Der Abbauprozess der Alzheimer-Demenz (Teil 4)

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Der Abbauprozess der Alzheimer-Demenz (Teil 4) ist der Inhalt des 81. Blogs. Es werden Diskonnektionsstörungen als Krankheitssymptome angeführt.

Ergänzung zu Blog 80

Ergänzend zu Blog 80 Aus der Pflegepraxis lassen sich zwei Faktoren hinsichtlich der Wahrnehmung der durch den Abbau bedingten Veränderungen herausarbeiten:

Gemeinschaftliche Beobachtung

Kollektivität: Ob eine Verhaltensveränderung im Sinne einer Kompetenzeinbuße vorliegt, kann in der Regel nur gemeinschaftlich durch das Pflegeteam festgestellt werden. Das bedeutet, dass alle Pflegende, Betreuenden und hauswirtschaftlichen Mitarbeiter ihre Beobachtungen aus den verschiedenen Schichten (früh, spät und nachts) u. a. in den Übergabegesprächen zusammentragen und dann hieraus die Schlüsse ziehen.

Zeitfaktor

In der Regel dauert es oft mehrere Wochen, bis das Pflegeteam zu der Gewissheit gelangt ist, dass ein Abbauprozess die Ursache für die Minderleistungen zu sein scheint. Denn erst wenn eine gewisse Regelmäßigkeit und Kontinuität im Verhalten von allen Mitarbeitern registriert worden ist, kann in der Regel ausgeschlossen werden, dass Tagesschwankungen oder psychophysische Veränderungen dieses Verhalten bewirken könnten (Lind 2007: 90ff, Lind 2011: 167f).

Das Abschaltprogramm

In Blog 73 wird ausgeführt, dass der neurodegenerative Abbau bei Demenzkranken mit dem Hirnreifungsprozess das Strukturprinzip gemein hat, nur eben in entgegengesetzter Richtung (Reisberg et al. 1999). Konkret: die Hirnareale, die zuletzt hirnphysiologisch online geschaltet wurden, werden beim Abbauprozess zuerst offline geschaltet (Braak et al. 1991). Die entsprechenden Nervenzellen in diesen Hirnarealen sterben ab und die damit verbundene Hirnfunktion wie z. B. das Kurzzeitgedächtnis werden Schritt für Schritt deaktiviert bis später ganz abgeschaltet. Wenn nun zentrale Koordinierungs-, Kontroll-, Unterdrückungs- und Aktivierungsaufgaben des Gehirns, die überwiegend im präfrontalen Bereich der Großhirnrinde lokalisiert sind, ausfallen, da diese Hirnareale abgebaut und damit abgeschaltet sind, dann entsteht für die Demenzkranken regelrecht ein Chaos. Dies wird an folgenden Beispielen gezeigt.

Diskonnektion (Entkoppelung)

Der hirnpathologische Abbau im mittelschweren Stadium der Demenz führt zusätzlich zu verschiedenen kognitiven Fehl- und Minderleistungen, die man teils als krankhafte Entflechtungen oder Entkoppelungen (Diskonnektionen) bezeichnen kann. Wenn z. B. bei zeitlichen, örtlichen und situativen Desorientierungsphänomenen eine Erinnerung für einen konkreten Realbezug gehalten wird, dann sind meist starke psychische Belastungen die Folge. Oder wenn ein Alltagsgegenstand physiologisch eindeutig gesehen, jedoch in seiner Funktion nicht mehr erkannt werden kann (assoziative visuelle Agnosie), dann wird die konkrete Umwelt fremd und verunsichert die Betroffenen (siehe Blog 1 und Blog 2). Aber auch Fehlwahrnehmungen, Halluzinationen, die Unfähigkeit Dinge zu unterscheiden und vieles mehr sind Symptome eines zunehmenden Auflösungsprozesses der Person-Umwelt-Passung aufgrund von pathologischen Entkoppelungsprozessen. Im Folgenden werden Wahrnehmungsstörungen bei Demenzkranken als Diskonnektionsstörungen erläutert.

Diskonnektive Wahrnehmungsstörungen

In Blog 6 und in Blog 71 werden zwei unterschiedliche Wahrnehmungssphären angeführt: die Exterozeption (Außenwahrnehmung) und die Interozeption (Innenwahrnehmung). Die Exterozeption umfasst die Wahrnehmung der Außenreize vermittels der Sinnesorgane. Die Interozeption hingegen umfasst die Wahrnehmung der Innen- oder Binnenreize der Körperorgane, also innerorganischer Prozesse wie z. B. Hunger, Durst, Schmerz oder Erschöpfung. Bei Demenzkranken sind diese beiden Formen der Wahrnehmung und geistigen Erfassung deutlich gestört.

Exterozeptive diskonnektive Wahrnehmungsstörungen

Bei exterozeptiven diskonnektiven Störungen der Wahrnehmung handelt es sich um die Entkoppelung verschiedener Areale im Gehirn, verursacht durch den neurodegenerativen Abbauprozess. Durch diese Entflechtung und Unterbrechung bestimmter Schaltkreise zerfällt die Wahrnehmung in unterschiedliche Teilbereiche, die die Gesamtheit der Außenwelt nicht mehr angemessen in ihrer Komplexität zu erfassen vermag. Somit zerbröselt zunehmend die Person-Umwelt-Passung, wie anhand der folgenden Krankheitssymptome aufgezeigt wird.

