigt, dass bei den Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien zu beachten ist, dass die Intensität der Unruhe oder Aufgeregtheit der Desorientierten die Grundlage für die Form der therapeutischen Intervention darstellt. Wenn z. B. die Verwirrte sich erst wenige Minuten auf der Suche nach den imaginären Hühnern befindet und somit noch relativ unaufgeregt ist, dann reicht in der Regel eine verbale Lösung aus, wie z. B. der Ausspruch: „Frau Mayer, ich habe die Hühner doch schon gefüttert!“. Ist die Demenzkranke hingegen vielleicht schon fast eine halbe Stunde auf der Suche und bereits voller Furcht vor der drohenden Strafe des Vaters, dann bedarf es intensiverer Löschungsimpulse, um sie aus dieser verzweifelten Lage zu befreien. Bloße Worte reichen hier nicht mehr. Löschungsimpulse wären hierbei u. a. folgende Vorgehensweisen:

Einen Ortswechsel herbeiführen (in die Küche führen), einen Gegenstand in die Hand drücken (nasse Tasse) und die Betroffene bitten, diese Tasse abzutrocknen (Lind 2011: 116). Diese drei neuen Reizgefüge würden in der Regel ausreichen, den negativen Reiz „Furcht vor der drohenden Strafe“ zu löschen. Untersuchungen haben ergeben, dass diese intuitiven und spontanen Ablenkungsformen von fast allen Pflegenden und Betreuenden in der Demenzpflege praktiziert werden (James 2011: 187).

Pflegende berichten auch, dass bloßes gemeinsames Gehen mit dem desorientierten und dadurch unruhigen Bewohner den Flur entlang meist ausreicht, den Belastungsimpuls bereits nach wenigen Minuten zu löschen (persönliche Mitteilung).

Es wird auch berichtet, dass gemeinsames Gehen verbunden mit gemeinsamem Singen die Betroffenen recht schnell aus dem Realitätsverlust herausführen (persönliche Mitteilung).

Ergänzend hierzu wird das gemeinsame Treppensteigen als eine weitere äußerst wirksame Löschungsstrategie bei Belastungsimpulsen beschrieben (persönliche Mitteilung).

Ablenken bei wahnhaften Halluzinationen

In Blog 9 wird gezeigt, dass ein Ortswechsel bei einer Demenzkranken der Weg aus einer wahnhaften Halluzination sein kann, wie folgendes Beispiel zeigt:

Eine mobile Demenzkranke stand in der Küche des Wohnbereichs, starrte entsetzt die weiße Wand an und presste dabei aufgeregt hervor: „Es brennt, es brennt!“ Die gerade in der Nähe stehende Pflegende nahm sie sacht am Arm und führt sie aus dem Raum mit der Bemerkung „Frau Mayer, Sie helfen mir doch jetzt beim Wäschesortieren?“ (eigene Erfahrung).

Der bloße Ortswechsel reichte hier aus, die visuelle Halluzination mit dem Gefahrenpotential „Feuer“ unverzüglich zu beseitigen. Auch hier liegt der neuropsychologische Tatbestand einer „Löschung“ (Extinktion) vor, indem ein negativer belastender Reiz durch eine Ortsveränderung getilgt wurde.

Ablenken von Weglaufimpulsen

In Blog 92 wird gezeigt, dass spontane Desorientierungsphänomene sich oft in Weglaufimpulsen ausdrücken. Auch hier sind dann vertraute Handlungsmuster der Altbiografie und auch das gemeinsame Gehen die therapeutisch wirksamen Lösungsstrategien. Hierzu einige Beispiele:

Bei einer Bewohnerin verändert sich am Tisch auf einmal deutlich die Mimik. Die anwesende Pflegende weiß aus Erfahrung, dass bei diesem Gesichtsausdruck die Demenzkranke stets nach Hause muss. Um dies zu verhindern, besorgt sie sich schnell zwei nasse Gabeln und ein Geschirrtuch, die sie der Bewohnerin mit der Bitte in die Hand drückt, sie umgehend abzutrocknen. Die Angesprochene kommt dieser Aufforderung freundlich lächelnd nach und vergisst dabei den Wunsch, nach Hause gehen zu wollen (Lind 2011: 117).

