Das Lernen der Demenzkranken

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Das Lernen der Demenzkranken ist der Inhalt des 88. Blogs. Es wird das Belastungspotential des bewussten Lernens angeführt.

Vorbemerkung

In Blog 85, Blog 86 und Blog 87 wurde u. a. auf die Bedeutung des Lernens und Übens hinsichtlich der Entwicklung eines Schutzes gegenüber neurodegenerativer Abbauprozesse eingegangen. Es konnte nachgewiesen werden, dass letztlich die genetische Disposition ausschlaggebend für das Entstehen dieser kognitiven Reservekapazität ist.

In diesem Blogelement nun soll auf den Stellenwert des Lernens und Übens bei Demenzkranken eingegangen werden. Dies ist dahingehend von großer Bedeutung, da das Lernen bei Demenzkranken teils andere Wirkungen zeigt, die oft mit Stress und Überforderung verbunden sind.

Die Neuropathologie als Orientierungsrahmen

Lernen bei Menschen und Tieren bedeutet immer auch, optimal zum Überleben mit der Umwelt im Sinne einer Vereinheitlichung bzw. Passung verbunden zu sein. Die Person-Umwelt-Passung heißt u. a. mittels der Sinnesorgane die reale Umwelt geistig zu erfassen und hierauf situationsgerecht zu reagieren. Die Wahrnehmung der Außenreize (Exterozeption) und die Wahrnehmung der Innen- oder Binnenreize (Interozeption) stehen dabei im Mittelpunkt (siehe Blog 6). Die Sinnesorgane kann man sich im Rahmen des zentralen Nervensystems als dessen Außendienstmitarbeiter vorstellen. Sie sammeln die Impulse der physischen Umwelt und leiten sie zur weiteren Verarbeitung an die zuständigen Areale des Gehirns weiter.

Das Problem bei neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz besteht nun darin, dass einerseits die Sinnesorgane (Außendienst) altersgemäß noch funktionsfähig sind, das Hirn (Innendienst) hingegen bereits abbaubedingt Minder- und Fehlleistungen generiert, die vom Erkrankten selbst nicht mehr angemessen wahrgenommen werden können. Stellt man sich das Hirn anatomisch und zugleich auch entwicklungsgeschichtlich als ein mehrgeschossiges Haus vor, dann ist im fortgeschrittenen Stadium die obere und zugleich entwicklungsgeschichtlich neuere Etage (Großhirnrinde) bezogen auf die Verarbeitung der Außenreize nicht mehr funktionsfähig im Sinne einer ausreichenden Umweltanpassung. Die mittleren und unteren Etagen hingegen (u. a. limbisches System und Kleinhirn) sind noch relativ intakt und damit funktionsfähig (Braak et al. 1991, Thal 2018, siehe Blog 76).

In der Pflege und Betreuung Demenzkranker wird diesem Prozess des Abbaus an Kompetenzen u. a. durch stadienbezogene Umgangsformen (Blog 20) und Anpassung an die noch vorhandene geistige Verarbeitungskapazität (Blog 32) Rechnung getragen. Im Folgenden werden ergänzend und erweiternd weitere Aspekte eines stadienbezogenen Umgangs dargestellt.

Unterschiede zwischen aktivierender Pflege und Demenzpflege

In der Pflege, Betreuung und auch bei kognitiven Interventionen wird teilweise noch die Einstellung vertreten, durch Aktivierungsmaßnahmen positiv auf den neurodegenerativen Abbauprozess einwirken zu können. Favorisiert werden hierbei u. a. geistige Trainingsprogramme ähnlich dem Gedächtnistraining (Buschert 2017: 8f). Es bedarf hierbei bezogen auf die Pflege des Hinweises, dass Demenzpflege sich darin deutlich von der aktivierenden Pflege unterscheidet. Aktivierende Pflege als übungsorientierte Pflege wird in der Regel gemäß dem Motto „Fördern durch Fordern“ praktiziert, die besonders im Bereich der Rehabilitation (z. B. nach Schlaganfällen) zur Anwendung gelangt. Aktivierende Pflege zielt somit auf die zunehmende Verbesserung des Leistungsvermögens, um ganz oder doch zumindest in Teilen den Zustand vor der Erkrankung wieder erreichen zu können. Es werden dementsprechend ständig Forderungen bis an die Grenze der jeweiligen Belastungsgrenze gestellt, um beeinträchtige Funktionsweisen durch ständiges Üben zu reaktivieren (Lind 2007: 89f, Lind 2011: 225).

