Vorarbeiten für die Entwicklung einer Theorie der Demenzpflege (Teil 2)

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Vorarbeiten für die Entwicklung einer Theorie der Demenzpflege (Teil 2) sind der Inhalt des 120. Blogs. Es werden die Begriffe Doppelstrategie und Ein-Reiz-Prinzip als Ableitungen von neurowissenschaftlichen Wissensständen erläutert.

Nachtrag

In Blog 119 wird der Begriff Doppelstrategie bei der Körperpflege Demenzkranker im schweren Stadium als eine Verallgemeinerung konkreter Pflegehandlungsweisen beschrieben. Dem wird hier nun auch nicht widersprochen. Auf der Grundlage, dass bei den Doppelstrategien angeborene Verhaltensdispositionen (Ablenken und Beruhigen) die Erklärung für diese spontanen und damit intuitiven Handlungsweisen darstellen, wäre es aus Gründen der Veranschaulichung jedoch korrekter gewesen, vorab die angeführten konkreten Strategien bereits als Verallgemeinerung anzuführen. So ist z. B. die angeführte Ablenkungsstrategie In die Vergangenheit zurückführen mit dem Beispiel der ehemaligen Hutmacherin eine Verallgemeinerung. Nach Aussagen von Pflegenden in der praktischen Demenzpflege ist diese Vorgehensweise eine recht gebräuchliche Ablenkungsstrategie. Ablenken und Beruhigen mittels Aktivierung bedeutsamer Elemente aus der Lebensgeschichte (episodische Langzeitgedächtnisinhalte der Altbiografie – siehe Blog 91 und Blog 109) wird also oft und vielleicht sogar tagtäglich bei der unmittelbaren Körperpflege praktiziert, doch wurde dieser Umgangsstrategie nach dem Kenntnisstand des Bloggers bisher noch nicht ein Begriff im Sinne einer Verallgemeinerung zugeordnet.

Bei dem Begriff Doppelstrategie im Rahmen der Demenzpflege handelt es sich um eine Kategorie und damit Verallgemeinerung höherer Ordnung. Konkret bedeutet dies im Rahmen einer Theoriebildung, dass der Begriff Doppelstrategie auf der Grundlage von Verallgemeinerungen basiert, während hingegen die Kategorie In die Vergangenheit zurückführen eine Zusammenfassung von konkreten Verhaltensweisen bildet.

Neurowissenschaftliche Ableitung des Begriffs Doppelstrategie

Wie bereits im Blog 14 festgestellt wird, kann bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium und bei Kleinkindern davon ausgegangen werden, dass Aufmerksamkeit und Bewusstsein aufgrund der pathologisch veränderten bzw. unausgereiften Neurophysiologie quasi identisch sind (Lind 2011: 79f). Die Aufmerksamkeit wiederum wird in den Neurowissenschaften untergliedert in Daueraufmerksamkeit, selektive Aufmerksamkeit und geteilte Aufmerksamkeit (Markowitsch et al. 2005: 64). Diese kognitiven Fähigkeiten sind bei Demenzkranken bereits in frühen Stadien aufgrund des Abbauprozesses im Bereich des Hippocampus stark beeinträchtigt (Namazi et al. 1992, Perry et al. 1999, Johannsen et al. 1999).

Der entscheidende Faktor hinsichtlich der Wirksamkeit der Doppelstrategien besteht aus dem Unvermögen Demenzkranker, mehrere Impulse oder Reize gleichzeitig im Kurzzeitgedächtnis und damit zugleich auch im Bewusstsein halten zu können. Sie sind somit nicht mehr zur geteilten Aufmerksamkeit fähig. Konkret bedeutet dies im Umgang mit Demenzkranken, dass gezielt und sehr einprägsam und deutlich ein bestimmtes Reizgefüge, wie in den Beispielen gezeigt, mit dem Ziel offeriert wird, hierdurch von den belastenden Gegebenheiten der Pflegehandlungen abzulenken. Bei den Doppelstrategien in der Demenzpflege handelt es sich somit um sehr wirksame Lenkungs- und Beeinflussungsstrategien zur Bewältigung des Alltags und zugleich auch zur Steigerung des Wohlbefindens aller Beteiligten.

