Das Verdinglichungskonzept 3: Realitätsverluste

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Das Verdinglichungskonzept im Zusammenhang mit Realitätsverlusten ist Inhalt des 48. Blogs. Anhand von Beispielen wird die Wirkung von Gegenständen als Löschungsimpulse gezeigt.

Vorbemerkung

In Blog 47 wurde dargestellt, dass bei demenzspezifischen Wahrnehmungsstörungen alltägliche Gegenstände im fortgeschrittenen Stadium Ursache für Unruhe, Verwirrungen und auch konkrete Lebensgefahr bedeuten können. Vorrangige Aufgabe besteht dann darin, die nahe Umgebung, z. B. den Wohnbereich bzw. den häuslichen Bereich, demenzsicher zu gestalten. Ähnlich wie für Kleinkinder die Wohnung kindersicher eingerichtet wird. Gilt es doch, die körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten.

Wie bereits in Blog 46 betont wurde, verlieren im fortgeschrittenen Stadium die geistigen Fähigkeiten zur Erfassung der äußeren Reizgefüge der unmittelbaren Umwelt Zug um Zug an Bedeutung. Sinnliche Eindrücke treten nun verstärkt als Weg zur Verarbeitung der Umweltreize in den Vordergrund. Konkrete Dinge lassen sich mehrdimensional erfassen, man sie z. B. sehen und auch fühlen. Und sie sind ständig sinnlich präsent, während Worte hingegen in ihrer Bedeutung nicht mehr angemessen erfasst werden können. Worte können auch aufgrund der starken Kurzzeitgedächtnisstörungen im Bewusstsein nicht mehr ausreichend haften bleiben. So erhalten Dinge mehr und mehr die Funktion für Halt und Orientierung, während Worte mit geistigem Gehalt zunehmend verblassen. Sie werden zunehmend nur noch „Schall und Rauch“ (Redensart).

Beispiele für das Verdinglichungskonzept bei Realitätsverlusten

In diesem Blog wird der Einsatz von Gegenständen als Hilfsmittel oder Zusatzinstrumente bei der Beseitigung von Realitätsverlusten in der Demenzpflege aufgezeigt (siehe Blog 8 und Blog 9).

Beeinflussbare spontane Desorientierung

Wie in Blog 8 ausgeführt, sind beeinflussbare spontane Desorientierungssymptome im fortgeschrittenen Stadium der Alzheimerdemenz häufig anzutreffen, können doch die Betroffenen nun nicht mehr Erinnerungen von den Realbezügen der Gegenwart unterscheiden. Vergangenes und Gegenwärtiges werden zu einem nicht mehr entwirrbaren Gemengelage, das häufig mit einem großen Belastungsempfinden verbunden ist. Die Belastung entsteht, da diese Erinnerungen meist mit einer Verpflichtung („Ich muss die Hühner füttern“ oder „ich muss jetzt für die Kinder das Essen zubereiten“) verbunden sind, die die Verwirrten in starke Unruhe versetzen. Nur zu Beginn der Desorientierung greifen hierbei meist noch verbale Ablenkungs- und damit auch Beruhigungsstrategien („Frau Meyer, ich habe doch die Hühner bereits gefüttert!“), bei fortschreitender Desorientierung hingegen müssen mehrdimensionale sinnliche Reizgefüge zur Regulierung des Stresserlebens eingesetzt werden. Zum Beispiel der Demenzkranken eine nasse Tasse in die Hand zu drücken verbunden mit der Bitte, diese möglichst umgehend abzutrocknen. Die Demenzkranke sieht, spürt und bearbeitet die Tasse (Abtrocknen) mit verbaler Unterstützung durch die Pflegende.

Der Gegenstand „Tasse“ oder auch die Gegenstände „nassen Gabeln“ (ebenfalls in Blog 8) fesseln die Aufmerksamkeit dergestalt, dass in der Regel der vergegenwärtigte belastende Erinnerungsimpuls verdrängt und damit gelöscht wird. Durch derart recht einfache Handlungen, jemanden einen Gegenstand in die Hand zu drücken verbunden mit der Aufforderung zur Mithilfe, lassen sich unruhige und zeitverwirrte Demenzkranke aus einem massiv belastenden Realitätsverlust zurück in die Gegenwart zurückführen. Es gilt hierbei deutlich zu betonen, dass dies effektive therapeutische Interventionen aus dem Bereich demenzspezifischer Reizregulationsstrategien innerhalb der Demenzpflege sind.

