Das räumlich-physikalische Milieu als Verhaltensfaktor im Kontext des Vollständigkeitskonzepts

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Das räumlich-physikalische Milieu als Verhaltensfaktor im Kontext des Vollständigkeitskonzepts ist der Inhalt des 61. Blogs. Es werden die entsprechenden Wissensstände dargelegt.

Vorbemerkungen

Demenzkranke besitzen aufgrund ihrer kognitiven Minder- und Fehlleistungen eine äußerst geringe Person-Umwelt-Passung dergestalt, dass sie mit verschiedenen Reizen der Umwelt überfordert sind und entsprechend mit gravierenden Stressphänomenen reagieren. Sie können sich räumlich nicht mehr orientieren, finden ihr Zimmer oder die Toilette nicht mehr, neigen zu Fehlwahrnehmungen, wenn sie z. B. ein Spiegelbild für eine lebendige Person halten und fürchten sich vor Schatten und der Dunkelheit. All diese Krankheitssymptome haben in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass in verschiedenen Ländern im Bereich der Demenzarchitektur und des Demenzmilieus Modelle und Strategien entwickelt wurden, die im Wesentlichen darauf hinauslaufen, die Minderleistungen in der Wahrnehmung und im Verhalten durch räumliche Anpassungsleistungen zu kompensieren. Im Rahmen des Vollständigkeitskonzepts der Demenzpflege sind diese Einbußen Grundlage für die räumliche Milieugestaltung. Des Weiteren gilt es hierbei ebenso die Bedürfnisse der Betroffenen nach einer angenehmen und vertrauten Umwelt zu berücksichtigen.

Die folgenden Strukturelemente einer demenzspezifischen Raum- und Milieugestaltung bilden den Bezugsrahmen zur Gewährleistung einer angemessenen Demenzversorgung

  • Milieusicherheit
  • Demenzspezifische Raumstruktur
  • Milieusensibilität
  • Milieustetigkeit bzw. Milieukonstanz
  • Pflegeoptimierende Raumstruktur

In den bisherigen Blogs wurde verschiedene Aspekte dieses Bezugsrahmen punktuell bereits thematisiert. In diesem Blog werden die Strukturelemente Milieusicherheit und demenzspezifische Raumstruktur im Kontext eines Vollständigkeitskonzepts in Ansätzen beschrieben. In den folgenden Blogs werden die anderen angeführten Strukturelemente dargestellt.

Milieusicherheit

Die Selbstgefährdung ist bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium aufgrund von Empfindungsstörungen (fehlende und falsche Körperwahrnehmung, siehe Blog 7), illusionärer Selbstwahrnehmung (fehlende Krankheitseinsicht) und Wahrnehmungsstörungen (u. a. Unterscheidungsunfähigkeit, siehe Blog 1) recht stark ausgeprägt, drohen doch Stürze, Vergiftungen und beim unbeaufsichtigten Verlassen der Einrichtung tödliche Unfälle (siehe Blog 44). Um die körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten und um der Aufsichts- und Fürsorgepflicht nachkommen zu können, sollte daher jeder demenzspezifische Wohnbereich „beschützend oder geschlossen“ geführt werden (Lind 2007b: 221).

Die Hilflosigkeit und damit Schutzbedürftigkeit äußert sich des Weiteren in verschiedenen demenzspezifischen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen, die es im Rahmen der Milieusicherheit angemessen zu berücksichtigen gilt. Bei diesen Faktoren stehen Aspekte der seelischen Unversehrtheit im Vordergrund, drohen doch Stress und Überforderung, wenn die Umwelt nicht ausreichend erkannt und gedeutet werden kann. Die folgenden Krankheitssymptome sind bereits hinsichtlich ihrer Belastungspotentiale dargestellt worden:

  • Verallgemeinerungsunfähigkeit (siehe Blog 3)
  • Fehlende Tiefenwahrnehmung (siehe Blog 4)
  • Furchtsymptomatik (siehe Blog 2)

Auf die Milieusicherheit im Rahmen des Vollständigkeitskonzepts der Demenzpflege muss leider immer noch hingewiesen werden, da diese Sichtweise gegenwärtig in Deutschland noch nicht allgemeingültig und damit für alle verpflichtend ist. Solange Positionen einer „Autonomie“ und eines „Normalitätsprinzips“ („Risiken gehören zum Leben“) den Diskurs über die Lebensweltgestaltung Demenzkranker bestimmen, solange wird der Heimbereich weiterhin ein Gefährdungsbereich bleiben (siehe Blog 44 und Blog 45).

