Das Lernen der Demenzkranken (Teil 2)

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Das Lernen der Demenzkranken (Teil 2) ist der Inhalt des 89. Blogs. Es wird das Gewohnheitslernen im Rahmen der Verallgemeinerungsunfähigkeit angeführt.

Vorbemerkung

In Blog 88 wurde angeführt, dass aufgrund des neurodegenerativen Abbaus die geistige Aneignung der unmittelbaren Umwelt beeinträchtigt ist. Ein Buch zu lesen, einen Gedankenaustausch zu pflegen oder ein neues Kochrezept auszuprobieren, all das ist im fortgeschrittenen Stadium der Demenz nicht mehr möglich. Der Drang, sich neues Wissen anzueignen oder das Bestreben, neue Erfahrungen zu sammeln verblassen zusehend. Die Welt der Demenzkranken verändert sich, sie erhält neue Schwerpunkte und Strukturen. Neues ist nicht mehr gefragt, denn Neues verunsichert, kann man es doch nicht mehr erkennen und damit einordnen. Vertrautes muss her, Gewohntes und Bekanntes, das schafft Sicherheit und Geborgenheit und bildet zugleich eine Schutzschicht gegenüber der zunehmend zerbröselnden Umwelt. Wie dies im Alltag der Demenzpflege tagtäglich praktiziert wird, zeigen die folgenden Ausführungen über das Gewohnheitslernen.

Implizites Lernen oder Gewohnheitslernen

Bedingt durch den neurodegenerativen Abbauprozess verändert sich die Erfassung und Verarbeitung der Reizgefüge der äußeren Umwelt im schweren Stadium dergestalt, dass das bewusste oder explizite Lernen zunehmend durch das unbewusste oder implizite Lernen (Gewohnheits- oder Gewöhnungslernen) ersetzt wird. Das implizite Lernen oder Gewohnheitslernen bedeutet, die Außenreize der Umwelt nach und nach zu verinnerlichen, ohne dass hierzu die geistigen Leistungen der Aufmerksamkeit und Konzentration erforderlich sind. Es geschieht somit unbewusst. Die für das Gewohnheitslernen erforderlichen Hirnareale (u. a. Kleinhirn, Stratium und Amygdala) sind im fortgeschrittenen Stadium noch voll funktionsfähig (Kandel 2009: 148). Dieser Lernprozess vollzieht sich somit mittels ständiger Wiederholungen und ist damit zugleich die einfachste Form des Lernens. Dieses Lernen ist auch bereits bei neuronal einfachen Lebewesen (z. B. Meeresschnecken) und auch bei Kleinstkindern beobachtet worden (Jäncke 2013: 481, Kandel 2009, Markowitsch et al. 2006: 223, Siegler et al. 2016).

Gewohnheitslernen und Konditionierung

Gewohnheitslernen ist ein Oberbegriff für viele Formen des unbewussten Lernens. Unterschieden werden kann z. B. die Herbeiführung von gezielten und geplanten Lernprozessen wie die klassische Konditionierung (z. B. das Experiment von Pawlow) und im Gegensatz dazu die Erzielung von nichtgeplanten Lernprozessen. Wichtig für die Pflege und Betreuung Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium ist der Sachverhalt, dass implizite Lernleistungen mittels bestimmter Reizdarbietungen zu positiven Beeinflussungsformen führen können.

Beispiel für eine nichtgeplante Konditionierung

In Blog 13 wird anhand eines Beispiels gezeigt, wie eine nichtgeplante Konditionierung im Rahmen der Pflege entsteht: Einer Demenzkranken, die ständig eine Puppe bei sich trug und sich vehement mit Gewalt dem Toilettengang widersetzte, wurde stets eine zweite Puppe in die Hand gedrückt, damit sie nicht mehr schlagen konnte. Mit der Zeit verinnerlichte die Betroffene diesen Zusammenhang und wusste, dass mit der zweiten Puppe der bevorstehende Toilettengang bevorstand (Camp 2015: 87).

