Vorarbeiten für die Entwicklung einer Theorie der Demenzpflege (Teil 10)

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Vorarbeiten für die Entwicklung einer Theorie der Demenzpflege (Teil 10) sind der Inhalt des 128. Blogs. Es wird der Problembereich negative Demenzpflege dargestellt.

Problembereich 13 – Negative Demenzpflege

In Blog 107 wird ausgeführt, dass es im Bereich der Demenzpflege gegenwärtig zumindest in Deutschland Modelle und Einstellungen dominieren, die für das Wohlbefinden und damit auch das psychosoziale Gleichgewicht der Demenzkranken abträglich sind. In Anlehnung an Formen einer „Schwarze Pädagogik“ können sie als Konzepte einer „Schwarzen Demenzpflege“ bezeichnen werden. „Schwarz“ sind diese Vorgehensweisen, weil sie teils aus Unwissen oder aufgrund einer normativ-ideologischen Anschauung letztlich dem Wohl der Demenzkranken diametral entgegenstehen.

Von dem Begriff „schwarze Demenzpflege“ wird nach reiflichen Überlegungen Abstand genommen, da diese Begrifflichkeit im Rahmen eines fachlichen und damit zugleich auch sachlichen Diskurs etwas zu bombastisch und auch reißerisch klingt. Als Alternative wurde der Begriff „gefährliche Demenzpflege“ in Erwägung gezogen. Da dieser Begriff jedoch mit dem bereits seit Jahrzehnten bekannten Begriff der „gefährlichen Pflege“ mit den Gefahrenpotentialen u. a. Dekubitus, Austrocknung und unzureichende Hautpflege in Verbindung gebracht werden könnte, kann er aus Sicht des Bloggers auch nicht verwendet werden. Der entscheidende Grund besteht in dem Sachverhalt, dass bei der „gefährlichen Pflege“ die körperliche Pflege im Zentrum steht, gilt es doch hierbei, die körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten. Um eventuelle Verwechselungen zu vermeiden, wird als neue Begrifflichkeit anstelle der „schwarzen Demenzpflege“ die Kategorie „negative Demenzpflege“ verwendet.

Die „negative Demenzpflege“ unterscheidet sich inhaltlich von der „gefährlichen Pflege“ dahingehend, dass hierbei die seelische Unversehrtheit im Vordergrund steht. Ein Kriterium der „negativen Demenzpflege“ besteht nun gerade darin, dass es die seelische Unversehrtheit regelrecht negiert. Stress und Überforderung sind für die negative Demenzpflege keine Krankheitssymptome, eher bloße Alltagsgegebenheiten (siehe Blog 122). Doch für die Demenzpflege im Gegensatz dazu gilt es, das psychosoziale Gleichgewicht zu gewährleisten. Es gilt Stress und Überforderung zu vermeiden, denn Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium können sich nicht mehr selbst beruhigen und damit psychosozial stabilisieren. Und es gilt vor allem auch, die Erkrankten möglichst umgehend wirksam aus den Zuständen der Realitätsverluste und Realitätsverzerrungen (u. a. wahnhafte Halluzinationen) zu befreien. Bei diesen Desorientierungsphänomenen ist der psychosoziale und damit zugleich auch der physiologisches Belastungsgrad extrem hoch, denn es muss hierbei oft mit einer lebensbedrohlichen psychophysische Dekompensation gerechnet werden (siehe Negativbeispiel in Blog 45).

Charakteristika und Kriterien der negativen Demenzpflege

Wie in Blog 107 bereits angedeutet, schaden Ansätze und Modelle der negativen Demenzpflege die Demenzkranken. Anhand der Realitätsorientierungstherapie (ROT), dem Kitwood-Ansatz und dem Konzept Validation wird die Schädlichkeit im Folgenden in kurzer Form aufgezeigt. Vorab wird nochmals auf die Bedeutung des Stresserlebens bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium verwiesen, um den Sachverhalt und die Bedeutung des psychophysischen Ungleichgewichts für die meist bereits Hochbetagten zu verdeutlichen.

Stress als Krankheitssymptom

In Blog 45 wird gezeigt, dass das Belastungs- und Stresserleben bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium ein recht häufig anzutreffender psychischer Zustand ist. Er ist Ausdruck der krankheitsbedingten gestörten Person-Umwelt-Passung, wenn innere und äußere Reizgefüge nicht mehr angemessen verarbeitet werden können (Reisberg et al. 1999). Bei folgenden Gegebenheiten kann Stress auftreten:

  • Es kann z. B. ein lautes Geräusch wie das Telefonklingeln sein, das aufgrund der akustischen Agnosie Unruhe und Furcht verursacht (Lind 2007: 65, siehe Blog 2).
  • Es kann auch ein biografisch bedingtes Desorientierungsphänomen sein („Ich muss jetzt für die Kinder das Essen kochen!“) (Lind 2007: 49, siehe Blog 8).
  • Es kann sich um eine wahnhafte Halluzination handeln („Murmeltiere unter dem Bett!“) (Lind 2011: 212, siehe Blog 9).