Einer Demenzkranken, die oft zum Weglaufen neigt, wird in diesen Fällen rechtzeitig ein nasses Brettchen zum Abtrocknen in die Hand gedrückt. Augenblicklich ist der Impuls zum Verlassen der Einrichtung getilgt (persönliche Mitteilung).

Eine Pflegende berichtete, dass nachts eine Bewohnerin unbedingt nach Hause wollte. Das gemeinsame Gehen zur Nasszelle, ca. 10 Schritte, führte bereits zur Verflüchtigung dieses Ansinnens (persönliche Mitteilung).

Verhaltensmodifikation bei disinhibitiven Verhaltensweisen

In Blog 49 und in Blog 82 wird aufgezeigt, dass vertraute Handlungsmuster bei disinhibitiven Verhaltensweisen Demenzkranker im Sinne eines Kontrollverlustes und damit Enthemmung zur Beseitigung der belastenden Verhaltensstereotypen führen. Mittels des Einsatzes der Strategien des Verdinglichungskonzeptes und der Demenzweltgestaltung gelingt es den Pflegenden und Betreuenden, unkontrolliertes Dauerverhalten mit oft massiven Störungen des sozialen Milieus in befriedigende und Wohlbefinden erzeugende vertraute Handlungsmuster umzuwandeln, wie folgende Beispiele zeigen:

Eine Demenzkranke neigte zu ständigem Stöhnen und Schreien, ohne dass man körperliche Erkrankungen bzw. Schmerzen feststellen konnte. So wurde daraufhin der Betroffenen eine Tätigkeit offeriert: Geschirr abwaschen, abtrocknen und anschließend stapeln. Diese Tätigkeit führte sie dann stundenlang ohne Pause aus (Bowlby Sifton 2007: 101).

Einer oft schreienden Bewohnerin, von der man wusste, dass sie früher gern und oft bügelte, wurden Kleidungsstücke und Bügeleisen zur Beschäftigung angeboten. Den ganzen Tag über war sie mit dieser Arbeit beschäftigt (Röse 2017: 325).

Eine ehemalige Verkäuferin eines Bekleidungsgeschäftes kramte ständig überall im Wohnbereich in den Schränken. Ihr wurde daraufhin ein spezieller Kleiderschrank mit Utensilien zum Aus- und Einräumen und Sortieren in ihr Zimmer gestellt (Czerwinski 2005: 25).

Eine Demenzkranke lief ständig kritisierend im gemeinsamen Haushalt ihrer Schwiegertochter hinterher. Sie erhielt daraufhin einen großen Stapel Wäsche, die sie stundenlang faltete (Mace et al. 2001: 178).

Pflegeermöglichung

In Blog 14 wird im Rahmen der Doppelstrategien auch auf die Strategie „fiktive Selbstpflege“ eingegangen. Diese Vorgehensweise wird in der Regel angewendet, wenn Demenzkranke mit dem Pflegeprozess psychophysisch überfordert sind. Dies äußert sich dergestalt, dass sie z. B. bereits nach wenigen Minuten unruhig werden und Anzeichen von Unwillen und beginnendem Stress zeigen. Um sie nun von dem belastenden Pflegeprozess abzulenken, wird ihnen die „fiktive Selbstpflege“ offeriert. Es handelt sich hierbei um eine suggestive Beeinflussung, wie das folgende Beispiel zeigt:

Einer Bewohnerin wurde am Waschbecken ein nasser Waschlappen mit der Aufforderung, sich das Gesicht zu waschen, in die Hand gedrückt. Die Pflegende teilte ihr dabei mit, dass sie ihr bei der Pflege etwas helfen würde. Während nun die Demenzkranke mit ständiger verbaler positiver Unterstützung der Pflegenden („Das machen Sie aber prima, weiter so!“) mit dem Waschlappen im Gesicht zugange war, wurde parallel die restliche Körperpflege vollzogen, ohne dass die Demenzkranke dies bemerkte (persönliche Mitteilung).

Literatur

  • Bowlby Sifton, C. (2007) Das Demenz-Buch. Ein „Wegbegleiter“ für Angehörige, Pflegende und Aktivierungstherapeuten. Bern: Verlag Hans Huber
  • Czerwinski, A. (Hrsg.) (2005) Demenz. Kissing: Weka Media
  • James, I. A. (2011) Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Mace, N. et al. (2001) Der 36-Stunden-Tag: Die Pflege des verwirrten älteren Menschen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Röse, K. M. (2017) Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe

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