Agnosien

In Blog 1 und Blog 2 wird aufgezeigt, wie das Gefüge von sensorischer Wahrnehmung und geistigem Erfassen des Wahrgenommenen krankhaft entkoppelt ist. Dies wird als Agnosie bezeichnet. Man unterschiedet dabei zwischen visueller und akustischer Agnosie. Wenn nun Sinneswahrnehmungen nicht mehr eindeutig erkannt werden können, dann entsteht bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium ähnlich wie bei Kleinkindern Furcht und Unruhe (Siegler et al. 2018: 359).

Unterscheidungsunfähigkeit

In Blog 1 und Blog 47 wird die demenzspezifische Wahrnehmungsstörung „Unterscheidungsunfähigkeit“ beschrieben. Bei der Unterscheidungsunfähigkeit verliert das Hirn die Fähigkeit, Unterschiede zwischen ähnlichen Gegenständen bezüglich Formgebung und auch Funktion zu erkennen. Durch das fehlende Unterscheidungsvermögen werden ähnliche Gegenstände als gleiche wahrgenommen und teilweise auch entsprechend genutzt. Dieses Phänomen einer gedanklichen Überdehnung wird auch bei Kleinkindern im Kontext ihrer geistigen Entwicklung beobachtet (Siegler et al. 2016).

Verallgemeinerungsunfähigkeit

In Blog 3 und Blog 47 wird die Wahrnehmungsstörung „Verallgemeinerungsunfähigkeit“ (Untergeneralisierung) angeführt. Hierbei handelt es sich im Gegensatz zur Unterscheidungsfähigkeit nicht um eine Fehlwahrnehmung, sondern um das Unvermögen, bisher vertraute Gegenstände aufgrund kleiner Veränderungen wieder erkennen zu können. Neuropathologisch lässt sich diese Wahrnehmungsstörung mit dem Verlust der entsprechenden Hirnareale in der Großhirnrinde erklären. Die geistige Fähigkeit, Impulse bzw. Reizgefüge miteinander zu verknüpfen und dadurch u. a. eine Verallgemeinerung herzustellen, geht verloren. An die Stelle der geistigen Flexibilität ist eine geistige Starrheit in der Erfassung der Umwelt getreten. Auch hier wiederum besteht die Parallele zur Hirnentwicklung des Kindes, genauer, zu der eines Säuglings (Markowitsch et al. 2006: 145).

Störung der Tiefenwahrnehmung

In Blog 4 und Blog 47 wird die Wahrnehmungsstörung „fehlende Tiefenwahrnehmung“ beschrieben. Dabei handelt es sich um eine Fehlwahrnehmung dergestalt, dass flächige Reizgefüge wie z. B. Bilder für körperliche Reizgefüge oder Gegenstände fehlgedeutet werden. So produziert das Gehirn bei diesem Krankheitssymptom ständig „3D-Bilder“ anstelle der bloßen Abbildungen, die für konkrete Gegenstände gehalten werden. Auch hier besteht wieder die Parallele zur Hirnentwicklung, denn erst mit ca. 1 ½ Jahren vermögen Kleinkinder diese Unterschiede des Raumgefüges zu unterscheiden (Siegler 2016: 166).

Skalierungsfehler

In Blog 5 und Blog 50 wird die Wahrnehmungsstörung „Skalierungsfehler“ bei Demenzkranken beschrieben. Bei dem Skalierungsfehler handelt es sich um die Fehleinschätzung der Größenverhältnisse in der Wahrnehmung. Diese Wahrnehmungsstörung wird bei Kleinkindern im Rahmen der Hirnentwicklung im Alter von 18 – 30 Monaten beobachtet (Siegler et al. 2016: 177). Dieses Verhalten zeigt sich, wenn z. B. ein Kleinkind versucht, in ein Spielzeugauto einzusteigen oder sich auf einen Puppenstuhl zu setzen.

Fehlendes Schmerz- und Temperaturempfinden

In Blog 6 und Blog 47 wird die neuropathologische Krankheitssymptomatik „fehlende Temperatur- und Schmerzwahrnehmung“ anhand von Fallbeispielen beschrieben. Neuropathologisch wird dabei die Unempfindlichkeit wie folgt erklärt: Schmerzen durch Brüche oder auch Verbrühungen werden durch den Botenstoff Prostaglandin an die entsprechenden Nervenzellen im Gehirn weitergeleitet. Sind diese Nervenareale im fortgeschrittenen Stadium bereits abgestorben, so kann kein Schmerzimpuls mehr aufgebaut werden (Jürgs 2006: 355).

Literatur

  • Braak, H. et al. (1991) Neuropathological staging of Alzheimer-related changes. Acta Neuropathologica, 82: 239-259
  • Jürgs, M. (2006). Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland. München: Bertelsmann Verlag
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Markowitsch, H. J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage)
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer

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