Pflegeerschwernis

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Pflegeerschwernis durch Verunsicherung der Pflegenden ist der Inhalt des 43. Blogs. Es werden verschiedene Überforderungsfaktoren beschrieben.

Pflegeerschwernis einschließlich der damit zusammenhängenden Pflegeverweigerung besonders in der Demenzpflege kann wie bisher ausgeführt durch verschiedene Faktoren verursacht bzw. begünstigt werden. Folgende Aspekte dieser Pflegeprobleme sind bereits erläutert worden:

  • Demenzspezifische Krankheitssymptome: u. a. Furchtsymptome, Trotzverhalten und biografische Faktoren (Blog 34, 35, 36)
  • Fehlende Berücksichtigung der Kernelemente der Demenzpflege in den Rahmenbedingungen einschließlich der Arbeitsorganisation (Blog 37 und 38, Blog 40, 41, 42)

All diese Gegebenheiten und Umstände lassen die Demenzpflege oft als eine Last und Überforderung erscheinen. Bei dem ständigen Erleben körperlicher und geistiger Erschöpfung wird die Freude an der Arbeit vermutlich recht selten verspürt, eher sehnt man sich das baldige Schichtende herbei. Der relativ hohe Krankheitsstand der Pflegenden, die ebenfalls hohe Fluktuation in den Belegschaften und der wachsende Ausstieg aus dem Pflegeberuf sind Indizien für institutionelle Fehlentwicklungen in der stationären Altenpflege.

Pflegeerschwernis durch Verunsicherung und Überforderung

Neben den Arbeitsbelastungen durch die anstrengende körperliche Tätigkeit (Waschen, Ankleiden, Heben, Betten etc.) kommen in den letzten Jahrzehnten seit Einführung der Pflegeversicherung zusätzlich noch weitere Anforderungen auf die Pflegenden und Betreuenden zu. Aus der Sicht des Bloggers handelt es sich um nicht angemessene Regelwerke (Dokumentation, Qualitätsstandards u. a.) mit überwiegend negativen Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden der Mitarbeiter. Als Zentralmotiv für diese teils engmaschigen Erfassungsmodalitäten gilt hier die Einschätzung „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Ausgangspunkt und Zielvorstellung der folgenden kritischen Ausführungen ist die Erkenntnis, dass die Verhaltenssicherheit der Pflegenden durch diese Maßnahmen deutlich beeinträchtigt wird. Die Pflege Demenzkranker hingegen erfordert selbstsichere und gelassene Mitarbeiter, andernfalls droht Pflegeerschwernis und Pflegeverweigerung (Lind 2007: 20f) (siehe Blog 22).

Exemplarisch für die Vielzahl an Leitlinien, Pflegestandards und normgebenden Erfassungsinstrumenten wird hier nur auf das Qualitätsmanagement und die Pflegedokumentation kurz eingegangen. Sie sind u. a. auch aufgrund ihrer intensiven Zeitnutzung zulasten der Pflegezeit kritisch in ihrer Funktion und in ihrem Ausmaß zu hinterfragen:

Qualitätsmanagement

Die ambulante und die stationäre Altenpflege hat seit der Einführung der Pflegeversicherung eine Reihe von Veränderungen bezüglich der Erfassung und Bewertung der Arbeitsprozesse erfahren. Das Messen und Bewerten der Pflege-, Betreuungs- und Hauswirtschaftsleistungen mittels unterschiedlicher Qualitätserfassungsinstrumente auf der Grundlage fachlicher Orientierungsvorgaben wie Standards erhielten einen immer größeren Stellenwert. In diesem Zusammenhang entstand teilweise eine Bürokratisierung aller Tätigkeitsbereiche in den Heimen. So mag z. B. ein Qualitätserfassungsmodell wie das DIN EN ISO 9000 ff für Produktionsanlagen die angemessenen Strukturkonzepte enthalten, denn diesem Modell ist u. a. die Verpflichtung zur ständigen Qualitätsverbesserung (u. a. Verbesserungsschleifen wie Plan-Do-Check-Act) innewohnend (Müller 2014). Ein Pflegeheim, das überwiegend Demenzkranke zu pflegen und zu betreuen hat, besitzt hingegen eine andere Handlungslogik. Hier stehen die Bewohner mit ihren Gebrechen und individuellen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Für diese Personen sind Ruhe, Gelassenheit, Zuwendung und auch Stetigkeit im Sinne von Vorhersehbarkeit und Ritualisierung allen Geschehens die entscheidenden Milieufaktoren zur belastungsarmen Lebensführung.