Wahnhafte Halluzination

Bei der Krankheitssymptomatik wahnhafte Halluzination visualisieren die Demenzkranken ähnlich wie Kleinkinder ihre Angst in Schreckensbildern („Tiere“, „fremde Personen“, „Monster“ etc.) (siehe Blog 9). Wie bei den obigen Desorientierungsphänomenen geht es auch bei diesen extrem belastenden Realitätsverlusten darum, die völlig Verängstigten möglichst umgehend und wirksam aus diesem Wahn zu befreien. Spontan und damit intuitiv wenden Pflegende und Betreuende ähnlich wie Mütter bei den halluzinierenden Kleinkindern dieselbe Entlastungsstrategie an: sie „vertreiben“ die Belastungsimpulse bzw. Spukbilder. Und dies geschieht ähnlich wie bei einer Theaterinszenierung mit großem gestischen Aufwand. In der Demenzpflege werden diese Interventionen als Strategien des „Mitgehens und Mitmachens“ bezeichnet, die vor allem bei der Beseitigung oder Eliminierung von belastenden Realitätsverlusten ein hohes Maß an Wirksamkeit zeigen.

Das Verdinglichungskonzept realisiert sich nun bei diesen Vorgehensweisen der „Vertreibung“ oder „Löschung“ dergestalt, dass hierbei gezielt Gegenstände zur Intensivierung und damit Verdeutlichung der Handlungsvollzüge eingesetzt werden. In Blog 9 wurde anhand eines Beispiels gezeigt, dass es ein bestimmtes Maß an Reizimpulsen bedarf, um einen belastenden Realitätsverlust wie eine wahnhafte Halluzination zum Wohle des Betroffenen wirksam aus dem Bewusstsein zu entfernen und damit zu löschen. In dem angeführten Beispiel wurden „Murmeltiere“, die sich für die erschreckte Demenzkranke unter dem Bett versteckt hatten, vehement mit dem Besen aus dem Zimmer gescheucht. Der Besen wirkt in diesem Beispiel ähnlich wie ein Theaterutensil, er macht die Szene plastisch und sinnlich. Und das wiederum überzeugt die Demenzkranke, dass sie hierdurch aus ihrem Wahn und damit aus ihrer Angst befreit werden konnte.

Neurowissenschaftliche Erklärung

Wie lässt sich erklären, dass bei Demenzkranken plötzlich ein Bewusstseinswandel von einem Realitätsverlust hin zur Orientierung im Realen bewerkstelligt werden kann? Wird doch ein belastender Innen- oder Binnenreiz hier ein Desorientierungsphänomen oder eine wahnhafte Verkennung durch einen Außenreiz verdrängt und damit gelöscht.

Geht man davon aus, dass Bewusstsein vereinfacht dargestellt das Produkt aus Aufmerksamkeit und Kurzzeitgedächtnis bildet (Ratey 2001: 169), dann wird deutlich, dass sich bei einem fehlenden Kurzzeitgedächtnis das Bewusstsein fast ausschließlich auf die Aufmerksamkeit beschränkt. Somit fehlt das auf dem Kurzzeitgedächtnis basierende „Hintergrundbewusstsein“ als eine zusätzliche Ebene im Erfassen und Verarbeiten der Umweltreize (Roth 2007: 77). Aufmerksamkeit und Bewusstsein werden somit identisch (Lind 2007: 182f, Lind 2011: 79f). Das bedeutet konkret: der Reiz, der die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt und damit zugleich die Aufmerksamkeit fesselt, der bildet das Bewusstsein, das Erleben der Umwelt.

Das therapeutische Löschen eines belastenden Realitätsverlustes erfordert in diesem Zusammenhang ein äußeres Reizgefüge zu erzeugen, das den realitätsverzerrenden Innenreiz an Intensität im Erleben deutlich übersteigt, andernfalls lässt sich keine positive Regulierung der Bewusstseinszustände herbeiführen. So konnte z. B. in Blog 9 anhand eines Negativbeispiels gezeigt werden, dass bei einer zu geringen Intensität des Löschungsimpulses die Wahnsymptomatik nicht behoben werden konnte. Dieser Umstand verweist auf den Sachverhalt, dass konkrete Gegenstände oft notwendige Utensilien für die Behebung belastender Realitätsverluste darstellen.

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Ratey, J. J. (2001) Das menschliche Gehirn. Eine Gebrauchsanweisung. Düsseldorf: Walter Verlag.
  • Roth, G. (2007) Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Stuttgart: Klett-Cotta

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