Jedes Mal geraten die Betroffenen in einen Stressmodus, der zu panikartigem Verhalten führen kann, wenn nicht zeitnah und effektiv mittels Strategien des Ablenkens, Beruhigens, Mitgehens und Mitmachens eingegriffen wird.

Neuropathologisch lässt sich dieses krankhafte Stresserleben dadurch erklären, dass innere und äußere Reize die Furchtregion im limbischen System (Amygdala) aktivieren, die jedoch im schweren Stadium nicht mehr angemessen im Frontallappen der Großhirnrinde regulierend verarbeitet werden können. Dieses Hirnareal ist bereits zu stark abgebaut und besitzt dadurch nicht mehr seine Schutz-, Puffer- und damit auch Beruhigungsfunktion. Konkret heißt das, dass die Betroffenen die Fähigkeit zur Selbstberuhigung verloren haben. Dadurch geraten die Betroffenen in einen Panikzustand (siehe Blog 2).

Realitätsorientierungstherapie (ROT)

Das Konzept der „Realitätsorientierungstherapie“ (ROT) stellte in den 80er Jahren zumindest in Deutschland die einzig bekannte Beeinflussungsform im Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium dar. Die ROT bestand im Wesentlichen aus dem Vorgehen, bei Realitätsverlusten wie der Suche nach der Mutter den Betroffenen klar zu machen, dass die Mutter doch längst verstorben wäre. So hoffte man wohl aufgrund fehlenden Wissens, die beunruhigte Demenzkranke wieder in die „Realität“ zurückführen zu können. Dass durch den Hinweis auf den Tod der Mutter die Betroffenen nun noch aufgeregter und verzweifelter wurden und dieser Aussage auch keinen Glauben schenkten, fand in dem Modell keine Berücksichtigung (Schwenk 1979, Dietch et al. 1989, Lind et al. 1990).

Kitwood-Ansatz

Ähnlich verhält es sich mit dem Kitwood-Ansatz. Auch bei diesem Konzept ist die Realität oder die „Normalität“ der entscheidende Bezugsrahmen. Jedwede Abweichung von dieser Sichtweise wird aus normativ-ideologischen Gründen als Lug und Trug diskreditiert („maligne bösartige Sozialpsychologie“). So wird dann auch in diesem Ansatz Unruhe und Stress bei der Suche nach der Mutter als Alltagsnormalität hingestellt, die keiner therapeutischen Beeinflussung bedarf (Kitwood 2000, Müller-Hergl 2009, siehe auch Blog 77 und folgende).

Validation

In Blog 67 und Blog 68 wird gezeigt, dass intuitives Verhalten im Umgang mit Demenzkranken seitens Kitwood und seinen Schülern strikt als Lug und Betrug abgelehnt wird. Der Vollständigkeit halber wird darauf hingewiesen, dass auch Naomi Feil im Rahmen ihrer Konzeption einer Validation spontane Strategien der Ablenkung und Beruhigung als „therapeutische Lügen“ diskreditiert, die letztlich von den Demenzkranken durchschaut werden (Feil 2000b: 126). Auch wahnhafte Halluzinationen und der gängige Umgang mit ihnen werden von Feil in Frage gestellt, da diese Halluzinationen ihrer Meinung nach real gar nicht existieren. So führt sie ein Beispiel an, bei der eine alte Frau einen Mann unter ihrem Bett sieht. Für Feil weiß jedoch die Demenzkranke „auf der Ebene des Unbewussten“, dass kein Mann unter dem Bett liegt. Die Validationsanwenderin soll nach dem Konzept der Validation nun den Mann nicht vertreiben, sondern nur bloß antworten: „Sieht er nicht toll aus?“ (Feil 2000a: 83).

Abschließend wird darauf hingewiesen, dass diese hier angeführten Kommunikationsformen bisher den Nachweis ihrer Wirksamkeit im Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium schuldig geblieben sind (Nocon et al. 2010).

Literatur

  • Dietch, J.T. et al. (1989) Adverse effects of reality orientation. Journal of the American Geriatrics Society, 37 , 10, 974 – 976
  • Feil, N. (2000a) Validation. München: Ernst Reinhardt Verlag
  • Feil, N. (2000b) Validation in Anwendung und Beispielen. München: Ernst Reinhardt Verlag
  • Kitwood, T. (2000) Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. et al. (1990) Milieu für Demente. Deutsche Krankenpflege-Zeitschrift, 43, 10, 744 – 747
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Müller-Hergl, C. (2009) Stress rechtfertigt keine Lügen. Pflegen: Demenz 4 (11) 30-32
  • Nocon, M. et al. (2010) Pflegerische Betreuungskonzepte bei Patienten mit Demenz. Ein systematischer Review. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 43 (3): 183-189
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23
  • Schwenk, M. A. (1979). Reality orientation for the institutionalized aged: Does it help? The Gerontologist, 19 , 373 – 377

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