Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 4)

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 4) sind der Inhalt des 101. Blogs. Es werden psychisch stabilisierende Kommunikations- und Umgangsformen angeführt.

Nachtrag

In Blog 100 sind Gegenstände angeführt, die für die Demenzkranken von Bedeutung sind und damit zugleich zur psychischen Stabilisierung beitragen. Überwiegend handelt es sich dabei um Alltagsutensilien wie z. B. Handtaschen und bestimmte Kleidungsstücke aus der Lebensphase vor Ausbruch der Erkrankung. Diese Gegenstände sind Korrelate von abgespeicherten Langzeitgedächtnisinhalten, die somit der Altbiografie zugeordnet werden können (bezüglich Altbiografie siehe Blog 91). Gemeinsam ist diesen Gegenständen, dass sie sich der Lebensphase des Erwachsenenalters zuordnen lassen.

Ergänzt werden muss das Spektrum zur psychischen Stabilisierung um Gegenstände aus der frühen Kindheit wie Puppen und Kuscheltiere. Mehr noch als die oben angeführten Alltagsutensilien besitzen Puppen und Kuscheltiere mehrdimensionale Wirkmechanismen. Sie fungieren u. a. als Ersatz für verstorbene oder nicht anwesende Angehörige und Haustiere (Blog 54), sie ermöglichen oft erst Pflegehandlungen (siehe Blog 17 und Blog 51) und sie helfen auch, Phasen der Pflegeverweigerung zu beheben (Blog 34). Vor allem dienen jedoch Puppen und Kuscheltiere als emotionale und damit seelische Stützen, sie geben Halt und bieten zugleich Gelegenheit zum Hegen und Pflegen, einer sinnstiftenden Eigenbeschäftigung. In diesem Zusammenhang können sie als unverzichtbare Elemente der Lebenswelt Demenzkranker eingestuft werden.

Interventionen

Eine Eigentümlichkeit der Demenzpflege und auch der Demenzbetreuung besteht aus dem innewohnenden Doppelcharakter: sie sind immer Dienstleistung (Pflege und Betreuung) und parallel zugleich auch emotionale Stabilisierung (zu Doppelstrategien siehe Blog 14). Der Demenzkranke muss bei der Pflege und Betreuung immer das Gefühl und auch die Gewissheit haben, sich in guten Händen zu befinden, andernfalls wird er unsicher und entzieht sich den Interaktionen. In den folgenden Abschnitten wird dieser Tatbestand veranschaulicht.

Verbale stadienbezogene Umgangsformen

Die folgenden Beispiele aus der Praxis zeigen, wie empfänglich Demenzkranke auf die verschiedenen Vorgehensweisen der Stärkung ihrer Persönlichkeit reagieren (siehe Blog 20).

Ammensprache

Bei Anzeichen von Traurigkeit, Schmerz oder Frustration fallen Pflegende intuitiv in die Ammensprache, die von Müttern meist bei Säuglingen und Kleinstkindern verwendet wird (Sachweh 2000: 168, Sachweh 2002: 111 – siehe auch Blog 16).

Flüstern

Bei Erregung und Unruhe reagieren die Pflegenden mit leiser und ruhiger Ansprache, oft auch Flüstern in der Ammensprache (Sachweh 2002: 246). Diese beruhigende Wirkung des Flüsterns konnte auch von Wojnar beobachtet werden (Wojnar 2007: 91).

Ständige Wiederholungen

Pflegende stellen fest, dass sie sowohl die Pflegehandlungen als auch die begleitende Kommunikation im Sinne eines Rituals ständig wiederholen (persönliche Mitteilung, Sachweh 2000: 120 – siehe auch Blog 3).

Loben

Bei unkonzentrierten und unruhigen Bewohnern ist beim Waschen und Ankleiden das Loben u. a. eine angemessene Vorgehensweise, um die äußerst begrenzte Aufmerksamkeit und das wenige Interesse an diesen Vorgängen zu wecken (Sachweh 2002: 246 – siehe auch Blog 17).

Komplimente

Ständig Komplimente werden bei allen Verrichtungen seitens der Demenzkranken gemacht. Dieses Vorgehen zeigt den Betroffenen, dass sie noch Handlungsweisen beherrschen. Egal ob es sich hierbei um das Waschen oder das Ankleiden handelt, Komplimente wirken fast immer. Auch Komplimente über das Äußere (Haut, Frisur und Kleidung) werden von den Demenzkranken aufmerksam registriert und führen zum Wohlbefinden der Angesprochenen (Bowlby Sifton 2007: 315, Lind 2007: 138 – siehe auch Blog 14).

