Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 9)

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Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 9) sind der Inhalt des 106. Blogs. Es werden Strategien des Verdinglichungskonzeptes angeführt.

Nachtrag 

Die Wirksamkeit der Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien bei Demenzkranken lässt sich u. a. mit der Unfähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit erklären (Blog 32). Wie in Blog 14 angeführt, ist bereits im frühen Erkrankungsstadium die Aufmerksamkeit stark beeinträchtigt, da das Areal für das zuständige Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis (Hippocampus) bereits deutlich abgebaut ist. Es können somit u. a. mehrere Reizgefüge zugleich nicht mehr angemessen verarbeitet werden. Im Alltag der Pflege und Betreuung gilt dann das „Ein-Reiz-Prinzip“ („Monotasking“) bei allen erforderlichen Pflege- und Betreuungshandlungen, um eine Überforderung und Beunruhigung der Betroffenen zu vermeiden (Blog 15).

Wie in Blog 104 und Blog 105 beschrieben, wissen die Pflegenden und Betreuenden um die Wirksamkeit der Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien u. a. der Löschung (Extinktion) auch bei Konflikten im sozialen Milieu, wie das folgende Fallbeispiel zeigt:

Beispiel: Bei Konflikten unter den Bewohnern wirft ein Mitarbeiter einige Münzen auf den Boden, die er immer in der Hosentasche bei sich trägt. Sofort ist Streit und Zank vergessen, indem die Demenzkranken die Aufmerksamkeit ganz auf die Geldstücke am Boden lenken (persönliche Mitteilung). 

Zum Abschluss nochmals der Hinweis, dass Ablenken und Beruhigen angeborene und damit intuitive Verhaltensmuster sind, die nicht nur bei Demenzkranken sondern ebenso häufig auch bei Kleinkindern angewendet werden (Siegler et al. 2016: 366). So besteht auch hier wiederum die Parallele zum Umgang mit kleinen Kindern auf der Grundlage einer Realitätsverkindlichung (siehe Blog 72 und folgende). 

Verdinglichungskonzept

In dem Abschnitt positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Blog 98 und folgende) ist bereits an verschiedenen Stellen auf die Bedeutung von Gegenständen bei den verschiedenen therapeutischen Beeinflussungsweisen eingegangen worden. Auf folgende Aspekte wurde bereits verwiesen:

  • Gegenstände zur psychischen Stabilisierung (Blog 52 und Blog 100)
  • Gegenstände bei belastenden Erinnerungen und Traumfolgen (Blog 11)
  • Gegenstände als Hilfsmittel bei Ermöglichungsstrategien (Blog 102 und Blog 103)
  • Gegenstände als Hilfsmittel bei Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien (Blog 104)

Diese Sachverhalte zeigen, dass viele therapeutische Interventionen bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium den Einsatz von konkreten Dingen (Alltagsgegenstände u. a.) bedürfen, um überhaupt wirksam werden zu können. Das Wissen um den Stellenwert von Gegenständen hat  zur Entstehung der Begrifflichkeit Verdinglichungskonzept im Rahmen der Entwicklung einer Theorie der Demenzpflege geführt. Damit werden alle Umgangsformen und Beeinflussungsstrategien zusammengefasst und verallgemeinert, bei denen Gegenstände ein Kernelement des Vorgehens sind (Blog 46 und folgende).

In Blog 51 wird gezeigt, dass konkrete Gegenstände die Pflege und Betreuung oft erst ermöglichen oder auch erleichtern, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Ermöglichung eines Spaziergangs

Einem Bewohner konnte man nie so richtig erklären, dass ein Spaziergang bevorstand. Die Worte sagten ihm gar nichts und er blickte die Pflegende nur fragend an. Setzte man ihm jedoch seinen Hut auf, den er immer außerhalb des Hauses trug, dann wusste er Bescheid (Lind 2007: 79) (siehe Blog 31).

