Das Verdinglichungskonzept im Rahmen der Identitätsstärkung Demenzkranker

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Das Verdinglichungskonzept im Rahmen der Identitätsstärkung Demenzkranker ist der Inhalt des 52. Blogs. Mittels konkreter Gegenstände wird teilweise das Empfinden der persönlichen Stabilisierung gestützt.

Vorbemerkungen

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium besitzen in teils unterschiedlichem Ausmaß noch das Empfinden eines Selbstbildes bezogen auf die soziale Umwelt. Das zeigt sich u. a. in Kleidung und Frisur. Hier wird besonders Wert darauf gelegt, dass alles möglichst korrekt ist. Diese Äußerlichkeiten sind für die Betroffenen und auch das soziale Umfeld von Bedeutung, drücken sie doch auch den sozialen Status aus. In Blog 31 konnte gezeigt, welchen Stellenwert lebensgeschichtlich vertraute Kleidung für Demenzkranke besitzt. So fühlen sie sich in der Regel recht unwohl, wenn sie nicht ihre gewohnte Kleidung (die „zweite Haut“) tragen können. In diesem Blogelement wird aufgezeigt, dass auch weitere Gegenstände des Alltags von großer Bedeutung für die Stabilisierung des Selbstwertgefühls sind.

Dinge zur Stabilisierung der Identität

Die Gegenstände und damit auch Dinge des Alltags, die für die Demenzkranken bedeutsam für ihr Selbstwertgefühl sind, lassen sich in zwei Bereiche unterteilen:

  • Alltagsutensilien, die austauschbar und damit ersetzbar sind
  • Lebensgeschichtlich bedeutsame Gegenstände, die in der Regel höchstwahrscheinlich nicht ersetzbar sind

Beiden Gegenstandsgruppen liegt das „Vollständigkeitskonzept“, das in den nächsten Blogs erläutert werden wird, als Wirkungselement zugrunde. Dieses Prinzip besagt, dass die Betroffenen das belastende Empfinden haben, dass irgendetwas in ihrem Lebensbereich fehlt, ohne es vielleicht aufgrund des neuropathologischen Abbauprozesses genau benennen zu können. Es kann angenommen werden, dass dieses eher halbbewusste Gefühl unstetes und unruhiges Verhalten mit verursacht.

Des Weiteren gilt es den Sachverhalt zu berücksichtigen, dass Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium in der Erfassung und Verarbeitung innerer und äußerer Reizgefüge sich ähnlich wie Kleinkinder verhalten (Reisberg et al. 1999). Hier lässt sich dann die Parallele zum Umgang mit den Lieblingspuppen und Lieblingskuscheltieren herstellen. Eltern wissen um die Dramen und Tragödien, die entstehen, wenn diese Gegenstände verlegt oder verloren gehen. Ähnliches wird auch aus den Heimen berichtet, wenn vertraute Stabilisierungsobjekte abhanden sind.

Erklären lässt sich dieses Verhalten bei den Demenzkranken und ebenso bei den Kleinkindern u. a. mit der „fehlenden Objektpermanenz“ , ein Begriff aus der Entwicklungspsychologie bezogen auf das sensomotorische Stadium nach Piaget für die Altersgruppe bis zu zwei Jahren (Siegler et al. 2016: 123). Hirnphysiologisch handelt es sich hierbei um den noch ausstehenden Hirnreifungsprozess, äußere Reizgefüge langzeitgedächtnisbezogen permanent abzuspeichern, also zu verinnerlichen. So fangen Säuglinge und Kleinstkinder an zu schreien, wenn sie ihre Mutter nicht mehr sehen. Ähnliche Verhaltensweisen können auch bei Demenzkranken beobachtet werden, wenn sie allein sind (Lind 2011: 307). In den Heimen wurde auch beobachtet, dass Bewohner aufgeregt ihre Möbel und auch ihre Kleidungsstücke vermissen, die sich gerade nicht in ihrem Gesichtsfeld befanden (Becker 1995).

Austauschbare Alltagsutensilien

Bei den austauschbaren Alltagsutensilien handelt es sich um Gegenstände, die vor der Erkrankung im alltäglichen Gebrauch verwendet wurden. Diese Dinge hatten bestimmte Funktionen und wurden meist nach längerer Verwendung nach Abnutzung ersetzt. Somit besaßen sie in der Regel keine emotionale Bedeutung.

