Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 17)

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Positive Aspekte in der Lebenswelt Demenzkranker (Teil 17) sind der Inhalt des 114. Blogs. Es werden weitere stadienbezogene Anpassungsstrategien angeführt.

Nachtrag Blog 113

In Blog 113 sind verschiedene Beispiele des stadienbezogenen Anpassungsverhaltens angeführt worden. Stadienbezogenheit bezieht sich dabei auf das schwere Stadium (Stadium 6) der Alzheimerdemenz gemäß dem Ansatz der Retrogenese (Reisberg et al. 1999, siehe auch Blog 75). In diesem Stadium des neurodegenerativen Abbauprozesses befinden sich die Erkrankten auf dem geistigen Niveau eines Kleinkindes hinsichtlich der Welterfassung und damit auch des Welterlebens.

In diesem schweren Stadium bestimmen Gefühle und Empfindungen das Handeln. Das Wollen und das Wünschen stehen wie bei Kleinkindern im Mittelpunkt. Die Emotionsareale im limbischen System (u. a. Amygdala) sind noch voll funktionsfähig, nur die geistige Erfassung der inneren und äußeren Reizgefüge hat sich krankhaft zurückentwickelt, so dass sich die Betroffenen überwiegend egozentrisch und damit kleinkindähnlich verhalten. Stadienbezogenheit drückt damit u. a. auch den Sachverhalt einer Realitätsverkindlichung aus (siehe Blog 72).

Stadienbezogene Anpassungsstrategien

In Blog 113 sind überwiegend Umgangsformen aus dem Bereich des kleinkindähnlichen Umgangsstils angeführt worden, die tagtäglich in den Heimen und auch im häuslichen Bereich praktiziert werden. Stadienbezogenheit in der Demenzpflege und Demenzbetreuung ist jedoch eine weiterführende Begrifflichkeit, sie umfasst neben dem kleinkindähnlichen Umgang auch den Bezug zur Lebensgeschichte, vor allem der Altbiografie (siehe Blog 91, Blog 96 und Blog 109). Man kann den Sachverhalt auch mit einem Bezug zur Mengenlehre verdeutlichen: Demnach sind Umgangsformen der Realitätsverkindlichung und ebenso Umgangsformen der Altbiografie Teilmengen der Stadienbezogenheit.

Um bei der Mengenlehre zu bleiben, kann hier auch noch der Hinweis gegeben werden, dass die Stadienbezogenheit wiederum eine Teilmenge des Kompatibilitätsprinzips ist. Bei der Kompatibilität in der Demenzpflege und Demenzbetreuung steht die Person-Umwelt-Passung bei den Demenzkranken im Zentrum. Es gilt, die Erkrankten mit den Gegebenheiten ihrer Innen- und Außenwelt in Gestalt der entsprechenden Reizgefüge in Einklang zu bringen. Es geht somit um das Angleichen und Anpassen der Reizgefüge an das Bewältigungsvermögen der Demenzkranken. Der Begriff für diese Handlungsmuster heißt Kompensation. Kompensationsstrategien sind demnach Handlungsfolgen zur Herstellung der Kompatibilität oder der Person-Umwelt-Passung. Das zentrale Ziel dieser Interventionen und Beeinflussungsformen bei der Pflege und Betreuung besteht vor allem aus der Herstellung des Empfindens der Vertrautheit bei den Betroffenen. Vertraut mit den Personen (u. a. Mitbewohner und Mitarbeiter), mit dem Tagesablauf, den Pflege- und Betreuungsangeboten und mit dem räumlichen Milieu. All das schafft Sicherheit und Geborgenheit. Fehlen diese Empfindungen, dann besteht die Gefahr der Überforderung und des Stresses, die sich meist in Unruhe und Furcht, aber auch in Apathie und Schockstarre („excess disabilities“, Brody et al. 1971) zeigt.

Anpassungsstrategien auf der Grundlage der Altbiografie

In Blog 16 wird ausgeführt, dass Elemente des episodischen und auch des episodisch-prozeduralen Langzeitgedächtnisses als Auslöser für bestimmte Handlungen dienen. Und auch für das angemessene Wahrnehmen und Erkennen bestimmter Interaktionsmuster. Diese Schlüsselreize werden gezielt eingesetzt, um den Umgang und damit auch das Zusammenwirken von Mitarbeitern und Demenzkranken zu ermöglichen. In Blog 31 wird aufgezeigt, dass Anpassen und Angleichen auch durch den Rückgriff auf Gewohnheiten und damit zugleich Prägungen aus dem Lebensabschnitt vor Ausbruch der Erkrankung (Altbiografie) als Auslöser hinsichtlich der geistigen Erfassung dienen. Im Folgenden werden Fallbeispiele hierzu aus diesen Blogelementen mit den Inhalten „vertraute Sprüche und Lieder“ und „Jargon“ angeführt.

