Stress aufgrund von Hektik

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Pflegeverweigerung aufgrund von Stress in Gestalt von Hektik ist der Inhalt des 38. Blogs. Es werden erprobte Umgangsstrategien zur Minderung der Hektik beschrieben.

Die Pflege Demenzkranker unterscheidet sich von der Pflege nicht demenzkranker Personen in vielerlei Hinsicht. In Blog 37 wurde erläutert, dass die Vertrautheit mit der pflegenden Person für die Demenzkranken fundamentale Bedeutung besitzt, andernfalls droht Überforderungsverhalten mitsamt der damit einhergehenden Pflegeverweigerung. Konditionierungsprozesse zwecks Aufbaus einer personalen Stetigkeit sind hierbei die erforderlichen Vorgehensweisen im Sinne eines Pflichtprogramms.

Ein weiteres Merkmal der Demenzpflege besteht aus dem Stressniveau im Pflegeprozess selbst. Demenzkranke im schweren Stadium haben ein äußerst geringes psychisches Belastungsniveau, oft verbunden mit demenzspezifischen Überforderungsverhaltensweisen (u. a. wahnhafte Verkennung und verbale und tätliche Aggression) (siehe Blog 2 und Blog 19).

In diesem Blog werden die Faktoren Selbstbeobachtung des eigenen Stressniveaus der Pflegenden und Möglichkeiten der Stressregulation im Sinne einer Minderung des Belastungsniveaus der Pflegenden dargestellt (Lind 2007: 106ff, Lind 2011: 164ff).

Selbstbeobachtung des Stresserlebens

Die Pflege in stationären Einrichtungen der Altenhilfe ist eine beschwerliche Tätigkeit. Oft entstehen Arbeitssituationen, die diese Arbeitsbelastung in körperlicher und auch psychischer Hinsicht deutlich zusätzlich belasten wie z. B. Personalunterbesetzung oder zusätzlicher Arbeitsaufwand aufgrund von vermehrten Akuterkrankungen der Bewohner (z. B. Durchfall).

In diesem gestressten Zustand sind Pflegende oft für Demenzkranke nicht akzeptabel, denn die Demenzkranken spüren den Stress der Pflegenden, der sie in der Regel völlig überfordert. Sie reagieren mit Angst und Furcht. Pflegeverweigerung und Rückzugsverhalten sind die Folgen.

Pflegende registrieren ihr Stressniveau und wissen meist auch, dass sie nun für Demenzkranke eine Überforderung darstellen können. Sie merken, dass sie in ihren Handlungen hektisch werden und die Bewohner damit überfordern. Diese teils bewusste und teils unbewusste Selbstwahrnehmung der eigenen Befindlichkeit führt bei den Pflegenden zu aktiven Beruhigungsbemühungen, die man als Stressregulationsmechanismen bezeichnen kann. Folgende Strategien werden u. a. praktiziert:

Aus dem Pflegekontext heraustreten

Pflegende haben die Erfahrung gemacht, dass Hektik durch relativ kurzfristiges Heraustreten aus der Pflegewelt eine oft beruhigende Wirkung erzielt. Als konkrete Beispiele wurden hierbei genannt:

  • Auf den Balkon oder die Veranda treten und kurz die Umgebung beobachten
  • Kurz vor die Haustür treten
  • Das Fenster öffnen und herausschauen

Die Wirkungen dieser Regulationsversuche wurden wie folgt geschildert: Das kurzfristige Heraustreten aus der Pflege wird als Abstand nehmen und sich sammeln empfunden. Das Gefühl, im Freien an der frischen Luft zu sein, erhöht diesen Effekt. Erfahrungsgemäß vermindert sich die Anspannung deutlich. Dieser Effekt würde in geschlossenen Räumen in diesem Ausmaß nicht eintreten.

Selbstregulation

Es wird berichtet, dass in Hektik geratene Pflegende sich selbst beruhigen, bevor sie zu Demenzkranken ins Zimmer gehen. Es ist ihnen bewusst, dass sie in dem Zustand der Hektik nicht den Bewohnern gegenüber treten können. Sie versuchen daher, durch folgende Vorgehensweisen den Stress etwas zu mindern:

  • Augen schließen und durchatmen
  • Stehen bleiben und bis 10 zählen
  • Selbstgespräche führen

Diese Beruhigungsstrategien enthalten Elemente der Autosuggestion: Die Selbstbeeinflussung führt zur Minderung des erlebten Stressniveaus. Pflegende machen dabei die Erfahrung, dass das Ausmaß an Hektik spürbar reduziert werden kann.

Beruhigung durch Essen und Rauchen

Eine Reihe von Pflegenden berichtet, dass sie sich durch Essen oder Rauchen ausreichend beruhigen konnten. Dabei genügte es oft schon, Süßigkeiten (Schokolade u. a.) zu sich zu nehmen. Beim Rauchen reichten bereits einige Züge aus, um wieder etwas ruhiger zu werden.

Beide Vorgehensweisen sind von den Pflegenden als wirksame Methoden zur Herbeiführung des psychophysischen Gleichgewichtes erlebt worden.

