Das Verdinglichungskonzept in der Pflege

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Das Verdinglichungskonzept in der Pflege ist der Inhalt des 51. Blogs. Anhand von Praxisbeispielen wird die Wirksamkeit von zusätzlichen Gegenständen dargestellt.

Vorbemerkungen

In den letzten drei Blogs 48, 49, 50 wurden Gegenstände als Elemente unterschiedlicher Beeinflussungsstrategien verwendet, um Belastungsmomente bei verschiedenen Formen von Realitätsverlusten wirksam zu beheben.

In diesem Blog wird anhand von mehreren Beispielen aufgezeigt, dass auch bei der Pflege zusätzliche Gegenstände von Bedeutung sein können.

Gegenstände als Wirkfaktoren in der Demenzpflege

Gemäß der in Blog 46 erwähnten Annahme führt der neuropathologische Abbauprozess bei der Demenz zu einer Verschiebung in der Erfassung und Verarbeitung der Außenreize hin zu einer verstärkten Sinnesorientierung. Das bedeutet, dass die Umwelt zunehmend durch Sinneswahrnehmungen verinnerlicht wird. Parallel hierzu vermindert sich das Vermögen zur geistigen Erfassung der Reizgefüge der Außenwelt. Damit die Umwelt noch möglichst verständlich und nachvollziehbar erscheinen kann, werden mittels konkreter Gegenstände Ergänzungs- und damit auch Hilfeleistungen erbracht, die ein begrenztes Erkennen der unmittelbaren Umwelt ermöglichen. Die folgenden Beispiele aus der Praxis zeigen, wie durch verschiedene Gegenstände Situationen wie die Pflege für die Betroffenen verständlich gemacht werden können.

Puppen als Hilfsinstrumente bei der Pflege

Demenzkranken fällt es bei der Pflege oft nicht leicht, den Aufforderungen und Hinweisen der Pflegenden angemessen folgen zu können. Worte bleiben nicht mehr haften und werden oft auch nicht mehr recht verstanden. Unsicherheit und Unschlüssigkeit sind dann die konkreten Folgen.

Pflegende setzen in diesen Fällen die vertrauten Puppen oder Kuscheltiere der Bewohner ein, die meist von den Demenzkranken mit Namen versehen sind. Wenn z. B. die Bewohnerin sich nicht schlüssig ist, ob sie nun schon ins Bett gehen solle, dann wird ihre Puppe Christian ins Bett gelegt. Anschließend wird dann die Demenzkranke aufgefordert, sich zu „Christian“ zu legen, denn der soll ja nicht allein schlafen (Lind 2011: 203, Stuhlmann 2004: 98). Anbei weitere Beispiele hinsichtlich des Einsatzes von Puppen in der Pflege.

Vormachen

Wenn Unwille bezüglich einer bestimmten Pflegehandlung wie z. B. dem Kämmen besteht, wird diese vorab bei der vertrauten Puppe praktiziert. Anschließend lassen die Betroffenen in der Regel diese Prozedur auch über sich ergehen (Lind 2011: 144, Stuhlmann 2004: 96f). Bei diesem Beispiel führen zwei Faktoren zur erfolgreichen Pflegehandlung: die Puppe als wahrnehmbares Vorbild und ergänzend das Nachahmungsverhalten, das im fortgeschrittenen Stadium ähnlich wie bei Kleinkindern noch recht gut ausgebildet ist (siehe Blog 18).

Puppe als Verstärkungsstrategie bei der Pflege

Demenzkranke, die oft recht zögerlich und leicht verunsichert im Umgang wirken, entspannen sich leichter, wenn Pflegende bei der Kontaktaufnahme vor der Pflege ihre Puppen oder Kuscheltiere ebenfalls mit Namen begrüßen und sie in den weiteren Handlungsverlauf mit einbeziehen. Hierbei handelt es sich dann um Verstärkungsstrategien im Wahrnehmen und Erkennen des situativen Zusammenhanges. Die Puppen fungieren in diesem Zusammenhang als eine emotionale Stabilisierung, sie geben den Demenzkranken ein Stück Sicherheit und damit auch das Gefühl, bei der Pflege nicht allein und ungeschützt zu sein (siehe Blog 17).

Puppe als Konditionierungsinstrument

In Blog 13 wurde gezeigt, wie einer Demenzkranken mit einer Puppe im Arm, die sich vehement mit Gewalt dem Toilettengang widersetzte, stets eine zweite Puppe in die Hand gedrückt wurde, damit sie nicht mehr die Pflegenden schlagen konnte. Mit der Zeit verinnerlichte die Betroffene diesen Zusammenhang und wusste, dass mit der zweiten Puppe der bevorstehende Toilettengang anstand (Camp 2015: 87). In diesem Fall wurde eher zufällig ein einfacher Lernvorgang in der Form einer Konditionierung initiiert. Dieses Beispiel zeigt, dass Konditionierungen im Rahmen des Umgangs mit Demenzkranken wirksam mit konkreten Gegenständen praktiziert werden können.

