Empathie als ein Kernelement der Demenzpflege

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Empathie als ein Kernelement der Demenzpflege ist der Inhalt des 68. Blogs. Es werden die verschiedenen Dimensionen dieses Verhaltens beschrieben.

Nachtrag zu Blog 67

Im vorigen Blog wurde angeführt, dass intuitives Verhalten im Umgang mit Demenzkranken seitens Kitwood und seinen Schülern strikt als Lug und Betrug abgelehnt wird. Der Vollständigkeit halber wird darauf hingewiesen, dass auch Naomi Feil im Rahmen ihrer Konzeption einer Validation spontane Strategien der Ablenkung und Beruhigung als „therapeutische Lügen“ diskreditiert, die letztlich von den Demenzkranken durchschaut werden (Feil 2000b: 126). Auch wahnhafte Halluzinationen und der gängige Umgang mit ihnen werden von Feil in Frage gestellt, da diese Halluzinationen ihrer Meinung nach real gar nicht existieren (Feil 2000a: 83).

Des Weiteren konnte bezüglich der Anwendbarkeit der so genannten Integrativen Validation in einer umfänglichen Studie in mehreren Pflegeheimen festgestellt werden, dass diese Kommunikationsform von den Pflegenden als bloße Schauspielerei eingeschätzt wird, die man nicht in Gegenwart Dritter anzuwenden wagt. Die Pflegenden kommen sich dabei „komisch“ und „dämlich“ vor. Demenzkranke können in Krisensituationen durch die integrative Validation nicht positiv im Sinne einer Beruhigung beeinflusst werden. Aus diesem Grund werden bei psychischen Belastungen der Demenzkranken von den Pflegenden meist intuitiv effektive Beruhigungs- und Ablenkungsstrategien praktiziert (Dammert et al. 2016).

Abschließend wird darauf hingewiesen, dass diese hier angeführten Kommunikationsformen bisher den Nachweis ihrer Wirksamkeit im Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium schuldig geblieben sind (Nocon et al. 2010).

Vorbemerkungen

Universelle Verhaltensweisen und damit auch das intuitive Verhalten im Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium basieren auf dem angeborenen Einfühlungsvermögen, das die Menschen mit vielen anderen Tierarten teilen. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über diesen Gegenstandsbereich gegeben. Des Weiteren wird ergänzend anhand eines Beispiels auf das Gefahrenpotential der primären Empathie hingewiesen.

Empathie oder das Einfühlungsvermögen

Ein Kernelement im zwischenmenschlichen Umgang ist das Ausmaß an Einfühlungsvermögen (Empathie). Das Einfühlungsvermögen bedeutet, sich in den anderen hineinzuversetzen und sein Verhalten zu verstehen. Bei dieser Eigenschaft handelt es sich um eine angeborene Verhaltens- und Reaktionsweise. Das Einfühlungsvermögen erstreckt sich auf mehrere Wahrnehmungs- und Handlungsebenen. In Anlehnung an Daniel Goleman (2006) kann bei der Empathie von drei Schritten einer Wahrnehmungs- und Handlungskette ausgegangen werden, die wie folgt gestaltet ist:

  • den Gegenüber in seiner Gefühlslage wahrzunehmen
  • die Empfindungen zu spüren, die der andere gerade empfindet
  • mitfühlend zu reagieren, um den anderen in seiner Notlage zu helfen.

Wahrnehmen, Erkennen, Mitfühlen und Helfen ist somit ein angeborener Prozess, der schnell und oft auch automatisiert abläuft. Ein Beispiel aus dem Alltag mag dies belegen: Wenn eine nahestehende Person aufgelöst und verzweifelt angetroffen wird, geht es einem zu Herzen, man spürt das Leiden und versucht zu helfen, z. B. indem man sie in den Arm nimmt und tröstende Worte sagt. Dieser mitfühlende Prozess, der u. a. auch bei den Schimpansen beobachtet wurde, wird hirnphysiologisch u. a. durch einen automatisch ablaufenden Simulationsprozess erklärt. Die so genannten „Spiegelneuronen“ werden hier als Erklärungsmuster angeführt. Spiegelneuronen bilden das Verhalten und das Empfinden des Gegenübers im eigenen Gehirn ab. Wenn wir mit einer Person konfrontiert sind, die Schmerzen verspürt, dann wird z. B. auch die eigene Schmerzregion im entsprechenden Hirnareal aktiviert (Förstl 2007: 8, Lind 2011: 72f).

Unterschiedliche Formen des Einfühlungsvermögens

Handlungen und Reaktionen werden im Gehirn durch Schaltkreise zwischen bestimmten Hirnarealen vorbereitet. Im Allgemeinen lassen sich hierbei zwei Typen von Schaltkreisen unterscheiden:

  • die kurzen, schnellen und automatisch ablaufenden Schaltkreise, die z. B. bei Furcht und Gefahr auftreten
  • die langsamen und mit Bedacht ablaufenden Schaltkreise.

Die kurzen Schaltkreise werden aktiviert, wenn eine unmittelbare Gefahr den Organismus bedroht. Bei einem Steinwurf z. B. duckt man sich unwillkürlich, ohne vorher nachzudenken. Hirnphysiologisch kann dies wie folgt erklärt werden: Eine bestimmte Hirnregion – Amygdala oder Mandelkern, Teil des limbischen Systems – reagiert im Bruchteil einer Sekunde (33 Millisekunden) auf Reize, die Gefahr signalisieren.

