Das Verdinglichungskonzept 4: Realitätsverluste Praxisbeispiele

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Das Verdinglichungskonzept im Rahmen der Demenzweltgestaltung bei Realitätsverlusten ist der Inhalt des 49. Blogs. Anhand von Praxisbeispielen werden die Wirkmechanismen dargestellt.

Vorbemerkungen

In Blog 48 wurde anhand von Beispielen gezeigt, wie belastende Desorientierungsimpulse und wahnhafte Verkennungen teils mittels der Verwendung vertrauter Alltagsutensilien (Besen, Tasse u. a.) aus dem Bewusstsein der Demenzkranken verdrängt werden konnten. In diesem Blog hingegen geschieht das Gegenteil dergestalt, dass bestimmte Gegenstände in die unmittelbare Lebenswelt der Demenzkranken eingefügt werden, um einen Leidensprozess zu beheben, da die Erkrankten hierzu selbständig selbst nicht mehr fähig sind.

Das Verdinglichungskonzept wird hierbei inhaltlich dergestalt erweitert, dass neben den Gegenständen als therapeutische Beeinflussungsimpulse gleich auch die konkrete Umwelt des Wohnbereichs zu einer Eigenwelt des Demenzkranken umfunktioniert wird. Durch die Umwidmung bestimmter Bereiche der Umgebung lassen sich Lösungen für die Belastungsempfindungen der Betroffenen herbeiführen. Diese Strategie kann als Demenzweltgestaltung bezeichnet werden. Jedem Demenzkranken, der aufgrund eines belastenden Realitätsverlustes Hilfe und Unterstützung bedarf, wird gegebenenfalls eine eigene Welt aufgebaut. Eine weitere Form der Demenzweltgestaltung besteht aus den Veränderungen der belastenden Erinnerungen der Demenzkranken. Hier wird dann nicht das Milieu umdefiniert, sondern Teile der Vergangenheit werden regelrecht umgeschrieben. Im Folgenden wird anhand des Umgangs mit verschiedenen demenzspezifischen Krankheitssymptomen des Realitätsverlustes diese Vorgehensweise veranschaulicht.

Zwangsähnliche Desorientierungsphänomene

In Blog 12 wurden mehrere Fallbeispiele bezüglich der Krankheitssymptomatik zwangsähnliche Desorientierungsphänomene (vorläufiger Arbeitsbegriff) zusammen mit den therapeutischen Interventionen vorgestellt. Die Hilfestellung besteht nun darin, den Betroffenen Gelegenheit zum Ausüben ihrer Zwangshandlung zu geben. Nur so lässt sich der mit diesem Verhalten verbundene Leidensdruck abbauen. So konnte z. B. einer nachts im Wohnbereich herumirrenden Bewohnerin mittels eines Stapels alter Zeitungen die Möglichkeit zum Austeilen dieser Zeitungen gegeben werden, denn sie hatte früher vor der Erkrankung jahrelang nachts Zeitungen ausgetragen. Zusätzlich zu den Zeitungen wurde der Betroffenen erklärt, dass der Wohnbereich ihre alte vertraute Route wäre. So wurde gemäß dem Ansatz der Demenzweltgestaltung aus dem Flur des Wohnbereiches das ehemalige Revier zum Verteilen der Zeitungen. Die Erkrankte legte nun vor jedem Bewohnerzimmer eine Zeitung ab. Mit getaner Arbeit verschwand bei der Betroffenen automatisch der Zwangsimpuls. Sie hatte ja das Empfinden, alles erledigt zu haben (Lind 2007: 77, Lind 2011: 120).

Disinhibitive Verhaltensmuster (vorläufiger Arbeitsbegriff)

Durch den Abbau der Nervenzellen geht im fortgeschrittenen Stadium auch die Kontrolle über Bewegungsimpulse verloren, die zu Phänomenen der Enthemmung und zu Verhaltensautomatismen führen. Ständige Putzbewegungen ohne Realbezug, Schreien oder Rufen ohne Verursachung durch Umwelteinflüsse, stundenlanges zielloses Wandern bis zur völligen Erschöpfung sind demenzspezifische Krankheitssymptome, die nicht bei allen aber doch bei einem merklichen Anteil der Demenzkranken festzustellen sind.

Neurophysiologisch und auch neurodegenerativ lässt sich dieses Krankheitssymptom wie folgt erklären: Das „Bewegungsgedächtnis“ (u. a. das episodisch-prozedurale Langzeitgedächtnis) ist im schweren Stadium noch intakt, da hier tieferliegende Hirnareale wirksam sind. Die Hirnbereiche im Großhirn für die Steuerung, Kontrolle und damit auch Unterdrückung dieser Bewegungsimpulse sind bereits abgebaut. So entstehen u. a. Verhaltensautomatismen, Kontrollverluste und Symptome der Enthemmung (Disinhibition).

Im Folgenden werden disinhibitive Verhaltensweisen Demenzkranker und deren Behandlung bzw. Beeinflussung gemäß den Strategien des Verdinglichungsansatzes und der Demenzweltgestaltung anhand von konkreten Beispielen dargestellt:

Eine Demenzkranke neigte zu ständigem Stöhnen und Schreien, ohne dass man körperliche Erkrankung bzw. Schmerzen feststellen konnte. So wurde der Betroffenen eine Tätigkeit offeriert: Geschirr abwaschen, abtrocknen und anschließend stapeln. Diese machte sie stundenlang ohne Pause (Bowlby Sifton 2007: 101).

