Anpassung an neurophysiologische und neuropathologische Gegebenheiten

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Pflegeermöglichung mittels Anpassung an die geistige Verarbeitungskapazität ist der Inhalt des 32. Blogs. Abgeleitet von den eingeschränkten Fähigkeiten zur Erfassung der Außenreize werden die erforderlichen Umgangsformen dargestellt.Anpassng an neurophysiologische und neuropathologische Gegebenheiten.

Die Grund- oder Körperpflege wird erst im schweren Stadium der Demenz (Stadium 6 der Reisbergskalen) zum dominanten Arbeitsfeld der Pflege. In diesem Stadium des Abbaus befinden sich die Demenzkranken nach Reisberg ungefähr auf dem Entwicklungsstadium eines Kindes im Alter von ca. 2 bis 5 Jahren. Sie können sich z. B. nicht mehr selbst ankleiden (Stadium 6a), nicht mehr selbständig baden bzw. waschen (Stadium 6b), beherrschen den Toilettengang nicht mehr (Stadium 6c) und können nicht mit ihrer Urininkontinenz (Stadium 6d) bzw. Stuhlinkontinenz (Stadium 6e) umgehen (Reisberg et al. 1999). All diese Defizite sind die Folgen des neuropathologischen Abbauprozesses, der sich entgegengesetzt der Hirnreifung vollzieht und neuropathologisch mittels der Braak-Stadien unterteilt wird (Braak et al. 1991).

Diese zunehmenden Minderleistungen in der Umwelterfassung und Umweltbeherrschung zeigen sich u. a. auch in dem konkreten Verhalten der Erkrankten. So können z. B. die Wahrnehmungsstörungen (siehe Blog 1 – 7) und auch die Realitätsverluste und Realitätsverzerrungen (siehe Blog 8 – 12) auf diese neuropathologischen Abbauprozesse zurückgeführt werden.

In diesem Blog geht es um die Auswirkungen des neuropathologischen Abbauprozesses auf die Aufmerksamkeit, die psychische Belastung und die Erfassung von Außenreizen im Zusammenhang mit der Grund- bzw. Körperpflege. Es werden hierbei vor allem die Faktoren aufgeführt, die von besonderer Bedeutung für die Pflegeermöglichung und damit auch Pflegeerleichterung sind.

Begrenzte Aufmerksamkeit

Wie bereits mehrfach erwähnt, ist die Aufmerksamkeit ein Produkt des Kurzzeitgedächtnisses. Das bedeutet, dass eine massive Kurzzeitgedächtnisstörung eine deutliche Einschränkung der Aufmerksamkeit zur Folge hat. Diese kognitive Störung tritt schon im recht frühen Stadium der Alzheimerdemenz auf, da im Bereich des Hippocampus als zentrale neuronale Schaltstelle für das Kurzzeitgedächtnis die ersten neuropathologischen Abbauprozesse stattfinden (Perry et al. 1999, Namazi et al. 1992, Lind 2011: 218).

Für die Pflege und ebenso für die Betreuung führt dieser Sachverhalt zu der Regel, die entsprechenden Leistungen an das Leistungsvermögen der Aufmerksamkeitsspanne anzupassen. Wird das Aufmerksamkeitsvermögen nicht ausreichend berücksichtigt, drohen Phänomene der Überforderung. Die Konzentration der Betroffenen geht verloren, sie sind nicht mehr bei der Sache und reagieren dann in der Pflege mit Unwillen, Gereiztheit und Ablehnungsverhalten. Um dieses Belastungserleben bei den Demenzkranken zu vermeiden, gilt die Regel, die Pflegehandlungen auf das medizinisch Notwendige zu beschränken (siehe Blog 15).

Verlangsamung der Reizverarbeitung

Neben der Begrenztheit der Aufmerksamkeit und damit verbunden mit der Konzentration muss auch der Sachverhalt Berücksichtigung finden, dass die angemessene Verarbeitung von Außenreizen, aus denen letztlich alle Pflege- und Betreuungshandlungen bestehen, sich merkbar verlangsamt. Der massive Verlust an Nervenzellen in verschiedenen Großhirnarealen führt dazu, dass es länger dauert, bis die Betroffenen die Impulse erfasst haben. Für die Pflege bedeutet diese geistige Minderleistung eine ziemliche Verlangsamung des Pflegeprozesses, andernfalls geraten die Demenzkranken in Phasen der Überforderung mit entsprechendem Abwehr- und Rückzugsverhalten (Düzel 2018, Perry et al. 1999, Lind 2011: 242f). Konkret heißt das u. a., die konkrete Pflege langsamer, also im „ersten Gang“ und nicht im dritten durchzuführen.

Die zunehmende Abnahme an Kurzzeitgedächtnisleistungen und der Verlust an neuronalen Potentialen erfordert nun ein nicht leichtes Leistungsspektrum: nämlich in einem begrenzten Zeitrahmen aufgrund der begrenzten Aufmerksamkeitsspanne möglichst langsam zu arbeiten und gleichzeitig alle wesentlichen Aufgaben hierbei angemessen zu erledigen. Das erinnert im ersten Augenblick zwar an die Quadratur des Kreises, doch für in der Demenzpflege erfahrene Pflegende ist das Alltagsroutine.

Unfähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit

Wie bereits in Blog 15 näher ausgeführt, sind Demenzkranke bereits im recht frühen Stadium nicht mehr zu einer gleichzeitigen Verarbeitung mehrerer Reizgefüge aufgrund des hirnpathologischen Abbauprozesses fähig (Johannsen et al. 1999, Perry et al. 1999). Für die Grund- bzw. Körperpflege bedeutet diese Minderleistung eine auf die Person abgestimmte Regulation der Außenreize.