Demenzspezifische Raumstruktur

Eine demenzspezifische Raumstruktur hat nicht nur die Minder- und Fehlleistungen Demenzkranker bei der Gestaltung der Räumlichkeiten zu berücksichtigen, sie hat genauso auch die Bedarfe und Bedürfnisse der Betroffenen zu berücksichtigen. Im Folgenden wird die räumlich-architektonische Umsetzung der zentralen Elemente des Verhaltens und des Bedürfnisses nach Sicherheit und Orientierung angeführt.

Wandern und Sitzen

Die räumlichen Gegebenheiten eines Wohnbereichs für Demenzkranke müssen deren krankheitsbedingten Bedürfnissen entsprechen. Die Bewohner sollten die Möglichkeit erhalten, sich ohne Hindernisse und Barrieren zu bewegen sowie soziale Nähe im Sinne von Geborgenheit und Schutz zu erfahren. Für die Raumstruktur heißt das, dass zwei Flächenelemente aufeinander abgestimmt werden müssen: raumgreifende oder zentrifugale Bewegungsflächen oder Wanderwege und raumzentrierende oder zentripetale Bereiche in Gestalt von Gemeinschaftsflächen wie etwa Gemeinschafts- oder Wohnzimmer. Hierdurch kann den vorrangigen Handlungsweisen der Bewohner Rechnung getragen werden, die überwiegend sitzen und beobachten oder wandern (Algase 1999, Radzey 2014, Zarit et al. 1990). Damit der erhöhte Bedarf an diesen Flächen gedeckt werden kann, sollten Individualflächen in Gemeinschaftsflächen umgewandelt werden. Das heißt, Bewohnerzimmer erhalten vorrangig den Status eines Schlafzimmers. Es sollten auch Doppelzimmer vorgehalten werden, da Demenzkranke hier weniger Furcht und Unruhe ähnlich dem Verhalten von Kleinkindern zeigen (Heeg et al. 2008).

Als ideales Raumgefüge für Demenzkranke hat sich in den Einrichtungen der stationären Altenhilfe die Verflechtung von Rundwanderwegen in Gestalt eines Ovals oder einer liegenden Acht mit zentral gelegenen Gemeinschaftsräumen („Wohnzimmer“) herausgestellt. Durch die Überschneidung dieser Areale besteht die Möglichkeit, dass sich die Bewohner je nach psychischer und physischer Verfassung und ihren Bedürfnissen in gemeinschaftliches Leben einbinden lassen oder sich bewegen können (Heeg et al. 2008, Lind 2007a, Radzey 2014).

Wandern und Sitzen im Freien

Eine besondere Bedeutung für das Wohlbefinden der demenzkranken und auch nicht demenzkranken Bewohner besitzen Außenbereiche: Gartenanlagen, Innenhöfe u. ä. Das Gefühl, sich im Freien zu befinden, besitzt für alle Menschen eine äußerst wichtige Bedeutung. Es drückt das Bedürfnis nach Naturnähe aus. Wie wichtig Balkone einschließlich Umlaufbalkone, Terrassen und Gartenflächen für Senioren in Altenhilfeeinrichtungen sind, ist durch Untersuchungen mehrfach bestätigt worden (Heeg et al. 2004, Mather et al. 1997, McMinn et al. 2000).

