Das Verdinglichungskonzept 2: Wahrnehmungsstörungen

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Das Verdinglichungskonzept im Zusammenhang mit Wahrnehmungsstörungen ist der Inhalt des 47. Blogs. Es werden neben der Darstellung der Symptomatik Regeln zur Vermeidung von Stress und weiteren Gefahren erläutert.

Vorbemerkungen

In Blog 46 wurde erläutert, dass im fortgeschrittenen Stadium der Demenz die Erkrankten sich mehr und mehr ihre Umwelt vorrangig mittels der Sinneswahrnehmungen vergegenwärtigen. Geistiges wie Worte mit inhaltlichen Aussagen wie die Aufforderung zu einer bestimmten Handlung werden zunehmend nicht mehr ausreichend erfasst. Gegenstände des Alltags hingegen werden verstärkt zu Ankern im Erleben der Umwelt, sie erden die Betroffenen und geben ihnen zusätzlich Halt. Es muss jedoch hier nochmals darauf verwiesen werden, dass vertraute Personen, die Pflegenden und Betreuenden nebst den Mitbewohnern ähnlich wie bei Kleinkindern die entscheidenden Faktoren zur Stabilisierung des psychosozialen Gleichgewichts bilden (Kihlgren et al. 1994). Doch mit dem Abbau treten allmählich auch Elemente des Dinglichen als Stützen und Stabilisatoren in dieses Welterleben ein.

Der Verdinglichungsansatz, der diese sinnesorientierte Erfassung der äußeren Reizgefüge theoretisch auf der Grundlage des neuropathologischen Abbauprozesses vermittelt und für die Pflege und Betreuung als ein Bezugsrahmen dient, enthält in seiner Komplexität auch die Dimension der Belastung durch Gegenstände und Dinge für die Demenzkranken. Dieser Belastungsfaktor besagt, dass Verdinglichtes, also bestimmte Außenreize der unmittelbaren Umwelt, auch zur Verunsicherung und psychischen Destabilisierung führen können, wenn bestimmte Regeln nicht ausreichend berücksichtigt werden. Außenreize können darüber hinaus auch reale Gefahren für Leib und Seele werden, sie können im Extremfall sogar tödlich wirken. In diesem Blog werden die verschiedenen Gefahrenpotentiale auf der Grundlage der Wahrnehmungsstörungen im fortgeschrittenen Stadium aufgezeigt (siehe Blog 1 – 6).

Wahrnehmungsstörungen als Gefahren- und Belastungspotentiale

Wenn die unmittelbare Umwelt in Gestalt diverser Reizgefüge nicht mehr angemessen erfasst und verarbeitet werden kann, dann entstehen Gefährdungen, die den Demenzkranken in der Regel gar nicht mehr bewusst werden können. Denn es fehlt ihnen im schweren Stadium auch die dafür notwendige Krankheitseinsicht. Sie wissen also nicht um die drohenden Gefahren, die entstehen, wenn die Außenwelt in den Hirnarealen nicht mehr in ihrer Komplexität zur Alltagsbewältigung zusammengefügt werden kann. Wahrnehmungsstörungen sind dann die Symptome und Folgen. Die Einheit von Innen und Außen zerbröselt Stück für Stück. Die Person-Umwelt-Passung zeigt Brüche, die bei den Betroffenen u. a. zu Stress und Furcht führen können. Dass dieser Abbauprozess eine Parallelität zur Hirnentwicklung in entgegengesetzter Richtung besitzt, wird im Folgenden aufgezeigt (Retrogenese, siehe Reisberg et al. 1999).

Unterscheidungsunfähigkeit

In Blog 1 wurde anhand eines Beispiels (Fehldeutung einer Gabel als Kamm) die Wahrnehmungsstörung Unterscheidungsunfähigkeit beschrieben. Bei diesem Krankheitssymptom handelt es sich eine Fehlwahrnehmung äußerer Reizimpulse, die als eine Form der Übergeneralisierung bezeichnet wird. Bei der Unterscheidungsunfähigkeit verliert das Hirn die Fähigkeit, Unterschiede zwischen ähnlichen Gegenständen bezüglich Formgebung und auch Funktion zu erkennen. Durch das fehlende Unterscheidungsvermögen werden ähnliche Gegenstände als gleich wahrgenommen und teilweise auch entsprechend genutzt. Dieses Phänomen einer gedanklichen Überdehnung wird auch bei Kleinkindern im Kontext ihrer geistigen Entwicklung beobachtet (Siegler et al. 2016).

