Die Demenzverkindlichung (4)

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Die Demenzverkindlichung (4) ist der Inhalt des 130. Blogs. Es werden weitere Aspekte dieser Demenzsymptomatik dargestellt.

Vorbemerkung

In Blog 72, Blog 73 und Blog 74 ist das Konzept Realitätsverkindlichung als eine theoretische Grundlage der Demenzpflege in ersten Ansätzen dargestellt worden. Der Begriff Realitätsverkindlung als Arbeitsbegriff wird nun aufgegeben, da er den Sachverhalt eines neurodegenerativ bedingten Verkindlichungsprozesses nicht angemessen abbildet. Es verkindlicht nämlich im schweren Stadium der Demenz die ganze Person in ihrem Wahrnehmen, Erleben und Verarbeiten der inneren und äußeren Reizgefüge. Die Verkindlichung der Realität ist somit nur ein Teilaspekt dieser demenzspezifischen Krankheitssymptomatik. Der Begriff Demenzverkindlichung vermag hingegen die Komplexität dieser abbaubedingten Seinsgegebenheit für die Betroffenen mit all den damit verbundenen psychosozialen Aspekten auszudrücken.

Das Modell der Demenzverkindlichung stellt neben den Konzepten der Altbiografie und der Neubiografie einen wesentlichen Grundpfeiler der theoretischen Erfassung der Demenzpflege für das schwere Stadium der Demenz (Stufe 6 der Reisbergskalen) dar. Das Modell der Demenzverkindlichung umfasst neben dem Wahrnehmen und Erleben der Erkrankten auch die Aspekte Umgang und Pflege und des Weiteren auch die Milieugestaltung und Tagesstruktur.

Die neurophysiologische und neuropathologische Fundierung ruht auf dem demenzspezifischen Abbauprozess, der entgegengesetzt der Hirnreifung verläuft und u. a. mit dem Begriff der Retrogenese bezeichnet wird. Im schweren Stadium erleben und Verarbeiten die Demenzkranken die Reize der Innen- und auch Außenwelt wie Kinder im Alter von ca. 2 bis 4 Jahren (Reisberg et al. 1999, siehe Blog 75).

Es bedarf in diesem Zusammenhang des Hinweises, dass gegenwärtig seitens der „personenzentrierten“ Ansätze (u. a. Kitwood-Ansatz) Konzepte der Demenzverkindlichung einschließlich der Umgangsformen des „stadienbezogenen Anpassungsverhaltens“ negativ als so genannte „Infantilisierungsformen“ betrachtet werden. So werden z. B. Ammensprache, Puppen und auch Umarmungen als persönlichkeitsherabmindernde Verkindlichung betrachtet, die aus ethischen Gründen nicht zu billigen seien (Kitwood 2000: 75).

Demenzverkindlichungsstrategien

Im Folgenden werden Umgangsformen dargestellt, die an das Leistungs- und Verarbeitungsvermögen der Demenzkranken im schweren Stadium angepasst sind. Es handelt sich dabei u. a. um stadienangepasste Kommunikations- und auch Beeinflussungsformen. Mithilfe dieser Umgangsformen gelingt es, die Betroffenen in die Pflege- und Betreuungshandlungen angemessen mit einzubeziehen. So lässt sich dann ein psychosoziales Gleichgewicht im Sinne einer Person-Umwelt-Passung herstellen.

Demenzspezifische Umgangs- und Beeinflussungsformen

Die folgenden Umgangs- und Beeinflussungsformen aus der Praxis zeigen, wie empfänglich Demenzkranke für verschiedene Vorgehensweisen der Demenzverkindlichung sind. Es handelt sich hierbei überwiegend um intuitives und spontanes Verhalten der Pflegenden und Betreuenden (siehe Blog 20).

Ammensprache

Bei Anzeichen von Traurigkeit, Schmerz oder Frustration fallen Pflegende intuitiv in die Ammensprache, die von Müttern meist bei Säuglingen und Kleinstkindern verwendet wird (Sachweh 2000: 168, Sachweh 2002: 111 – siehe auch Blog 16).

Flüstern

Bei Erregung und Unruhe reagieren die Pflegenden mit leiser und ruhiger Ansprache, oft auch Flüstern in der Ammensprache (Sachweh 2002: 246). Diese beruhigende Wirkung des Flüsterns konnte auch von Wojnar beobachtet werden (Wojnar 2007: 91).

Ständige Wiederholungen

Pflegende stellen fest, dass sie sowohl die Pflegehandlungen als auch die begleitende Kommunikation im Sinne eines Rituals ständig wiederholen (persönliche Mitteilung, Sachweh 2000: 120 – siehe auch Blog 3).

Loben

Bei unkonzentrierten und unruhigen Bewohnern ist beim Waschen und Ankleiden das Loben u. a. eine angemessene Vorgehensweise, um die äußerst begrenzte Aufmerksamkeit und das wenige Interesse an diesen Vorgängen zu wecken (Sachweh 2002: 246 – siehe auch Blog 17).

Komplimente

Ständig Komplimente werden bei allen Verrichtungen seitens der Demenzkranken gemacht. Dieses Vorgehen zeigt den Betroffenen, dass sie noch Handlungsweisen beherrschen. Egal ob es sich hierbei um das Waschen oder das Ankleiden handelt, Komplimente wirken fast immer. Auch Komplimente über das Äußere (Haut, Frisur und Kleidung) werden von den Demenzkranken aufmerksam registriert und führen zum Wohlbefinden der Angesprochenen (Bowlby Sifton 2007: 315, Lind 2007: 138 – siehe auch Blog 14).