Belohnung und Anreiz

Die Pflege ist oft für Demenzkranke kein Vergnügen, sondern bloßes Pflichtprogramm. Hier bedarf es dann manchmal zusätzlicher Anreize und Belohnungen, um die Bereitschaft der Betroffenen zu erzielen. Bewährt haben sich in diesen Fällen Dinge mit einem recht hohen Wohlfühlfaktor. In Blog 17 wurde gezeigt, dass wie bei kleinen Kindern Süßigkeiten als Lockmittel sehr wirksam sind. Wenn z. B.  Schokolade oder Kekse als Belohnung gezeigt wird, dann erhöht sich bei den Demenzkranken in der Regel die Bereitschaft für die Pflegehandlungen (Lind 2007: 141,  siehe auch Camp 2015: 108). 

Beruhigungsmaßnahme

Auch als Beruhigungsmaßnahme eignen sich konkrete Gegenstände und oft auch Leckereien. In Blog 31 wurde der Fall beschrieben, dass einer Demenzkranken nachts bei auftretender Unruhe stets ein Keks zur Beruhigung gereicht wurde. Dies hatte früher bereits ihre Mutter getan. Von Bedeutung ist hierbei der Aspekt, dass das Verdinglichungskonzept nicht nur eng mit dem einfachen Lernen bzw. Konditionieren verbunden ist, sondern auch eine Verknüpfung zu lebensgeschichtlich geprägten Gewohnheiten besitzt. 

Zur Ablenkung bei der Pflege

Bei den Pflegehandlungen lässt sich manchmal in der Mimik und auch Gestik beobachten, dass die Demenzkranken unruhig und auch unwillig werden. Um einen drohenden Pflegeabbruch seitens der Gepflegten vorzubeugen, wird den bereits leicht Gestressten ein Ablenkungsgegenstand in die Hand gedrückt. Wie in Blog 14 gezeigt, handelt es sich hierbei um Doppelstrategien: Maßnahmen um von dem Stress der Pflege abzulenken. Bezüglich des Aspektes Verdinglichungskonzept können es vertraute Gegenstände sein (z. B. der „Gartengerätekatalog“) oder auch bloßes Naschwerk (Tüte Chips) (Lind 2011: 128, Camp 2015: 90f).

Zur Vermeidung einer Pflegeverweigerung

Es kommt immer wieder vor, dass Demenzkranke aus nicht bekannten Gründen die Mitwirkung an  bestimmten Pflegehandlungen verweigern. Damit die notwendigen Pflegeprozeduren abgeschlossen werden können, gestalten die Pflegenden dann z. B. Szenarien im Sinne einer Demenzweltgestaltung, um die Betroffenen wieder in das Geschehen einbinden zu können. Hierbei werden dann bestimmte Gegenstände eingesetzt, wie das folgende Beispiel aus Blog 29 zeigt. Bei einigen Demenzkranken gab es Schwierigkeiten beim Einsetzen des Zahnersatzes. Hier wurde dann angekündigt, dass bald ein Foto der Bewohner gemacht werden würde. Ein Fotoapparat wurde diesbezüglich gezeigt. Dies überzeugte die Betroffenen (Lind 2007: 141).

Parallele zur Kindheitsentwicklung

Die hier angeführten Vorgehensweisen mithilfe verschiedener Gegenstände besitzen bedeutsame Funktionen, indem sie u. a. Pflege und Betreuung ermöglichen oder auch erleichtern. Gegenstände sind darüber hinaus für Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium auch ein Grund für Freude und Wohlbefinden. Wie in Blog 29 angeführt, gilt für die Demenzpflege auch die Zielorientierung, aus dem alltäglichen Geschehen möglichst zugleich auch freudige Ereignisse zu machen. Geschenke sind hierbei von Bedeutung, denn die Demenzkranken verhalten sich hierbei ähnlich wie Kleinkinder, die sich stets über Geschenke freuen. So sind für Kinder oft Weihnachten und der Geburtstag die schönsten Tage im Jahr, gibt es doch die ersehnten Geschenke. Eine pflegende Angehörige hat aus diesem kindlichen Verlangen ein ständiges Tagesprogramm gestaltet, wie das folgende Beispiel zeigt:  „Jeden Morgen wenn wir aufstehen kommt er in die Küche und findet einen Geburtstagskuchen, eine Geburtstagskarte und ein Geschenk auf dem Küchentisch. Jeden Abend kann er die Kerzen ausblasen, seine Karte öffnen, den Kuchen schneiden und sein Geschenkpaket aufmachen.“ (Camp 2015: 42). 

Literatur

  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

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