Selbstgefährdend und manchmal auch geradezu lebensgefährlich wird es für die Demenzkranken, wenn sich potentiell gefährdende Gegenstände in ihrem Nahbereich befinden. Wenn sie z. B. eine Flasche Parfüm oder eine Flasche mit einem Reinigungsmittel für eine Saftflasche halten und daraus trinken, dann droht Gefahr (Lind 2007: 56). Ebenso wenn Zahnersatztaps als vermeintliche Bonbons gelutscht werden. Nicht lebensgefährlich aber äußerst belastend ist jedoch der Sachverhalt, wenn Papierkörbe und Schirmständer als Urinale fehlgedeutet werden. Furcht entsteht bei Demenzkranken, wenn ein Garderobenständer im Flur für eine fremde Person gehalten wird (Lind 2011: 212). Bezüglich des Garderobenständers bedarf es des Hinweises, dass dieser Gegenstand im Alltag eines Demenzwohnbereiches auch als ein wirksames Beruhigungsinstrument genutzt wird. Einer bettlägerigen Bewohnerin, die ständig und eindringlich um Zuwendung und Gesellschaft bat, stellte man einen Garderobenständer in die halboffene Tür mit dem Hinweis, jetzt würde jemand bei ihr sein (persönliche Mitteilung).

Verallgemeinerungsunfähigkeit

Bei der Wahrnehmungsstörung Verallgemeinerungsunfähigkeit (Untergeneralisierung) wie in Blog 3 angeführt, handelt es sich im Gegensatz zur Unterscheidungsfähigkeit nicht um eine Fehlwahrnehmung, sondern um das Unvermögen, bisher vertraute Gegenstände aufgrund kleiner Veränderungen wieder erkennen zu können. Neuropathologisch lässt sich diese Wahrnehmungsstörung mit dem Verlust der entsprechenden Hirnareale in der Großhirnrinde erklären. Die geistige Fähigkeit, Impulse bzw. Reizgefüge miteinander zu verknüpfen und dadurch u. a. eine Verallgemeinerung herzustellen, geht verloren. Wo geistige Flexibilität war, ist eine geistige Starrheit in der Erfassung der Umwelt getreten. Auch hier wiederum besteht die Parallele zur Hirnentwicklung des Kindes hier genauer des Säuglings (Markowitsch et al. 2006: 145).

Konkret lässt sich dieses Krankheitssymptom der Verallgemeinerungsunfähigkeit feststellen, wenn z. B. in einem Bewohnerzimmer oder im Gemeinschaftsbereich kleine kaum merkbare Veränderungen vorgenommen werden. Wird im Bewohnerzimmer die grüne Tagesdecke durch eine rote ersetzt, so erkennt der Demenzkranke sein Zimmer nicht wieder und macht sich auf die Suche (Lind 2011: 95). Oder wenn sein Sessel im Gemeinschaftszimmer nur um 90 Grad unabsichtlich verschoben wurde, dann weiß er nicht mehr, wo er sich hinsetzen soll.

Fehlende Tiefenwahrnehmung

Bei der Wahrnehmungsstörung fehlende Tiefenwahrnehmung handelt es sich um eine Fehlwahrnehmung dergestalt, dass flächige Reizgefüge wie z. B. Bilder für körperliche Reizgefüge oder Gegenstände fehlgedeutet werden (siehe Blog 4). So produziert das Gehirn bei diesem Krankheitssymptom ständig „3D-Bilder“ anstelle der bloßen Abbildungen, die für konkrete Gegenstände gehalten werden. Auch hier besteht wieder die Parallele zur Hirnentwicklung, denn erst mit ca. 1 ½ Jahren vermögen Kleinkinder diese Unterschiede des Raumgefüge zu unterscheiden (Siegler 2016: 166).