Vertraute Sprüche und Lieder

Beispiel 1: Eine Bewohnerin hatte einen Lieblingsspruch: „Das ist ja wunderbar, die Kuh mit dem Pferdehaar.“ Wenn die Pflegende dies sagte, lachte die Angesprochene und war sofort mit der Pflegenden und der Situation vertraut, so dass es keine Schwierigkeiten bei der Pflege gab (Lind 2007: 145).

Beispiel 2: Wenn eine Bewohnerin ihren Lieblingsspruch „Man sitzt hier wie Butter an der Sonne“ vernahm, war sie direkt zugänglich (Lind 2011: 129).

Beispiel 3: Bei einer morgens zum Aufstehen nicht bereiten Bewohnerin wirkte das aus ihrer Kindheit vertraute Lied „Meine Lieben, es ist halb sieben, aufstehen“. Nach einiger Zeit entwickelte sich folgende Interaktion gemäß dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: Wenn die Pflegende ins Zimmer trat und mit dem Lied anfing „Meine Lieben ..“, begannen die Bewohnerinnen ihrerseits in den Gesang einzustimmen (Lind 2006).

Jargon

Beispiel 1: Eine Demenzkranke, die früher in einer „verruchten Kneipe“ tätig war, verweigerte meist recht aggressiv sowohl die Grund- als auch die Behandlungspflege (Verbandswechsel). Als die Pflegende jedoch auch in den rauen zotigen Jargon der Betroffenen wechselte und dazu noch schlüpfrige Witze erzählte, hellte sich das Gesicht der Angesprochenen auf und sie fing an zu lachen. Sie berichtete dann von ihrer Arbeit und wehrte sich nicht mehr gegen die Pflege (Lind 2011: 129).

Beispiel 2: Ein ehemaliger Stahlarbeiter reagierte im Heim nie auf die Anrede „Herr Schmidt“. Er fühlte sich einfach nicht angesprochen. Und ließ sich daraufhin auch nicht zur Mitarbeit bei der Pflege anregen. Erst als der Bewohner durch Hinweise der Angehörigen recht rau und im knappen Befehlston eines Vorarbeiters angesprochen wurde, war ihm bewusst, dass er gemeint war. Aus „Herrn Schmidt“ wurde der „Jupp“, der von den Pflegenden geduzt wurde, denn das „Sie“ war ihm derart fremd, dass er es nie auf sich bezogen hat (Lind 2011: 129).

Beispiel 3: Bei einer pflegeunwilligen Demenzkranken, die die Mitarbeiter mit Worten wie „Verpiss dich“ oder „Hau ab du Arschloch“ vertrieb, zog eine Pflegende ein altes, verschlissenes Kleid an, brachte ihre Haare durcheinander und sprach dann in dieser Verkleidung mit der Betroffenen in einem vulgären Dialekt (Cockney). So bezeichnete sie z. B. ihre Kolleginnen als „dumme dreckige Schweine und schlug vor, die anderen alle wegzuschicken und sich gemeinsam um das Problem zu kümmern.“ Die Demenzkranke ließ sich daraufhin pflegen (Tanner 2018: 151).

Beispiel 4: Ein ehemaliger Soldat folgte nur den Aufforderungen der Pflegenden, wenn diese sich auf einen Schemel stellte und im harschen Befehlston die Anweisungen erteilte (persönliche Mitteilung). – Bei einem ehemaligen Fabrikarbeiter bedurfte es der Trillerpfeile, damit er wie von früher her gewohnt mit der Mahlzeit begann (Bowlby Sifton 2007).

Literatur

  • Bowlby Sifton, C. (2007) Das Demenz-Buch. Ein „Wegbegleiter“ für Angehörige, Pflegende und Aktivierungstherapeuten. Bern: Verlag Hans Huber
  • Brody, E. et al. (1971) Excess disabilities of mentally impaired aged: Impact of individualized treatment. Gerontologist, 25: 124-133
  • Lind, S. (2006) Die biografische Orientierung in der Pflege bei Demenz: Den Zugang zum Menschen öffnen. Pflegezeitschrift, 59 (8): 474–477
  • Lind, S. (2007) Demenzkranke Menschen pflegen, Bern: Verlag Hans Huber
  • Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber
  • Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7-23
  • Tanner, L. J. (2018) Berührungen und Beziehungen bei Menschen mit Demenz. Bern: Hogrefe

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