Gegenstände als Mittel zur Ermöglichung der Pflege oder Betreuung

Demenzkranke sind im fortgeschrittenen Stadium in der Erfassung und Verarbeitung der Gegebenheiten der Umwelt wie bereits oft erwähnt ähnlich wie Kleinkinder. Das bedeutet u. a., dass sie leicht zu lenken und zu beeinflussen sind. Und Beeinflussen bedeutet im Alltag oft Ablenkung und Beruhigung angesichts der vielen nicht mehr zu bewältigenden Binnen- und Außenreize. Auch hierbei sind konkrete Gegenstände wirksame Unterstützungsinstrumente in Bezug auf Pflege und Betreuung.

Ermöglichung eines Spaziergangs

Einem Bewohner konnte man nie so richtig erklären, dass ein Spaziergang bevorstand. Die Worte sagten ihm gar nichts und er blickte die Pflegende nur fragend an. Setzte man ihm jedoch seinen Hut auf, den er immer außerhalb des Hauses trug, dann wusste er Bescheid (Lind 2007: 79) (siehe Blog 31).

Belohnung und Anreiz

Die Pflege ist oft für Demenzkranke kein Vergnügen, sondern bloßes Pflichtprogramm. Hier bedarf es dann manchmal zusätzlicher Anreize und Belohnungen, um die Bereitschaft der Betroffenen zu erzielen. Bewährt haben sich in diesen Fällen Dinge mit einem recht hohen Wohlfühlfaktor. In Blog 17 wurde gezeigt, dass wie bei kleinen Kindern Süßigkeiten als Lockmittel sehr wirksam sind. Wenn z. B. Schokolade oder Kekse als Belohnung gezeigt werden, dann erhöht sich in der Regel die Bereitschaft für die Pflegehandlungen bei den Demenzkranken (Lind 2007: 141, siehe auch Camp 2015: 108).

Beruhigungsmaßnahme

Auch als Beruhigungsmaßnahme eignen sich konkrete Gegenstände und oft auch Leckereien. In Blog 31 wurde der Fall beschrieben, dass einer Demenzkranken nachts bei auftretender Unruhe stets ein Keks zur Beruhigung gereicht wurde. Dies hatte früher bereits ihre Mutter getan. Von Bedeutung ist hierbei der Aspekt, dass das Verdinglichungskonzept nicht nur eng mit dem einfachen Lernen bzw. Konditionieren verbunden ist, sondern auch eine Verknüpfung zu lebensgeschichtlich geprägten Gewohnheiten besitzt.

Zur Ablenkung bei der Pflege

Bei den Pflegehandlungen lässt sich manchmal in der Mimik und auch Gestik beobachten, dass die Demenzkranken unruhig und auch unwillig werden. Um einen drohenden Pflegeabbruch seitens der Gepflegten vorzubeugen, wird den bereits leicht Gestressten ein Ablenkungsgegenstand in die Hand gedrückt. Wie in Blog 14 gezeigt, handelt es sich hierbei um Doppelstrategien, Maßnahmen um von dem Stress der Pflege abzulenken. Bezüglich des Aspektes Verdinglichungskonzept können es vertraute Gegenstände sein (der „Gartengerätekatalog“) oder auch bloßes Naschwerk (Tüte Chips) (Lind 2011: 128, Camp 2015: 90f).

Zur Vermeidung einer Pflegeverweigerung

Es kommt immer wieder vor, dass Demenzkranke aus nicht bekannten Gründen die Mitwirkung an den bestimmten Pflegehandlungen verweigern. Damit die notwendigen Pflegeprozeduren abgeschlossen werden können, gestalten die Pflegenden dann z. B. Szenarien im Sinne einer Demenzweltgestaltung, um die Betroffenen wieder in das Geschehen einbinden zu können. Hierbei werden dann bestimmte Gegenstände eingesetzt, wie das folgende Beispiel aus Blog 29 zeigt. Bei einigen Demenzkranken gab es Schwierigkeiten beim Einsetzen des Zahnersatzes. Hier wurde dann angekündigt, dass bald ein Foto der Bewohner gemacht werden würde. Ein Fotoapparat wurde diesbezüglich gezeigt. Dies überzeugte die Betroffenen (Lind 2007: 141).

Literatur

  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Stuhlmann, W. (2004): Demenz – wie man Bindung und Biografie einsetzt. München: Reinhardt

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6 Gedanken zu “Das Verdinglichungskonzept in der Pflege”

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