Konkret äußert sich diese Wahrnehmungsstörung, wenn z. B. eine rosafarbene Serviette für ein Stück Fleisch gehalten wird und entsprechend mit dem Messer bearbeitet wird, oder wenn ein großes Wandbild mit einem Tiermotiv als Bedrohung wahrgenommen wird (Lind 2007: 58). Auch das Fernsehen ohne Aufsicht verursacht Verwirrung und Desorientierung, wird doch das Fernsehbild für Realität gehalten (Lind 2011: 99).

Fehlende Temperaturwahrnehmung

Ein leider in der Fachliteratur noch nicht aufgearbeitetes Krankheitssymptom der Demenz im fortgeschrittenen Stadium besteht aus der fehlenden Temperatur- und Schmerzwahrnehmung (siehe Blog 6). Es handelt sich hierbei nicht um eine visuelle Wahrnehmungsstörung (Außenwahrnehmung aufgrund äußerer Reizgefüge) wie in den bisherigen Beispielen, sondern um eine Störung der Innen- oder Binnenwahrnehmung (Interozeption). Neuropathologisch wird dies Phänomen wie folgt erklärt: Schmerzen durch Brüche oder auch Verbrühungen werden durch den Botenstoff Prostaglandin an die entsprechenden Nervenzellen im Gehirn weitergeleitet. Sind diese Nervenareale im fortgeschrittenen Stadium bereits abgestorben, so kann kein Schmerzimpuls aufgebaut werden (Jürgs 2006: 355).

Bezogen auf die Thematik Belastungen oder Gefährdungen von Gegenständen der näheren Umwelt für die Demenzkranken bedeutet dies, dass die Gefahrenpotentiale z. B. aus Heißgetränken und dem Waschen oder Duschen mit zu heißem Wasser bestehen.

Konsequenzen für die Praxis

Die Wahrnehmungsstörungen verdeutlichen den Sachverhalt, dass bei fortgeschrittener Demenz die Hilflosigkeit in der Bewältigung der Umweltgegebenheiten rasant zunimmt. Das hat u. a. auch zur Folge, dass die Schutz- und Betreuungsbedürftigkeit ähnlich wie bei kleinen Kindern entsprechend zunimmt. Um die körperliche und seelische Unversehrtheit zu gewährleisten, bedarf es dann möglichst ständiger Aufsicht.

Des Weiteren gilt es, wie bereits in Blog 1 gefordert, aufgrund der Krankheitssymptomatik der Unterscheidungsunfähigkeit strikt die Milieusicherheit im unmittelbaren Lebensbereich zu gewährleisten. Dies geschieht in der Regel u. a. durch Beseitigung aller möglichen Gefahrenquellen.

Hinzu kommt wie in Blog 3 als Pflichtprogramm eingefordert, die Gewährleistung der Milieustetigkeit bzw. Milieukonstanz in Gestalt der Unveränderlichkeit der räumlichen Umwelt (Bewohnerzimmer und Gemeinschaftsräumlichkeiten). Nur so kann man den Belastungspotentialen der Wahrnehmungsstörung Verallgemeinerungsunfähigkeit angemessen Herr werden.

Bezüglich der Tiefenwahrnehmungsstörungen gilt es, Zweideutigkeiten in der Wahrnehmung äußerer Reizgefüge durch Verzicht der entsprechenden Utensilien zu vermeiden. Hierbei sollte die Regel „Jede Fehldeutung kann zu einer belastenden Fehlhandlung führen“ Berücksichtigung finden (Blog 4).

Literatur

  • Jürgs, M. (2006). Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland. München: Bertelsmann Verlag.
  • Kihlgren, M. et al. (1994) Auswirkungen der Schulung in integrationsfördernder Pflege auf die zwischenmenschlichen Beziehungsabläufe auf einer Langzeitabteilung. Pflege, 7 (3): 228–236.
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Markowitsch, H. J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage).
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23.
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.

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