Die Furcht der Demenzkranken (Teil 3)

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Die Furcht der Demenzkranken (Teil 3) ist der Inhalt des 93. Blogs. Es wird die Beeinflussungsstrategie Löschen bei verschiedenen Krankheitssymptomen angeführt.

Vorbemerkung

In Blog 92 sind die Beeinflussungsmodalitäten bei den demenztypischen Krankheitsphänomenen der spontanen Desorientierungssymptome anhand des Löschens bzw. Ablenken und Beruhigen dargestellt worden (siehe Blog 8). Des Weiteren ist nachgewiesen worden, dass Demenzkranke aufgrund des neurodegenerativen Abbaus Angstkranke sind. Furcht und Unruhe beeinträchtigen somit ihr alltägliches Leben. Löschen in Gestalt von Ablenken und Beruhigen hat sich hierbei als äußerst effektives Therapeutikum erwiesen. In diesem Blog wird die Beeinflussungsstrategie Löschen als therapeutische Intervention bei weiteren Krankheitssymptomen der Demenz dargestellt.

Realitätsverlust wahnhafte Halluzinationen

In Blog 9 wird gezeigt, dass visuelle Realitätsverluste wie Fehlwahrnehmungen oder Halluzinationen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz recht weit verbreitet sind (Lind 2007: 51). Diese Symptome unterscheiden sich teils recht stark hinsichtlich ihres Belastungsgrades für die Betroffenen. Bei einer wahnhaften Halluzination ist das Trugbild meist mit den Aspekten Bedrohung und Furcht verknüpft, die zu psychophysischem Stresserleben führt, wie das folgende Beispiel zeigt:

Eine Demenzkranke sitzt vor Angst erstarrt in ihrem Bett und flüstert völlig verängstigt der hereinkommenden Pflegenden zu, dass Murmeltiere unter ihrem Bett wären, die sie fressen wollten. Die Pflegende öffnet daraufhin die Balkontür, greift sich einen Besen und scheucht die „Murmeltiere“ auf den Balkon und schließt anschließend demonstrativ die Balkontür. Die Bewohnerin ist sichtlich erleichtert. (Lind 2011: 212)

Auf dem ersten Blick wird man annehmen, dass hier ein einfaches Ursache-Wirkung-Verhältnis dergestalt vorliegt, dass die Betroffene eine Heidenangst entwickelt, weil sie die „Murmeltiere“ unter dem Bett gesehen bzw. gespürt hat. Es kann aber auch der Umkehrschluss dergestalt gezogen werden, dass die Demenzkranke die „Murmeltiere“ sieht, weil Angst sie ergriffen hat. Belegen lässt sich diese Annahme wieder mit einer Parallele zu kleinkindlichen Verhaltensweisen. Es wird nämlich oft beobachtet, dass Kleinkinder beim Einschlafen allein im Dunkeln ebenfalls Halluzinationen (Gespenster, Monster etc.) entwickeln. Die eintretenden Mütter, denen diese Trugbilder geschildert werden, verhalten sich dann spontan wie die Pflegende im obigen Beispiel: sie öffnen das Fenster und scheuchen die Monster hinaus. Im Winter hingegen wird oft eine Schranktür geöffnet, um das Gespenst einzuschließen.

Halluzinationen mit leichtem Belastungscharakter

In Blog 10 wird aufgezeigt, dass Pflegende und Betreuende von Halluzinationen berichten, die von den Demenzkranken als Beeinträchtigung oder auch schon als leichte Belastung empfunden werden. In diesen Fällen gilt es, die Strategien des „Mitgehens und Mitmachens“ im Sinne des Beseitigens bzw. Löschens eines negativen Impulses anzuwenden. Die folgenden Beispiele zeigen die Halluzinationen mitsamt den Löschungsstrategien:

Beispiel 1: Eine im Bett liegende Demenzkranke zeigte einer ins Zimmer kommenden Hauswirtschaftsmitarbeiterin die vielen Käfer, die an dem Vorhang entlang krabbeln. Die Mitarbeiterin griff spontan ihren Staubsauger und saugte die „Käfer“ weg (Lind, 2007: 183).

Beispiel 2: Eine Bewohnerin berichtete der Pflegenden, dass kleine fliegende Nonnen über ihrem Bett flögen. Die Mitarbeiterin verscheucht diese Wesen mit Gesten und Aufforderungen, sofort zu verschwinden. Diese Handlung beruhigt die Demenzkranke (Lind 2011: 209).

Ein unmittelbares Eingreifen zwecks Beseitigung der Halluzinationsinhalte ist in diesen Fällen auch aus präventiven Aspekten angezeigt, denn es gilt zu verhindern, dass die Betroffenen sich u. a. auch aufgrund ihrer misslichen Lage, immobil im Bett verharren zu müssen, in ihrem Furchterleben weiter steigern. Es muss darauf verwiesen werden, dass bei allen Gegebenheiten eines beginnenden Unruhe- und Furchtzustandes fast automatisch mit einer weiteren Zuspitzung der Erregung gerechnet werden muss, denn die Betroffenen sind im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr zur Selbstberuhigung in der Lage (siehe Blog 2).

