Realitätsverzerrungen bei Demenzkranken

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Realitätsverzerrungen bei Demenzkranken ist der Inhalt des 71. Blogs. Es werden zusammenfassend die verschiedenen Formen angeführt.

Vorbemerkungen

Im vorhergehenden Blog wurden verschiedene Formen von Realitätsverlusten im Stil einer Übersicht angeführt. In diesem Blog werden ergänzend Formen von Realitätsverzerrungen bei Demenzen kurz genannt, die bereits in den bisherigen Blog beschrieben wurden. Es lässt sich nun die Frage stellen, worin sich Realitätsverluste von Realitätsverzerrungen unterscheiden.

Realitätsverluste wie z. B. wahnhafte Halluzinationen fesseln regelrecht die Aufmerksamkeit der Betroffenen. Da bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium quasi Aufmerksamkeit und Bewusstsein identisch sind (Ratey 2001), befinden sie sich in diesen Zuständen bewusstseinsmäßig in einer trughaften Welt oder krankhaften Parallelwelt und damit nicht mehr in der konkreten realen Welt (siehe Blog 8 und Blog 48).

Realitätsverzerrungen hingegen beruhen auf Wahrnehmungs- und Verarbeitungsdefiziten innerer und äußerer Reizgefüge, die dem neurodegenerativen Abbau im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung geschuldet sind. Bildlich kann man sich das wie das Erlebens eines Zerrspiegels vorstellen. Reizgefüge werden hierbei fehlerhaft wahrgenommen und verarbeitet. Mit der Konsequenz, dass die Realitätsverzerrung oft zu einem selbstgefährdenden Fehlverhalten führt.

Im Folgenden werden wieder übersichtsartig die verschiedenen Formen der Realitätsverzerrungen mit Bezug auf die jeweiligen Blogs, in denen auch die jeweils wirksamen Umgangs- und Beeinflussungsformen der Pflege und Betreuung erläutert werden, angeführt.

Wahrnehmungsstörungen

In Blog 6 werden zwei unterschiedliche Wahrnehmungssphären angeführt: die Exterozeption (Außenwahrnehmung) und die Interozeption (Innenwahrnehmung). Die Exterozeption umfasst die Wahrnehmung der Außenreize vermittels der Sinnesorgane. Die Interozeption hingegen umfasst die Wahrnehmung der Innen- oder Binnenreize der Körperorgane, also innerorganischer Prozesse wie z. B. Hunger, Durst, Schmerz oder Erschöpfung. Bei Demenzkranken sind diese beiden Formen der Wahrnehmung und geistigen Erfassung deutlich gestört. Die Störungen der Innen- oder Binnenreize werden weiter unten unter der Rubrik Empfindungsstörungen aufgeführt.

Visuelle und akustische Agnosie

In Blog 1 und Blog 2 werden die visuelle und die akustische Agnosie als exterozeptive Wahrnehmungsstörungen erläutert. Die visuelle Agnosie bedeutet, dass man einen Gegenstand sehen kann, doch man kann ihn nicht mehr in seiner Funktionsweise erkennen. Bei der akustischen Agnosie verhält es sich ähnlich: man hört einen akustischen Reiz wie z. B. das Telefonklingeln, doch man ist nicht mehr in der Lage, dieses Geräusch als ein Telefonläuten zu deuten. Dieser Sachverhalt einer verminderten Wahrnehmung führt oft zu Unsicherheit und Verängstigung bei den Demenzkranken (Lind 2011: 265).

Unterscheidungsunfähigkeit

In Blog 1 und in Blog 47 wird die Wahrnehmungsstörung Unterscheidungsunfähigkeit beschrieben. Bei diesem Krankheitssymptom handelt es sich eine Fehlwahrnehmung äußerer Reizimpulse, die als eine Form einer Übergeneralisierung bezeichnet werden kann. Bei der Unterscheidungsunfähigkeit verliert das Hirn die Fähigkeit, Unterschiede zwischen ähnlichen Gegenständen bezüglich Formgebung und auch Funktion zu unterscheiden. Durch das fehlende Unterscheidungsvermögen werden ähnliche Gegenstände als gleich wahrgenommen und teilweise auch entsprechend genutzt. Lebensgefährlich wird es, wenn z. B. eine Flasche mit einem Reinigungsmittel für eine Wasserflasche gehalten wird (Lind 2007: 55ff, Lind 2011: 96ff).

Verallgemeinerungsunfähigkeit

Bei der Wahrnehmungsstörung Verallgemeinerungsunfähigkeit (Untergeneralisierung) wie in Blog 3 und Blog 47 angeführt, handelt es sich im Gegensatz zur Unterscheidungsfähigkeit nicht um eine Fehlwahrnehmung, sondern um das Unvermögen, bisher vertraute Gegenstände aufgrund kleiner Veränderungen wieder erkennen zu können. Wenn z. B. das eigene Bewohnerzimmer nicht wieder erkannt wird, nur weil die rote Tagesdecke durch eine grüne ersetzt wurde, dann führt dieser Tatbestand bei den Demenzkranken zu Verwirrung und Ratlosigkeit (Lind 2011: 95f).