Allgemein kann zur aktivierenden Pflege und zu anderen aktivierenden geistigen Anregungsprogrammen ausgeführt werden, dass es bei diesen Vorgehensweisen um eine Verbesserung oder zumindest doch eine Stabilisierung des körperlichen und geistigen Zustandes gemäß der Einstellung „wer rastet, der rostet!“ geht. Doch im Umgang mit Demenzkranken ist die Position „Fördern durch Fordern“ nicht nur unwirksam, sondern in der Regel oft geradezu belastend oder kontraproduktiv. Erfahrungen aus der Praxis und des Weiteren auch Studien belegen das Faktum, dass bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium anstelle des Mottos „Fördern durch Fordern“ die Regel „Fordern heißt Überfordern“ gilt. Dieser Tatbestand wird anhand der folgenden Studie belegt.

Das Üben von Sprichwörtern

In Blog 16 und vielen weiteren Blogs ist darauf verwiesen worden, welche Bedeutung und Wirkung der Einsatz von vertrauten Redewendungen und Sprüchen für die Kommunikation mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium besitzt. Durch diese verbale Ritualisierung werden Kontakte aufgenommen und ebenso beendet. Diese Redewendungen vereinfachen das Miteinander und schaffen Sicherheit und Vertrautheit für die Betroffenen, da sie Bestandteil ihrer Lebensgeschichte sind. Vertraute Redewendungen und manchmal auch Slangausdrücke erleichtern somit in vielen Fällen gemäß dem Schlüsselreiz-Prinzip den Zugang zu den Demenzkranken (Lind 2007: 128f).

In vielen Einrichtungen der Altenhilfe wird u. a. das Angebot „Sprichworte raten und ergänzen“ im Rahmen von kognitiven Aktivierungsmaßnahmen besonders auch für Demenzkranke eingesetzt. Diese Intervention wurde in Finnland in einer Tagespflegeeinrichtung hinsichtlich ihrer Auswirkung auf die Demenzkranken eingehend untersucht, wobei die Maßnahme in Gestalt eines Übungsprogramms durchgeführt wurde. Die Ergebnisse zeigten ein offensichtliches Stressverhalten der Untersuchungsteilnehmer, die sich bei den Übungen überfordert fühlten. Das ursprünglich Spielerische und Vertraute eines lustigen Wortspiels war bei diesem Abfrageprogramm einer nüchternen Lern- und Prüfungssituation gewichen, bei der sich die Demenzkranken unter Druck und damit unwohl fühlten (Lindholm et al. 2011).

Empfehlungen für das Übungs- und Lernspektrum bei Demenzkranken

Lernen lässt sich grob in bewusstes oder explizites Lernen und in unbewusstes oder implizites Lernen (Gewohnheitslernen) unterscheiden. Für das bewusste Lernen werden vorrangig bestimmte Areale der Großhirnrinde genutzt, gilt es doch sensorische Impulse langfristig zur Optimierung der Umweltanpassung zu speichern (Jäncke 2013, Markowitsch et al. 2006). Wenn nun im fortgeschrittenen Stadium der Demenzerkrankung diese Hirnbereiche neurodegenerativ abgebaut und damit zugleich in ihrer Funktion abgeschaltet werden, dann ist ein Lernen im herkömmlichen Sinne wie z. B. in der Schule nicht mehr möglich. Es fehlt einfach das physiologische Substrat für diese geistigen Leistungen. Und durch ständiges Üben lassen sich diese geistigen Fähigkeiten oder Kompetenzen auch nicht wieder herstellen.

Wenn nun Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium diesen fordernden Lerngegebenheiten ausgesetzt werden, dann spüren sie in der Regel den Mangel, einem Leistungsanspruch nicht mehr gerecht werden zu können. Und dieses Defiziterleben verunsichert die Betroffenen. Empfindungen der Überforderung und der eigenen Unzulänglichkeit sind dann die Folgen, die sich u. a. in einem starken Stresserleben zeigen.

Gemäß der Regel, dass bei Demenzkranken Fordern Überfordern zur Folge hat, sollte daher auf Aktivierungsmaßnahmen mit bewussten Lerninhalten verzichtet werden.

Literatur

  • Braak, H. et al. (1991) Neuropathological staging of Alzheimer-related changes. Acta Neuropathologica, 82: 239-259
  • Buschert, V. (2017) StaKogT – Stadienspezifisches kognitives Training bei leichter kognitiver Störung. Berlin: Springer Verlag
  • Jäncke, L. (2013) Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften. Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lindholm, C. et al. (2011) Proverbs and formulaic sequences in the language of elderly people with dementia. Dementia 10(4) 603-623
  • Markowitsch, H. J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage)
  • Thal, D.R. (2018) Neuropathologie und molekulare Mechanismen. In: Jessen, F. (Hrsg.) Handbuch Alzheimer-Krankheit. Berlin: Walter de Gruyter (35-51)

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