Soziale Nähe

Wie bereits in Blog 60 angeführt, geht es bei der Gewährleistung der sozialen Nähe aus der raumstrukturellen Perspektive vor allem darum, eine soziale Verdichtung herzustellen. Dies geschieht durch möglichst weitgehende Überschneidung von Gemeinschaftsflächen der Demenzkranken mit den Arbeitsflächen bzw. Arbeitsbereichen der Mitarbeiter im Rahmen eines Präsenzmilieus. Das heißt, die Arbeitsfelder liegen in den Wohnbereichen oder grenzen direkt daran an. So kann ein Präsenzmilieu geschaffen werden, das auf dem Prinzip „bewohnerferne Tätigkeiten bewohnernah ausführen“ beruht (Lind 2011: 143). Durch dieses Prinzip gelangt Lebendigkeit in das Wohnmilieu. Bewohner können ihre vertrauten Bezugspersonen beobachten und sind dadurch zugleich beruhigt und psychosozial eingebunden. Folgende Formen des Präsenzmilieus haben sich zwischenzeitlich herausgebildet:

  • das Tresen-Modell: der Pflegestützpunkt ist in Form einer Rezeption in das Gemeinschaftsmilieu integriert

Das Präsenzmilieu ist eine Form sozialer Verdichtung durch das enge Nebeneinander von Bewohnern und Mitarbeitern in einem räumlichen Bereich. Räumliche Nähe entfaltet soziale Nähe und führt damit zu Empfindungen von Gemeinschaftlichkeit (Lind 2011: 143).

Orientierung

Lange Flure und auch Änderungen in der Wegeführung (bei Flureinmündungen z. B. die Entscheidung, ob man links oder rechts weitergehen soll) überfordern Demenzkranke hinsichtlich ihrer Orientierung und Wegefindung zu der Toilette, ihren Zimmern oder zu den Gemeinschaftsflächen (Netten 1989, Marquardt et al. 2007). Im Rahmen der Demenzarchitektur wurden traubenartige bzw. clusterartige Raummodelle entwickelt, die eine räumliche Verknüpfung von Gemeinschaftsbereichen, Funktionsräumen und Bewohnerzimmern beinhaltet. Dadurch wird die Gefahr des Verlaufens oder Verirrens vermindert und gleichzeitig das räumliche Orientierungsverhalten erhöht. Somit kann die Raumstruktur zur Stress- und Überlastungsreduktion beitragen (Lind 2011: 305, Passini et al. 2000).

Literatur

  • Algase, D. L. (1999) Wandering. A dementia compromised behavior. Journal of Gerontological Nursing, 25 (9): 11-16.
  • Heeg, S. et al. (2004) Freiräume – Gärten für Menschen mit Demenz. Stuttgart: Demenz Support Stuttgart.
  • Heeg, S. et al. (2008) Heimat für Menschen mit Demenz. Internationale Entwicklungen im Pflegeheimbau. Frankfurt: Mabuse-Verlag.
  • Lind, S. (2007a) Strukturelemente eines räumlichen Milieus für demenziell erkrankte Menschen: Die Nähe vertrauter Menschen gibt Sicherheit und Stärke. Pflegezeitschrift, 60, 7, 365 – 369.
  • Lind, S. (2007b) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber.
  • Marquardt, G. (2007) Kriterienkatalog Demenzfreundliche Architektur. Möglichkeiten zur Unterstützung der räumlichen Orientierung in stationären Altenpflegeeinrichtungen. Berlin: Logos Verlag.
  • Mather, J. A. et al. (1997) The effect of a walled garden on behavior of individuals with Alzheimer’s. American Journal of Alzheimer’s Disease, 12 (6): 253–257.
  • McMinn, B. G. et al. (2000) Confined to barracks: The effects of indoor confinement on aggressive behavior among inpatients of an acute psychogeriatric unit. American Journal of Alzheimer’s Disease, 15 (1): 36–41.
  • Netten, A. (1989) The effect of design of residental homes in creating dependancy among confused elderly residents. International Journal of Geriatric Psychiatry, 4: 143-153.
  • Passini R. et al. (2000) Wayfinding in a Nursing Home for Advanced Dementia of the Alzheimer’s Type. Environment & Behaviour, 32 (5): 684-710.
  • Radzey B. S. (2014) Lebenswelt Pflegeheim. Eine nutzerorientierte Bewertung von Pflegeheimbauten für Menschen mit Demenz. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag.
  • Stevens, P. (1987) Design for dementia: Re-creating the loving family. American Journal of Alzheimer’s Care and Research, 2 (1): 16-22.
  • Zarit, S. H. et al. (1990) A special treatment unit for Alzheimer’s disease: Medical, behavioral, and environmental features. Clinical Gerontologist, 9: 47-63.

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