Skalierungsunfähigkeit

In Blog 5 wird die Wahrnehmungsstörung Skalierungsfehler beschrieben, bei der es sich um die Fehleinschätzung der Größenverhältnisse in der Wahrnehmung handelt. Ähnlich wie Kleinkinder halten dann z. B. Demenzkranke Spielzeugtiere für reale Tiere, da das Vermögen zur Größeneinschätzung durch den neurodegenerativen Abbau verloren gegangen ist.

Gestörte Tiefenwahrnehmung

In Blog 4 wird die Wahrnehmungsstörung fehlende Tiefenwahrnehmung dargestellt. Es handelt sich dabei um eine Fehlwahrnehmung, bei der flächige Reizgefüge wie z. B. Bilder für körperliche Reizgefüge oder Gegenstände fehlgedeutet werden. So produziert das Gehirn bei diesem Krankheitssymptom ständig „3D-Bilder“ anstelle der bloßen Abbildungen, die dann folgerichtig für konkrete Gegenstände gehalten werden. Auch hier besteht wieder die Parallele zur Hirnentwicklung, denn erst mit ca. 1 ½ Jahren vermögen Kleinkinder diese Unterschiede der Raumdimensionen zu erfassen (Lind 2007: 58f, Lind 2011: 98ff, Siegler 2016: 166).

Empfindungsstörungen

Wie bereits weiter oben angeführt, handelt es sich bei Empfindungsstörungen um Wahrnehmungsstörungen der Innen- oder Binnenreize der Körperorgane, also innerorganische Prozesse, die der Interozeption zugeordnet werden. Diese Störungen können teils zu massiven körperlichen Beeinträchtigungen führen.

Fehlende Krankheitseinsicht

Die fehlende Krankheitseinsicht (Anosognosie) äußert sich bei Demenzkranken in der Überzeugung, noch selbständig und fit zu sein und somit auch keine Hilfestellung bei der Körperpflege und dem Ankleiden zu benötigen (Lind 2007: 121, siehe Blog 1). Die fehlende Krankheitseinsicht ist ein Symptom vieler neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen (Schröder 2006, Lind 2011: 171). Es handelt sich hierbei um eine Selbstwahrnehmungsstörung; sie kann als eine Störung in der Verarbeitung innerer Reizkonstellationen (dysfunktionale Interozeption) klassifiziert werden (siehe Blog 6).

Falsche Körperwahrnehmung

In Blog 7 wird die Empfindungsstörung „falsche Körperwahrnehmung“ anhand eines Fallbeispiels bezüglich der Sturzgefährdung beschrieben. Auch hierbei handelt es sich um eine Wahrnehmungsstörung der Innen- oder Binnenreize der Körperorgane(Interozeption – siehe Blog 6). In dem angeführten Fall versucht ein Demenzkranker aufzustehen, obwohl er bereits geh- und stehunfähig ist. Umgangssprachlich lässt sich diese Symptomatik wie folgt ausdrücken: Hirn und Knie sind nicht mehr angemessen neurophysiologisch miteinander verschaltet.

Fehlende Körperwahrnehmung

In Blog 7 wird auch die interozeptive Wahrnehmungsstörung „fehlende Körperwahrnehmung“ an einem Beispiel erläutert. Die fehlende Körperwahrnehmungsfähigkeit besagt, dass das Hirn die Minderleistungen der Gesamtorganismus nicht mehr angemessen zu verarbeiten vermag. In dem angeführten Beispiel wandert der Demenzkranke regelrecht bis zum Umfallen. Die massive körperliche Erschöpfung dringt krankheitsbedingt nicht mehr ins Bewusstsein des Betroffenen. Es droht somit eine Sturzgefährdung, denn es fehlt konkret das schützende neurophysiologische Regulativ, mit dem Wandern aufzuhören.

Fehlende Temperatur- und Schmerzwahrnehmung

In Blog 6 wird die neuropathologische Krankheitssymptomatik „fehlende Temperatur- und Schmerzwahrnehmung“ anhand von Fallbeispielen beschrieben. Neuropathologisch wird dabei die Unempfindlichkeit wie folgt erklärt: Schmerzen durch Brüche oder auch Verbrühungen werden durch den Botenstoff Prostaglandin an die entsprechenden Nervenzellen im Gehirn weitergeleitet. Sind diese Nervenareale im fortgeschrittenen Stadium bereits abgestorben, so kann kein Schmerzimpuls mehr aufgebaut werden (Jürgs 2006: 355).

Literatur

  • Jürgs, M. (2006). Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland. München: Bertelsmann Verlag.
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Ratey, J. J. (2001) Das menschliche Gehirn. Eine Gebrauchsanweisung. Düsseldorf: Walter Verlag.
  • Schröder, S. G. (2006) Psychopathologie der Demenz. Symptomatologie und Verlauf dementieller Erkrankungen. Stuttgart: Schattauer.
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer.

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