Pflegedokumentation

In dem Leitspruch „Was nicht dokumentiert ist, ist nicht gemacht!“ kommt die Denkweise einer Pflegebürokratie deutlich zu Tage. Das Dokumentieren, das oft viel Zeit in Anspruch nahm, wurde in vielen Fällen wichtiger als die Pflege und Betreuung selbst. Denn es wurde und wird auch weiterhin vorwiegend für die Kostenträger, für die Höherstufung der Bewohner und für die Qualitätsbewertung dokumentiert. Dieser Fehlentwicklung versucht man gegenwärtig mit verschiedenen „Verschlankungskonzepten“ der Pflegedokumentation entgegenzuwirken. Aus der Sicht des Bloggers gilt als ein Leitkonzept der Demenzpflege die Einschätzung „Wohlbefinden geht vor Pflege“ auf dem Hintergrund der körperlichen und seelischen Unversehrtheit (Lind 2011: 224ff, siehe Blog 15). Dieses Leitkonzept sollte erweitert werden mit der Richtlinie „Pflegen geht vor Dokumentieren“. Das bedeutet, dass nur das Notwendige (Unversehrtheit, medizinische Indikation) schriftlich zu erfassen ist.

Konsequenzen für die Praxis

Wie in Blog 41 ausgeführt, lässt sich eine angemessene Bewohnerorientierung in allem Handeln nur vermittels einer gleichzeitigen Mitarbeiterorientierung realisieren. Nur wenn die Mitarbeiter ebenso pfleglich behandelt werden, wie die Pflegenden die Demenzkranken behandeln, kann es zu einer befriedigenden Beziehungsgestaltung kommen.

Demenzpflege besteht im Wesentlichen aus der Pflege und Betreuung alter Menschen, die sich in einem unaufhaltbar fortschreitenden neuropathologischen Abbauprozess befinden. Hierbei gilt es vorrangig, die Betroffenen angemessen zu versorgen, indem wachsende Defizite und Minderleistungen durch entsprechende Pflege und Betreuung kompensiert werden. Demenzpflege bedeutet somit auch, den in Stadien untergliederten Verlust an geistigen und auch körperlichen Fähigkeiten angemessen zu erfassen und in entsprechende Pflegekonzepte umzusetzen.

Richtgrößen und Orientierungswerte für die Pflegeplanung und die Pflegehandlung sind die verschiedenen Aspekte dieses Abbauprozesses, der in den Reisbergskalen mit seinen Stadien allgemeinverständlich dargestellt ist (Reisberg et al. 1999). Im schweren Stadium (Stadium 6 der Reisbergskalen) treten verstärkt demenzspezifische Verhaltensweisen wie Weglaufen, Unruhe, aggressives Verhalten und auch Distanzlosigkeit auf, die für die Pflegenden emotional äußerst belastend sind (Schäufele et al. 2008). Wer in diesem erschwerten Arbeitsfeld nun noch zusätzliche Anforderungen an die Pflegenden stellt, überfordert in der Regel die Betroffenen, können doch diese Erwartungen äußerst selten erfüllt werden. Und dieses ständige Erleben der Überforderung mündet fast zwangsläufig bei vielen Pflegenden in Verunsicherung und Selbstzweifel.

Demenzpflege basiert auf der Beziehung zwischen Pflegenden und Demenzkranken, wobei die Pflegenden ein bestimmtes Ausmaß an Verhaltenssicherheit im Umgang mit den Demenzkranken zeigen sollten, andernfalls sind sie für die Betroffenen nicht kompatibel im Sinne von ertragbar oder erträglich (siehe Blog 38). Um ein Mindestmaß an Selbstsicherheit und auch Gelassenheit bei den Pflegenden zu gewährleisten, bedarf es einer groben Übereinstimmung von durchschnittlicher Pflegeleistung und Bewertung dieser Tätigkeit. Wenn jedoch ständig den Pflegenden mittels diverser Mess- und Bewertungsinstrumente eine unzureichende Pflegequalität vermittelt wird, dann liegen systemimmanente Fehlkonstruktionen vor. Hierbei handelt es sich dann im Wesentlichen um Divergenzen zwischen bürokratischem Überbau und pflegerischer Praxis, die letztlich zur Überforderung und Verunsicherung der Pflegenden führen. Zunehmender Rückzug und Entfremdung von dieser nicht zu bewältigenden Erwartungshaltung sind dann u. a. psychische Reaktionen.

Wenn Überbau und Basis nicht übereinstimmen, ja regelrecht konträr zueinander stehen, dann gilt es den Überbau, das Gemengelage an Verordnungen sowie Richtlinien und Bestimmungen an die Basis anzupassen. Die Basis sind die Demenzkranken und Pflegenden in ihrem ständigen Zusammenwirken, und sie bilden den entscheidenden Bezugsrahmen allen Geschehens.

Literatur

  • Berger, G. et al. (1996) Wohnen mit gesicherter Pflege im Servicehaus. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Eigenverlag, Bonn.
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Müller, H. (2014) Arbeitsorganisation in der Altenpflege, Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23.
  • Schäufele, M. et al. (2008) Demenzkranke in der stationären Altenhilfe. Aktuelle Inanspruchnahme, Versorgungskonzepte und Trends am Beispiel Baden-Württembergs. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

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