Realitätsverlust Fehlwahrnehmung

Ebenfalls in Blog 10 wird die demenztypische Symptomatik der Fehlwahrnehmung oder Fehldeutung angeführt. Bei Fehlwahrnehmungen mit Belastungscharakter handelt es sich um illusionäre Verkennungen eines Außenreizes, wie folgende Beispiele zeigen:

Beispiel 1: Eine Bewohnerin hielt die Kohlroulade auf dem Teller ihrer Mittagsmahlzeit für den Kopf eines toten Kindes und war entsprechend entsetzt hierüber (Lind 2011: 211).

Beispiel 2: Ein Garderobenständer im Flur wurde für eine fremde und bedrohliche Person gehalten und verunsicherte eine Bewohnerin (Lind 2011: 212).

In beiden Fällen war die sofortige Entfernung der Belastungsimpulse aus dem Gesichtsfeld gemäß der Erkenntnis „aus den Augen, aus dem Sinn“ das wirksame Entlastungsmoment. Erklärt werden können die Fehlwahrnehmungen mit der neurodegenerativ verursachten Unterscheidungsunfähigkeit (siehe Blog 1).

Mitgehen und Mitmachen

In Blog 9 werden Umgangsformen bzw. Strategien der Löschung negativer Impulse mittels Vorgehensweisen des Mitgehens und Mitmachens erläutert. Bei den Strategien des „Mitgehens und Mitmachens“ handelt es sich überwiegend um intensive Einwirkungs- und damit zugleich auch Beeinflussungsmodalitäten, die manchmal an Inszenierungen im Theater erinnern (Lind 2011: 216). Wie im obigen Beispiel gezeigt, kam ein „Demenzbesen“ zum Einsatz, der mit Vehemenz, verbaler Verstärkung und starker Gestik verwendet wurde. Man mag sich nun verwundert fragen, ob dieses Getue überhaupt notwendig gewesen wäre. Dass dieses Verhalten wohl angemessen gewesen ist, zeigt folgendes Negativbeispiel:

Eine bettlägerige Bewohnerin wies die im Raum befindliche Pflegende darauf hin, dass gefährliche Tiere unter ihrem Bett versteckt seien. Die Pflegende ging halb in die Hocke, machte eine ausholende Armbewegung und sagte dabei: „Husch, husch, weg mit euch!“ Als sie sich aufrichtete, rief die Demenzkranke aufgeregt: „Die sind ja immer noch da!“

In diesem Beispiel war der Löschungsimpuls eindeutig zu gering. Die Pflegende hat nicht das Ausmaß an Furcht und Verzweiflung der Bewohnerin richtig eingeschätzt, andernfalls wäre sie eindrucksvoller und damit überzeugender vorgegangen. Es gilt hier also die Regel: ein massives Problem erfordert einen massiven Lösungseinsatz (siehe Blog 8).

Neurophysiologische Erklärung

In Blog 48 wird auf den Sachverhalt eingegangen, warum die Löschungsimpulse und damit gleichzeitig auch das Entlastungsgeschehen bei Demenzkranken so wirksam sind. Diese Effektivität wird erklärlich, wenn man davon ausgeht, dass Bewusstsein vereinfacht dargestellt das Produkt aus Aufmerksamkeit und Kurzzeitgedächtnis bildet (Ratey 2001: 169). Bei dieser Gegebenheit wird verständlich und nachvollziehbar, dass sich bei einem fehlenden Kurzzeitgedächtnis das Bewusstsein fast ausschließlich auf die Aufmerksamkeit beschränkt. Somit fehlt das auf dem Kurzzeitgedächtnis basierende „Hintergrundbewusstsein“ als eine zusätzliche Ebene im Erfassen und Verarbeiten der Umweltreize (Roth 2007: 77). Aufmerksamkeit und Bewusstsein werden somit identisch (Lind 2007: 182f, Lind 2011: 79f). Das bedeutet konkret: der Reiz, der die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt und damit zugleich die Aufmerksamkeit fesselt, der bildet das Bewusstsein, das Erleben der Umwelt.

Literatur

  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Ratey, J. J. (2001) Das menschliche Gehirn. Eine Gebrauchsanweisung. Düsseldorf: Walter Verlag
  • Roth, G. (2007) Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Stuttgart: Klett-Cotta

Leserinnen und Leser dieses Blogs werden um eine Kommentierung gebeten (siehe unten). Liegen seitens der Leserschaft weiterführende Wissensstände zu dieser Thematik vor, wird um eine Benachrichtigung per E-Mail gebeten (Sven.Lind@web.de). Sollten zu einem späteren Zeitpunkt Publikationen über diese Themenstellung erscheinen, werden diese Personen auf Wunsch hierbei namentlich als Mitwirkende genannt werden.

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