Das Vollständigkeits- und Entfremdungssyndrom

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Das Vollständigkeits- und Entfremdungssyndrom (vorläufiger Arbeitsbegriff) ist der Inhalt des 53. Blogs. Es werden die neurowissenschaftlichen Ursachen dieser demenzspezifischen Krankheitssymptomatik erläutert.

Vorbemerkungen

In den letzten Blogs wurden einführend verschiedene Dimensionen des Verdinglichungskonzeptes im Bereich der Pflege und Betreuung Demenzkranker u. a. anhand von Fallbeispielen erläutert. Das Kernelement dieses Konzepts beruht auf der Erkenntnis, dass im fortgeschrittenen Stadium für die Erfassung und Verarbeitung der Reizgefüge der Umwelt ergänzend verstärkt Sinneswahrnehmungen in Gestalt von Dingen erforderlich sind.

Wie bereits in Blog 26 ausgeführt, wird der Handlungs- und auch Orientierungsrahmen der Demenzpflege von zwei Dimensionen oder Scharnieren gehalten: der Stetigkeit der Gegenwart (Konditionierung und damit Ritualisierung) und der Stetigkeit der Vergangenheit (biographische Stetigkeit), die manchmal auch nur einige Wochen zurückliegen kann. Diese Pflegeprinzipien werden nun durch das Verdinglichungskonzept vertieft und zugleich erweitert.

In diesem Blog wird nun eine weitere neue Begrifflichkeit im Rahmen der Entwicklung einer Theorie der Demenzpflege eingeführt und erklärt: das Vollständigkeits- und Entfremdungssyndrom als eine demenzspezifische Krankheitssymptomatik im fortgeschrittenen Stadium.

Definition des Vollständigkeits- und Entfremdungssyndroms

Das Vollständigkeits- und Entfremdungssyndrom kann als das Erleben einer fehlenden Übereinstimmung von inneren und äußeren Reizgefügen dergestalt aufgefasst werden, dass ins Bewusstsein gelangte Langzeitgedächtnisimpulse nicht mittels der Sinnesorgane in der Realwelt wahrgenommen werden. Anders ausgedrückt, die Binnen- oder Innenwelt des Demenzkranken findet keine Entsprechung in der Außenwelt. Diese Diskrepanz wird von den Betroffenen erlebt und führt zu verschiedenen Reaktionen und Verhaltensweisen mit dem Ziel, eine Übereinstimmung zwischen diesen beiden Wahrnehmungssphären herzustellen. Da eine Übereinstimmung von Binnen- und Außenwelt in der Regel nicht hergestellt werden kann, entsteht das Empfinden von Anspannung, Unruhe und Belastung. Konkret lässt sich dieser Leidensdruck an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn die Erinnerung an die Mutter ins Bewusstsein dringt, dann wird diese Mutter gesucht, dann wird nach dieser Mutter gefragt, denn sie ist für die Demenzkranken in dieser Konstellation Wirklichkeit, keine bloße Erinnerung.

Der Begriff „Vollständigkeits- und Entfremdungssyndrom“ wurde gewählt, da die Demenzkranken das Bedürfnis besitzen, die inneren Bilder oder Wahrnehmungen mittels ihrer Sinnesorgane zu erleben, damit Innen- und Außenwelt eins werden können, im Sinne einer Vollständigkeit. Das Vollständigkeits- und Entfremdungssyndrom ist somit eine Verallgemeinerung von demenzspezifischen Verhaltensweisen mit Belastungscharakter, die auf episodischen und prozedural-episodischen Langzeitgedächtnisinhalten beruhen. Aufgrund des neuropathologischen Abbaus werden diese Langzeitgedächtnisinhalte konkret als reale Gegebenheiten wahrgenommen und führen dadurch zu Realitätsverlusten und Realitätsverzerrungen. Dieses Syndrom kann als eine Krankheitssymptomatik klassifiziert werden, da es Unruhe, Stress, Belastung und damit Leiden verursacht.

Zur Behebung dieses Leidens werden u. a. das Vollständigkeitskonzept und das Surrogatkonzept in verschiedenen Vorgehensweisen umgesetzt (siehe spätere Blogs).

Neurowissenschaftliche Erklärung des Vollständigkeits- und Entfremdungssyndroms

Es stellt sich die Frage, welche neurophysiologischen und neurodegenerativen Prozesse verursachen dieses belastende Verhaltenssyndrom bei Demenzkranken. Aufgrund des gegenwärtigen Standes der Forschung lassen sich die folgenden Faktoren festmachen.

Der fehlende Realitätsfilter

In Blog 8 wird der fehlende Realitätsfilter im Frontallappen der Großhirnrinde als neuropathologisches Korrelat für diese Phänomene der Realitätsverluste und Realitätsverzerrungen beschrieben (Schnider 2012). Diesem Filter obliegt die Aufgabe, Impulse aus verschiedenen Hirnarealen, bevor sie ins Bewusstsein dringen, hinsichtlich ihrer Realitätsbezogenheit zu bewerten und zu klassifizieren (Erinnerung oder Realität). Bevor nun z. B. ein Impuls aus dem Langzeitgedächtnis ins Bewusstsein gelangt, wird er vom Realitätsfilter überprüft und entweder unterdrückt bzw. als bloße Erinnerung markiert. Geht nun diese Filterfunktion aufgrund des neurodegenerativen Abbauprozesses bei der Alzheimerdemenz verloren, so dringen Erinnerungen ungefiltert ins Bewusstsein und werden für die Realität gehalten.