Beispiel für eine geplante Konditionierungsmaßnahme

Ebenfalls in Blog 13 sind Beispiele für geplante Konditionierungsmaßnahmen angeführt: Damit Demenzkranke sich auf die Mittagsmahlzeit einstellen können, wurde immer fünf Minuten vor Beginn der Mahlzeit ein bestimmtes Lied gespielt. In anderen Einrichtungen wurde bei den Mahlzeiten Musik dargeboten, die so gleichzeitig den Beginn und das Ende der Mahlzeit signalisierte (Camp 2015: 98, Ragneskog et al. 1997).

Konditionierung in der Pflege und Betreuung Demenzkranker

Die weiter oben angeführten Beispiele zeigen das Potential des impliziten Lernens bzw. des Gewohnheitslernen für die Gestaltung des Alltagslebens der Demenzkranken. Somit sind Strategien des impliziten Lernens bzw. des Gewohnheitslernens Kernelemente der positiven Beeinflussung der Demenzkranken. Mittels dieser Vorgehensweisen gelingt es, Demenzkranke in ihre soziale und räumliche Umwelt im Sinne einer Person-Umwelt-Passung einzugliedern. Im Folgenden werden Beispiele für das Gewohnheitslernen bzw. die Konditionierung angeführt, die bereits in verschiedenen Blogelementen dargestellt wurden.

Gewohnheitslernen im Rahmen der Verallgemeinerungsunfähigkeit

In Blog 3 ist anhand von zwei Beispielen die Wahrnehmungsstörung Verallgemeinerungsunfähigkeit und die damit verbundenen Reaktionen beschrieben worden:

Beispiel 1: Eine Demenzkranke im Heim sucht ihr Zimmer auf. Als sie bemerkt, dass auf ihrem Bett anstelle der roten Tagesdecke eine blaue liegt, stutzt sie und verlässt leicht verwirrt das Zimmer und macht sich auf die Suche nach ihrem Zimmer (Lind 2011: 95).

Beispiel 2: Eine der Demenzkranken vertraute Pflegende tritt erstmals mit Brille an die Bewohnerin heran, um mit der Pflege zu beginnen. Sie wird jedoch von der Demenzkranken nicht erkannt, die verunsichert zurückweicht (Lind 2011: 96).

Die Wahrnehmungsstörung Verallgemeinerungsunfähigkeit erfordert von der Demenzpflege und von der Milieugestaltung zwei Strategien, um Belastung und Überforderung bei den Betroffenen zu vermeiden. Erstens müssen die Reize der Umwelt konstant oder unverändert sein. Im obigen ersten Beispiel gewöhnt sich die Bewohnerin in der Regel nach einigen Wochen an ihr Zimmer mitsamt der roten Tagesdecke. Im obigen zweiten Beispiel gewöhnt sich die Betroffene nach ca. 14 Tagen an die Pflegende, die sie regelmäßig versorgt. Die erste Strategie besteht somit aus der Regelmäßigkeit oder Stetigkeit, so dass die Demenzkranke die Reizgefüge Bewohnerzimmer und Pflegende verinnerlichen kann. Die zweite und damit ergänzende Strategie besteht aus der strikten Aufrechterhaltung dieser Reizgefüge, denn bereits kleinste Veränderungen führen zu dem Sachverhalt, das Zimmer bzw. die pflegende Person nicht mehr als etwas Vertrautes erkennen zu können.

Es kann somit das Fazit gezogen werden, dass eine bestimmte geistige Fehl- und Minderleistung wie die Verallgemeinerungsunfähigkeit die Anpassungs- und Kompensationsstrategie Stetigkeit und damit Unveränderbarkeit der verinnerlichten Reizgefüge erforderlich macht, um Verzerrungen und Überforderungen in der Erfassung der Umwelt zu vermeiden (siehe auch Blog 26 und Blog 47).

Literatur

  • Camp, C. J. (2015) Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Bern: Hogrefe Verlag
  • Jäncke, L. (2013) Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften. Bern: Verlag Hans Huber
  • Kandel, E. (2009) Auf der Suche nach dem Gedächtnis, München: Wilhelm Goldmann Verlag
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Markowitsch, H. J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage)
  • Ragneskog, H. et al. (1997) Music and other strategies to improve the care of agitated patients with dementia. Interviews with experienced staff. Scandinavian Journal of Caring Science, 11(3):176-82
  • Siegler, R. et al. (2016) Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer

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