Der Begriff Doppelstrategie kann im Rahmen einer Theoriebildung im Rahmen der Demenzpflege als ein Unterbegriff des Oberbegriffs Ablenkungsstrategie in der unmittelbaren Körperpflege klassifiziert werden.

Ableitung im Rahmen der Reizregulation in der Pflege

In der Pflege und Betreuung Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium ist das Belastungs- und Erfassungsvermögen die unabhängige Variable dergestalt, dass alles Handeln mit den Betroffenen von der jeweiligen Verarbeitungskapazität abhängt. Ein entscheidender Faktor hierbei ist, wie bereits in Blog 14 erläutert, das Arbeits- bzw. das Kurzzeitgedächtnis, das letztlich das Ausmaß an zu bewältigenden Außenreizen bestimmt. Im Folgenden wird anhand eines Negativbeispiels das Konzept Ein-Reiz-Prinzip als eine Grundregel im Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium hinsichtlich der erforderlichen Reizregulation erläutert.

Ein-Reiz-Prinzip

Wie bereits in Blog 14 und Blog 15 angeführt, bestimmt der Abbaugrad des Hippocampus das Aufmerksamkeitsspektrum dahingehend, dass im fortgeschrittenen Stadium die geteilte Aufmerksamkeit aufgrund der hirnpathologischen Gegebenheiten nicht mehr geleistet werden kann. Das folgende Negativbeispiel zeigt die Folgen einer Über- und damit Fehlstimulierung in diesem Bereich:

Ein Betreuer macht mit einer Demenzkranken einen Spaziergang im Garten des Heimes. An einem Baum vorbeikommend stellt er auf den Baum weisend plötzlich die Frage: „Frau Meyer, was kann das wohl sein, eine Buche oder eine Linde?“ Die Angesprochene bleibt vor Schreck sprachlos stehen und wirkt deutlich verunsichert und überfordert (persönliche Mitteilung).

Was ist geschehen und vor allem, was wurde hier falsch gemacht? Der Betreuer hat die Belastungsobergrenze bei dieser eher beiläufigen Frage während des Spazierganges nicht berücksichtigt. Wenn Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium gehen, dann wird ihre gesamte Aufmerksamkeit auf diese Aktivität konzentriert (Gutzmann et al. 2005: 61). Diese Reizkonstellation “selbständiges Gehen“ können sie noch bewältigen. Werden sie noch mit einem weiteren Reizgefüge, hier eine geistige Anforderung in Gestalt der Identifizierung eines Baumes, konfrontiert, dann ist ihre Leistungsgrenze in der Verarbeitung der verarbeitenden Reizgefüge weit überschritten und sie reagieren mit Unruhe und Furcht. In diesem Beispiel ist die Betroffene mit zwei massiven Reizgefügen, Gehen und geistige Erfassung eines Gegenstandes, überfordert. Sie vermag nicht, zwei Reizgefüge gleichzeitig zu verarbeiten, denn sie besitzt nicht mehr die neurophysiologischen Ressourcen für die hierfür erforderliche geteilte Aufmerksamkeit. Konkret für die Praxis bedeutet dies bei der Reizdarbietung, sich auf ein Reizgefüge zu beschränken, in diesem Fall das Gehen. Jeder weitere bedeutsame Reiz ist ein Reiz zuviel und damit zugleich ein eklatanter Pflege- und Betreuungsfehler.

Literatur

  • Gutzmann, H. et al. (2005) Demenzielle Erkrankungen. Medizinische und psychosoziale Interventionen. Stuttgart: Kohlhammer Verlag
  • Johannsen, P. et al. (1999) Cortical responses to sustained and divided attention in Alzheimer’s disease. NeuroImage 10: 269-281
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Markowitsch, H.J. et al. (2006) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta (2. Auflage)
  • Namazi, K. et al. (1992) How familiar task enhance concentration in Alzheimer’s disease patients. The American Journal of Alzheimer’s Disease and Related Disorders & Research, 7 (1): 35–40
  • Perry, R.J. et al. (1999) Attention and executive deficits in Alzheimer’s disease. A critic review. Brain, 122: 383-404

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