Auch bei dem Einfühlungsvermögen bestehen diese beiden Schaltkreise mit unterschiedlichem Wirkungsbereich. Goleman (2006) bezeichnet die beiden Formen des Einfühlungsvermögens:

  • primäre Empathie
  • kognitive Empathie.

Die primäre Empathie beruht danach auf dem so genannten kurzen Schaltkreis oder „unteren Pfad“. Das heißt, der Prozess verläuft automatisch, unbewusst und sehr schnell. Der Hirnbereich für das Bewusstsein, der Stirnhirnbereich der Großhirnrinde, ist hierbei nicht beteiligt. Bei der kognitiven Empathie ist der langsame Schaltkreis oder „obere Pfad“ am Wirken. Konkret bedeutet dies, dass beim einfühlenden Prozess Überlegungen und Entscheidungsprozesse mit einfließen. Beim unbewusst ablaufenden Einfühlungsprozess würde man z. B. eine verunsicherte Person spontan in den Arm nehmen und trösten. Bei einem überlegten einfühlenden Verhalten würden hingegen vorab Handlungsalternativen aufgrund der Erfahrungen mit dem jeweiligen Bewohner in ähnlichen Situationen geprüft werden, bevor eine helfende Handlung eingeleitet wird. Es bedarf noch des Hinweises, dass nach Goleman der kurze Schaltkreis (primäre Empathie) den Standardmodus des Gehirns darstellt, während der langsame Schaltkreis (kognitive Empathie) in den Fällen zugeschaltet wird, die einer kurzen Überlegung und damit Entscheidung bedürfen (Lind 2011: 72f).

Primäre Empathie als potentielle Gefahr der Demenzpflege

Für die Demenzpflege ist von großer Wichtigkeit, die Gefahren des unbewusst ablaufenden einfühlenden Verhaltens in bestimmten Situationen aufzuzeigen, da hierbei oft tätliche Aggressionen seitens der Bewohner zulasten der Pflegenden auftreten. Ein Beispiel zur Verdeutlichung:

Eine Pflegende bemerkt zufällig, dass bei einer im Rollstuhl sitzenden demenzkranken Bewohnerin die Schnürsenkel offen sind. Spontan bückt sie sich und macht sich daran, die Schnürsenkel zu verknoten. In diesem Moment erhält sie von der Bewohnerin Schläge auf den Kopf und die Schulter (siehe Blog 19).

Der Sachverhalt lässt sich wie folgt erklären: Die Pflegende folgte intuitiv ihrem Impuls, sofort der Bewohnerin helfen zu wollen. Dabei berücksichtigte sie jedoch nicht das Wahrnehmungs- und Verarbeitungsvermögen der Demenzkranken. Folgende Faktoren sind hierbei zu beachten:

Überforderung

Die Bewohnerin kann die Situation nicht angemessen überblicken. Sie bemerkt eine Person, die sich an ihren Schuhen zu schaffen macht. Weder erkennt sie die Betroffene, die sich ja den Schnürsenkeln zugewandt hat, noch kann sie genau erkennen, was dort vor sich geht und mit welcher Absicht. Sie gerät in Überstress oder Panik, sie fühlt sich in äußerster Gefahr, denn eine ihr fremde Person befindet sich in ihrem unmittelbaren Nahbereich und vollzieht eine nicht erklärbare Handlung.

Wahnhafte Verkennung

Bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium „schaltet“ das Gehirn in Überstresssituationen auf wahnhafte Verkennung der Situation im Sinne eines Realitätsverlustes. Salopp ausgedrückt kann dies als ein Umkippen des Schalters im Hirn von Realitätsbezug hin zu Realitätsverlust (wahnhafte Verkennung) aufgrund der Überforderung beschrieben werden. Bei Kleinkindern ist Ähnliches in Situationen der Überforderung (z. B. Alleinsein in der Dunkelheit) beobachtet worden (sieh Blog 9, Blog 19, Blog 48).

Reaktion

Wie bereits weiter oben beschrieben wurde, wird jetzt automatisch ein kurzer Schaltkreis aufgrund der Deutung einer extremen Gefahr aktiviert, der den Impuls Abwehrverhalten auslöst. Da die Demenzkranke nicht weglaufen kann, bleibt ihr in dieser Situation nur das Schlagen, um sich in dieser Lage behaupten zu können.

Dieses Beispiel zeigt, dass es im Umgang mit Demenzkranken bestimmte Belastungs- und Verarbeitungsgrenzen bei den Betroffenen zu berücksichtigen gilt. Andernfalls drohen gefährliche Situationen nicht nur für die Demenzkranken, sondern in diesem Fall auch für die helfende Person (tätlicher Angriff) (Lind 2011: 74f).

Literatur

  • Dammert, M. et al. (2016) Person-Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Weinheim und Basel: Beltz Juventa Verlag
  • Feil, N. (2000a) Validation. München: Ernst Reinhardt Verlag
  • Feil, N. (2000b) Validation in Anwendung und Beispielen. München: Ernst Reinhardt Verlag
  • Förstl, H. (2007) Theory of Mind: Anfänge und Ausläufer. In: Förstl, H. (Hrsg.) Theory of Mind. Neurobiologie und Psychologie sozialen Verhaltens (3-10). Heidelberg: Springer Medizin Verlag
  • Goleman, D. (2006) Soziale Intelligenz. Wer auf andere zugehen kann, hat mehr vom Leben. München: Droemer Verlag
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Nocon, M. et al. (2010) Pflegerische Betreuungskonzepte bei Patienten mit Demenz. Ein systematischer Review. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 43 (3): 183-189

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