Die Pflegenden nutzen dieses kognitive Defizit der Unfähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit, um die Demenzkranken von dem belastenden Erleben des Pflegeprozesses abzulenken (u. a. das Prinzip der „Doppelstrategien“ – siehe Blog 14). Für die Pflegehandlungen bedeutet diese geistige Einschränkung in der Erfassung und Verarbeitung von Außenreizen zugleich auch einen äußerst sensiblen Umgang mit den Betroffenen. Darüber hinaus sind nicht nur die Reizgefüge der unmittelbaren Pflegehandlungen zu berücksichtigen, sondern es gilt auch, eventuelle Außenreize des sozialen und räumlichen Milieus zu regulieren. Es können z. B. Ablenkungsimpulse wie Radio oder Fernsehen sein, oder es könnten auch Mitbewohner, Kollegen und auch Besucher sein, die als unmittelbare Außenreize die Betroffenen vom Mitwirken bei der Pflege abhalten.

Unfähigkeit zur Fokussierung der Aufmerksamkeit

Die Selektivität bzw. Fokussierung der Aufmerksamkeit ist eine recht anspruchsvolle geistige Leistung in den Bereichen Konzentration und damit auch Aufmerksamkeit, gilt es doch, bei der Vielzahl an sensorischen Außenreizen ein bestimmtes Reizgefüge zu erfassen und zugleich im Bewusstsein zu halten. Hierzu bedarf es der Kapazität eines relativ intakten Kurzzeit- und zugleich auch Arbeitsgedächtnisses. Um sich auf die zentralen Reize konzentrieren zu können, müssen hierbei zugleich parallel unbewusst die Umgebungsreize ausgeblendet bzw. unterdrückt werden können (Düzel 2018, Markowitsch et al. 2006). Zu dieser parallel verlaufenden geistigen Doppelleistung – Konzentration und Ausblendung bzw. Unterdrückung – sind die kognitiven Hirnleistungen bei Demenzkranken bereits in einem frühen Stadium nicht mehr in der Lage.

Für die Pflege und Betreuung besteht nun die Aufgabe darin, die sensorischen Außenreize gemäß dem Verarbeitungsvermögen der Betroffenen zu regulieren. Das Gefüge der Außenreize darf nicht zu Phänomenen der Über- bzw. Unterstimulierung mit den damit verbundenen Stressreaktionen führen. Es gilt zu verhindern, dass ein nicht unterscheidbares und damit nicht identifizierbares Umgebungsreizgefüge ähnlich einem Reizteppich entstehen kann. Solch ein Reizgefüge führt fast schon automatisch zu einer sensorischen und damit zugleich auch stressbezogenen Überforderung bei den Betroffenen (siehe Blog 2).

Vorrang von sensorischen Reizgefügen

Der fortgeschrittene geistige Abbau vermindert nicht nur die Modalitäten der Reizverarbeitung, er erfordert zugleich auch eine Anpassung der Reizinhalte an das defizitäre kognitive Leistungsvermögen. Konkret bedeutet dies für die Demenzpflege, dass die Kommunikation und der Umgang weniger von bloßen abstrakt verbalen Impulsen, sondern vermehrt von mehrdimensional sensorischen und teils auch reflexauslösenden Impulsen bestimmt werden (Lind 2011: 218ff). Die folgenden Strategien und Umgangsformen haben sich bisher in der Praxis der Demenzpflege bewährt:

  • Anregung des Nachahmungsverhaltens (Blog 18)
  • Einfache kurze Sätze verbunden mit sprachbegleitenden Gesten (Sachweh 2008: 55, Lind 2011: 218ff)
  • Mimik wie Lächeln, Zwinkern, scherzhafte Grimassen (Lind 2011: 197)
  • Lautmalereien wie Brrrh … (Sachweh 2008: 123)
  • Berührung der für die Pflege vorgesehenen Körperteile (Lind 2011: 198, Sachweh 2008: 172)
  • Puppen, Kuscheltiere (Blog 17 und Blog 18)
  • Einsatz und Verwendung von vertrauten Utensilien (Blog 28)

Dieses weitgefächerte Spektrum an Kommunikations- und Umgangsformen verdeutlicht den Sachverhalt, wie teils unbewusst und intuitiv Pflegende es verstehen, sich an das geistige Verarbeitungsvermögen der Demenzkranken anzupassen. Hierdurch entsteht ein Miteinander, das zur Erleichterung und teils auch Ermöglichung der Pflege wesentlich beiträgt.

Literatur

  • Düzel, E. (2018) Kognitive Systempathologien in der Alzheimer-Erkrankung. In: Jessen, F. (Hrsg.) Handbuch Alzheimer-Krankheit. Berlin: Walter de Gruyter (287-300)
  • Johannsen, P. et al. (1999) Cortical responses to sustained and divided attention in alzheimer’s disease. NeuroImage 10: 269-281.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Markowitsch, H.J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage)
  • Namazi, K. et al. (1992) How familiar task enhance concentration in Alzheimer’s disease patients. The American Journal of Alzheimer’s Disease and Related Disorders & Research, 7 (1): 35–40.
  • Perry, R.J. et al. (1999) Attention and executive deficits in Alzheimer’s disease. A critic review. Brain, 122: 383-404.
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23.
  • Sachweh, S. (2008) Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Bern: Verlag Hans Huber.
  • Schlagworte: Pflege, Pflegeermöglichung, geistige Verarbeitungskapazität der Außenreize

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