Perspektiven geben

Durch Perspektiven entstehen Aussichten, die das Leben verschönern. Dies trifft auch für Demenzkranke zu. Auch sie haben das Bedürfnis nach positiven Eindrücken und Erlebnissen, auch sie kennen noch das Gefühl der Vorfreude und Erwartung. Bei Demenzkranken kommt oft noch ein wichtiger Sachverhalt hinzu, der das Mittel „Perspektiven geben“ geradezu erforderlich macht: eine Begründung, warum man eigentlich morgens früh schon aufstehen sollte. Denn auch Demenzkranke neigen zur Bequemlichkeit. Pflegende haben diese Problematik eines fehlenden Grundes für das frühe Aufstehen meist intuitiv erkannt und durch die Entwicklung unterschiedlicher Perspektiven zu lösen verstanden (Blog 14).

Körperkontakt

In Blog 2 wird gezeigt, dass sich im Falle eines Furcht- und Unruhezustandes Strategien des intuitiven Beruhigens bewährt haben. Trösten, streicheln, besänftigen, in den Arm nehmen und vieles mehr wird tagtäglich praktiziert, damit die oft verunsicherten und verängstigten Bewohner ihr psychisches Gleichgewicht wieder erlangen (Lind 2011: 190, Sachweh 2000). Auch hier kann wieder die Parallele zu Kleinkindern hergestellt werden, denn Pflegende verhalten sich z. B. in der Kommunikation genauso wie Eltern im Umgang mit ihren kleinen Kindern (Ammensprache, übertriebene Gestik u. a.) (Siegler et al. 2016: 204).

Nachahmung anregen

In Blog 18 wird angeführt, dass eine bereits aus der Kindererziehung vertraute Vereinfachungsform praktiziert wird. Es handelt sich dabei um die Anregung des Nachahmungsimpulses in der Pflege. Wenn dem Demenzkranken eine Handlung vorgemacht wird wie z. B. das Öffnen des Mundes, um bei der Mahlzeitenaufnahme helfen zu können, dann wird diese Handlung automatisch nachgemacht. Denn das Nachahmungsvermögen ist im fortgeschrittenen Stadium noch völlig intakt. Bei Säuglingen konnte das Nachahmen bereits im Alter von sechs Monaten beobachtet werden (Siegler et al. 2016: 182).

Bei der Nachahmung wird ein unbewusstes Handlungsschema aktiviert, das besonders bei Demenzkranken und Kleinkindern aufgrund der eingeschränkten geistigen Leistungsfähigkeit äußerst effektiv ist. Denn der Handlungsimpuls dringt ungehindert oder ungehemmt in die Areale der Großhirnrinde (Scheitellappen), die für die Auslösung der Bewegungen zuständig sind. Die Hemmfunktionen in Gestalt des Überlegens und Abwägens des Stirnhirnareals entfallen, es handelt sich hierbei somit um eine reflexartige Nachahmung. Das heißt ohne Überlegung und damit ohne einen willentlichen Impuls im Sinne eines Entscheidungsprozesses (Lind 2011: 219, Dijksterhuis 2010: 192).

Ritualisierung (Gewohnheitslernen)

In Blog 37 wird gezeigt, dass Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium noch zu Lernleistungen fähig sind. Sie können somit noch Langzeitgedächtnisinhalte aufbauen. Dieses Lernen beschränkt sich jedoch auf das unbewusste Gewohnheitslernen in Gestalt ständiger Wiederholungen. Die ständige Wahrnehmung eines bestimmten Reizgefüges führt Schritt für Schritt zu einem allmählichen Speicherungs- oder Verinnerlichungsprozess. Neurophysiologisch lässt sich dieser Sachverhalt wie folgt erklären: die für diese geistige Aufgabe zuständigen Hirnareale (u. a. Kleinhirn) sind auch noch im fortgeschrittenen Stadium der Demenz ausreichend funktionsfähig (Markowitsch et al. 2006, Siegler et al. 2016: 136). Bei Demenzkranken wie bei Kleinkindern bedarf es jedoch vielfacher Wiederholungen der Reizgefüge, bis sie angemessen im Langzeitgedächtnis abgespeichert und damit zugleich verinnerlicht sind (Markowitsch et al. 2006: 161) (siehe Blog 3).

Literatur

  • Bowlby Sifton, C. (2007) Das Demenz-Buch. Ein „Wegbegleiter“ für Angehörige, Pflegende und Aktivierungstherapeuten. Bern: Verlag Hans Huber
  • Dijksterhuis, A. (2010) Das kluge Unbewusste. Denken mit Gefühl und Intuition. Stuttgart: Klett-Cotta
  • Kitwood, T. (2000) Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Markowitsch, H.J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage)
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23
  • Sachweh, S. (2000) «Schätzle hinsitze!». Kommunikation in der Altenpflege (2., durchgesehene Auflage), Frankfurt am Main: Peter Lang
  • Sachweh, S. (2002) «Noch ein Löffelchen?». Effektive Kommunikation in der Altenpflege. Bern: Verlag Hans Huber
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer
  • Wojnar, J. (2007) Die Welt der Demenzkranken – Leben im Augenblick. Hannover: Vincentz Verlag.

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