Tätigkeitswechsel

Eine weitere Strategie zur eigenen Beruhigung besteht in einem kurzfristigen Tätigkeitswechsel während der Arbeit. Folgende Vorgehensweisen sind hierbei genannt worden:

  • in der Stationsküche Brote für die Bewohner schmieren und belegen
  • Ordnen und Einräumen von Pflegeutensilien und Wäsche
  • Gänge zur Verwaltung oder zur Pforte (Unterlagen oder Post abholen u. a.)

Der Wechsel von der Pflege hin zu vorwiegend hauswirtschaftlichen und organisatorischen Tätigkeiten wird als äußerst beruhigend beschrieben. Geschildert wurde u. a., dass z. B. beim Brote schmieren der ganze Stress von einem abfällt und man geradezu in einen meditativen Zustand gerät, der die ganze Hektik vergessen lässt. Auch die Wege zur Verwaltung oder zur Pforte werden manchmal als Heraustreten aus dem Pflegestress mit beruhigender Wirkung beschrieben.

Gespräche mit den Kollegen

Eine entlastende und damit auch beruhigende Wirkung erzielen auch kurze Gespräche unter Kollegen während der Arbeit. Wenn man sich z. B. auf dem Flur, im Pflegestützpunkt oder im Gemeinschaftsraum trifft, besteht oft Gelegenheit, im Gespräch regelrecht „Dampf abzulassen“. Indem einem zugehört wird und man Bestärkung erhält in seiner Einschätzung (z. B. „ein stressiger Tag heute!“ ), erlebt die Pflegende Unterstützung und Zuspruch und empfindet entsprechend dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid“ ihre gegenwärtige Lage als nicht mehr allzu dramatisch.

Selbstbeobachtung der eigenen Tagesform durch Pflegende

Pflegende sind gelegentlich auch durch Faktoren, die nicht mit der unmittelbaren Pflege und Betreuung in Verbindung stehen, psychisch gravierend beeinträchtigt. Diese Belastungen der seelischen Befindlichkeit werden von den Demenzkranken deutlich wahrgenommen und von ihnen als persönliche Verunsicherung erlebt. Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium geben sich dann regelrecht die Schuld an der misslichen Verfassung der Pflegenden. Dies belastet sie dann dahingehend, dass sie Symptome von Unsicherheit und Unruhe zeigen.

Aus Einrichtungen der stationären Altenhilfe werden u. a. folgende Vorgehensweisen im Umgang mit Kollegen in schlechter Verfassung erwähnt:

  • Vorübergehender Wechsel von Pflegehandlungen zu bewohnerfernen Tätigkeiten im Wohnbereich.
  • Wechsel der Bewohner bei der Pflege. Die Pflegende in schlechter Tagesform wird dann die Bewohner zu pflegen haben, die ihren Zustand bewältigen können. Meist handelt es sich hierbei um geistig nicht beeinträchtigte Bewohner (Nicht-Demenzkranke), die diese Befindlichkeit der Pflegenden bewältigen können.

Grundvoraussetzung für diese Umgangsformen ist Offenheit in der Kollegenschaft. Pflegende in schlechter Verfassung sollten den Mut aufbringen dürfen, ihre Beschwerden zu artikulieren und um Mithilfe bitten zu dürfen. Auf der anderen Seite sollen die Mitarbeiter in stabiler Verfassung offen an die Betroffenen herangehen, um ihnen ihren Eindruck über ihren Zustand und die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit mitteilen zu können.

Konsequenzen für die Praxis

Grundlagen für die Beruhigungsstrategien sind ein gutes Arbeitsklima und ein großes Maß an Selbstbestimmung bei der Durchführung und Gestaltung der Arbeitsabläufe. Kollegialität und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Vorgesetzten bilden die Rahmenbedingungen für die erforderliche Verhaltenssicherheit im Umgang mit der eigenen Stressregulierung.

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Kontaktformular). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

Ein Gedanke zu “Stress aufgrund von Hektik”

  1. Stress und Hektik sind meiner Meinung nach die größten Feinde der Demenzpflege. Ein Bewohner, der von einer hektischen Pflegekraft geweckt und versorgt wird, fühlt sich überfordert, aufgeregt und unzufrieden und geht mit diesen Empfindungen in den Tag. Hat er sich eventuell schon bei der Pflege verweigert, kann es sein, dass es beim Frühstück und anderen Aktivitäten weitergeht und man weiß ja auch, dass ein unruhiger Bewohner immer auch einige andere mitreißt. Möchte man also ein ruhiges, möglichst ausgeglichenes Milieu erreichen, muss der Demenzpflege meiner Meinung nach genügend Zeit eingeräumt werden. Mehr Zeit als man zur Pflege orientierter Menschen benötigt.
    Schließlich sind Pflegekräfte auch nur Menschen und nicht immer gleich gut drauf. Es ist sehr anstrengend, sich selbst den ganzen Dienst über zurückzunehmen und sich von einem auf den anderen Bewohner einzustellen, zu erspüren, was dieser jetzt gerade braucht und dann die richtigen Strategien anzuwenden. Mir hat es immer geholfen, mich vor der Tür kurz auf den jeweiligen Bewohner einzustellen und mir zu sagen, dass, so lange ich in diesem Zimmer bin, nur dieser eine Bewohner zählt.
    Natürlich gibt es Tage, da gelingt einem das besser als an anderen. Den Austausch mit den Kollegen halte ich auch für extrem wichtig. Oft hilft das schon, um etwas runterzufahren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.