Hand- und Aktentaschen, Geld und Geldbörse, Schlüsselbund

Handtaschen und oft auch Aktentaschen besitzen für Demenzkranke nicht nur die Funktion als Mittel für eine sinnvolle Eigenbeschäftigung, wenn es gilt, die Handtasche mit den erforderlichen Utensilien zu füllen und dies gelegentlich zu kontrollieren. Darüber hinaus haben Handtaschen nach Aussagen der Pflegenden auch eine beruhigende Wirkung. Diese Empfindungen lassen sich mit den lebensgeschichtlichen Erfahrungen erklären, denn in der Handtasche waren in der Regel die wichtigsten Gegenstände wie Geldbörse und Hausschlüssel aufgehoben. Aber auch Schminkutensilien wie Taschenspiegel, Lippenstift und Puderdöschen wurden in der Handtasche mitgeführt. Die Gewissheit, die Handtasche bei sich zu haben, vermittelte das Gefühl der Sicherheit, denn in der Tasche waren die wichtigen Gegenstände für die Bewältigung des Alltags außerhalb des eigenen Haushaltes enthalten (Lind 2007: 197).

Beim Geld sollte bis auf kleinere Münzen „fiktives Geld“ (Spielzeuggeld u. a.) verwendet werden, denn es wurde bereits mehrmals beobachtet, dass gültige Geldscheine als Toilettenpapier fehlgedeutet und entsprechend verwendet wurden. Ebenso hält es sich mit Schlüsseln bzw. Schlüsselbünden, auch hier sollten nicht mehr verwendbare Schlüssel zur Verfügung gestellt werden. Gemäß den Erfahrungen aus dem Alltag in den Heimen sollten möglichst immer Reservehandtaschen und Geldbörsen zur Verfügung stehen, damit bei dem häufigen Verlegen oder Verlieren immer gleich Ersatz angeboten werden kann. Das vermindert die Aufregung und den Leidensdruck bei den Betroffenen (Lind 2011: 207).

Generationsspezifische Möblierung

Gemütliche Sofas und Sessel, die sich auch für den Mittagsschlaf eignen, werden von den demenzkranken Bewohnern gern angenommen. Idealerweise sollte hierbei jeder Bewohner seinen eigenen festen Platz besitzen. Auch eine Möblierung mit Möbelstücken aus den 50er oder 60er Jahren (einschließlich Radio oder Musiktruhe) zeigt Wirkung bei den Bewohnern. Erst recht, wenn in den Vitrinen oder Kommoden Gegenstände zum Hantieren und Sortieren zu finden sind (Böhm 1994, Minde et al. 1990, Lind 2011: 302).

Die Vertrautheit und die Akzeptanz der Räume kann auch durch eine lebensgeschichtlich ausgerichtete Möblierung erhöht werden. Wenn z. B. Möbel aus den 40er- oder 50er-Jahren verwendet werden, nimmt die Bereitschaft und Fähigkeit einer angemessenen Raum- und Möbelnutzung zu. Zum Beispiel konnte die Nahrungseinnahme in einem im Stil der 40er- Jahre möblierten Esszimmer gegenüber einem unpersönlich ausgestalteten Raum um 25 Prozent erhöht werden (Elmstahl et al. 1987, Lind 2011: 105).

Lebensgeschichtlich bedeutsame Gegenstände

Lebensgeschichtlich bedeutsamen Gegenständen besitzen in der Regel nicht nur einen funktionalen Aspekt, sondern sie bilden teils durch den lebenslangen Gebrauch eine emotionale Stütze, denn es sind äußerst vertraute Dinge, sie gehören somit zum Lebens dazu.

Die Wanduhr

Einer Bewohnerin, die sich während ihrer Eingewöhnungsphase aus Unsicherheit nicht ins Gemeinschaftszimmer traute, konnte die Furcht genommen werden, als ihre vertraute Wanduhr von der Tochter ins Heim geschafft wurde. Die Uhr stellte man ins Gemeinschaftszimmer und gleich daneben war dann ihr Platz (Lind 2011: 105).

Der Emailbecher

Ein Demenzkranker trinkt nicht aus seiner Tasse. Als bekannt wurde, dass er jahrzehntelang immer aus einem Emailbecher seinen Kaffee getrunken hat, wurde ihm solch ein Trinkgefäß angeboten, aus dem er dann auch ohne zu zögern trank (Lind 2011: 125).

Literatur

  • Becker, J. (1995) Die Wegwerf-Windel auf der Wäscheleine. Die Handlungslogik dementer alter Menschen verstehen lernen. Darmstadt: afw – Arbeitszentrum Fort- und Fortbildung im Elisabethenstift Darmstadt.
  • Böhm, E. (1994) Verwirrt nicht die Verwirrten. Neue Ansätze geriatrischer Krankenpflege. Bonn: Psychiatrie-Verlag.
  • Elmstahl, S. et al. (1987) Hospital nutrition in geriatric long-term care medicine. 1. Effects of a changed meal environment. Comprehensive Gerontology, 1: 28–33.
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Minde, R. et al. (1990) The ward milieu and its effects on the behaviors of psychogeriatric patient. Canadian Journal of Psychiatry, 35: 133–138.
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.

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