Perspektiven geben

Durch Perspektiven entstehen Aussichten, die das Leben verschönern. Dies trifft auch für Demenzkranke zu. Auch sie haben das Bedürfnis nach positiven Eindrücken und Erlebnissen, auch sie kennen noch das Gefühl der Vorfreude und Erwartung. Bei Demenzkranken kommt oft noch ein wichtiger Sachverhalt hinzu, der das Mittel „Perspektiven geben“ geradezu erforderlich macht: eine Begründung, warum man eigentlich morgens früh schon aufstehen sollte. Denn auch Demenzkranke neigen zur Bequemlichkeit. Pflegende haben diese Problematik eines fehlenden Grundes für das frühe Aufstehen meist intuitiv erkannt und durch die Entwicklung unterschiedlicher Perspektiven zu lösen verstanden (Blog 14).

Körperkontakt als stadienbezogene Umgangsform

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium bedürfen für ihr Wohlbefinden und damit auch für ihre psychische Stärkung ähnlich einem Kleinkind körperlichen Kontakt. Das unmittelbare Spüren der Nächsten in Gestalt der vertrauten Mitarbeiter entspringt ihrem Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Pflegende und Betreuende spüren intuitiv dieses Verlangen und verhalten sich entsprechend.

Schunkeln und Kraulen

Bei Unruhe und Erregung praktizieren Mitarbeiter oft nonverbale Vorgehensweisen der Beruhigung wie Schunkeln und Hin-und Herwiegen (Sachweh 2008: 130). Oft werden auch die Schulter oder der Rücken gekrault.

Begrüßungs- und Abschlussrituale

In Blog 17 wird gezeigt, dass Begrüßungsrituale Verstärkungselemente in der Wahrnehmung des situativen Zusammenhanges bilden. Diese Reizgefüge leiten ähnlich einem Schlüsselreiz auf die bevorstehende Pflegehandlung hin. Es handelt sich somit um eine klassische Konditionierungsmaßnahme: bei der Begrüßung die Hand schütteln oder das Streicheln der Wange oder des Kopfes.

In Blog 57 wird gezeigt, dass in der Pflege in der Regel neben Auslösereize hinsichtlich des Beginns des Pflegeprozesses ebenso auch ritualartig Beendigungs- oder Abschlussreize verwendet werden, die dem Demenzkranken deutlich das Ende des Geschehens signalisiert. Dies kann z. B. eine Umarmung, ein Kuss oder auch das Streicheln des Armes sein.

Aus Alltäglichem ein freudiges Ereignis machen

In Blog 29 wird gezeigt, wie Pflegende und auch Betreuende es schaffen, aus dem alltäglichen Geschehen etwas Besonderes zu machen, im Sinne einer positiven Emotionalisierung des Ganzen. Umgangssprachlich lässt sich dies in dem Programm ausdrücken: Aus der Pflege wird ein freudiges Ereignis ähnlich einem Fest. Folgende Strategien werden diesbezüglich beschrieben:

  • Positive Impulse (u. a. Singen, Scherzen und Komplimente machen) (Blog 14)
  • Musik, Gerüche, vertraute Gegenstände (Blog 17)
  • Belohnungsanreize (Schokolade, Kekse u. a.) (Blog 17)
  • Positive Umwidmungen des Milieus: aus der Nasszelle wird ein „Spiegelkabinett“ und aus dem Kleiderschrank wird die Kleideranprobe bei C&A (Blog 29)

Mit diesen Interventionen passen sich die Mitarbeiter bewusst an das kleinkindähnliche Welterleben der Demenzkranken im Sinne einer Realitätsverkindlichung an (Blog 72).

Literatur

  • Bowlby Sifton, C. (2007) Das Demenz-Buch. Ein „Wegbegleiter“ für Angehörige, Pflegende und Aktivierungstherapeuten. Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen. Grundlagen, Strategien und Konzepte. Bern: Verlag Hans Huber 2007
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23
  • Sachweh, S. (2000) «Schätzle hinsitze!». Kommunikation in der Altenpflege (2., durchgesehene Auflage), Frankfurt am Main: Peter Lang
  • Sachweh, S. (2002) «Noch ein Löffelchen?». Effektive Kommunikation in der Altenpflege. Bern: Verlag Hans Huber
  • Sachweh, S. (2008) Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Bern: Verlag Hans Huber
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer
  • Wojnar, J. (2007) Die Welt der Demenzkranken – Leben im Augenblick. Hannover: Vincentz Verlag

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

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