Reizregulation in der Pflege

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Die Konzepte „Ein-Reiz-Prinzip“ und das „Intervallmodell“ sind die Inhalte des 15. Blogs. Hierbei handelt es sich um Reizregulationsstrategien zur Ermöglichung der Pflege und Betreuung. Erklärt werden sie mit den Minderleistungen des Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnisses.

In der Pflege und Betreuung Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium ist das Belastungs- und Erfassungsvermögen die unabhängige Variable dergestalt, dass alles Handeln mit den Betroffenen von der jeweiligen Verarbeitungskapazität abhängt. Ein entscheidender Faktor hierbei ist, wie bereits in Blog 14 erläutert, das Arbeits- bzw. das Kurzzeitgedächtnis, das letztlich das Ausmaß an zu bewältigenden Außenreizen bestimmt. Im Folgenden werden anhand von zwei Negativbeispielen Grundregeln im Umgang mit Demenzkranken hinsichtlich der erforderlichen Reizregulation erläutert.

Ein-Reiz-Prinzip

Wie bereits in Blog 14 angeführt, bestimmt der Abbaugrad des Hippocampus das Aufmerksamkeitsspektrum dahingehend, dass im fortgeschrittenen Stadium die geteilte Aufmerksamkeit aufgrund der hirnpathologischen Gegebenheiten nicht mehr geleistet werden kann. Das folgende Negativbeispiel zeigt die Folgen einer Über- und damit Fehlstimulierung in diesem Bereich:

Beispiel 1: Ein Betreuer macht mit einer Demenzkranken einen Spaziergang im Garten des Heimes. An einem Baum vorbeikommend stellt er auf den Baum weisend plötzlich die Frage: „Frau Meyer, was kann das wohl sein, eine Buche oder eine Linde?“ Die Angesprochene bleibt vor Schreck sprachlos stehen und wirkt deutlich verunsichert und überfordert (persönliche Mitteilung).

Was ist geschehen und vor allem, was wurde hier falsch gemacht? Der Betreuer hat die Belastungsobergrenze bei dieser eher beiläufigen Frage während des Spazierganges nicht berücksichtigt. Wenn Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium gehen, dann wird ihre gesamte Aufmerksamkeit auf diese Aktivität konzentriert (Gutzmann et al. 2005: 61). Diese Reizkonstellation “selbständiges Gehen“ können sie noch bewältigen. Werden sie noch mit einem weiteren Reizgefüge, hier eine geistige Anforderung in Gestalt der Identifizierung eines Baumes, konfrontiert, dann ist ihre Leistungsgrenze in der Verarbeitung der verarbeitenden Reizgefüge weit überschritten und sie reagieren mit Unruhe und Furcht. In diesem Beispiel ist die Betroffene mit zwei massiven Reizgefügen, Gehen und geistige Erfassung eines Gegenstandes, überfordert. Sie vermag nicht, zwei Reizgefüge gleichzeitig zu verarbeiten, denn sie besitzt nicht mehr die neurophysiologischen Ressourcen für die hierfür erforderliche geteilte Aufmerksamkeit. Konkret für die Praxis bedeutet dies bei der Reizdarbietung, sich auf ein Reizgefüge zu beschränken, in diesem Fall das Gehen. Jeder weitere bedeutsame Reiz ist ein Reiz zuviel und damit zugleich ein eklatanter Pflege- und Betreuungsfehler.

Intervallmodell

In der Pflege wird immer wieder beobachtet, dass aus Gründen des Zeitdrucks bei den Handlungen vermehrt das Verarbeitungsvermögen der Demenzkranke keine angemessene Berücksichtigung findet. Konkret lässt sich das dergestalt veranschaulichen, dass die Pflegende vom Tempo her im dritten Gang pflegt, die Gepflegte hingegen nur Pflegehandlungen im ersten Gang, also deutlich verlangsamt, zu bewältigen vermag. Demenzkranken können in diesen Situationen mit physiologischen Stresssymptomen wie zum Beispiel Hecheln, die Rötung der Haut, Schweißausbruch, leichtes Zittern und Zwinkern reagieren. Weitere Symptome der Überforderung bei der Pflege sind das Schließen der Augen und des Mundes und das Wegdrehen des Kopfes bei der Hilfestellung zur Mahlzeiteneinnahme (Lind 2011: 156). Hier zur Veranschaulichung ein weiteres Negativbeispiel:

Beispiel 2: Eine Demenzkranke erhält morgens ihre Körperpflege. Anschließend wird aus Gründen der Zeitnot versucht, ihr das Frühstück anzureichen. Die Betroffene schließt jedoch den Mund und wendet sich ab.

Was wurde hier nun falsch gemacht? Es wurde nicht auf die Verarbeitungszeit eines massiven Reizgefüges geachtet. Die Körperpflege stellt für die Gepflegte physiologisch und psychisch eine extrem belastende Reizkonstellation dar, knapp an der Grenze zur physiologischen Überforderung. Derartige Belastungsgegebenheiten bedürfen einer anschließenden Beruhigungsphase, um wieder in einen psychophysischen Gleichgewichtszustand gelangen zu können. Und das braucht eine gewisse Zeit. Konkret bedeutet dies, dass das „Demenztempo“ oder der „erste Gang“ letztlich aus zwei Komponenten besteht: Verlangsamung der Pflegehandlung und anschließend die Zubilligung einer Erholungsphase von diesem Belastungserleben.

Das Intervallmodell besagt bei der Pflege Demenzkranker die Regulierung der Reizgefüge gemäß dem Belastungs- und Verarbeitungsvermögens der Betroffenen. Konkret folgt hierbei auf ein Belastungserleben eine Beruhigungsphase zwecks Erreichung des Gleichgewichts. Erst dann kann ein weiteres belastendes Handlungssegment begonnen werden. In diesem Beispiel die Hilfestellung bei der Mahlzeit. Bildlich kann man sich das Intervallprinzip als eine Welle vorstellen mit Wellenkamm (Belastungsphase) und Wellental (Beruhigungsphase) (Lind 2011: 157).

Konsequenzen für die Praxis

Die Pflege Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium ist für die Gepflegten meist immer ein Balanceakt, drohen doch Überstressreaktionen teils verbunden mit Pflegeverweigerung und verbaler und tätlicher Aggression. Das bedeutet, dass immer wie in Blog 14 dargestellt, Entlastungs- und Stabilisierungsreize seitens der Pflegenden angewendet werden. Dabei handelt es sich um Ablenkungs- und Beruhigungsreize u. a. wie Singen, Scherzen oder Komplimente machen. Durch diese Impulse wird der belastende Dominanzreiz relativiert und dadurch regelrecht verdrängt.

Parallel hierzu gilt es, sich bei allen Pflege- und Betreuungshandlungen strikt an die Einhaltung des Stetigkeitsprinzips und damit des Modells der Ritualisierung zu halten. Nur vertraute Handlungsschritte, die bereits durch die vorhergehende Konditionierung Teile des Langzeitgedächtnisses geworden sind, lassen sich relativ konfliktfrei anwenden (siehe hierzu Blog 3 und Blog 13).

Eine hirnpathologisch bedingte extrem geringe Aufmerksamkeits- und Belastungsspanne der Betroffenen erzwingt geradezu das Vorgehen, sich bei der Körperpflege auf das Wesentliche zu beschränken. Gemäß der Einschätzung, Wohlbefinden geht vor Pflege (Lind 2011: 224ff), sind hierbei alle nicht erforderlichen und damit nicht notwendigen Handlungsschritte auf den Prüfstand zu stellen. Denn es gilt, das Überforderungsverhalten zu vermeiden. Der Orientierungsrahmen für die Planung der Pflege wird von der Gewährleistung der körperlichen Unversehrtheit und damit der medizinischen Indikation bestimmt.

Literatur

  • Gutzmann, H. et al. (2005) Demenzielle Erkrankungen. Medizinische und psychosoziale Interventionen. Stuttgart: Kohlhammer Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber

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