Einer Bewohnerin, die gern zu bügeln schien, wurden Kleidungsstücke und Bügeleisen zur Beschäftigung angeboten. Den ganzen Tag über war sie mit dieser Arbeit beschäftigt (Röse 2017: 325).

Eine ehemalige Verkäuferin eines Bekleidungsgeschäftes kramte ständig überall im Wohnbereich in den Schränken. Ihr wurde ein spezieller Kleiderschrank mit Utensilien zum Aus- und Einräumen und Sortieren in ihr Zimmer gestellt (Czerwinski 2005: 25).

Eine Demenzkranke lief ständig kritisierend im gemeinsamen Haushalt ihrer Schwiegertochter hinterher. Sie erhielt daraufhin einen großen Stapel Wäsche, die sie stundenlang faltete (Mace et al. 2001: 178).

Diese Beispiele zeigen, dass stereotype Verhaltensmuster, die oft mit Belastungen für die Betroffenen und auch für ihr unmittelbares soziales Umfeld verbunden sind, positiv zu beeinflussen sind. Es gilt nur, möglichst ein lebensgeschichtlich vertrautes Handlungssegment mit den dafür erforderlichen Utensilien den Betroffenen zur Beschäftigung anzubieten.

Belastende Erinnerungen

In Blog 11 wird u. a. die therapeutische Bearbeitung belastender Erinnerungen anhand konkreter Beispiele beschrieben. Bezüglich des Verdinglichungsansatzes ist ein entscheidender Faktor bei diesen Fallbeispielen der Umstand, dass Worte hier keinerlei Wirkung bezüglich einer Lösung des Belastungserlebens zeigen. Sie sind hier wirklich bloß „Schall und Rauch“, denn der immense Leidensdruck lässt sich durch bloßes Reden nicht auflösen. Der offerierte gefälschte „Einberufungsbefehl“ in Gestalt eines Stückes Papiers hingegen vermochte den ständigen Angstzustand umgehend zu beenden. Der Demenzkranke sieht und fühlt diesen Bescheid, er ist präsent. Seine Eigenwelt wurde mittels dieser Manipulation der Erinnerungen regelrecht belastungsfrei umgewidmet. All die Sorgen und Ängste waren mittels dieses Papiers regelrecht gelöscht (Lind 2011: 215).

Konsequenzen für die Praxis

Bei den zwangsähnlichen Desorientierungsphänomenen und bei den disinhibitiven Verhaltensmustern ist der Wirkfaktor das „Bewegungsgedächtnis“ (episodisch-prozedurale Langzeitgedächtnisinhalte), der jedoch aufgrund des fortgeschrittenen Abbauprozess in den entsprechenden Großhirnarealen nicht mehr angemessen geistig erfasst werden kann. Wahrnehmbar ist in der Regel ein drängendes und teils auch suchendes Bewegen der Betroffenen, das oft auch zwangsähnlich wirkt. Hier passt als Beschreibung und zugleich auch als Verdeutlichung das Bibelzitat „denn sie wissen nicht, was sie tun!“ oder genauer „was sie tun wollen“, denn sie verspüren nur etwas, können es aber nicht mehr gedanklich als ein Ganzes zusammenfügen. Unruhe teils in Gestalt von hilflosen und suchenden Hin- und Herwandern sind dann die typischen Verhaltensweisen.

Demenzweltgestaltung bedeutet in diesen Fällen, den Beunruhigten und auch Gestressten Beistand zu leisten, indem die in ihren Langzeitgedächtnisinhalten abgespeicherten Bewegungsimpulse in der Realität vollends praktiziert werden können. Der unbewusste Drang und auch Druck wie z. B. „Zeitungen austragen müssen“ verschwindet umgehend, wenn die Betroffenen diesen Handlungsvollzug selbst ausführen können.

Demenzweltgestaltung realisiert sich hierbei mittels einer Ermöglichungsstrategie zum Handeln. Auch hier findet ähnlich wie bei den beeinflussbaren Desorientierungsphänomenen eine Löschung des Belastungserlebens statt. Doch in diesem Fall wird nicht abgelenkt, es wird kein Belastungsimpuls durch einen neuen positiven Impuls ersetzt. Im Gegenteil, es wird durch die Gestaltung einer Eigenwelt mit den dafür erforderlichen Gegenständen wie z. B. Zeitungen ein zwangsähnliches Drangverhalten zum Handlungsvollzug und damit zum Abschluss gebracht. Und das Erleben dieses Vollzugs ist für die Betroffenen die Lösung und zugleich der therapeutische Erfolg.

Literatur

  • Bowlby Sifton, C. (2007) Das Demenz-Buch. Ein „Wegbegleiter“ für Angehörige, Pflegende und Aktivierungstherapeuten. Bern: Verlag Hans Huber.
  • Czerwinski, A. (Hrsg.) (2005) Demenz. Kissing: Weka Media.
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Mace, N. et al. (2001) Der 36-Stunden-Tag: Die Pflege des verwirrten älteren Menschen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Röse, K. M. (2017) Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Bern: Hogrefe

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