Fehlende Stressregulation

In Blog 2 wird der Sachverhalt erläutert, dass Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr fähig sind, Stresserleben und andere Belastungsempfinden angemessen selbst zu bearbeiten. Erklärt werden kann diese Dysfunktion mit dem neurodegenerativen Abbauprozess: die Stress- und Belastungsimpulse in den Furchtarealen des limbischen Systems (Amygdala) sind im fortgeschrittenen Stadium noch voll funktionsfähig. Also Furcht und Unruhe entsteht, doch können diese Impulse nicht mehr im Frontallappen der Großhirnrinde regulierend verarbeitet werden, da dieses Hirnareal bereits zu stark abgebaut ist. Somit gehen die Schutz-, Puffer- und damit auch Beruhigungsfunktionen dieses Hirnareals verloren. Dieses Defizit macht die Betroffenen äußerst hilflos, können sie sich doch nun nicht mehr selbst beruhigen. Schlimmer noch, aufgrund dieser fehlenden emotionalen Schutzfunktionen geraten sie in den Teufelskreis zunehmender Unruhe und Furcht, bis hin zu regelrechten Panikzuständen.

Fehlende Flexibilität

Im fortgeschrittenen Stadium kann eine zunehmende Erstarrung und damit zugleich eine fehlende Flexibilität im Wahrnehmen und Verarbeiten der Außenreize festgestellt werden. Ein Gefühl der völligen Entfremdung von den Bezügen der physischen und teils auch der sozialen Umwelt ist die Folge, die sich in Unsicherheit und Angst äußert (Lind 2007: 81). Folgende Faktoren verursachen diesen Leidensprozess.

Verallgemeinerungsunfähigkeit

In Blog 3 wird anhand von Fallbeispielen aufgezeigt, dass eine Örtlichkeit als auch eine Person aufgrund einer recht kleinen Abweichung nicht wieder erkannt und entsprechend als etwas Fremdes gemieden wird. Diese Wahrnehmungsstörung kann als Verallgemeinerungsunfähigkeitbezeichnet werden. Die Fähigkeit des Wiedererkennens eines vertrauten Reizgefüges mit nur geringen Veränderungen besteht jedoch nicht mehr, da die hierfür erforderlichen Schaltkreise in höheren Hirnregionen nicht mehr vorhanden sind. Die Kompetenz zum Verallgemeinern geht somit verloren. Auch hier lässt sich wieder die Parallele zur Hirnreifung anführen. Säuglinge sind bereits in der Lage, Reizgefüge im Langzeitgedächtnis zu speichern. Werden nun kleinere Änderungen an den Reizgefügen vorgenommen, dann werden diese Gegenstände (z. B. ein Mobile) nicht wiedererkannt (Markowitsch et al. 2006: 145).

Prägungen und Konditionierungen

In Blog 31 ist der Tatbestand veranschaulicht, dass eingeprägte Verhaltensmuster, also Prägungen, sich bei Demenzkranken geradezu zu einem Zwang entwickeln, dem sie nicht entrinnen können. Jede Abweichung von den geprägten starren Verhaltensmustern kann nicht mehr situationsgemäß erfasst und umgesetzt werden. Sie sind dadurch unfähig zur selbständigen Lebensführung. Wenn Vergangenes die Gegenwart dominiert, dann droht völlige Hilflosigkeit angesichts der abweichenden Reizgefügen der Umwelt.

Auch Abweichungen von Alltagsroutinen, teils auch in der Pflege, wie in Blog 36 beschrieben, führen zu Unruhe und Verwirrung bei den Betroffenen. Es handelt sich hierbei sowohl um Pflegeprozesse, die jahrzehntelang oder erst wenige Monaten vorher konditioniert wurden. Wenn z. B. bei einem durch ständige Wiederholungen praktizierten Pflegeprozess aus Versehen nur das Abschlusselement wie die Verabschiedung fehlt, dann fallen die Betroffenen regelrecht aus der Zeit. Das heißt konkret, sie erwarten einen konditionierten Handlungsschritt, der nicht mehr vollzogen wird. Entweder reagieren sie mit völliger Verwirrung oder sie verharren in einer fast regungslosen Warteposition (siehe Beispiel 1 und 2 in Blog 36).

Auswirkungen auf die Praxis

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium sind auf sich gestellt überfordert mit den inneren und äußeren Reizgefügen, die sie nicht mehr alltagsbezogen zu einem Ganzen zusammenfügen können. Im Vollständigkeits- und Entfremdungssyndrom zeigt sich diese Zerrissenheit verschiedener Erlebens- und Empfindungssphären: Ihre Erinnerungen lässt sie Personen suchen, die nicht mehr leben. Und ihre massiven Wahrnehmungsstörungen verhindern, dass ihnen ihre einst vertraute Lebenswelt teils durch kleine Veränderungen völlig fremd geworden ist. So sind sie oft voller Leid auf der Suche nach ihren Nächsten und auch nach einer Bleibe, die ihnen vertraut ist.

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Markowitsch, H.J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage)
  • Schnider, A. (2012) Konfabulationen und Realitätsfilter. In: Karnath, H.-O. und Thier, P. (Hrsg.) Kognitive Neurowissenschaften, Berlin: Springer (567 – 572)

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